# taz.de -- Der Hausbesuch: Schere auf Rädern
       
       > Nils Bork plaudert gern, und er schneidet gern Haare. Deshalb hat er das
       > Friseurhandwerk gelernt. Sein Salon ist ein umgebauter Lieferwagen.
       
 (IMG) Bild: Der mobile Friseursalon bedeutet Freiheit. Sollten sie an die Ostsee ziehen, könnte Nils Bork auch dort arbeiten
       
       Das gibt es nicht so oft, dass jemand das Handwerk seiner Mutter und auch
       das des Vaters lernt. Nils Bork ist so einer. Er arbeitet als Friseur wie
       seine Mutter, kann aber auch töpfern wie sein Vater.
       
       Draußen: Zwischen dem Bahnhof Ostkreuz und dem Samariterkiez in
       [1][Berlin-Friedrichshain] wohnt Nils Bork. Um die Ecke ragt einer der
       Türme des Frankfurter Tors in den grauen Himmel. Schräg gegenüber vom Späti
       „Baba Shop“ steht Borks gelber, zum Friseursalon umgebauter Lieferwagen.
       „Geheimrats(str)ecke“ steht darauf, darüber das Logo: eine Schere auf
       Rädern.
       
       Der Salon: Ein kurzer Blick in den mobilen Salon. Schlicht eingerichtet ist
       der. Ein Flachbildschirm hängt an der Wand, Kund*innen können in der
       Wartezeit Playstation spielen. Ansonsten gibt es einen Spiegel, ein
       Waschbecken, einen Friseurstuhl und Pflegeprodukte. Ein halbes
       [2][Skateboard] dient als Fensterbank – es war sein eigenes Brett, wie er
       erzählt, der 37-Jährige liebt es zu skaten. Ein Jahr hat der Umbau des
       ehemaligen DHL-Wagens gedauert, seit September ist Bork damit unterwegs. Er
       schließt den Wagen wieder ab, dann geht es über die Straße zu ihm nach
       Hause.
       
       Drinnen: Gleich neben der Eingangstür hängt eine von der Straße gerettete
       Berliner Karte aus DDR-Zeiten. Mit Stecknadeln sind die Wohnorte der
       Freund*innen von Nils Bork und seiner Frau Valentina Buz markiert. Im
       Wohnzimmer stehen zwei Ledersessel und ein großes Sofa; darüber hängt eine
       kleine Disco-Kugel. Überall wachsen Zimmerpflanzen. Im Arbeitsraum hat Nils
       Bork eine Drehscheibe zum Töpfern aufgestellt. Ein Regal mit halbfertigen
       Keramikstücken steht dort, rechts daneben die Liege, die Valentina Buz als
       Masseurin nutzt. Sie ist auch Architektin, wie ihr Partner hat sie zwei
       Berufe.
       
       Träume: Bevor Nils Bork seinen mobilen Friseursalon einrichtete, hatte er
       andere „verrückte Projekte“, erzählt er. Ursprünglich wollte er eine
       Eckkneipe mit integriertem Friseursalon eröffnen und sie „Geheimratsecke“
       nennen. Er träumte auch mal von einem Salon mit einer Skate-Rampe im Raum.
       Gute Laune, coole Musik, ein Ort, an dem die Leute sich nicht nur schnell
       ihre Haare schneiden lassen, sondern auch gerne bleiben und Zeit
       verbringen. „Dann habe ich die Mietpreise in Berlin gesehen – und da hat
       sich mir der Magen umgedreht.“
       
       Einfach machen: Jahrelang hat Nils Bork [3][in Friseursalons] gearbeitet
       und auch den Meister im Friseurhandwerk gemacht. Während er auf einem
       Festival Haare schnitt, fragte jemand: „Und warum baust du dir nicht ein
       Auto und fährst damit zu den Skatern?“ Die Idee ließ ihn nicht los, bis er
       2024 entschied, sie tatsächlich umzusetzen. Zu den Skatern fährt Bork
       allerdings nicht, er darf nur auf privaten Parkplätzen arbeiten. Deshalb
       steht er etwa auf dem Gelände der Naturgärten „Lebendige Stadtgärtnerei“
       oder bei der „Neuen Zukunft“, einem Kollektivprojekt am Berliner Ostkreuz
       mit Bar, Kino und Konzertraum. „Dort ist es mir schon passiert, dass eine
       ganze Musikband vorbeischaute und sich die Haare schneiden ließ.“
       
       Dörfer abklappern: Das Schönste an seinem mobilen Salon sei es, Arbeit und
       Vergnügen zu verbinden, sagt Bork. „Ich kann das machen, was ich am
       liebsten tue im Leben, und gleichzeitig reisen.“ Er und seine Frau haben
       deutschlandweit Festivals besucht und auch einige Kommunen auf dem Land.
       Der Friseurwagen bedeutet Freiheit. „Falls wir einmal beschließen, an die
       Ostsee zu ziehen, habe ich meinen Salon ja schon dabei. Dann kann ich
       Dörfer abklappern und dort Haare schneiden.“
       
       Zu links: Die Ostsee ist ihm vertraut. In Bad Doberan, 20 Kilometer von
       [4][Rostock] entfernt, wurde er 1988 geboren. Als er mit 20 seine
       Friseurausbildung abschloss, fand er in der Nähe keinen Salon, der zu ihm
       passte. Er sei damals sehr links gewesen, linker als jetzt, erzählt Nils
       Bork und lacht. „Die Salons waren mir zu spießig, etwas Alternatives gab es
       zu der Zeit bei uns nicht.“ In Berlin erschien es ihm leichter, einen Ort
       zu finden, „an dem ich sein kann, wie ich bin“. 2009 zog er in die
       Hauptstadt, bekam einen Job, der ihm gefiel, und stürzte sich ins Berliner
       Nachtleben.
       
       Liebe: Ob er auf einer Party oder beim Tanzen auch Valentina Buz getroffen
       hat? Nein, sagt Bork. „Wir haben uns ganz klassisch, wie man heute sagen
       kann, über eine Dating-App kennengelernt.“ Seit drei Jahren sind sie ein
       Paar, im Oktober haben sie geheiratet. Auf Festivals arbeiten sie zusammen:
       Bork schneidet Haare, während Valentina Buz Klangmassagen anbietet – eine
       Entspannungstechnik mit Klangschalen. Das passt, findet Bork: Der Sound der
       Scheren sei ebenfalls meditativ.
       
       Fürs Leben: Valentina Buz erzählt, dass sie in ihrem Heimatland Rumänien
       eine Friseurin „fürs Leben“ gehabt habe. Nur von ihr ließ sie sich die
       Haare schneiden. Seit sie Nils Bork kennt, müsse sie nun nicht mehr dorthin
       fahren. „Ich habe jetzt einen Friseur zu Hause.“ Ihm vertraut sie auch beim
       Haarschnitt. „Wenn es nicht so wäre, wären wir vielleicht nicht
       verheiratet“, sagt er. Beide lachen.
       
       Quasselnde Damen: Lachen – „und vor allem Quatschen“ – macht Nils Bork am
       liebsten. Als Kind ging er nach der Schule in den Friseursalon seiner
       Mutter und fühlte sich unter „lauter plappernden, älteren Damen“ wohl und
       geborgen, erzählt er. „Ich habe mitgeholfen oder saß einfach bei ihnen und
       habe mitgeplaudert.“ Damals wusste er schon, dass er ein Handwerk ausüben
       wollte, aber noch nicht, welches. Diese Nachmittage, mit der Soundkulisse
       der Haartrockner und dem Geruch von Farbe und anderen Friseurprodukten,
       haben ihn geprägt.
       
       Gute Mischung: Das Schneiden, das Handwerk an sich – aber vor allem das
       Zwischenmenschliche mag Nils Bork an seiner Arbeit. Wenn sich Kundi*nnen
       und Friseur*innen gut verstehen, sei es fast sicher, dass die Frisur
       stimme. Dass Friseure auch ein bisschen als Ratgeber*innen oder
       Therapeut*innen dienten, sei kein Mythos, glaubt er. Für ihn jedenfalls
       stimmt die Mischung: „Die Kombination aus Handwerk und Quatschen finde ich
       perfekt.“
       
       Bestätigung: Am meisten gefällt ihm an seinem Beruf, dass er direkt
       Feedback für seine Arbeit bekommt. „Wenn du einen guten Haarschnitt gemacht
       hast, heißt es sofort: ‚Wow, danke!‘“ Das sei bei seinem anderen Job
       anders. „Als Töpfer sitzt man ganz alleine da und weiß manchmal nicht mehr,
       ob das, was man geschaffen hat, schön ist oder nicht.“
       
       Der Vater: Nils Bork hat auch eine Ausbildung zum Töpfer gemacht, bei
       seinem Vater, der als [5][Keramiker und Scheibentöpfer] arbeitete. „Es war
       schön, von ihm zu lernen und diese Zeit mit ihm zu verbringen. Kurz nach
       meinem Abschluss ist er gestorben.“ Sein Vater arbeitete früher auch als
       Schlosser, und er baute Weidenzäune. „Die Kunst, Weiden zu spalten und zu
       flechten, konnte er uns, seinen drei Söhnen, ebenfalls noch mitgeben.“
       
       Gewalt: Nils Bork verbindet mit seinem Vater auch die politische Haltung.
       Sein Vater und sein Onkel hatten in einem Dorf in der Nähe von Bad Doberan
       eine „linke Disko“ betrieben, erzählt er. „Sie waren den Faschos der Gegend
       ein Dorn im Auge.“ Als Nils sechs Jahre alt war, griff eine Gruppe von
       Nazis, „etwa zwanzig waren es“, seinen Vater an und schlugen ihn zusammen.
       „Er lag da auf dem Boden. Ein Freund hat ihn gefunden und ins Krankenhaus
       gebracht“, erinnert sich Bork. „Das werde ich nie vergessen, das hat mich
       traumatisiert.“
       
       Gegen Nazis: „Weil ich selbst die [6][Baseballschlägerjahre] als Kind und
       Jugendlicher erlebt habe, möchte ich bei meiner Arbeit ein Zeichen setzen“,
       sagt Bork. Er hat Sticker mit der Aufschrift „Kein Haarschnitt für Nazis“
       gedruckt, die er unterwegs an Jugendliche verteilen möchte. „Mir macht
       Angst, dass Linkssein unter Teenagern heute kein Trend mehr ist, sondern
       Rechtssein“, sagt er. Andere Friseur*innen will er ebenfalls anregen,
       Haltung zu zeigen. Nils Bork engagiert sich – aus Sorge um die
       Gesellschaft, wegen der Erinnerung an seinen Vater, aber auch, weil er und
       Valentina Buz sich ein Kind wünschen. „Es mag utopisch klingen, aber ich
       träume davon, dass unser Kind in einer besseren Zukunft aufwächst.“
       
       11 Jan 2026
       
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