# taz.de -- Krankenpfleger über seinen Beruf: „Es hat mich geerdet“
> Amadeus von der Oelsnitz versorgt in Hamburg Drogenkranke und arbeitet
> daneben für Ärzte ohne Grenzen. Und er freut sich schon auch über
> Dankbarkeit.
(IMG) Bild: „Es gibt Leute, die sagen: Hast du ein Helfersyndrom?“: Amadeus von der Oelsnitz an seinem Arbeitsplatz im Drob Inn
taz: Wie sind Sie zur Krankenpflege gekommen, Herr von der Oelsnitz?
Amadeus von der Oelsnitz: Ich habe in Hamburg Politikwissenschaft studiert,
als eine gute Freundin von mir gestorben ist. Ihre letzten Wochen und
Monate haben wir als Freundesgruppe an ihrem Bett verbracht. Danach habe
ich mein Studium abgebrochen, sehr zum Leidwesen meines Vaters, der
Kinderchirurg war, und beschlossen, Krankenpfleger zu werden. Und von dem
Tag an habe ich eigentlich immer mit Menschen gearbeitet, die am Rand der
Gesellschaft stehen.
taz: Wer war das?
Von der Oelsnitz: Ich habe in der ambulanten HIV-Pflege angefangen, zu
einer Zeit, in der es keine HIV-Medikamente gab. Das heißt, alle meine
Patienten starben irgendwann und die meisten waren jung, viele
Drogensüchtige, viele homophile junge Männer. Inzwischen bin ich seit 29
Jahren in der Drogenhilfe.
taz: Wie war die Umstellung von der Theorie der Politikwissenschaft auf die
Praxis der Krankenpflege für Sie?
Von der Oelsnitz: Es war gut, es hat mich geerdet. Und es war auch an der
Zeit. Ich war Ende 20 und habe das Studium nicht so konsequent betrieben,
wie man es hätte machen können. Aber es war schon eine Umstellung, morgens
um 5.30 Uhr zur Arbeit zu fahren und dort 36 Betten zu machen, während
meine Wohngemeinschaft noch in der Küche saß von der Nacht vorher. Ich
wurde da gefordert und von der Oberschwester anders behandelt als von den
Professoren vorher, der Ton war manchmal sehr scharf.
taz: Ich stelle mir vor, dass man sich als Krankenpfleger mit der Erwartung
aufmacht, heilen zu können. Aber Sie haben begonnen mit der Erfahrung, dass
Ihre Freundin starb und im Anschluss auch viele Ihrer Patientinnen und
Patienten starben.
Von der Oelsnitz: Ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht, dass da
niemand geheilt werden kann. Aber ich glaube, dass das Lindern und
Begleiten eine gute Arbeit ist. Es ist eine dankbare Aufgabe, obwohl oder
gerade weil man weiß, dass sie im günstigsten Falle zu einem würdevollen
und schmerzensärmeren, erträglichen Ende führt.
taz: Warum haben Sie die Arbeit mit den HIV-Patienten beendet?
Von der Oelsnitz: Nach drei Jahren war ich mit der Morbidität ein bisschen
durch, ich wollte etwas Lebensbejahendes. Wobei die Arbeit mit Junkies in
Harburg auch nicht so wahnsinnig lebensbejahend war. Aber im Abrigado – das
ist eine Drogenberatungsstelle mit Konsumraum – arbeitete man
interdisziplinärer und gab sich eher linksliberal. Ich fand es damals und
auch heute im [1][Drob Inn, wo ich inzwischen arbeite], wichtig, dass man
den Anspruch hat, das Problem gesellschaftskritisch zu betrachten.
taz: Das ist jetzt sehr pauschal gefragt, trotzdem: Interessiert Sie eher
das Medizinische oder das Soziale an Ihrer Arbeit?
Von der Oeslnitz: Die Drogenmedizin finde ich interessant, weil sie so
viele verschiedene Facetten hat: chirurgisch-septische Behandlungen, es
gibt Notfallsituationen und Überdosierungen. Aber es gibt auch ganz viele
soziale Fragen. Man muss mit dieser Klientel zurechtkommen, das sind Leute,
die aufgrund ihrer Suchterkrankung und ihrer Lebensumstände auch mal
schwierig sind.
taz: Sie haben einmal gesagt, dass viele der Menschen, die hierher kommen,
nicht wartezimmerfähig seien. Warum nicht?
Von der Oelsnitz: Viele unserer Klientinnen und Klienten leben draußen,
duschen selten und haben keine Kleidung zum Wechseln. Es ist schwierig,
wenn Leute unter Drogeneinfluss stehen, viele haben eine Doppeldiagnose
Sucht und Psychose. Die sind in einem Wartezimmer in einer normalen Praxis
nicht immer gut aufgehoben. Die große Mehrheit ist nicht krankenversichert
und kann sowieso nicht in eine normale Praxis gehen, weil der Arzt oder die
Ärztin sie nicht abrechnen kann.
taz: Ich stelle mir vor, dass sie oft schwer krank sind.
Von der Oelnitz: Oh ja, man muss sich das so vorstellen: Du lebst da
draußen und schläfst unter einer Brücke. Du ernährst dich nicht vernünftig,
weil du Kokainprodukte und andere Drogen zu dir nimmst und keinen Bedarf
hast, zu essen und auch kein Geld dafür. Du hast Infektionserkrankungen,
HIV, Hepatitis C, vor allem hast du Wunden. Und zudem bist du noch
suchtkrank. Das ist eine schwere Erkrankung, an der sie und wir arbeiten.
Aber das ist nicht einfach.
taz: Haben die Leute das Bedürfnis, Ihnen etwas von sich zu erzählen?
Von der Oelsnitz: Sie erzählen viel. Sie haben ja auch Vertrauen zu uns und
das ist wichtig. Sie wissen, was sie erwarten können: zugewandte,
professionelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie wissen aber auch, dass
sie uns nicht zu belügen brauchen, wir wissen, wie Sucht läuft. Der Ton ist
manchmal schon deutlich, aber es ist eine emphathische Deutlichkeit.
taz: Müssen Sie sich manchmal überwinden, den Menschen so nahe zu kommen,
wenn sie sich lange nicht waschen konnten oder Parasiten haben?
Von der Oelsnitz: Manchmal wollen die Sozialpädagoginnen und
Sozialpädagogen nicht an unserem Medizintrakt vorbeigehen, weil es so stark
riecht. Es kommen Leute und tragen noch den Verband von vor sechs Wochen
und darunter Maden in den Wunden, das ist manchmal schon extrem. Aber es
ist unser Job, damit umzugehen und das schockt mich nicht.
taz: War das denn schon immer so?
Von der Oelsnitz: Die Gewöhnung wächst mit den Jahren der Arbeit. Ich
arbeite jetzt seit Jahrzehnten in der Drogenhilfe. Manchmal ist der Zustand
der Leute so schrecklich, ihre Wohnsituation, ihre körperliche Konstitution
sind so entsetzlich, dass mich das sehr berührt. Das verschwindet nicht,
und das soll es auch nicht.
taz: Ist auch ein Stück Über-Ich oder preußisches Pflichtbewusstsein dabei,
dass Sie diese Arbeit so lange machen?
Von der Oelsnitz: Ich liebe Pünktlichkeit. Da bin ich so ein bisschen alte
Schule. Aber ich mache meinen Beruf einfach gern. Von der Hilfe, die man
leisten kann, kommt ja auch etwas zurück, sei es Dankbarkeit oder eben
Undankbarkeit. Und man erlebt hier viel. Es gibt Routinetage, da kommen
Heinz und Murat zum Verbandswechsel. Aber es gibt auch Tage, an denen es
hier ein Hexenkessel ist und alle zusammen als Team gut aufpassen müssen,
dass es gut läuft.
taz: Wie sehr sind Sie auf Dankbarkeit oder zumindest auf Herzlichkeit
angewiesen?
Von der Oelsnitz: Ich mag diese hamburgische norddeutsche Herzlichkeit, die
so ein bisschen rough ist. So bin ich auch. Aber natürlich freue ich mich
über Dankbarkeit. Wir haben einige Menschen mit Migrationshintergrund bei
uns, die in verschiedenen Sprachen Dank ausdrücken und das manchmal sehr
berührend tun.
taz: Inwiefern berührend?
Von der Oelsnitz: Manchmal spricht jemand Farsi mit mir, obwohl ich es
nicht verstehe. Die Person sagt etwas, guckt mich dabei an und verbeugt
sich. Das finde ich freundlich und berührend. Manchmal sage ich aber auch
meinen Patientinnen und Patienten, dass sie ruhig Danke und Bitte für einen
Kaffee sagen können. Nun kommt dazu, dass bei meiner Arbeit für Ärzte ohne
Grenzen die Dankbarkeit in anderen Kulturkontexten ganz anders gezeigt wird
als in meiner Form von Danke und Bitte.
taz: Hätten Sie ein Beispiel?
Von der Oelsnitz: Ich habe im Kongo bei einer Malariaintervention
gearbeitet und in den ersten Tagen starben 50 Prozent der Kinder, die
kamen. Das haben wir zum Glück ändern können. Aber das waren die ersten
Tage und es ist mir sehr nahe gegangen, zumal ich damals selber ein kleines
Kind hatte. Einmal habe ich im Krankenhaus geweint, weil es mir echt
dreckig ging, und es kam ein kongolesischer Arzt zu mir. Er hat sich
einfach nur neben mich gestellt. Er hat mich nicht in den Arm genommen oder
mir auf den Rücken geklopft, wie Männer in Deutschland das vielleicht
machen würden. Er hat einfach nur da gestanden und gewartet, bis ich fertig
war mit meinen Tränen. Es hat lange gebraucht, bis ich verstanden habe,
dass das seine Form des Mitgefühls war.
taz: Mein Eindruck – vielleicht ein Klischee – ist, dass viele Menschen,
die sich bei Ärzte ohne Grenzen engagieren, das aus dem Gefühl heraus tun,
dass ihre Patientinnen und Patienten hier sehr viel besser versorgt sind
als die in den Krisengebieten dieser Welt. Wenn ich Sie von Ihren sprechen
höre, klingt das nicht nach einem so großen Gefälle.
Von der Oelsnitz: Meine Triebfeder war, dass ich noch mal Medizin machen
wollte in einem anderen Kontext dieser Welt. Das hat mir dann immer wieder
vor Augen geführt, wie unendlich gut es uns hier geht und dass es auch für
meine Klientel immer eine Chance gibt. Aber für Leute in Sudan [2][und in
Gaza] gibt es eigentlich kaum Chancen.
taz: Was ist größer: der Dank, dass es all das hier gibt oder der Zorn,
dass andere diese Versorgung nicht haben?
Von der Oelsnitz: Ich habe ein bisschen meinen Frieden mit diesem Land
gemacht – den hatte ich früher nicht unbedingt. Meine politischen
Aktivitäten in der [3][Hafenstraße und der Roten Flora] haben mal eine
andere Sprache gesprochen. Mein zweiter Gedanke ist, dass diese
Unterversorgung in den Einsatzgebieten mit Ärzte ohne Grenzen ein Politikum
ist. Die Menschen in Gaza und Sudan sind nicht unterversorgt, weil sie zu
doof wären, Krankenhäuser zu bauen, sondern, weil wir in der nördlichen
Hemisphäre Gewinne aus dem Krieg ziehen. Da kann man natürlich wütend sein.
Aber ich kann mich in meinen Einsätzen mit Ärzten ohne Grenzen nicht lange
aufhalten mit Wut, sondern mein Auftrag ist, wie irrsinnig zu arbeiten, um
zumindest die gesundheitliche Situation der Menschen zu verbessern.
taz: Spielt Adrenalin bei der Arbeit eine Rolle?
Von der Oelsnitz: Mein letzter Einsatz für Ärzte ohne Grenzen war auf
Haiti. Da mischte sich eine gewisse Gefährdung mit einem enormen
Arbeitseinsatz und dem Bedarf, sich in möglichst kurzer Zeit einzuarbeiten
im Bereich Trauma und Verbrennung. Wir hatten 500 Leute Personal und fast
100 Betten – da kann man sich vorstellen, was da für ein Adrenalin drin
ist, was für ein Beef. Da ist Anforderung an mich selber, an alle, die da
arbeiten.
taz: Brauchen Sie einen Ausgleich zu dieser Arbeit?
Von der Oelsnitz: Ich freue mich über meine Familie, über Menschen um mich
herum. Ich koche gerne, ich esse gerne. Ich freue mich über Wärme im Sommer
zum Baden. Manchmal bin ich schon erschöpft und schlafe schlecht. Nachts
fallen mir immer Sachen ein, die ich noch hätte erledigen können oder bei
denen ich denke: Das darf ich nicht vergessen, das muss ich mit den
Kolleginnen und Kollegen noch besprechen. Bei den Auslandseinsätzen schlafe
ich um 21 Uhr fast im Stehen ein und wache um 4 Uhr wieder auf.
taz: Und dann?
Von der Oelsnitz: Dann war’s das mit der Nacht und ich fange ein bisschen
an zu arbeiten.
taz: Das klingt für mich nach dem klassischem Arbeitsethos. Wie verträgt
sich das eigentlich mit dem alten Linken in Ihnen?
Von der Oelnitz: Ehrlich gesagt war die autonome Linke in den 80er, 90er
Jahren in meiner Erinnerung ziemlich streng. Ich erinnere zum Beispiel,
dass es auf den Demos früher total verboten war, Alkohol zu trinken. Ich
war lange in der Sani-Gruppe, die Leute deshalb aus den Demos rausholte,
und die Punks mussten immer hinten gehen, weil sie besoffen waren. Manchmal
klinge ich ziemlich preußisch, wenn ich mit jüngeren Kolleginnen und
Kollegen spreche.
taz: Inwiefern?
Von der Oelsnitz: Wenn es um Work-Life-Balance geht, dann sage ich: Du
arbeitest hier für Menschen, denen es enorm dreckig geht. Und du hast das
unverschämte Glück, nicht bei Lidl an der Kasse sitzen zu müssen, wie so
viele, weil ihr Schulabschluss schlecht war, weil sie keine andere Chance
haben. Also enjoy bitte ein bisschen diesen Arbeitsplatz, weil du sinnvolle
Arbeit hast und das ist toll und manchmal auch anstrengend, brutal und
eklig. Dafür hast du ihn ausgesucht.
taz: Wie ist eigentlich die Rückmeldung von außen auf Ihre Arbeit?
Von der Oelsnitz: Es gibt Leute, die sagen: Hast du ein Helfersyndrom? Mit
meiner Frau diskutiere ich auch manchmal. Sie sagt: Du wirst in Stücke
geschossen, aber du stirbst als Held, und wir bleiben hier alleine. Oder
Freunde, die sagen: Amadeus, ganz ehrlich: Du bist schon beim Drob Inn, was
willst du noch? So ein bisschen im Mittelmeer retten? So ein Einsatzangebot
hatte ich auch schon, das hat aber nicht geklappt und ich war ganz froh
darüber. Aber es gibt auch welche, die sagen: Toll. Und das tut gut.
1 Apr 2026
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