# taz.de -- AfD-Mann wird Bürgermeister: Verwählt?
       
       > In Zehdenick wurde erstmals in Brandenburg ein AfD-Mann zum
       > hauptamtlichen Bürgermeister gewählt. Eine Erkundung in der Stadt nach
       > der Wahl.
       
 (IMG) Bild: Darum geht es: das Rathaus der Stadt
       
       Rehe springen über sattgrüne Felder, die Rapsfelder blühen in voller
       Pracht. Gegenüber dem Backsteinbahnhof in Zehdenick ragt auf einem Pfahl
       ein Storchennest in den Himmel, zwei Störche picken darin. Im
       13.000-Einwohner-Städtchen im Kreis Oberhavel scheint die Welt noch in
       Ordnung. Schien sie – bis zum vergangenen Sonntag.
       
       Bei den Bürgermeisterwahlen in der Stadt 60 Kilometer nördlich von Berlin
       gewann [1][der AfD-Politiker René Stadtkewitz im ersten Wahlgang] mit 58,4
       Prozent der Stimmen. Damit wurde erstmals ein AfD-Kandidat zum
       hauptamtlichen Bürgermeister einer Stadt in Brandenburg gewählt.
       
       In der Havelstadt ist der AfD-Politiker nicht zu übersehen: Auf
       Wahlplakaten lächelt Stadtkewitz freundlich, wenn auch steif, in Hemd und
       Jacke. „Für Euch bereits im Einsatz“ steht daneben, und: „Zehdenick
       verdient Verlässlichkeit“. Das zieht: „Ich find es ganz toll, dass er es
       geworden ist!“, sagt eine Rentnerin mit blonder Kurzhaarfrisur und
       bonbonpinker Brille. „Der alte Bürgermeister lebt wie die Made im Speck,
       und die Altparteien haben als Argumente gegen die AfD nur ‚Nazi‘ und
       ‚braun‘.“ Jetzt könne die AfD zeigen, ob sie wirklich etwas verändere. Eine
       Seniorin mit Rollator winkt ab: „Ich war nicht wählen. Die machen sowieso,
       was sie wollen.“
       
       Die Bürger*innen in Zehdenick sind politikverdrossen, die Wahlbeteiligung
       lag lediglich bei 52,8 Prozent. Der Grund: In den vergangenen fünf Jahren
       schieden dort drei Bürgermeister aus dem Amt. Der 2019 gewählte parteilose
       Bert Kronenberg erklärte nach drei Jahren seinen Amtsverzicht. Der 2022
       gewählte SPD-Kandidat Lucas Halle trat nach zwei Jahren aus
       gesundheitlichen Gründen zurück. Sein Nachfolger, der parteilose Alexander
       Kretzschmar, meldete sich nach elf Tagen im Amt krank und blieb bis zuletzt
       dienstunfähig. Im Januar wurde er durch einen Bürgerentscheid abgewählt.
       
       Bereits 2025 war René Stadtkewitz für das Bürgermeisteramt angetreten,
       unterlag jedoch in der Stichwahl Kretzschmar mit 37 zu 63 Prozent. Ein Jahr
       später gelang ihm nun der Sieg. Der AfD-Politiker setzte sich gegen den
       FDP-Kandidaten Stephan von Hundelshausen (28,6 Prozent), den parteilosen
       Wolf-Gernot Richardt (7,8 Prozent) und Dennis Latzke von der Partei des
       Fortschritts (5,2 Prozent) durch. SPD, CDU, Linke, Grüne stellten keinen
       Kandidaten auf und unterstützten auch nicht zusammen einen parteilosen
       Kandidaten.
       
       Peter Krause hat den AfD-Mann gewählt. „Ich bin überzeugt von René
       Stadtkewitz“, sagt der Rentner. Er sitzt in Crocs, Kapuzenpulli und
       goldener Rolex am Handgelenk am Küchentisch seines Hauses am Stadtpark, in
       dem der gebürtige Münchner seit drei Jahren lebt. Als seine Hunde aufgehört
       haben zu bellen, beginnt Krause zu schwärmen: „Stadtkewitz ist ein top
       Mann, so herzlich und liebevoll mit seiner Familie.“
       
       ## Früher CDU-Abgeordneter aus Berlin
       
       René Stadtkewitz ist ein 61-jähriger Unternehmer und früherer
       CDU-Abgeordneter aus Berlin. Noch zu seinen CDU-Zeiten unterstützte er
       bereits eine „Bürgerinitiative“ gegen einen Moscheebau und baute Kontakte
       zum holländischen Rechtsradikalen Gert Wilders auf.
       
       Danach kam es zu innerparteilichen Konflikten, woraufhin Stadtkewitz 2010
       mit der CDU brach und die rechtspopulistische Partei Die Freiheit gründete.
       Die mobilisierte rassistisch gegen eine angebliche „Islamisierung“. Nach
       Misserfolgen bei mehreren Wahlen legte Stadtkewitz sein Amt als
       Bundesvorsitzender 2013 nieder und [2][rief zur Wahl der frisch gegründeten
       AfD auf]. 2023 zog er mit seiner Familie nach Zehdenick, seit 2024 ist er
       Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung und Bauen.
       
       „Stadtkewitz hat sich in Zehdenick eine richtige Fanbase aufgebaut“,
       erzählt Krause überschwänglich. Auch er gehört dazu: „Er schafft
       Transparenz, setzt sich mit der Gesetzgebung auseinander und plappert nicht
       einfach nach.“ Anfangs habe ihn beschäftigt, dass Stadtkewitz der AfD
       angehört, doch im Gespräch habe ihn sein Interesse und seine Kompetenz
       überrascht. „Ich habe auf eine problematische Aussage gewartet – aber sie
       kam nicht!“, sagt Krause und strahlt. Er bilde sich seine Meinung
       unabhängig vom Narrativ der „Mainstream-Medien“: „Ich betrachte Stadtkewitz
       komplett unpolitisch – als Mensch“, sagt er. „Ich wähle Qualifikation,
       Charakter, Persönlichkeit.“ Sein Fazit: „Dieser Mann ist ein
       Verhaltensvorbild!“
       
       Der Brandenburger Verfassungsschutz stuft die AfD als gesichert
       rechtsextremistisch ein. Der Landesverband gehört zu den radikalsten, ihre
       Anführer predigen eine „Remigration“, kooperieren offen mit anderen
       Rechtsextremen. Krause hingegen präsentiert sich irgendwie wie ein
       Vorzeige-Antifaschist: Mit seiner Frau habe er Kleider für syrische
       Geflüchtete gesammelt, unterstütze in Zehdenick auch einen afghanischen
       Geflüchteten und entferne und melde Nazischmierereien.
       
       ## Raus aus der Spaltung
       
       Wie passt das zusammen? „Unsere jetzige Regierung versucht, den Sozialstaat
       zu entlasten und permanent Menschen abzuschieben“, sagt Krause. „Das ist
       das, was die AfD fordert – nur dass es von einer Partei der Mitte kommt! Wo
       ist da der Unterschied?“ Dass ihm AfD-Nähe unterstellt werde, kritisiert
       er. „Ich habe keine Partei gewählt!“, sagt er irritiert. „Ich habe mich für
       einen Menschen entschieden, der bei der AfD ist.“ Er sehe nicht, dass
       Stadtkewitz ideologischen Inhalte der Partei in der Kommunalpolitik
       verankern wolle. Die pauschale Ablehnung der AfD sieht er kritisch. „Ich
       grenze niemanden aus, und deshalb lehne ich die Brandmauer zwingend ab.“
       Sein Appell: „Wir müssen raus aus der Spaltung.“
       
       Diese Ansicht teilt auch Johannes von Streit. Der 32-Jährige steht vor dem
       Großraumbüro, dem Coworking-Space gegenüber der Stadtkirche. Der Weg
       dorthin führt über kleine Kopfsteinpflastergassen, vorbei an feinsäuberlich
       gemähten Vorgärten, Bauernhöfen mit bunten Fähnchen und vereinzelten
       Deutschlandflaggen. „Großstädter machen es sich leicht, AfD-Wähler pauschal
       zu beschimpfen und nicht mehr mit ihnen zu sprechen“, sagt von Streit in
       seinem grauen Hoodie. Früher habe er noch auf dem Marktplatz gegen die AfD
       protestiert, inzwischen würde er das nicht mehr tun. „Das verstärkt die
       Fronten“, sagt er. „Wegcanceln ist keine erfolgversprechende Strategie,
       wenn man 60 Prozent AfD-Wähler hat.“
       
       Der gebürtige Berliner lebt seit drei Jahren in Zehdenick. Er betreibt
       einen Kulturverein, den Coworking-Space und baut eine alte Backsteinschule
       in barrierefreie Wohnungen um. „Wenn man hier lebt und sich einbringt, ist
       das Einteilen in ‚wir‘ und ‚die‘ grundsätzlich schwierig“, sagt er. „Ich
       habe bestimmt auch was mit AfD-Wählern gemein.“ Außerdem sei es keine
       Parteienwahl gewesen, sondern eine Menschenwahl – die angesichts mangelnder
       überzeugender Alternativen günstig für die AfD ausging.
       
       Natürlich gebe es ein paar „stramme Rechtsextremisten“ in Zehdenick. Die
       Stadt ist geprägt von ihrer Geschichte rechter Gewalt in den
       Baseballschlägerjahren, [3][Manja Präkels schrieb über den
       Rechtsextremismus in ihrer Geburtsstadt Zehdenick in ihrem Roman „Als ich
       mit Hitler Schnapskirschen aß“]. Von Streit wolle den Wähler*innen aber
       nicht unterstellen, dass sie die rechtsextremistische Ideologie eines Björn
       Höckes feiern, sondern „dass sie Stadtkewitz kennen und ihn wählen, weil er
       Verlässlichkeit als Marke aufgebaut hat und sie glauben, dass es das Beste
       für die Stadt ist“, sagt er. „Und trotzdem kann ich das scheiße finden, und
       das tue ich auch.“ Aber es helfe nicht, wenn sich nun vor allem
       Außenstehende empören. „Wir können ja jetzt nicht pauschal ganze
       Landstriche abschreiben.“
       
       In der örtlichen Facebook-Gruppe mit über 3.500 Mitgliedern ist die
       Stimmung gespalten: „Ein trauriger Tag für den Antifaschismus“, schreibt
       ein Zehdenicker. Am Telefon sagt er der taz: „Ich war immer stolz auf mein
       kleines Städtchen. Es ist das erste Mal, dass ich mich schäme für meine
       Heimatstadt.“ Andere schreiben in der Facebook-Gruppe: „Genau das braucht
       Zehdenick, einer der macht und nicht nur labert wie Kronenberg und Versager
       Kretzschmar.“
       
       ## Eine merkwürdige Situation
       
       Wie geht es nun weiter? Der örtliche Pfarrer Andreas Domke spricht von
       einer „merkwürdigen Situation“: „Entweder René Stadtkewitz macht seine
       Arbeit gut und erreicht etwas, dann kann die AfD Kompetenz vorweisen, oder
       er macht sie schlecht und die Bevölkerung leidet. Dann bleibt aber die Häme
       im Hals stecken.“
       
       Aufgeben will der Pfarrer nicht: „Der Bürgermeister regiert nicht. Die
       Stadtverordnetenversammlung ist nicht in AfD-Hand, sie hat nur eine Stimme
       mehr.“ Von 22 Sitzen hält die AfD nun 7 Sitze. „Wir machen weiter, schaffen
       Räume für Begegnung und gestalten unsere Stadt.“ Dann stimmt Andreas Domke
       einen Zehdenicker Liedsatz an: „Wir feiern auch im Regen – und dann werden
       wir schon sehen.“
       
       Ist Zehdenick der Auftakt zur von der AfD beschworenen „blauen Welle“?
       Bislang blieb der große Durchbruch auf kommunaler Ebene aus: [4][Seit
       Jahresbeginn verlor die AfD im Osten 24 von 26 Wahlen]. Umso euphorischer
       reagiert die Partei nun auf den Sieg in Zehdenick. Das Ergebnis sei ein
       „Vorgeschmack“ auf weitere Bürgermeister und Landräte der AfD, so der
       Landesvorsitzende René Springer.
       
       Annemarie Wolff glaubt nicht, dass es der Anfang so einer Welle ist.
       Vielmehr sei der AfD-Sieg in Zehdenick auf die „besondere Situation“
       zurückzuführen, so die stellvertretende SPD-Fraktionschefin. Und wenn nur
       eine halbwegs überzeugende Person kandidiert hätte mit Bezug zur Stadt,
       dann wäre die Wahl anders ausgegangen. Neben Zehdenick wurde in Brandenburg
       an dem Sonntag auch im Landkreis Barnim und in der Gemeinde Panketal
       gewählt. Dort gewannen zwei SPD-Amtsinhaber. Der Unterschied: Sie hatten
       sich zuvor für Schulen, Kitas oder Feuerwehren eingesetzt, waren gut
       vernetzt, warfen sich vor Ort und online in den Wahlkampf und boten der AfD
       offensiv Paroli.
       
       In Zehdenick geschah das Gegenteil: Während die bürgerlichen Parteien
       keinen Kandidaten aufstellten, zeigte die AfD Präsenz mit Kundgebungen,
       Sommerfesten und Kinoabenden. „Wir haben uns natürlich darum bemüht, eine
       Kandidatin zu finden, die sich bereit erklärt“, sagt die SPD-Politikerin
       Wolff. „Aber man kann niemanden dazu zwingen.“
       
       17 May 2026
       
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