# taz.de -- Spielfilm „Die jüngste Tochter“ im Kino: Jung, muslimisch, lesbisch
       
       > Regisseurin Hafsia Herzi inszeniert mit „Die jüngste Tochter“ eine
       > Coming-of-Age-Geschichte ohne Klischees. Der Film basiert auf einem Roman
       > von Fatimas Daas.
       
 (IMG) Bild: In „Die jüngste Tochter“ verbirgt Fatima (Nadia Melliti) ihr Liebesleben vor ihrer Familie und ihrer muslimischen Gemeinde
       
       Zuerst ist da nur das Geräusch: Wasser, das gleichmäßig ins Waschbecken
       rinnt. Dann mischt sich eine Stimme dazu, leise sprechend. „Im Namen
       Allahs“, sagt sie. Eine junge Frau steht vor dem Spiegel, von hinten
       gesehen, das lange Haar dunkel und schwer, vom dürftigen Licht eines kargen
       Badezimmers umrahmt. Die Kamera nähert sich ihr behutsam.
       
       Ihre Hände gleiten durchs Wasser, über die Handflächen, die Unterarme, in
       einer Abfolge von rituellen Gesten, die der Reinheit dienen sollen. Mit
       noch nassen Fingern streicht sie das Haar aus dem Gesicht, legt es zurück.
       Der Blick im Spiegel hält sich selbst stand, ist klar, konzentriert und
       unerwartet streng.
       
       Einen Schnitt darauf ist sie verhüllt. Dieselbe junge Frau ist nun im
       Hidschāb und dunklem Gebetskleid zu sehen. Ihr markantes Profil hebt sich
       vom bläulichen Morgenlicht ab. Der Muezzin ruft. Sie geht in ihrem
       Jugendzimmer auf die Knie, sinkt auf den Gebetsteppich.
       
       ## Im Tanktop am Fenster
       
       Später steht sie im Tanktop am Fenster. Der melancholische Blick wandert
       nach draußen, vorbei an weißen Hochhausbauten einer Banlieue von Paris.
       Fatima (Nadia Melliti) ist siebzehn Jahre alt, Tochter algerischer
       Einwanderer, gläubige Muslima. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie
       begreift, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt.
       
       Mehr als die Eröffnungssequenz und ein paar solcher biografischen Daten
       braucht es nicht, um sich auszumalen, was für ein Film daraus hätte werden
       können. Man erwartet den vertrauten Parcours: das strenge Elternhaus, die
       heimlich gelebte Sehnsucht, die erste verbotene Liebe, das (unfreiwillige)
       Coming-out als dramatischer Kulminationspunkt.
       
       Erzählt in Szenen des Ringens und der Tränen, der Schuld und des Streits
       und vielleicht sogar der Gewalt. Religion als starres System, Familie als
       Gegenkraft, Herkunft als Hindernis und Freiheit als etwas, das nur durch
       Flucht zu haben ist. Ein Film, der Konflikte so lange zuspitzt, bis sie
       moralisch sortiert, didaktisch verwertet und bequem abgelegt werden können.
       
       In der Rezeption wäre man sich schnell einig: ein „wichtiges“ Werk,
       bereitwillig abgenickt und für seinen vermeintlichen Mut gelobt – eines,
       das insgeheim aber niemanden so richtig bewegt, weil es auf einfache
       Schemata setzt, wo es die Zumutung von Komplexität bräuchte, um
       menschlicher Erfahrung und damit dem, was Kino erst zu Kunst macht,
       nahezukommen.
       
       Anders ausgedrückt: Man glaubt ihn schon zu kennen, diesen Film, noch bevor
       er richtig begonnen hat. Doch „Die jüngste Tochter“ entzieht sich der
       Bequemlichkeit, die Geschichte einer Selbstfindung in ein effektheischendes
       Narrativ zu verwandeln. Der französischen Filmemacherin Hafsia Herzi
       gelingt mitunter gerade dadurch ein Beitrag zum lesbischen Kino mit
       Ereignischarakter, weil er Fatimas Geschichte nicht zum Ereignis macht.
       
       ## Frühling, Sommer und Winter in Paris
       
       Im Laufe der Jahreszeiten, in die der Film unterteilt ist, vom Frühling des
       einen bis hin zu dem des nächsten Jahres, fallen Erkenntnisse niemals
       plötzlich, und Entscheidungen werden nicht dramatisch zugespitzt.
       
       Stattdessen folgt der Film den kleinen Verschiebungen im Alltag seiner
       außergewöhnlichen Protagonistin, zunächst am Gymnasium und auf dem
       Schulhof, wo Fatima – in Bomberjacke, Kapuzenpullover und Cargohosen
       gekleidet, rauchend – ein zurückhaltender, zugleich selbstverständlicher
       Teil einer rein männlichen Clique ist.
       
       Es ist womöglich ein beiläufiger Kommentar eines schwulen Mitschülers, der
       Fatimas Reflexionsprozess über ihr Begehren in Bewegung setzt, als er ihren
       Freunden – nach einer homofeindlichen Bemerkung – entgegenschleudert, ob
       sie denn nicht wüssten, dass sie selbst mit einer Lesbe abhingen.
       
       Das Ergründen dieses Begehrens erzählt „Die jüngste Tochter“ vor allem in
       Blicken, Pausen, Haltungen, Momenten, in denen etwas noch keinen Namen hat.
       Dass selbst das Unspektakuläre dabei eine eigentümliche Spannung entfaltet,
       ist vor allem [1][Nadia Melliti zu verdanken, einer Laiendarstellerin, die
       bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes überraschend, aber
       vollkommen zurecht, als „beste Schauspielerin“ ausgezeichnet wurde].
       
       ## Pose der Unberührbarkeit
       
       Jérémie Attards Kamera kehrt immer wieder zu ihrem Gesicht zurück, verharrt
       dort, als ließe sich darin etwas Entscheidendes ablesen. Ein Anflug von
       Trotz etwa, eine Spur der Schüchternheit, Regungen, die sich zeigen, obwohl
       Fatima alles daransetzt, sie nicht preiszugeben. Ihr Mund formt beinahe
       genauso selten Worte wie ein echtes Lachen.
       
       Nicht etwa, weil Fatima mürrisch, hart oder bitter wäre. Vielmehr hat sie
       sich eine Attitüde angeeignet, wie man sie sonst vor allem von
       gleichaltrigen Jungs kennt. Was leicht als Lässigkeit gelesen wird,
       verbirgt eine einengende Vorsicht. Sie trägt diese übersteigerte Pose der
       Unberührbarkeit vor sich her, wenn ihr muslimischer „Partner“ von einer
       gemeinsamen Zukunft spricht, und gleichermaßen beim ersten Treffen mit
       einer Frau (Sophie Garagnon), die sie über eine Dating-App kennengelernt
       hat.
       
       Die Unsicherheit aber bricht sich immer wieder Bahn, auch in dieser Szene,
       die zu den zärtlichsten des Filmes gehört. Als ihr Date sie im Auto abholt,
       lotst Fatima sie zu einem abgelegenen Parkplatz – entgegen dem
       selbstsicheren Auftreten, das sie zur Schau stellt, doch nicht etwa, um
       sich näherzukommen. Sie möchte reden.
       
       Die andere, deutlich ältere Frau nimmt die skurrile Situation mit Humor,
       spricht offen über sexuelle Praktiken, darüber, wie man eine Frau liebt,
       was im Allgemeinen gefällt und was möglich ist. Fatima hört zu, äußerlich
       gefasst, beinahe reglos, stellt jedoch neugierige Fragen – als würde sich
       vor ihr ein Raum öffnen, für den sie bislang keine Sprache hatte.
       
       ## Begehren als Erkenntnisprozess
       
       Gerade darin liegt das zweite Ereignis von „Die jüngste Tochter“, das wegen
       des ersten – dem unaufgeregten Erzählen über eine junge Frau, die zugleich
       gläubige Muslima und lesbisch ist – umso mehr überrascht: Hafsia Herzi
       inszeniert ihren Film mit einer selbstverständlichen Sinnlichkeit und
       körperlichen Direktheit, die im lesbischen Kino leider nach wie vor selten
       ist. Sexualität wird nicht umgangen oder verkürzt, sondern als treibende
       Kraft einer Selbstannäherung ernst genommen.
       
       Fatima beginnt, mit tief ins Gesicht gezogenem Basecap, Frauen in queeren
       Bars zu treffen, sammelt erste, flüchtige Erfahrungen, begegnet schließlich
       Ji-Na (Park Min-ji), einer jungen Koreanerin, mit der sie erstmals
       Verbindlichkeit erlebt – und mit ihr auch Enttäuschung und Liebeskummer.
       
       Fatima reagiert darauf nicht mit Rückzug, sondern mit Bewegung: weiteren
       Begegnungen auf Studentenpartys, kurzen Allianzen, unter anderem mit einem
       erfahrenen, in einer offenen Beziehung lebenden lesbischen Paar (Mouna
       Soualem und Jade Fehlmann). Der Film bleibt darüber nah an ihr, ohne zu
       dramatisieren, interessiert an dem Prozess, der sich im Inneren abspielt.
       
       Auch den Konflikt mit ihrem Glauben erzählt „Die jüngste Tochter“ auf diese
       Weise: introspektiv, ohne die bequeme Figur eines strafenden oder
       belehrenden Patriarchen aufzubieten. Fatimas Zuhause, das Leben mit ihren
       Eltern und beiden Schwestern wird, auch wenn tradierte Rollenvorstellungen
       durchaus durchscheinen, mit einer wohltuenden Alltäglichkeit gezeigt.
       
       ## Ohne Patriarch, ohne Urteil
       
       Den Imam sucht Fatima dementsprechend aus eigenem Antrieb auf, schildert
       ihre eigene Situation als die einer „Freundin“ und erhält die erwartbare
       Antwort: dass sie in Sünde lebe, sich weiblicher geben, einen Mann finden
       solle. Der Film registriert diese Worte mit seiner Protagonistin, ohne sie
       zu kommentieren – und ohne sie zur finalen Instanz zu erklären.
       
       Am Ende steht keine Entscheidung im klassischen Sinn. Fatima kehrt weder
       ihrem Glauben noch ihrem Begehren den Rücken, sondern sucht nach einer
       eigenen Form, in der beides nebeneinander existieren kann, das Gebet ebenso
       wie eine selbstbewusst gelebte Identität. [2][„Die jüngste Tochter“, der
       auf dem gleichnamigen Roman von Fatima Daas] basiert, weigert sich, die
       Dinge in einem bevormundenden Gestus für das Publikum aufzulösen, als
       bräuchte es die Eindeutigkeit, um mit dieser Geschichte umgehen zu können.
       
       Dadurch begegnet der Film auch seiner Protagonistin selbst nie mit
       Paternalismus. Hafsia Herzi agiert mit Zärtlichkeit, aber ohne Fatimas
       Leben auf etwas zu reduzieren, das vor allem nach Mitgefühl verlangt.
       Vielleicht, weil die Filmemacherin darum weiß, dass Mitgefühl manchmal
       nichts anderes bedeutet als die sanfteste Form der Demütigung.
       
       23 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Filmfestspiele-in-Cannes/!6088828
 (DIR) [2] /Internationaler-Literaturpreis-verliehen/!5783447
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Arabella Wintermayr
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Französisches Kino
 (DIR) Spielfilm
 (DIR) Romanverfilmung
 (DIR) Muslima
 (DIR) Schwerpunkt LGBTQIA
 (DIR) Homophobie
 (DIR) Debütfilm
 (DIR) Schwerpunkt Filmfestspiele Cannes 
 (DIR) Roman
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Debütfilm „15 Liebesbeweise“: Sie hat schlicht keine Wahl
       
       In ihrem Debütfilm „15 Liebesbeweise“ erzählt die Regisseurin Alice Douard
       von den Eheleuten Céline und Nadia. Sie erwarten ein Kind, mit
       Hindernissen.
       
 (DIR) Filmfestspiele in Cannes: Was die anderen denken
       
       Bei den Filmfestspielen werfen die Regisseurinnen Lynne Ramsay, Hafsia
       Herzi und Chie Hayakawa sehr unterschiedliche Blicke auf die Kleinfamilie.
       
 (DIR) Internationaler Literaturpreis verliehen: Du schaffst das, Fatima
       
       Fatima Daas’ Roman „Die jüngste Tochter“ gewinnt den Internationalen
       Literaturpreis. Die Autorin ist jung, muslimisch und selbstbestimmt.