# taz.de -- Sozialpädagogin über Sorgerecht: „Richter haben von Tuten und Blasen oft keine Ahnung“
> Die Görlitzer Sozialpädagogin Carola Wilcke hat die „Löwenmamas“
> gegründet. Das Netzwerk hilft Frauen, ihre Kinder zurückzubekommen.
(IMG) Bild: Carola Wilcke im Stadtpark von Görlitz
taz: Frau Wilcke, Sie sind Gründerin der „Löwenmamas“. Was ist das?
Carola Wilcke: Die Löwenmamas sind eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die
in der Mehrzahl Probleme am Familiengericht und mit den Jugendämtern haben,
weil sie eine hoch strittige Elterntrennung erleben.
taz: Haben Sie selbst so eine Trennung erlebt?
Wilcke: Ja. Ich habe Partnerschaftsgewalt erlebt und verbrachte nach meiner
Trennung fünf Jahre am Familiengericht.
taz: Worum ging es da? Wollte Ihr Partner sich nicht trennen?
Wilcke: Doch, das klappte prima. Aber danach muss man ja das Umgangs- und
Sorgerecht regeln. Da geht der Machtkampf weiter.
taz: Wie kam die Idee, eine Selbsthilfegruppe zu gründen?
Wilcke: Ich merkte, dass es beim Familiengericht nicht immer ums Kindeswohl
geht. Ich hatte ein Idealbild von unserem Rechtsstaat. Und jetzt komme ich
dahin und dort wird mit Gewalt gearbeitet, gegen Kinder, gegen Eltern, mit
Drohungen, mit Zwangspsychiatrie, mit Gefängnisstrafen. Hätte mir das
jemand vorher erzählt, ich hätte es nicht geglaubt.
taz: Die Löwenmamas haben Sie auf Facebook gegründet.
Wilcke: Ja. In einem Anfall von Wut. Ich versuche, Wut in etwas Produktives
zu wandeln. Es ist ja relativ simpel, eine Gruppe zu eröffnen auf Facebook.
taz: Wie sind Sie vorgegangen?
Wilcke: Ich war schon vorher bei der „Mütterlobby“ und kannte Frauen, die
mit ähnlichen Problemen kämpften. Die sprach ich an, ob sie Lust haben, in
eine Selbsthilfegruppe zu kommen. Nach einem Monat waren wir schon 100
Frauen und jede kannte wieder eine andere. Das lief wie bei einem
Schneeballsystem. Ich hatte mir auch viel Fachliteratur besorgt und konnte
mein Wissen teilen.
taz: Es wurden später tausend. Wie haben Sie da den Überblick behalten?
Wilcke: Zum Höhepunkt waren es sogar fast 5.000 Frauen. Da waren wir noch
öffentlich sichtbar. Aber dann schlichen sich auch Väterrechtler ein. Da
schaltete ich die Gruppe auf unsichtbar um. Also heute kann nur rein, wenn
einen jemand zufügt. Das bringt für die Frauen mehr Sicherheit. Wir
tauschen dort auch Tipps aus. Erstellen Listen mit Empfehlungen, welcher
Anwalt für die Mandanten auch kämpft.
taz: Waren die Löwenmamas das Pendant zum Väter-Notruf?
Wilcke: Also, als ich 2015 die Löwenmamas gründete, gab es etwa 150
Väter-Vereine und nur fünf Mütter-Vereine. Das zeigte die Schieflage. Die
Mütter brauchten eine Plattform. Denn während die Frauen für Lobbyarbeit zu
sehr durch Care-Arbeit belastet waren, hat die Väter-Lobby ganze Gesetze
durchgesetzt. Sie war clever und hatte finanziell und zeitlich ganz andere
Ressourcen als die alleinerziehenden Mütter. Deshalb haben wir dann auch
für die politische Arbeit die MIAs gegründet, die „Mütterinitiative für
Alleinerziehende“, um auch Einfluss zu nehmen.
taz: Kostete Sie all das nicht irre viel Zeit?
Wilcke: Es ist mein Hobby geworden. Andere Frauen gehen zum Sport oder
feiern. Für mich gab es in meiner Freizeit nur die Löwenmamas. Es ist meine
Leidenschaft mit viel Sinnhaftigkeit.
taz: Was ist denn Ihr Beruf?
Wilcke: Ich war Journalistin beim Radio und der Zeitung, organisierte
parallel dazu Kleinkunst-Veranstaltungen. Also Kabarett, Konzerte, Lesungen
in der Oberlausitz.
taz: Aber dann haben Sie noch mal studiert?
Wilcke: Ja. Zur Coronazeit ging meine Veranstaltungsfirma den Bach runter.
Ich war 45, hatte noch 20 Jahre bis zur Rente und wollte Erzieherin werden.
Aber dafür galt ich als studierte Journalistin als überqualifiziert.
Zufällig haben wir hier in Görlitz eine Hochschule für Sozialpädagogik. Ich
traute mir ein Studium eigentlich nicht noch mal zu. Aber ich wagte es dann
doch. Als Älteste behandelten die Dozenten mich anders, aber ich fühlte
mich wohl.
taz: Und als Sozialpädagogin machten Sie Ihr Ehrenamt zum Job?
Wilcke: Ich hatte bei den Löwenmamas schon immer viele Mütter beraten. Nach
dem Abendbrot um 19 Uhr klingelte mein Telefon bis 23 Uhr unaufhörlich und
ich führte vier bis fünf Gespräche. Also der Bedarf war groß und ich hatte
einiges Fachwissen. Da kam ich an den Punkt zu sagen, ich nehme ein
Honorar. Das fiel mir schwer, weil ich immer den Solidargedanken lebte. Mir
hatten früher andere Mamas geholfen, das wollte ich weitergeben.
taz: Wie viel nehmen Sie denn?
Wilcke: Einen Euro pro Minute. Das rechnen wir im Nachhinein ab.
taz: Davon können Sie leben?
Wilcke: Ganz locker, weil es so viel Bedarf gibt. Aber ich habe ja noch
einen anderen Beruf. Ich habe eine Erziehungsstelle und betreue
Pflegekinder.
taz: Was ist denn das größte Problem am Familiengericht?
Wilcke: Dass dort vorne oft ein Richter sitzt, der Macht ausüben will und
von Tuten und Blasen keine Ahnung hat.
taz: Sie üben mit Müttern sogar Schauspielerei?
Wilcke: Ja. Es geht bei Gericht nur darum, den Richter glücklich zu machen.
Wen der Richter nett findet, der verlässt als Gewinner den Saal. Ich muss
mich als Mutter so gut wie möglich präsentieren: kooperativ, nicht
streitsüchtig, die Kinder immer im Fokus, lieb und nett. Also so ein ganz
weicher Typ Mensch.
taz: Das übt man im Theaterspiel?
Wilcke: Ja, ja. Ich sage das, weil ich selber anfangs die harte Kämpferin
war. So eine Mutter mögen die am Familiengericht überhaupt nicht.
Emotionalität kommt nicht gut an.
taz: Geben Sie denn Unterricht?
Wilcke: Ich habe eine Kollegin, die ist darauf spezialisiert. Aber ich
mache das auch. Der extremste Fall war eine gepiercte Tätowiererin. Aus der
machte ich eine Barbie, extrem was anderes. Der Klassiker ist ja, man zeigt
mit dem Finger auf den anderen Elternteil und sagt, was der falsch macht.
Davon müssen die Mütter weg.
taz: Klingt kompliziert.
Wilcke: Man muss die eigene Kompetenz darstellen. Was man alles Tolles für
das Kind tut. Und, dass man eigene Fehler einräumen kann. Und wenn man vom
Kind spricht, von „unserem Kind“. Sie müssen ein bestimmtes Wording nutzen.
Wir simulieren auch die Begutachtungen, gehen die Testverfahren durch,
damit die Mutter nicht in eine Falle tappt. Oder wenn der
Verfahrensbeistand des Kindes zum Hausbesuch kommt, sage ich den Mamas
immer: Habt eine Tasse Kaffee bereit, vielleicht ein paar Kekse. Das spielt
eine Rolle. Wie sympathisch zeige ich mich? Das kann man üben. Für manche
ist das echt hart, ihre kämpferische Rolle zu verlassen.
taz: Was spricht denn gegen eine Tätowiererin als Mutter?
Wilcke: Für mich nichts. Aber viele Richter denken in Schubladen und
versenken die Mütter darin. Warum wird ein Mensch Richter? Er möchte
bestimmen, was andere Menschen tun und lassen.
taz: Wie erfolgreich ist dieser charmante Diplomatie-Modus?
Wilcke: Recht erfolgreich. Ich brauche dazu auch eine Bereitschaft von den
Frauen, dass sie darauf vertrauen, dass das richtig ist. Etwa 20 Prozent
sind festgefahren in diesem Kampfmodus und schaffen den Ausstieg nicht.
taz: Haben Sie schon Müttern geholfen, ihre Kinder zurückzubekommen, die im
Heim sind?
Wilcke: Ja. Oft. Ich berate mittlerweile auch Kinder und Jugendliche, die
in Einrichtungen festhängen und merken, ihr Wille zählt überhaupt nicht.
Denn auch die Kinder haben Rechte. Nehmen wir zum Beispiel die
Begutachtung: Nicht nur eine Mutter, auch ein Kind darf sagen: Nein, ich
möchte das nicht.
taz: Aber wenn eine Mutter das Gutachten ablehnt, ist sie uncharmant, oder?
Wilcke: Deswegen bringe ich bei, wie man das charmant ablehnt. Haben Sie
das Bauchgefühl, der Gutachter will Sie in die Pfanne hauen, können Sie
nach dem Erstgespräch sagen: Vielen Dank für Ihr Angebot einer
Begutachtung, aber haben Sie bitte Verständnis, dass ich daran aktuell
nicht mitwirken möchte.
taz: Manche Mütter gehen in die Illegalität. Helfen Sie denen auch?
Wilcke: Es gibt Situationen, wo Frauen als Ultima Ratio für eine
überschaubare Zeit abtauchen. Zum Beispiel, wenn ein Amtsgericht einen
Beschluss erlässt, dass die Kinder umplatziert werden müssen. Die
Beschlüsse sind sofort wirksam. Aber Sie können beim Oberlandesgericht die
Aussetzung der Vollziehung beantragen. Und da kann es helfen, dass man mal
14 Tage mit den Kindern verschwindet, um die nötige Zeit zu gewinnen.
taz: Und eine längerfristige Illegalität?
Wilcke: Das muss man abwägen, weil man sein soziales Umfeld verliert, das
ist ein hoher Preis. Eine Mutter tauchte vor neun Jahren mit Tochter unter
und musste ihre übrige Familie zurücklassen. Und in diesen Jahren starb der
Opa und die Oma leidet sehr, dass sie keinen Kontakt haben kann. Aber sie
sagt: Ich weiß, dass es beiden dort, wo sie sind, gut geht.
taz: Wo liegt Ihre Grenze?
Wilcke: Ich würde niemals Gewalt anwenden und nie gegen den Willen eines
Kindes agieren. Es gab schon Versuche, mir wirtschaftlich zu schaden. Ein
Journalist recherchierte über die Löwenmamas und hat damit den Träger
meiner Erziehungsstelle so verängstigt, dass die meinen Vertrag lösten.
Beinahe hätten die Mädchen, die bei mir lebten, ihr Zuhause verloren. Zum
Glück fand sich ein anderer Träger. Aber hier wird mit harten Bandagen
gekämpft.
taz: Machen Sie alles allein?
Wilcke: Nein, ich habe Freundinnen in diesem Netzwerk und tausche mich aus.
Andere Sichtweisen sind wichtig. Dass vielleicht mal jemand sagt: Oh,
Carola, das erscheint mir zu gefährlich.
taz: Warum haben Mütter heutzutage diese Schwierigkeiten bei Gericht?
Wilcke: Damit haben die Väter auch zu kämpfen. Ich denke, ausgewogene
Beziehungen zwischen Männern und Frauen sind selten geworden. Das macht
mich auch traurig. Deswegen blieb ich übrigens alleine. Also, wenn mich
jemand findet, ist es schön. Aber dass ich aktiv suche, ist vorbei. Meine
Kinder sind heute erwachsen. Ich habe in meiner Familie Frieden und
Harmonie. Das ist das, was ich immer wollte.
taz: Wie viele Löwenmütter gibt es heute?
Wilcke: 2.800 ungefähr. Dieses Netzwerk von Frauen, die ein ähnliches
Schicksal teilen, ist großartig. Frauen in so einer Lebenskrise brauchen
dringend Unterstützung. Dass sie merken, sie sind nicht allein mit den
Problemen. Denn das dachte ich am Anfang: Ich fühlte mich völlig im
falschen Film. Ich hielt mich für eine kluge Frau und meine Ausbildung war
top. Ich stand im Job und griff trotzdem bei der Partnerwahl daneben. Davor
ist niemand gefeit. In meiner Beratung habe ich übrigens auch Frauen mit
hoher gesellschaftlicher Reputation, sogar Richterinnen oder
Politikerinnen, die nach einer Trennung am Familiengericht fertig gemacht
werden, bei denen Partnergewalt eine Rolle spielte. Das Thema ist ein Tabu.
taz: Warum der Name Löwenmama?
Wilcke: Das ist eine Mutter, die bedingungslos um ihre Kinder kämpft. Ich
bin in der DDR aufgewachsen und für diese Erfahrung dankbar. Die hat Werte
vermittelt, die mich heute tragen. Also Solidarität zum Beispiel. Das ist
auch der Kitt in unserer Löwengruppe. Wenn eine Mama in Not ist, sammeln
wir ganz schnell Spenden oder besorgen eine Unterkunft. Wir sind
deutschlandweit vernetzt und haben auch regionale Stammtische, wo Frauen
sich im Real Life treffen.
taz: Die Löwenmütter sind auf Facebook ja nicht sichtbar. Aber warum postet
auch die Mütterinitiative MIA kaum noch was?
Wilcke: Das schläft gerade ein bisschen ein. Aber dieses Schicksal ereilte
schon einige Mütter-Gruppen. In den letzten 20 Jahren sind die
Väterrechtler auf dem Vormarsch gewesen. Wir brauchen jetzt wieder 20
Jahre, um das ein bisschen ins Gleichgewicht zu bringen. Diese Geduld haben
viele Frauen nicht. Wir tun das, was wir tun, für die nachfolgenden
Generationen. Den Frauen und Kindern, die heute Probleme haben, können wir
nicht allen helfen. In Brandenburg zum Beispiel haben wir über 20 Prozent
alleinerziehende Väter. Dort wurden die meisten Mütter rausgekickt.
taz: Also müsste man das Sorgerecht zurückändern?
Wilcke: Ich sag mal so. Den Müttern wird ja häufig „Bindungsintoleranz“
vorgeworfen. Wenn es gelingen würde, diesen Begriff aus der
Kindeswohlprüfung auszuschließen beziehungsweise für gewaltbetroffene
Mütter passend einzuwerten, wäre viel gewonnen.
taz: Was raten Sie Müttern, die ihre Kinder verloren haben?
Wilcke: Ich rate häufig: Sucht euch therapeutische Unterstützung, damit ihr
diese Krise übersteht. Das ist schambesetzt. Ich erzähle dann von mir. Dass
ich offensiv damit umging. Dass ich mich damals in die Psychiatrie
einweisen ließ. Ich musste das ja auch meinen Kindern erklären. Ich sagte:
Die Mama geht jetzt mal kurz ins Hotel zur lockeren Schraube. Da verlor das
Thema Psychiatrie auch viel Schrecken. Die Kinder sahen, dass es mir half
und ich wieder zu alter Stärke zurückfand.
taz: Warum sollen die Mütter in Therapie?
Wilcke: Weil die Mütter natürlich auch was zugetan haben, dass es zu dieser
Eskalation kam, wo ein Gericht final sagt: Ich platziere die Kinder um. Und
sich mit diesen Anteilen zu befassen, ist ein schmerzhafter Prozess. Aber
wenn man den gut bewältigt, hat man auch eine Chance, die Kinder wieder
zurückzubekommen.
taz: Und wenn einen die eignen Kinder nicht sehen wollen?
Wilcke: Nicht in Panik verfallen. Das ist meist ein temporärer Zustand. Und
wenn man sich klug verhält, Geduld hat, mit Erinnerungskontakten für die
Kinder präsent bleibt, also Briefe und kleine Geschenke schickt und keinen
Druck ausübt, dann ist man in absehbarer Zeit wieder im Spiel. Und sich mit
Freunden umgeben, die einem guttun.
taz: Ist es für eine Mutter noch schlimmer als für einen Vater?
Wilcke: Das scheint mir so. Wegen der meist intensiveren Bindung.
taz: Hatten Sie am Ende das Sorgerecht für Ihre eigenen Kinder alleine?
Wilcke: Nein. Aber der Vater ließ los und bestand nicht mehr auf diesen
Umgangszeiten. Heute, zwölf Jahre später, würden wir uns auf der Straße
kaum erkennen.
taz: Können Sie sich vorstellen, in die Politik zu gehen?
Wilcke: Mhm. Nein. Dafür ist meine jetzige Aufgabe zu wichtig. Ich habe als
Sozialpädagogin meine Berufung gefunden. Ich kann da viele Kinder auch
durch Krisen begleiten.
15 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Kaija Kutter
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