# taz.de -- Ausstellung über Helga Goetze: Sie eckte überall an
> Eine Ausstellung in der Villa Oppenheim in Berlin erinnert an die
> Aktivistin und Künstlerin Helga Goetze. Jahrelang hielt sie Mahnwachen
> für freie Liebe ab.
(IMG) Bild: Helga Goetze an der Gedächtniskirche im Jahr 1988
Das erste Mal geschah eher zufällig. Am 17. Juni 1983 las Helga Goetze an
einer Litfaßsäule von einer Veranstaltung des CDU-Politikers Norbert Blüm
an der Gedächtniskirche Berlin und entschied spontan, ebenfalls dort
hinzugehen, um sich „mal wieder zu zeigen“. Sie nahm den Bus, platzierte
sich am Straßenrand und flüsterte den Vorbeilaufenden ihr „Ficken ist
Frieden“ und „Wer will Frieden?“ zu.
Aufgeschrieben hat sie das und auch die Reaktionen der Menschen, die
vorbeikamen, wie so vieles, Notizen, Tagebücher, Gedichte, Listen, von dem
man eine Auswahl derzeit in der Villa Oppenheim im Museum
Charlottenburg-Wilmersdorf besichtigen kann.
[1][Helga Goetzes Ein-Frau-Mahnwache am Breitscheidplatz], in denen sie
sich für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau einsetzte, als – wenn man
so will – erste sexpositive Aktivistin der Stadt, lange bevor man das so
nannte, wurde fortan zum täglichen Ritual, das sie bis in die frühen 2000er
Jahre durchzog.
Mehr als stadtbekannt war die „primäre Tabubrecherin“, die in
handbestickten Umhängen mit Schildern um den Hals lautstark auf sich
aufmerksam machte, mit heller Stimme umgetextete Volkslieder sang,
Passant:innen provozierte und es immer wieder mit der Polizei zu tun
bekam.
## Einladung zur Kontaktaufnahme
„Weibliches Wesen, geistig vielseitig interessiert, sucht“, der Titel der
Charlottenburger Ausstellung zitiert den Text von Goetzes Kontaktanzeigen,
die sie Anfang der 1970er Jahre in den St.-Pauli-Nachrichten aufgab, als
sie noch in Hamburg bei Mann und Kindern lebte. Wie dort ist er als
Einladung zur Kontaktaufnahme zu verstehen, für diejenigen, die sie noch
erlebt haben (Goetze starb 2008) wie für jene, die sich ihren Ideen, ihrer
Kunst und der Beharrlichkeit, mit der sie ihren Platz in der Stadt
behauptete, von heute aus annähern.
Die Ausstellung schmiegt sich im ersten Stock der Villa Oppenheim zwischen
die Sammlung, zwischen Ölschinken mit Gebirgslandschaften, Stillleben,
Sittengemälden, erzählt Goetzes Geschichte in Dokumenten, in Briefen,
Polizeiprotokollen, Zeitungsartikeln, mit Filmmaterial und mit Werken
Goetzes, mit ihren Texten, Grafiken und knallbunten,
paradiesisch-erotischen Stickbildern.
Letztere werden seit ein paar Jahren durch die [2][Helga-Goetze-Stiftung]
im Stadtmuseum Berlin bewahrt, ihre Schriften im feministischen Archiv
FFBIZ, so umfangreich ausgestellt wurde ihr Nachlass bislang noch nicht.
Helga Sophia Goetze, geboren 1922 in Magdeburg, später lange Zeit wohnhaft
in Hamburg, heiratete mit 20 Jahren, bekam sieben Kinder, lebte ein
gesittetes Leben als Hausfrau, bis zu einer folgenschweren Begegnung mit
einem anderen Mann während eines Sizilien-Urlaubs 1968. Ein sexuelles
Erweckungserlebnis, das sie nicht mehr losließ. 1974 verließ sie ihre
Familie, zog vier Jahre später nach Berlin, lebte erst in Kreuzberg, zog
später nach Charlottenburg, gründete dort ihre „Geni(t)ale Universität“ und
hielt ihre „Märchenstunden“ ab.
## „Schamlose Alte“
Und sie eckte fast überall an, auch bei der Frauenbewegung der 1980er
Jahre. Zu laut war sie, zu viel, zu anders. Als „schamlose Alte“
bezeichnete die Frauenzeitung Courage sie 1983. Der Titel hängt samt
differenzierterem Interview in der Ausstellung. Die Irritationen, die sie
offenbar in diesen Kreisen auslöste, waren auch Thema bei einem Spaziergang
im November im Rahmen des empfehlenswerten Begleitprogramms.
Vor Ort zu sehen ist auch das, was Goetze im Jahr 1973 bekannt machte: die
ARD-Talkshow „Podium“, wo Goetze als aus ihrer Rolle gefallene
Durchschnittsfrau eingeladen war.
Faszinierend ist es, diese Sendung heute, mehr als ein halbes Jahrhundert
später, anzuschauen, nicht nur wegen Goetze, die dort noch brav gekämmt und
zugeknöpft neben weiteren Gästen sitzt und ausführt, warum sie glaubt, dass
sich weibliche Sexualität erst im höheren Alter entfalte oder wie sie sich
eine „Polygamie“ vorstellte, die zu leben „große geistige Reife“ erfordere.
Hinzuschauen lohnt sich auch, weil es solche Sendungen gar nicht mehr gibt,
die Diskussionen in großer Runde Raum und Zeit lassen.
Die Ausstellung nähert sich Helga Goetze von vielen Seiten, auch dem, was
an ihr problematisch war, ihrer Nähe zur Kommune [3][des österreichischen
Aktionskünstlers Otto Muehl] etwa, der 1991 wegen Missbrauchs von
Minderjährigen verurteilt wurde. Stimmen von heutigen Künstler:innen
kommen ebenfalls zu Wort, die sie in aktuelle queerfeministische Diskurse
einzuordnen versuchen. Auch da passt sie freilich nicht wirklich hinein.
23 Nov 2025
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## AUTOREN
(DIR) Beate Scheder
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findet.