# taz.de -- Der Hausbesuch: Die Hoffnung, dass immer noch was kommt
       
       > Raed Hamoudh stammt aus Syrien und hat sich im bayerischen Peiting zum
       > Floristen ausbilden lassen. Bald übernimmt er einen Blumenladen.
       
 (IMG) Bild: Raed Hamoudh spricht Deutsch mit bayerischem Dialekt, als Füllworte sagt er: „Ja mei“
       
       Wer flüchtet, sollte flexibel sein und Gelegenheiten beim Schopfe packen.
       Raed Hamoudh macht vor, wie das gehen kann.
       
       Draußen: Die Gemeinde Peiting liegt im bayerischen Voralpenland. „Wo der
       Lech die Ammer küsst“, wirbt das Schild am Ortseingang. An diesem Sonntag
       sind kaum Menschen auf den Straßen. Einmal die Stunde unterbricht das
       Läuten der Kirchturmglocken die Stille. Im Ortskern lebt Raed Hamoudh mit
       seiner Frau Sara in einem Mehrfamilienhaus, in seiner Straße gibt es einen
       Bauernhof, ein Bestattungsinstitut und ein leer stehendes Möbelgeschäft.
       Hamoudh wohnt über dem Floristikladen „Leinauers Blume“, in dem er auch
       arbeitet. Mit im Haus leben außerdem der Sohn der Geschäftsinhaberin und
       seine Freundin. Vor dem Eingang sind Äste drapiert, die bis auf das Vordach
       reichen und mit Moosen und Gestecken geschmückt sind.
       
       Drinnen: Erst vor wenigen Wochen sind Raed Hamoudh und seine Frau Sara in
       ihre neue Dreizimmerwohnung gezogen. Dafür ist es sehr ordentlich, es
       stehen keine Umzugskisten herum. „Meine Frau will das so“, sagt Hamoudh.
       Nur für Bilder an den Wänden [1][und Zimmerpflanzen] war noch keine Zeit.
       Seit Kurzem hat Raed Hamoudh zwei Nymphensittiche, die frei durch die
       Wohnung fliegen. An der Wohnzimmerdecke hängt eine verschnörkelte Lampe,
       über die er per Fernbedienung unterschiedliche Lichtmodi auswählt.
       „Arabisches Licht“ nennt er das weiß-bläuliche Licht, für Deutsche wählt er
       orange-rotes „deutsches Licht“.
       
       Damaskus: Bis Raed Hamoudh über einem Blumenladen in Oberbayern wohnen
       wird, ist es ein weiter Weg. Sein Leben beginnt 1995 in Damaskus, Syrien.
       Sein Vater arbeitet als Schweißer, seine Mutter erzieht die Kinder und
       macht den Haushalt. Hamoudh hat drei Geschwister. Gefragt, ob es eine Szene
       aus seiner Kindheit gibt, die ihm heute noch im Kopf ist, überlegt er. „Sie
       fordern mich“, sagt er und lacht. Er erzählt kurz von der Schule, da ist er
       gern hingegangen. Mehr fällt ihm nicht ein. Vielleicht ist seither so viel
       passiert, dass die Erinnerungen verblasst sind.
       
       Im Kreis: Als 2011 der Bürgerkrieg in Syrien beginnt, ist Hamoudh 16 Jahre
       alt. Sein Leben findet nun an drei Orten statt: zu Hause, in der Schule und
       auf der Arbeit in der Werkstatt seines Onkels. Abends kontrolliert das
       Militär die Straßen, mit Freunden ausgehen, ist zu gefährlich. „Ich war in
       einem Kreis.“
       
       Libanon: Nach dem Abitur geht Hamoudh zum Arbeiten in den Libanon, dann
       schreibt er sich für Arabische Literatur an der Universität in Damaskus
       ein. Das Militär kann ihn, einen Studenten, nicht einziehen. Er fällt
       absichtlich durch Prüfungen, um sein Studium zu verlängern. Die Angst, zum
       Militär zu müssen, hat Hamoudh seit Beginn des Krieges. Krieg, das heißt
       „schießen, töten“, und er sagt von sich, dass er gegen niemanden kämpfen
       will. Manche seiner Freunde haben sich den Rebellen angeschlossen. Als
       Soldat stünde er ihnen bewaffnet gegenüber.
       
       Entscheidungen: Ende 2015, da ist Hamoudh 20 Jahre alt, fasst er den
       Entschluss, in die Türkei zu gehen. „Ich hab in Syrien keine Zukunft mehr
       gesehen.“ Er will bleiben, bis sich „die Lage beruhigt hat“. In Istanbul
       arbeitet er als Schneider, an sechs Tagen die Woche, manchmal bis zu zwölf
       Stunden täglich. „Es hat mich viel Kraft gekostet“, sagt Hamoudh und macht
       eine lange Pause. Sein Lohn reicht gerade so für Essen und Miete. Nach drei
       Monaten in der Türkei entscheidet sich Hamoudh, nach Deutschland zu gehen.
       „Ich hab gesagt, das war es jetzt hier.“ Das war an einem Montagabend,
       daran erinnert er sich noch genau.
       
       FC Bayern: Hamoudh hat ein Ziel: München. Das ist [2][die Stadt des FC
       Bayern], früher hat er die Fußballspiele geschaut. Über Deutschland weiß er
       sonst nur, dass es dort „Arbeit und viele Firmen“ gibt. Seitdem er in
       Deutschland lebt, hat er den Verein vier Mal in der rot leuchtenden
       Allianz-Arena spielen sehen. Ein Fan ist er „als Deutscher, sonst eher Real
       Madrid“.
       
       Überfahrt: Mit der Entschlossenheit einer getroffenen Entscheidung reist
       Raed Hamoudh in die türkische Küstenstadt Izmir. Dort findet er einen
       Schlepper für die Überfahrt nach Griechenland. Seinen Eltern erzählt er
       nichts von dem Plan, nur seine Tante weiht er ein. Denn er hat die
       Geschichten von den Toten im Mittelmeer gehört. „Man weiß, das Leben ist
       fünfzig zu fünfzig.“ Mit 45 anderen Menschen steigt er in ein Schlauchboot.
       „Die Schlepper haben gesagt, ihr müsst in diese Richtung fahren“, sagt er
       und zeigt mit dem Finger. Zwei Stunden dauert die Überfahrt, aus der Ferne
       sieht Hamoudh das Licht des Leuchtturms von Mytilini auf der Insel Lesbos.
       „Das Licht ist wie eine Hoffnung und du musst dorthin. Aber du weißt nicht,
       ob du es schaffst.“
       
       Ankommen: Raed Hamoudh kann sich an jedes Datum seiner Flucht erinnern. Am
       21. Januar 2016 Ankunft auf Lesbos, am nächsten Tag Weiterreise nach Athen.
       Am 23. Januar Ausreise aus Griechenland, vier Tage später die Ankunft in
       Rosenheim. Dort stellt er den Asylantrag. Dann geht es nach München ins
       Ankunftszentrum. „Das war in der Nähe der Allianz-Arena.“ Von dort aus wird
       er nach Peiting geschickt. Er kommt an einem Sonntag an, „am Valentinstag“.
       Sein erster Eindruck: nichts los. „Ich habe gesagt: Wo sind wir hier
       gelandet?“ Er muss in eine Wohngemeinschaft mit zehn anderen Männern
       ziehen. „Ich hatte keine Privatsphäre und es gab viel Streit.“
       Ehrenamtliche betreuen die Wohngemeinschaften. So trifft Raed Hamoudh die
       Blumenhändlerin Hannelore Leinauer.
       
       Aufblühen: Leinauer holt ihn in ihren Laden, erst als Praktikanten, dann
       als Minijobber. „Am Anfang habe ich mich ein bisschen fremd gefühlt, so als
       Mann im Blumenladen.“ Damals ist er erst seit fünf Monaten in Peiting und
       spricht kaum Deutsch. Er hält sich zunächst im Hintergrund und lernt das
       Handwerk. 2018 beginnt er die Ausbildung zum Floristen bei Leinauers Blume
       und an der Berufsschule in München. Er mag die Arbeit mit den Händen, die
       Abwechslung beim Sträuße binden und den Bezug zur Natur. Seine
       Lieblingsblumen sind Prärieenziane. Ihre Blüten ähneln Rosen, manche
       Knospen sind geöffnet, andere noch verschlossen. Hamoudh mag an diesen
       Blumen „die Hoffnung, dass immer noch was kommt“.
       
       Heimat: Seit zehn Jahren lebt Hamoudh in Peiting, sein Bruder wohnt
       mittlerweile auch in der Stadt. Seit 2022 hat Raed Hamoudh auch die
       deutsche Staatsbürgerschaft. Er spielt Basketball und ist Mitglied im
       Vorstand des Sportvereins. Er spricht mit einem bayerischen Dialekt, als
       Füllworte sagt er: „Ja mei.“ Mit seinen Freunden trifft er sich zum
       Schafkopf und einmal im Jahr gehen sie zusammen auf eine Berghütte in die
       Alpen. Hat er nach so langer Zeit noch Heimweh? Die Antwort kommt sofort:
       „Klar.“ Zweimal war er mittlerweile in seiner Heimat zu Besuch. „Alle in
       der Straße haben auf mich gewartet. Ich habe geweint.“
       
       Sara: Noch in Syrien lernt Raed Hamoudh seine spätere Ehefrau Sara kennen.
       Der Kontakt bleibt, auch als er schon in Deutschland lebt. Hamoudhs Eltern
       bitten Saras Eltern um eine Verlobung der beiden. Saras Eltern lehnen zwei
       Mal ab. Sie wollen ihre Tochter nicht in ein fremdes Land schicken. Beim
       dritten Antrag klappt es dann, und das Paar heiratet zunächst aus der
       Ferne. 2021 kommt Sara über den Familiennachzug nach Deutschland und zieht
       mit Raed Hamoudh zusammen. Ihr Ankommen sei schwer gewesen, aber „langsam
       gewöhnt sie sich daran“. Während des Gesprächs telefoniert Sara im
       Nebenzimmer mit ihrer Familie.
       
       Jahrestag: Das Paar will Kinder bekommen und in Peiting bleiben, das hat
       sich auch mit dem Ende des Krieges in Syrien nicht geändert. „Ich arbeite
       hier, ich lebe gut“, sagt Raed Hamoudh. In ein paar Jahren wird er den
       Blumenladen übernehmen. Im Januar 2026 ist sein Ankommen in Deutschland
       zehn Jahre her. Feiert er den Jahrestag? Er überlegt. „Feiern, warum?“ Er
       blicke lieber zurück auf seine Kämpfe und Erfolge in Deutschland, „was ich
       bis jetzt geschafft habe“. Dann: „Eigentlich ist das alles schon ein Grund
       zum Feiern.“
       
       5 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Biologe-ueber-Zimmerpflanzen/!5798944
 (DIR) [2] /Achtelfinale-im-DFB-Pokal/!6135221
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Marietta Meier
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Der Hausbesuch
 (DIR) Handwerk
 (DIR) Flüchtlingssommer
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schwerpunkt Flucht
 (DIR) Schwerpunkt Syrien
 (DIR) CDU/CSU
 (DIR) Der Hausbesuch
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Der Hausbesuch
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Leben von Geflüchteten in Deutschland: Einigermaßen angekommen
       
       2015 und 2016 kam über eine Million Geflüchtete nach Deutschland. Unser
       Autor begleitete mehrere von ihnen über die letzten zehn Jahre.
       
 (DIR) Syrien und die Kurden: Regierung verkündet Waffenruhe mit Kurden in Aleppo
       
       Kurdische Kämpfer sollen laut der Übergangsregierung in den Nordosten. Zwar
       hielt die Waffenruhe zunächst, doch äußerten sich die Kurden bisher nicht.
       
 (DIR) Verschärfte Flüchtlingsabwehr: „Abschiebeoffensive“ per Linienflug
       
       Die CSU-Landesgruppe will mehr Syrer:innen schneller abschieben. Auch
       bei ukrainischen Flüchtlingen fordert sie vor ihrer Winterklausur einen
       härteren Kurs.
       
 (DIR) Der Hausbesuch: Malen nach Stimmen
       
       Als vielreisender und neurodivergenter Künstler kennt Maximilian zum
       Quadrat verschiedene Realitäten. Die vereint er in seinen Bildern und
       Texten.
       
 (DIR) Der Hausbesuch: Das Licht suchen
       
       Mit 13 Jahren nahm Rubina Becker allen Mut zusammen und floh in ein
       Kinderheim. Heute lebt sie in einer Wohnung – und kann endlich sie selbst
       sein.
       
 (DIR) Der Hausbesuch: Leute sind ihr Ding
       
       Marion Moutell ist Autodidaktin. Nicht nur als Wirtin, auch als Künstlerin.
       Im Engelbecken, einem Wirtshaus in Berlin, stellt sie ihre Bilder aus.