# taz.de -- Galerieausstellung über Punk-Kunst: Antipampe im White Cube
       
       > Im Berliner Kunstraum Nizza zeigt eine Gruppenausstellung zeitgenössische
       > Positionen des Punks in der bildenden Kunst.
       
 (IMG) Bild: Foto von Tim Bruening, Video von Mieke Ulfig & Hank Schmidt in der Beek, Leuchte von Aleen Solari und Malerei von Hannes Berwing
       
       Im gleißend-weißen Neonlicht sitzt das gefleckte Schwein auf einem Sockel
       und grinst. Ein anarchistisches Muttertier, eine Metapher für das
       kapitalistische Schweinsystem? „Nee, steht ja drüber“, erwidert Galerist
       Kai Erdmann. „Bierkasse + Bandsoli in die Sau“, das A in Sau ist
       umkringelt. Ah, also einfach das kleinbürgerliche Sparschwein von „Boy
       Division“. Die Hamburger Punk-Band, deren Repertoire ausschließlich auf
       Coversongs beruht – ein bisschen Nouvelle Vague für Dosenbiertrinker –,
       hatte zur Eröffnung gespielt.
       
       „Dabei hat dann auch ein Hund in die Galerie gekackt, das hat gut gepasst,
       leider haben wir es erst bemerkt, als es sich schon breitgetreten hatte“,
       berichtet Jakob Schäfer, eigentlich Direktor des Eigen+Art Lab in Mitte.
       Gemeinsam mit Erdmann hat er die Schau „Vernissage (Exhibition on Punk)“ in
       Erdmanns Berliner Kooperationsraum Nizza kuratiert.
       
       Der Widerspruch des Unterfangens, vollgerotzte Antipampe in den White Cube
       zu zwängen – und zu verkaufen –, scheint den beiden bewusst, zumindest
       lässt der Ausstellungstitel darauf schließen, heißt es schließlich im
       gleichnamigen Song [1][der Hoyerswerdaschen Band Pisse]: „Wie sie alle
       nuckeln/ An ihren Sektflöten/ Du stehst in ihrer Mitte/ Und willst sie alle
       töten/ Labert die dich voll/ Doch ihre Zunge riecht nach Arsch/ Von dem
       edlen Prinz/ Der das Ganze hier bezahlt/Vernissage/ Oh Vernissage“.
       
       Schon über dem Türrahmen im Treppenhaus der Galerie thront ein großes „Fuck
       you“. Die Künstlerin Kerstin Podbiel hat es mit Tusche aufs Papier gesetzt,
       der Font so stark konstruiert, er lässt unweigerlich an Ed Ruscha denken –
       ein Satz, für den man das „Fick dich“ wahrscheinlich volle Kanne verdient
       hat. 17 Positionen haben Erdmann und Schäfer zusammengetragen, bis auf eine
       geliehene Arbeit der 2020 verstorbenen britischen Legende Genesis P-Orridge
       sind alle Werke zeitgenössisch, auch wenn viele von ihnen in der
       klassischen Anmutung des Genres fast anachronistische [2][Sehnsucht nach
       Vergangenheit] versprühen.
       
       ## Art Brut trifft Akademie
       
       Da sind Installationen aus Hinterlassenem, wie eine großartige Leuchte aus
       Getränkekartons, von Aleen Solari, charmant kopierte Bandplakate von Andrew
       Gilbert und begehrenswert schmantige Gemälde von [3][Hannes Berwig, dem
       Sänger der Berliner Band Die Verlierer,] die leise in Richtung Jean
       Dubuffets grüßen.
       
       Überhaupt ist Art Brut hier allgegenwärtig. Und auch in der ordentlichen
       Kunst frisch von der Universität der UdK-Zipp-Studentin Mascha Naumann
       werden die Underdogs aufgerufen: In „Sunday Monday“ kombiniert sie
       brachiale Stahlbügel mit fleckigen Feinrippunterhemden, die sie bei ihrer
       Arbeit an der Bar in einem Technoclub trug, sowie einem slicken Video im
       Social-Media-Format voller Jack-Halberstam-Zitate über „Queer Subjects“.
       Daneben ein bildgewordener Zeigefinger Jody Korbachs: mit weißem Lack auf
       Biermarken gepinselt die Worte: „At some point you need to grow up and
       betray your ideals“ (Irgendwann musst du aufwachsen und deine Ideale
       verraten).
       
       Weit weg von der Streberecke fühlen sich die Werke Antonius Arzt’s an,
       einem noch jungen Autodidakten, der den Müll der Welt, die abjekten Schätze
       der Zivilisation und materialgewordene Symbole des Inneren in toll-ekelige
       Vakuumpäckchen verpackt geschweißt hat: So besteht „Perso“ aus einem
       laminierten Butt-Plug und einer verknautschten Marlboro-Schachtel, montiert
       ist das Ganze auf einen Aktendeckel.
       
       Lostreten kann das so viele Assoziationen, es ist vollkommen
       unverständlich, dass das Werk noch zu erwerben ist. Aufgrund der bislang
       nicht-akademischen Herkunft des Künstlers übrigens für gar nicht so viel
       Geld. Ob das jetzt erst recht Punk oder irgendwie dann doch das Gegenteil
       ist, ist unklar. Galerie bleibt halt Galerie – auch mit Hundekacke.
       
       28 Dec 2025
       
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