# taz.de -- Protest zum Jahrestag der Befreiung: Buchenwald als Bühne
> Ob Kufijas im KZ oder der Streit um eine Rede Wolfram Weimers: Die
> Zukunft des Gedenkens ist ein beängstigendes Thema. Ist da für Juden noch
> Platz?
(IMG) Bild: Kulisse eines Kulturkampfes: das Tor zum KZ Buchenwald
Je weniger Menschen, die von den [1][Nazis in Buchenwald] inhaftiert und
gequält wurden, noch leben, desto heftiger wird um die Deutungsmacht
gestritten. Eine sich öffnende geschichtspolitische Leerstelle will gefüllt
werden. Und sei es mit Geschmacklosigkeit.
Es gibt etwa eine Initiative, die sich „Kufiyas in Buchenwald“ nennt. Sie
will das am 11. April anstehende Gedenken an die Selbstbefreiung der
KZ-Häftlinge nutzen, um über „Völkermord in Gaza in der Gedenkstätte
Buchenwald“ zu sprechen. Der Staat Israel gilt ihr bloß als
„Apartheidstaat“. Eine Sprecherin verwendet in einem Interview mit der
Jungen Welt sogar die Formulierung „genozidaler Staat Israel“.
[2][Das Buchenwald-Gedenken] ist ein bemerkenswerter Anlass, den Staat, der
1948 als Zufluchtsort für bedrohte Juden und Jüdinnen in aller Welt
gegründet wurde, verächtlich zu machen. Es ist unbestreitbar eine
Provokation – von Leuten, die vermuten, ihre Zeit komme. Damit gibt die
Initiative eine Vorahnung davon, mit welcher Härte künftige Kämpfe um die
Hegemonie über das Gedenken an Buchenwald, Auschwitz und die anderen Orte
der Schoa geführt werden.
Die Sprecherin der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora, Katinka
Poensgen, die sich selbst als einen „mit Palästina solidarischen Menschen“
bezeichnet, lehnt „Kufiyas in Buchenwald“ ab, denn es gehe „vor allem
darum, die wenigen noch überlebenden Häftlinge zu schützen“.
## Todesmarsch nach Buchenwald
Poensgen nennt ein Beispiel: „Naftali Fürst war als 12-Jähriger auf dem
Todesmarsch von Auschwitz nach Buchenwald und ist dort im Januar 1945
angekommen. Heute lebt er in Israel, hat 60 Jahre lang seinen Schwur
befolgt, nie wieder Deutsch zu sprechen und nie mehr hierherzukommen. Seit
20 Jahren aber kommt er zu den Feierlichkeiten zur (Selbst-)Befreiung und
geht in Schulklassen. Seine Enkelin war mit ihrem zweijährigen Sohn in
einem der Kibbuzim, die am 7. Oktober überfallen wurden. Sie hat überlebt,
weil sie sich verstecken konnte. Ihre Schwiegereltern nicht.“
Dass die Lehre aus Buchenwald nicht die sein darf, heutigen Judenmord zu
relativieren oder – wie es sogar teilweise von Menschen geschieht, die als
politisches Bekenntnis eine Kufija tragen – zu feiern, dürfte – sagen wir
lieber: sollte – selbstverständlich sein.
Die Lagerarbeitsgemeinschaft wurde im April 1945, unmittelbar nach der
Selbstbefreiung des KZ Buchenwald, von politischen Häftlingen gegründet.
Sie und ein anderer Opferverband fordern auch, dass Kulturstaatsminister
Wolfram Weimer der Feier fernbleiben soll.
„Tatsächlich haben wir Sie und Ihre inhaltlichen Positionen in den
vergangenen Jahren nicht so wahrgenommen, dass Sie sich mit dem Vermächtnis
der Überlebenden von Buchenwald und anderer Lager positiv beschäftigt
hätten“, heißt es in einem offenen Brief, der daran erinnert, dass Weimer
in seinen Büchern eine zivilisatorische Bedeutung Europas und des
Christentums propagiert – und Juden folglich ausschließt.
## Fragwürdiges Lob
Weimer lobte etwa den Satz Heinrich Heines, der christliche Taufzettel sei
das „Entréebillet zur europäischen Kultur“. (Dass der Satz sarkastisch
gemeint war, hat Weimer nicht begriffen – nur nebenbei gesagt.)
Ob eine Palästina-Initiative am 11. April [3][das Buchenwald-Gedenken
stören] wird, wissen wir noch nicht. Dass Wolfram Weimer in seiner Rede
dort Juden so exkludieren wird, wie er es früher als frei fabulierender
Publizist tat, können wir hingegen ausschließen. Ein Kulturstaatsminister
tut so etwas nicht.
Und doch haben beide auf ihre Weise das große und beängstigende Thema
künftigen Gedenkens vorgegeben: Ist für Juden da noch Platz? Ist für sie
überhaupt noch irgendwo Platz?
24 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Martin Krauss
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