# taz.de -- Über migrantische Selbstbehauptung: „Und das geht nur gemeinsam“
> Er rappt gegen Rassismus. Arbeitet mit Jugendlichen. Verortet seine Kunst
> zwischen politischem HipHop und experimentellem Pop: im Gespräch mit
> Shadore.
(IMG) Bild: Rapper Shadore, fotografiert natürlich in Neukölln: „Für mich ist Neukölln ein Bezirk, mit dem ich viel Kraft verbinde“
taz: Shadore, Sie wollen mit Ihrer Musik Widerstand hörbar machen. Was
meinen Sie damit?
Shadore: Widerstand in Bezug auf meine eigene Lebensrealität als
migrantische Person in Deutschland, die Rassismus erfährt. Als Person of
Colour geht es mir in meinen Texten um migrantischen Widerstand in
Deutschland.
taz: Haben Sie Beispiele für migrantischen Widerstand? Etwas, das besonders
prägend für Sie war?
Shadore: Ganz prägend waren der rassistische Anschlag in Hanau und die
daraus entstandene migrantische Bewegung. Der 19. Februar 2020, als ein
Rassist neun Menschen ermordete, war ein Tag, der komplett mein Leben
verändert hat. Vor diesem Tag habe ich natürlich gewusst, was Rassismus ist
und wie er wirkt. Allerdings war mein Verständnis davon immer sehr
moralisch gewesen. Etwas, wofür jeder selbst verantwortlich war, ein
Problem von einzelnen Personen.
taz: Und nach dem Anschlag hat sich das geändert?
Shadore: Nach dem Anschlag setzte bei mir ein Gefühl ein, dass Hanau und
meinen Kiez Neukölln nur der Zufall trennte. Rassistische Gewalt in
Deutschland ist kein Einzelfall. Solingen, Rostock-Lichtenhagen oder Mölln
sind nur einige Beispiele. Trotzdem wird in Deutschland nicht daraus
gelernt. Migrantisches Leben gilt in Deutschland nicht als schützenswert.
Dieser Tag hat mich krass politisiert. Ich saß da und dachte: Hey, das
hätte ich sein können, das hätten meine Friends sein können, meine Familie.
Das erfüllte mich mit sehr viel Wut und Trauer.
taz: Trennt Berlin-Neukölln und Hanau wirklich nur der Zufall?
Shadore: Damit will ich sagen: Es spielt keine Rolle, wo wir in Deutschland
sind oder wer dieser Typ ist, der damals die Waffe geladen hat. Das Problem
ist struktureller Rassismus, den es in Deutschland gibt. Die rassistische
Politik, die gemacht wird, rassistische Berichterstattung. Anschläge wie in
Hanau sind nur die Spitze des Eisbergs. Neukölln ist wie auch Hanau ein
sehr migrantischer Ort.
taz: Wie würden Sie Neukölln beschreiben?
Shadore: Die meisten kennen Neukölln leider nur als migrantischen
Problembezirk. Auch schon vor dem 7. Oktober waren staatliche Repression,
Polizeigewalt, Racial Profiling, Kriminalisierung und viel Polizei und viel
Repression in Bezug auf Palästinasolidarität Alltag in Neukölln. Medial
wird der Stadtteil rassistisch aufgeladen.
taz: Das war ja alles nur sehr negativ …
Shadore: … ja, eigentlich ist Neukölln total vielschichtig! Für mich ist
Neukölln ein Bezirk, mit dem ich unglaublich viel Kraft verbinde,
unglaublich viel migrantischen Widerstand. Der deutsche Staat trägt dazu
bei, unsere Heimatländer zu unterdrücken. Teil davon ist auch,
migrantisches Leben hier zu unterdrücken. Ich bin in Neukölln groß
geworden, und was ich beobachte, ist: Die Menschen nehmen das nicht hin …
Viele Familien, die aus ihren Heimatländern flüchten mussten aufgrund von
Gewalt und Krieg, kommen hier an und müssen den ganzen Tag ackern, um ihr
Brot zu verdienen, ihre Miete zu verdienen. Und trotzdem gehen sie auf die
Straße gegen Genozide, rassistische Politik, Unterdrückung; für ein Leben
in Würde und in Sicherheit für die Jugend – viele junge Menschen sind auf
der Straße in Neukölln –, für ein gerechtes Leben. Das finde ich megakrass
zu sehen, und das gibt mir ganz, ganz viel Kraft. Das ist etwas, was mich
Tag für Tag politisiert. Und es sorgt dafür, dass ich mich dort sehr zu
Hause fühle.
taz: Sie rappen nicht nur, sondern sind auch in der Jugendarbeit tätig. Und
verbinden dort Rap, Politik und soziale Arbeit. Wie sieht das genau aus?
Shadore: Ich bin per Quereinstieg in die Jugendarbeit gekommen und gestalte
politische Kulturprojekte in den verschiedensten Jugendzentren Berlins.
Dort biete ich Rap- und Musikworkshops an, in denen ich versuche, Musik und
Politik zu verbinden. Die Jugend hat sehr viel zu sagen und wird
gleichzeitig megastark von Politik und Gesellschaft ignoriert. Der Großteil
der Jugendlichen, mit denen ich arbeite, ist migrantisch. Vor ihren
Lebensrealitäten habe ich krassen Respekt und Ehrfurcht.
taz: Was ist es genau, was Sie so ehrfürchtig sein lässt?
Shadore: Heutzutage jugendlich sein zu müssen! In runtergerockten Schulen
sitzen, überarbeitete Lehrer:innen, die sie anschreien, dann nach der
Schule ins gekürzte oder eigentlich fast schon geschlossene Jugendzentrum
gehen, durch den Kiez laufen und krass kriminalisiert werden. Von der
Politik im Stich gelassen, Polizeigewalt zu erfahren und von der Polizei
bedroht zu werden. Und natürlich lesen sie all die Nachrichten von den
Jugendlichen, die von der Polizei erschossen werden. Letztes Jahr Lorenz
aus Oldenburg, er war nur 21 Jahre alt. 2022 Mohamed Lamine Dramé, er war
gerade mal 16.
taz: Sie waren ja auch selbst mal ein migrantischer Jugendlicher, hatten
Sie da je Angst?
Shadore: In der Zeit, als ich 16, 17, 18 war und man dieses Gefühl einfach
hatte von „Ey! Dieses Land interessiert sich nicht für deine Perspektive“.
Die Jugendlichen sehen diese Nachrichten, und sie fragen sich berechtigt:
Bin ich in diesem Land sicher? Dann kommen noch andere Sachen dazu wie das
Wehrdienstgesetz. Die Politik schickt die Jugendlichen mit 18 an die Waffe.
Nach dem Motto: Ihr braucht keine gute Schulbildung, und ihr braucht auch
kein Jugendzentrum, keine soziale Arbeit; wenn ihr nicht von Rassisten wie
in Hanau erschossen werdet oder von der Polizei wie in Oldenburg, dann
sterbt ihr halt fürs „Vaterland“ an der Front mit 18.
taz: Finden Sie das nicht ein bisschen hart?
Shadore: Das ist die Realität von Jugendlichen in Deutschland heute. Das
ist das, was sie uns berichten. Wir wollen versuchen, einen Raum zu
schaffen, wo das hörbar gemacht werden kann. Und auch einen Austauschraum.
Die Jugendlichen haben voll viel zu sagen. Die wissen, eigentlich gehört
ihnen die Zukunft, und die sind zu Recht wütend, dass ihnen diese
weggenommen wird.
taz: Und da helfen Sie mit Rap?
Shadore: Musik und Rap ist eine Art oder eine Methode, mit der die
Jugendlichen gut Dinge in Worte fassen und sich ausdrücken können. Das
nutzen wir, damit die Jugendlichen sich so den Space, ihre Stadt, aber auch
so ein bisschen Gehör verschaffen können.
taz: Kommen wir zu Ihrer eigenen Musik.
Shadore: Meine Musik hat tatsächlich auch in diesem Rahmen angefangen. Nach
dem Anschlag in Hanau, direkt am Tag danach, habe ich das erste Mal einen
Text geschrieben, meinen ersten Song „20.02.“ – dieser Tag ist tatsächlich
mein Geburtstag –, der von dem Anschlag und meiner Trauer und Wut auf
Gesellschaft und Politik und der Frage nach der Verantwortung handelt. So
hat meine Musik angefangen. Die Musik ist der Ort, wo ich einen Ausdruck
für all die Gefühle, den Rassismus und das, was dieser Alltag mit mir
macht, finde.
taz: Haben Sie davor noch nie Musik gemacht?
Shadore: Doch! Davor habe ich auch ein bisschen Musik gemacht. Aber die war
nicht so politisch. Ich erkannte, dass ich künstlerische Räume politisieren
möchte. Dabei versuche ich natürlich aus meiner Erfahrung zu schöpfen. In
meiner Musik sollen aber auch andere politische Kämpfe einen Platz finden.
taz: Sie haben mehrmals erwähnt, dass ihre Musik explizit politisch sein
soll. Aber Hanau ist ja nicht Ihre einzige Quelle der Inspiration. Kommen
andere Inspirationen durch Nachrichten oder eigene Erfahrungen?
Shadore: Ausgangspunkt meiner Texte sind immer meine eigenen Erfahrungen
und die Gegebenheiten um mich herum. So auch in Bezug auf Rassismus. Es ist
ein eigenes Verhandeln für mich selbst, aber auch, wie ich politisch darauf
schaue.
taz: Gibt Ihnen Neukölln auch Inspiration?
Shadore: Ja, absolut! Meine Musik ist politisch, weil unser aller Leben
politisch ist. Und damit eben auch mein Leben in Neukölln. Wenn ich das
Haus verlasse, sehe ich, wie gentrifiziert unser Stadtteil ist. Ich sehe,
wie der Laden, wo ich als Kind mit meinen Friends Süßigkeiten gekauft habe,
nicht mehr da ist. Die Bar, in der ich seit zwölf Jahren gearbeitet habe,
muss in ein paar Monaten aufgrund von Gentrifizierung schließen. Ich fahre
zur Arbeit an vier Jugendzentren vorbei, die ich als Jugendlicher besucht
habe, die es nicht mehr gibt. Die Jugendlichen, die aus aller Welt kommen,
aus Palästina, aus Kurdistan, aus Mexiko, aus der Ukraine, sitzen in
Neukölln zusammen und teilen alle unterschiedliche Geschichten. Aber
irgendwie auch immer dieselbe Geschichte von Unterdrückung, Vertreibung,
Rassismus. Privates und Politisches lässt sich in Neukölln nicht trennen.
taz: Was ist denn mit ihrem eigenen familiären Hintergrund?
Shadore: Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen. Ein Teil meiner
Familiengeschichte kommt aus Nord- und Mittelamerika, als Native Americans
und Native Mexikaner:innen, dazu kommt auch jüdische Familiengeschichte aus
Europa. Hier in Berlin bin ich relativ abgekapselt von diesen
Familiengeschichten groß geworden, in kultureller Hinsicht. Wenn mich
jemand fragt, woher ich komme, sag ich Berlin oder direkt Neukölln.
taz: In Deutschland wird man ja immer gefragt: „Woher kommst du?“
Shadore: Meiner Erfahrung nach kann man eigentlich keine Antwort geben, die
zufriedenstellend ist. Denn es wird nicht gefragt, woher du kommst,
sondern: Warum siehst du so aus, wie du aussieht. Das hat lange was mit
meiner Identität gemacht. Ich dachte immer, Heimat wäre für mich im Land
meiner Vorfahren, aber tatsächlich ist sie hier in Neukölln vor Ort mit
meinen palästinensischen, kurdischen, chilenischen und venezolanischen
Friends, die alle nicht mehr in den Ländern ihrer Vorfahren leben. Wir alle
haben denselben Struggle und identifizieren uns am ehesten mit
solidarischem Widerstand aus diesen Regionen!
taz: Welche Struggels sind das?
Shadore: Meine Vorfahren haben Jahrhunderte des Rassismus, der
Unterdrückung, des Genozids überlebt. Das ist nichts, worauf man mit
Mitleid blicken sollte, sondern mit Ehrfurcht, Respekt und Kraft. In meinen
Songs setze ich mich auch mit meiner Familiengeschichte auseinander. Und
damit auch mit der Widerstandsgeschichte des Kolonialismus und Rassismus.
Mit der Musik schaffe ich es auch, mich und meine Tradition besser zu
verstehen.
taz: Welchen Teil der Familie meinen Sie, wenn Sie „Tradition“ sagen?
Shadore: Beide! Denn beide Teile der Familie haben diese Ereignisse
überlebt. Ich verstehe mich selbst, meinen Alltag und halt auch meine Musik
so ein bisschen in der Tradition von diesem Widerstand. Und ich versuche
diese Widerstandsgeschichten mit den aktuellen in Neukölln zu verbinden.
Ich schaffe zum Beispiel im Song „Sommermärchen“ eine Verbindung vom Heute
ins Jahr 1492, als die Europäer nach Amerika gefahren sind und so der
Kolonialismus startete und ganz viele Genozide auf dem Kontinent
passierten.
taz: Können Sie etwas anschaulicher erklären, wie Ihre Arbeit mit den
Jugendlichen aussieht?
Shadore: Ich mache Schreibworkshops mit ihnen. Das heißt, ich versuche
einen Raum zu schaffen, in dem ich mit Jugendlichen einfach über die Themen
rede, die sie beschäftigen. Die Themen reichen von Stress in der Schule bis
hin zu Ängsten um die Familie in den Heimatländern. Erst reden wir darüber,
dann fangen wir an, es aufzuschreiben in Raptexten und nehmen sie auf.
taz: Und die Jugendzentren haben die technische Ausstattung dafür?
Shadore: In den Jugendzentren, in denen ich arbeite, gibt es ein Studio, wo
aufgenommen werden kann. Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, einmal die
Woche zu kommen, das nutzen manche im mal mehr, mal weniger großen Rahmen.
Manchmal organisieren wir auch Konzerte für die Kids, wo sie auftreten
können, oder Festivals zu bestimmten Themen. Ab und zu findet das auch im
Rahmen von Projektwochen statt, beispielsweise der Aktionswoche gegen
Rassismus.
taz: Bei dem Wort „schreiben“ werden jetzt vielleicht manche hellhörig.
Jugendliche schreiben ja schon sehr viel in der Schule. Haben sie danach
noch Lust, kreative Texte zu schreiben?
Shadore: Also es ist ja offene Kinder- und Jugendarbeit. Das heißt, die
Jugendlichen können sich entscheiden, ob sie hingehen oder nicht. Man darf
nicht vergessen, Rap und HipHop sind ein ganz großer Bestandteil von ihrem
Leben. Am Ende könnte man meinen Job so beschreiben: Ich hänge mit
Jugendlichen ab, und wir unterhalten uns über Themen, die uns
interessieren. Anschließend helfe ich ihnen, die Worte, die sie gefunden
haben, in Reime zu bringen und rhythmisch in ein Mikrofon zu sprechen. Das
Interesse ist einfach voll da. Gerade, weil es nicht im schulischen Kontext
stattfindet, sondern in einem Rahmen, in dem sie einfach über das reden
können, was sie wirklich beschäftigt; dafür ist im Jugendzentrum Platz.
taz: Man merkt, dass Sie eine große Begeisterung für Jugendzentren haben.
Shadore: Für mich ist das Jugendzentrum einer der wichtigsten Orte in der
Stadt. Dort kommen Jugendliche aus dem ganzen Kiez zusammen. Das ist der
Ort, wo sich auch Familien begegnen. Man redet über die ganz normalen
Probleme, die Familien oder die Kinder zu Hause haben. Gleichzeitig können
sie über ihre Sorgen und Ängste sprechen, bekommen dort vielleicht auch
Input, können sich politisch austauschen. Jugendzentren sind Orte, die
politisch total unterschätzt werden und auch von Linken tatsächlich
unterschätzt werden als revolutionäre Orte.
taz: Sind Sie selbst früher auch ins Jugendzentrum gegangen?
Shadore: Genau! Mein Bezug zur Jugendarbeit ist, dass ich selbst als
Jugendlicher zur Musik gefunden habe. Das war in einem sehr coolen
Jugendzentrum. Dort hatte ich das Glück gehabt, einen sehr engagierten
Sozialarbeiter zu treffen, der uns krass unterstützt hat, Musik zu machen.
Ich hatte die Möglichkeit, im Café Albrecht in Tempelhof im Keller dreimal
die Woche Schlagzeug spielen zu können und mich so kulturell zu bilden. Es
reicht ein Sozialarbeiter, der sagt: Hey, ich nehme mir ein bisschen mehr
Zeit, um mit dir zu quatschen! Der auch, wenn man mal keinen Bock hat oder
sich Wochen oder Monate nicht blicken lässt, einfach mal durchruft und
fragt: Wie geht es dir, wann kommst du denn nächstes Mal vorbei? Das kann
einen großen Unterschied machen in der Phase der Selbstfindung. Darüber
hinaus ist die Möglichkeiten nicht zu unterschätzen, zu gucken: Was kann
mir überhaupt gefallen, was kann mir wichtig sein im Leben, was möchte ich
später mal machen?
taz: Gibt es Forderungen, die Sie an die Politik haben?
Shadore: Das System und die Politik, wie sie aktuell existieren, sind
meiner Meinung nach nicht dafür gemacht, Probleme zu beseitigen, sondern
haben eigentlich die Funktion, Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Daher
finde ich Forderungen formulieren schwierig. Viel eher würde ich mir
wünschen, dass Menschen sich in ihren Kiezen organisieren. Wenn ich mir
anschaue, wie die Jugendlichen aufeinander aufpassen und ihre eigenen
Strukturen schaffen: dass sie sich Orte suchen wie Jugendzentren, sich dort
treffen und versuchen, für die Schule zu lernen, weil sie in der Schule
einfach nicht genug gefördert werden. Selbstorganisation in der Community
ist, aus der Erfahrung heraus, am effektivsten. Wenn wir nach Hanau gucken:
Selbstschutz und Gerechtigkeit ist etwas, das wir uns selber erkämpfen
müssen. Und das geht nur gemeinsam.
9 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Raweel Nasir
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