# taz.de -- Berliner Schau über die Familie weltweit: Care, König, KI
> Mit einem großen Ausstellungsprojekt wird im Humboldt Forum über die
> Familie in verschiedenen Kulturen nachgedacht. Reizvoll, klug, doch etwas
> stört.
(IMG) Bild: „Time's Gravity“ von Meryl McMaster in der Ausstellung „Sich verwandt machen“ im Humboldt Forum
„Meine Kunst muss getragen, berührt und benutzt werden“, sagt Catherine
Blackburn beim Presserundgang durch die Ausstellung „Sich verwandt machen“
im Berliner Humboldt Forum. Nur durch direkte Erfahrung, betont die
multidisziplinäre Dënesųłinë-Künstlerin aus dem Norden Kanadas, werde sie
lebendig. Doch ihre funkelnden, von der Geschichte ihrer weiblichen
Vorfahren durchdrungenen Objekte werden hier in verschlossenen Glaskuben
präsentiert – unnahbar und weggesperrt.
Der Totenschädel mit Geweih, verziert mit Swarovski-Steinen und Karibuhaar,
wirkt eher konserviert als nutzbar. „Wir mussten die
Sicherheitsvorschriften des Humboldt Forums beachten“, sagt Kerstin
Pinther, Kuratorin für Moderne und Zeitgenössische Kunst im globalen
Kontext, als die Diskrepanz zwischen Blackburns Anspruch und der
Präsentation zur Sprache kommt.
Gemeinsam mit Ute Marxreiter aus der Bildungs- und Vermittlungsabteilung
hat sie die Ausstellung kuratiert. Auf den Hinweis, dass die Räumlichkeiten
des Humboldt Forums generell wenig Spielraum lassen, reagiert sie mit einem
Seufzen. Ein Jammer. Denn eigentlich könnte alles so überzeugend sein. Im
Rahmen des Programmschwerpunkts „Beziehungsweise Familie“ eröffnen vier
neue Ausstellungen im Humboldt Forum, die klug und vielfältig zeigen, wie
prekär, politisch und facettenreich Zugehörigkeit heute ist.
Dass dieses Programm ausgerechnet [1][im wiederaufgebauten Stadtschloss
stattfindet], einem Gebäude, das mit seinem goldenen Kreuz auf der Kuppel
eher konservative Werte symbolisiert, verleiht dem Ganzen zusätzlichen
Reiz. Oder könnte es zumindest, wenn die Räume dieses neu-alten
Museumsgebäudes nicht so abweisend wären.
## Verwandtschaft nicht als Blutlinie
Besonders leidet die Ausstellung „Sich verwandt machen“ im hinteren Teil
des Ethnologischen Museums. Sie zeigt die Arbeiten von zwölf Künstlerinnen,
die Verwandtschaft nicht als Blutlinie, sondern als Geflecht aus
spirituellen, organischen, materiellen und historischen Bindungen
begreifen.
Ein offenes Verständnis zieht sich durch die Werke: Haegue Yangs Skulpturen
verbinden Elemente des koreanischen Schamanismus mit Alltagsmaterialien und
verschieben so die Grenze zwischen Ritual und Routine. Meryl McMaster nutzt
Objekte ihrer indigenen und europäischen Herkunft, die sie in ihren
Fotografien wie fragile Erinnerungsfäden an den Körper zurückbindet.
Soe Yu Nwe geht noch weiter: Ihre Keramiken dehnen Verwandtschaft auf
Brunnen, Bäume und andere Dinge aus. Zugehörigkeit wird bei ihr zu einem
offenen, nichtmenschlichen Gefüge. Es sind flüchtige, immaterielle und
zarte Bindungen, die die Arbeiten sichtbar machen – doch die grauen
Podeste, die geschlossenen Vitrinen und die sterile Atmosphäre der Räume
halten die Besucher auf Abstand.
Anders die Ausstellung „An das wir uns festhalten“ in einem begehbaren
roten Kubus. Dessen räumliche Intimität tut den Arbeiten gut. Hier geht es
darum, wie queere und postmigrantische Lebensentwürfe familiären Halt neu
definieren. Cheryl Mukherji etwa lenkt den Blick auf digitale Nähe:
Überwachungskameras im Haus ihrer in Indien lebenden Mutter werden zu
Werkzeugen fürsorglicher Präsenz – Care-Arbeit über Kontinente hinweg.
George Demir entwirft drei Familienwappen, die die klassische
Wappensymbolik in ein fließendes Vokabular queerer und migrantischer
Erfahrungen überführen. Zugehörigkeit wird so neu codiert.
## KI-generierte Figuren von Hohenzollern-Frauen
Die stärkste thematische Konzentration zeigt „Alles unter dem Himmel“ im
Museum für Asiatische Kunst. Hier geht es um Familie als staatlich
reguliertes Gefüge in China und Korea. Fotografien des chinesischen
Künstlers He Chongyue etwa machen historische Propagandaparolen zur
Ein-Kind-Politik in ländlichen Regionen sichtbar. Chongyues Fotos werden
von grell pinken Plexiglasrahmungen eingefasst, „damit sie sich deutlich
von der ständigen Ausstellung absetzen“, sagt Kuratorin Maria Sobotka,
leider nur überstrahlt die dominante Farbe die zarte Kolorierung der Fotos.
Die vierte Ausstellung „Systemrelevant: Frauen in Herrscherfamilien“ ist
das größte Opfer der Humboldt Forum-Architektur. Sie hinterfragt
patriarchale Machtlinien, indem sie den dauerhaft im dritten Geschoss des
Treppenhauses stehenden [2][männlichen Hohenzollern-Skulpturen] vier
KI-generierte Hohenzollern-Frauen hinzufügt. Die stehen aber nun wie
vergessene Requisiten im offenen Treppenhausambiente herum, das ständige
Surren der Rolltreppen liefert den Hintergrundsound eines Einkaufszentrums.
Die vier Ausstellungen im Rahmen von „Beziehungsweise Familie“ bieten ein
kluges, internationales Panorama dessen, was Verbundenheit im 21.
Jahrhundert bedeuten kann. Man erkennt: Familie ist heute flexibler,
überraschender und lebendiger, als es die steinerne Fassade des
Humboldt-Forums vermuten lässt.
10 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Verena Harzer
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