# taz.de -- Hausbesuch: Mal minimalistisch, mal blinkend und bunt
       
       > Cara-Debora Stanko mag Kunst, Pokémon und Linkin Park. In ihrer
       > Heimatstadt Bonn trägt sie dazu bei, dass eine Unterführung für Frauen
       > sicherer wird.
       
 (IMG) Bild: Arbeit ist ihr Safe Space: Cara-Debora Stanko im Homeoffice
       
       Sanfte Übergänge hebt sie sich für ihre Arbeit auf und verbindet wie
       selbstverständlich Grafik und Kunst. Vom Lebensgefühl her aber mag
       Cara-Debora Stanko die harten Wechsel.
       
       Ankunft in Bonn: Vom Hauptbahnhof ist es nur ein kurzer Fußweg bis zur
       „Pissrinne“, einer Bahnunterführung. Es ist ein dunkler Ort, den Frauen
       nachts meiden. Neuerdings ist dort ein Bild gegen Gewalt gegen Frauen auf
       die Wand gemalt. Eine Frau streckt die Hand aus und signalisiert: Stopp!
       Auch eine Notrufnummer und eine Geste, mit der Frauen darauf aufmerksam
       machen können, dass sie Hilfe brauchen, sind groß abgebildet. Cara-Debora
       Stanko hat es gemalt.
       
       Draußen: Mit dem Bus 610 geht es vom Hauptbahnhof nach Lessenich, an den
       [1][Stadtrand von Bonn] zu einem Mehrfamilienhaus. Es ist eines von vielen
       in der Straße. Jetzt im Winter, wo kein Grün das graue Wetter aufhellt,
       sind nicht einmal Vögel zu sehen, die die Balkone anfliegen. Dabei liegt
       Futter für sie aus.
       
       Drinnen: In Cara-Debora Stankos Zweizimmerwohnung gibt es nur wenige Möbel.
       Tisch, Sofa, Schreibtisch, eine niedrige Wohnwand nah am Fenster zum
       Balkon. Pflanzen stehen darauf, eine Monstera, grün-weiße Efeututen. „Ich
       bin froh über deren Farbenspiel“, sagt Stanko. Die Wohnwand hat sie
       mitgenommen von zu Hause. Sie stand in ihrem Kinderzimmer. Die Fronten des
       Schranks hat sie beim Umzug pastellfarben gestrichen. Stanko mag es
       minimalistisch. „Chaos stresst mich.“ Aber sie liebe eben Pflanzen [2][und
       vor allem Pokémon], deshalb sei die Wohnung doch nicht so schlicht.
       
       Pokémon: Auf dem Sofa sitzt Natu, eine Plüschfigur – ein skurriler
       Farbtupfer. Normalerweise seien noch mehr Pokémonfiguren in ihrem
       Wohnzimmer. Für den Termin hat sie sie ins Schlafzimmer verbannt. Daran
       merke sie selbst, dass etwas im Begriff ist, sich zu verändern. Aber noch
       seien Pokémon ihre Verbindung zu früher, als sie Kind, Jugendliche,
       Teenager war. So lange ist das noch nicht her. Cara-Debora Stanko ist 29
       Jahre alt.
       
       Kind sein: „Natu ist ein Psychovogelpokémon“, erklärt Stanko und deutet auf
       die Figur auf dem Sofa. Was das genau heißt? Natu verbinde, wie alle
       Pokémon, Fantasie und Wirklichkeit. Eine Schnittstelle, die Stanko schon in
       der Kindheit gepackt hat und bis heute nicht loslässt. Einst hatte ihre
       Mutter ihr ein Pokémonspiel gekauft. „Weil ich alles liebe, was niedlich
       ist.“ Sie fand das Spiel toll. „Nintendo, längst spiel ich das nicht mehr.“
       Aber mit den Pokémon konnte Stanko abtauchen und ihren inneren Bildern
       freien Lauf lassen. Wie sehr diese Synthese zwischen Fantasie und
       Wirklichkeit in ihr wirkt, ist an den Bildern zu sehen, die sie malt.
       
       Synthese: Da ist etwa ein Fuchs, halb lebendig, halb als Skelett – er ist
       Gegenwart und Zukunft in einem. Ein anderes Bild zeigt [3][einen Pfau], bei
       dem die farbigen Tupfer in dessen Federkleid Augen sind. „Jedes in einer
       anderen Stimmung. Viele traurig.“ So thematisiert Stanko Sehen und
       Gesehenwerden. Oder ein Bild mit zwei Walen, die im Weltall schwimmen. Das
       All geht durch die Tiere hindurch – „alles ist Teil des Universums“. Eine
       Eule wiederum trägt einen Astronauten. Das Bild erinnert an den Storch, der
       ein Kind bringt. „Woher kommen wir? Wohin gehen wir?“, fragt Cara-Debora
       Stanko. Alles ist minutiös ausgearbeitet. „Ich liebe superdetaillierte
       Sachen.“ Farbig liebt sie es auch. Blinken darf es zudem.
       
       Eindrücke: Einerseits Minimalismus in ihrer Wohnung, andererseits
       Reizüberflutung. „Jedes Jahr gehe ich zum Japan-Tag in Düsseldorf. Das ist
       voll das Highlight.“ Auf der Messe dreht sich alles um Anime, Manga, Games,
       Cosplay und Japan. „Es ist Kirmes mit japanischem Essen, Deko, Feuerwerk.
       Crazy Kostüme, Social Media in real life. Man weiß nicht, wo man hingucken
       soll. Ich hol mir meine Dosis Eindrücke.“ Die Eltern haben mit ihr auch
       Urlaub in Japan gemacht. „Ich liebe große Städte, die unübersichtlich sind,
       wo alles bunt ist und blinkt. Wo man auch hinguckt, entdeckt man was
       Neues.“ Es ist ein harter Kontrast zu ihrer Wohnung und zu Bonn.
       
       Musik: Mehr Ekstase holt Cara-Debora Stanko sich, wenn sie auf Konzerte
       geht. Sie mag „verkopftes Symphonic-Metal-Zeug“, aber auch Rockmusik.
       Neulich bei Linkin Park in der ersten Reihe – „ich habe es so geliebt“.
       Laut, grell, blinkend. „Ich geh gern auf Konzerte, lese die Lyrics. Das
       bringt mich auf Bildideen.“ Ein wenig sei es auch der Vater gewesen, der
       ihr das harte „Musikding“ mitgegeben habe. Der liebt Black Sabbath, AC/DC
       und Co. Mit ihren Eltern und der Schwester versteht sich Stanko super. Ihre
       Kindheit bezeichnet sie als „ganz normal“.
       
       Studium: Stanko hat Kommunikationsdesign, Grafik und Malerei an der
       Rhein-Sieg-Akademie in Hennef studiert. Das Kommerzielle, Grafische und die
       Kunst also in einem. Die Kombination gefällt ihr. 40 Stunden Unterricht
       hatte sie in der Woche. Sie hat es durchgezogen. „Ich war schon in der
       Schule ein fleißiges Kind, eigentlich ein übelster Streber.“ Den Abschluss
       hat sie in der Coronazeit gemacht. „Es gab keine Abschlussausstellung, kein
       Fest.“
       
       Selbständigkeit: Nach dem Studium arbeitet sie in einer Werbeagentur und
       erstellt Corporate-Design-Konzepte, gestaltet Flyer, Plakate,
       Social-Media-Content. „Aber die Kunst hat mich angeschrien während der
       Arbeit. ‚Mach doch was!‘“ Vor Kurzem hat sie sich deshalb selbständig
       gemacht als Künstlerin, Grafikerin, Webdesignerin. „Es hat keinen Zweck,
       Angst zu haben vor so einem Schritt, obwohl alles auf einen einstürmt.
       Finanzamt, Steuernummer, Krankenkasse et cetera. Irgendwann kapiert man, es
       kommt kein Säbelzahntiger, der einen auffrisst.“ Sie macht Grafikaufträge,
       kümmert sich um Webauftritte, auf Kunstmessen verkauft sie ihre Bilder.
       „Meine Arbeit ist mein Safe Space.“
       
       Engagement: In ihren Bildern spielen Tiere eine große Rolle. Stanko ist
       Tierschützerin. Deshalb ernährt sie sich seit ein paar Jahren vegan. „Ich
       wollte schon als Kind auf Fleisch verzichten, aber ich komme aus einer
       Familie, wo viel Fleisch gegessen wird, und ich bin doch sehr anti
       Konfrontation.“ Seit einem Jahr engagiert sie sich in einer Gruppe, die auf
       der Straße Aufklärung in Sachen Tierschutz leistet. Angefangen hat sie
       damit, dass sie Fotos von den Aktivist*innen bei ihren Aktionen gemacht
       hat. „Ich bin viel zu schüchtern, um mich in die Auseinandersetzung mit
       Passanten und Passantinnen zu begeben, dachte ich.“ Mittlerweile spricht
       sie Leute aber auch an, um über Veganismus aufzuklären. Ehrenamtlich
       entwirft sie zudem Plakate [4][gegen die Pelzindustrie].
       
       Die „Pissrinne“: Die Unterführung beim Bonner Bahnhof ist ein Angstraum für
       Frauen. Das wollte die Kommune mit einem Wandbild ändern. Stanko bekam von
       der Gleichstellungsstelle den Auftrag. Als sie die Wand in der Unterführung
       gestaltete, erlebte sie doofes, Frauen abwertendes Verhalten. „Hey, voll
       übertrieben!“, „Hey, hast du ein Problem?“, solche Sprüche. „Als ich in der
       Unterführung das Bild malte, habe ich erst richtig gecheckt, [5][wie
       verbreitet Frauenverachtung ist]. Vorher habe ich das nicht so an mich
       rankommen lassen.“ Schlimm findet Stanko, wenn den Frauen die Verantwortung
       für sexualisierte Gewalt in die Schuhe geschoben wird. Sehr viele Leute
       hätten aber auch positiv reagiert.
       
       Vernetzung: Ob sie sich in einem Beruf selbständig gemacht hat, in dem die
       Konkurrenz groß ist? Sie empfindet es nicht so. In einer kleineren Stadt
       wie Bonn „unterstützt man sich eher, als dass man sich gegenseitig Aufträge
       wegnimmt“. Und die KI? Ja, für Grafiker*innen, die ganz am Anfang stehen,
       könnte die ein Risiko sein. Aber sie sei schon eine Weile im Geschäft.
       „Ohnehin glaube ich, dass Menschen lieber mit Menschen zusammenarbeiten.“
       Dass sie sich gesellschaftlich engagiert, helfe ihr auch beruflich. „Ich
       bin jetzt in einem Frauennetzwerk. Das ist wie eine Wolke von Support.“
       
       20 Jan 2026
       
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