# taz.de -- Abgesagte Lesung von Arne Semsrott: „Ein Lehrstück rechten Kulturkampfs“
       
       > Der Autor Arne Semsrott wurde von der Stadtbibliothek Magdeburg
       > ausgeladen. Der Fall wirft Fragen nach dem Umgang mit rechter
       > Einschüchterung auf.
       
       Der Politikwissenschaftler, Autor und Aktivist Arne Semsrott ist nach
       eigenen Angaben von einer Veranstaltung in der Stadtbibliothek Magdeburg
       ausgeladen worden. Geplant war eine Lesung zu seinem neuen Buch
       „Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“. Darin beschreibt
       Semsrott, mit welchen Strategien sich die Zivilgesellschaft dem politischen
       Rechtsruck widersetzen und zu einer demokratischen Gegenoffensive ausholen
       könne.
       
       Die Stadt Magdeburg hatte [1][gegenüber dem MDR offiziell erklärt], die
       Veranstaltung sei nicht abgesagt, sondern lediglich verlegt worden. Eine
       Anfrage der taz blieb bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.
       
       Oberbürgermeisterin Simone Borris (parteilos) wies die Vorwürfe in einer
       Stadtratssitzung am Mittwoch abermals zurück: „Eine Entscheidung oder
       Weisung, die Lesung abzusagen, hat es von meiner Seite nie gegeben“,
       erklärte sie. Sie räumt jedoch ein, intern um eine „Prüfung des
       Sachverhalts bezüglich der politischen Neutralität“ des Autors gebeten zu
       haben.
       
       Rebecca Plassa von der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt, die die
       Lesung organisiert hat, widerspricht der Darstellung der Stadt. Erst nach
       der telefonischen Ausladung habe die Stiftung die Lesung gemeinsam mit dem
       Demokratieverein Miteinander e. V. und dem Literaturhaus Magdeburg in das
       Kulturzentrum Moritzhof verlegt.
       
       Als Grund nannte die Stadtbibliothek interne Gespräche mit der
       Stadtverwaltung, in denen Buch und Autor wenige Monate vor der Landtagswahl
       als „zu provokant“ eingeschätzt worden seien. Plassa bedauert die Ausladung
       sehr, die Heinrich-Böll-Stiftung arbeite seit Jahren immer wieder mit der
       Stadtbibliothek zusammen, eine Absage habe es bislang noch nie gegeben.
       
       ## Macht die AfD Druck?
       
       Semsrott selbst vermutet in diesem Zusammenhang politischen Druck aus dem
       Umfeld der AfD. Hintergrund könnte die Debatte um eine frühere
       Veranstaltung im Magdeburger Kinder- und Jugendclub Alte Bude gewesen sein,
       bei der Semsrott aus seinem Buch „Machtübernahme: Was passiert, wenn
       Rechtsextremisten regieren“ gelesen hatte. Im Anschluss stellte die
       AfD-Landtagsfraktion eine Kleine Anfrage zum sogenannten Neutralitätsgebot
       in staatlich geförderten Einrichtungen.
       
       Ähnliche Erfahrungen machte auch der [2][Autor und Aktivist Jakob
       Springfeld.] Nach Lesungen an Schulen und in öffentlichen Einrichtungen gab
       es wiederholt parlamentarische Anfragen der AfD – nach einer Veranstaltung
       an der Sekundarschule Mieste im vergangenen Jahr auch in Sachsen-Anhalt.
       Solche Anfragen seien ein beliebtes Mittel der parlamentarischen Rechten
       und würden zunehmend eingesetzt, um an Informationen zu gelangen und die
       Veranstalter*innen einzuschüchtern, erklärt Springfeld.
       
       Er kritisiert in diesem Zusammenhang den „vorauseilenden Gehorsam“ mancher
       Verwaltungen. Oft reiche bereits die Angst vor rechter Empörung aus, damit
       Veranstaltungen in städtischen Räumen gar nicht erst stattfänden.
       Stattdessen müsse er immer wieder auf private Räumlichkeiten ausweichen.
       Zwar würden bereits geplante Lesungen nur selten wieder abgesagt, der Druck
       auf die Veranstalter*innen nehme jedoch spürbar zu.
       
       ## Konflikt mit AfD?
       
       „Grundsätzlich zeigt das die große Gefahr, dass es für rechtsextreme
       Politik noch nicht einmal eine Regierungsbeteiligung der AfD braucht“,
       bestätigt auch Semsrott. Er vermutet, die Stadtverwaltung habe in seinem
       Fall ebenfalls einen Konflikt mit der AfD vermeiden wollen.
       
       Die Stadtbibliothek selbst nimmt Semsrott ausdrücklich von seiner Kritik
       aus. Die Einrichtung hätte die Lesung „sehr gerne“ durchgeführt und
       verstehe sich seit Jahren als Ort des demokratischen Austauschs. Dass
       kurzfristig ein neuer Veranstaltungsort gefunden worden sei, stimme ihn
       aber optimistisch und zeige, dass es auch in Sachsen-Anhalt noch eine
       funktionierende Zivilgesellschaft gebe.
       
       Der [3][Rechtsextremismusexperte David Begrich] von Miteinander e. V.
       bezeichnet die Ausladung als „Lehrstück rechten Kulturkampfs“. Die AfD
       versuche vor der Wahl im Herbst landesweit ein Klima der Angst zu erzeugen,
       um kritische Stimmen verstummen zu lassen. „In einem Land, in dem der AfD
       40 Prozent prognostiziert werden, ist nicht zu unterschätzen, was das für
       einen Druck entfaltet“, sagt Begrich.
       
       Der Bibliothek selbst macht er keinen Vorwurf. Sie müsse sich an Weisungen
       der Stadt halten und trage Verantwortung für die Sicherheit ihrer
       Mitarbeitenden. Dass die Stadt auf den Druck der AfD reagiere, sei jedoch
       ein „fataler Vorgeschmack“ auf die Zeit nach der Wahl. „Jetzt trifft es die
       Bibliothek, aber gemeint ist die gesamte Kulturlandschaft.“
       
       21 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/magdeburg/arne-semsrott-lesung-gegenmacht-kultur-news-102.html
 (DIR) [2] /Linker-Aktivist-aus-Zwickau/!vn5988667/
 (DIR) [3] /Landtagswahl-in-Sachsen-Anhalt/!6142872
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lenja Vogt
       
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