# taz.de -- Kommunalwahl in Sachsen und Brandenburg: Rechtsextreme Ausnahmen bestätigen die Regel
       
       > Ein AfD-Kandidat wird in Brandenburg erstmals direkt zum Bürgermeister
       > gewählt. Im Erzgebirge kommt ein Rechtsextremer in den zweiten Wahlgang.
       > Was ist da los?
       
 (IMG) Bild: Personalbestand des alten Westberliner Rechtskonservativismus: René Stadtkewitz ist AfD-Bürgermeister in Zehdenick
       
       Nachdem rechte Parteien bei Kommunalwahlen zuletzt – [1][wenn es darauf
       ankam] – fast immer spätestens in der Stichwahl verloren, konnten
       Rechtsextreme am Sonntag zwei Erfolge verbuchen. Die AfD hat in Brandenburg
       im ersten Wahlgang mit einer absoluten Mehrheit von 58,4 Prozent die
       Bürgermeisterwahl in der Stadt Zehdenick gewonnen. Und im sächsischen
       Aue-Bad Schlema hat gar ein Kandidat [2][der rechtsextremen Freien Sachsen]
       die erste Runde der Bürgermeisterwahl gewonnen. Der ehemalige NPD-Kader
       Stefan Hartung geht mit 29 Prozent als Erstplatzierter in den zweiten
       Wahlgang am 7. Juni. Wie konnte das jeweils passieren?
       
       [3][Zehdenick] ist eine Kleinstadt mit 13.000 Einwohnern und liegt 60
       Kilometer nördlich von Berlin im Kreis Oberhavel. Mit dem Wahlsieg von René
       Stadtkewitz wurde hier erstmals in Brandenburg ein Kandidat des besonders
       radikalen AfD-Landesverbands direkt zum Bürgermeister gewählt. Profitiert
       hat Stadtkewitz dabei vor allem von Leerstellen bei der Konkurrenz: Weder
       CDU, SPD, Grüne oder Linke waren zur Wahl angetreten.
       
       Der von der FDP aufgestellte Stephan von Hundelshausen kam auf 28,6
       Prozent. Er sagte nach der Wahl, dass er ein „Angebot aus der Mitte“
       gemacht habe – aber: „Nun hat der Protest gesiegt, und es bleibt offen,
       wohin sich Zehdenick entwickeln wird.“ Zwei weitere Kandidaten von
       Kleinparteien kamen auf einstellige Ergebnisse. Die Wahlbeteiligung lag bei
       52,8 Prozent.
       
       Die Brandenburger SPD-Landtagsfraktion sprach von einem Einschnitt, aber
       keinem Grund, Zehdenick aufzugeben: Demokratinnen und Demokraten müssten
       nun selbstkritisch sein, es brauche mehr Präsenz nebst einer „klaren
       Haltung gegen Rechtsextremismus, Ausgrenzung und Spaltung“, teilten die
       Fraktionschefs Björn Lüttmann und Annemarie Wolf mit. Zudem habe in
       Zehdenick kein normaler Wahlkampf unter den üblichen Bedingungen
       stattgefunden: „Nach Rücktritt, Krankheit, Abwahl und monatelanger
       Unklarheit über die Führung der Stadt war natürlich das Vertrauen vieler
       Menschen in Verlässlichkeit und Handlungsfähigkeit der Politik stark
       belastet.“
       
       ## Drei Bürgermeister in fünf Jahren
       
       Sie dürften damit nicht ganz unrecht haben: In den vergangenen fünf Jahren
       gab es drei Bürgermeister in Zehdenick. Der im Jahr 2021 gewählte
       parteilose Bert Kronenberg erklärte nach drei Jahren seinen Amtsverzicht.
       Der 2022 gewählte SPD-Kandidat Lucas Halle trat nach zwei Jahren aus
       gesundheitlichen Gründen zurück, woraufhin der parteilose Alexander
       Kretzschmar gegen die AfD deutlich gewann, sich aber nach 11 Tagen im Amt
       krank meldete und bis zuletzt dienstunfähig blieb. Im Januar wurde er durch
       einen Bürgerentscheid abgewählt.
       
       Gewählt für die AfD wurde René Stadtkewitz. Der 61-jährige Unternehmer ist
       ein früherer [4][CDU-Abgeordneter aus Berlin]. Noch zu CDU-Zeiten
       unterstützte er bereits eine „Bürgerinitiative“ gegen einen Moscheebau und
       baute [5][Kontakte zum holländischen Rechtsradikalen Geert Wilders] auf.
       Danach kam es zu innerparteilichen Konflikten, woraufhin er 2010 mit der
       CDU brach und nach Wilders Vorbild die rechtspopulistische Partei „Die
       Freiheit“ gründete. Die mobilisierte dann rassistisch gegen eine angebliche
       Islamisierung“ – ähnlich wie die AfD mit einem marktliberalen Markenkern.
       Nach Misserfolgen bei mehreren Wahlen legte Stadtkewitz sein Amt als
       Bundesvorsitzender 2013 nieder und rief zur Wahl der frisch gegründeten AfD
       auf.
       
       Obwohl „Die Freiheit“ auf dem AfD-Papiertiger namens
       [6][Unvereinbarkeitsliste] steht, nahm ihn die extrem rechte Partei 2024
       als Mitglied auf. Seit Sommer 2024 sitzt Stadtkewitz in der
       Stadtverordnetenversammlung Zehdenick und ist dort Vorsitzender des
       Ausschusses für Stadtentwicklung und Bauen.
       
       Die AfD tönte, dass Zehdenick nur ein „Vorgeschmack“ sei. Seit ihrem ersten
       Landrat in Sonneberg 2023 kündigt die Partei ausdauernd eine „blaue Welle“
       auf kommunaler Ebene an, die bislang allerdings ausgeblieben ist. Im
       Zweifel entscheiden sich die Wähler:innen zumeist gegen die extrem
       rechte Partei – vor allem, wenn die demokratischen Parteien vor Ort ihre
       Kräfte bündeln sowie auf Kompetenz und Pragmatismus setzen.
       
       So ist Zehdenick auch im Jahr 2026 eher die Ausnahme: Seit Jahresbeginn hat
       die AfD im Osten [7][24 von 26 Wahlen verloren]. Und auf ein weiteres
       Landratsamt wartet die AfD weiter vergebens: Ebenfalls am Sonntag gewann im
       Kreis Barnim der SPD-Politiker [8][Daniel Kurth] – er setzte sich mit 66,1
       Prozent gegen den AfD-Kandidaten durch, der auf 33,9 Prozent kam. Und auch
       in der Gemeinde Panketal verlor die AfD mit 29,4 Prozent zu 70,4 Prozent
       gegen einen SPD-Kandidaten. Beide punkteten mit pragmatischem Wahlkampf um
       Kita, Schule und Feuerwehr.
       
       ## NPD-Kader gewinnt für Freie Sachsen
       
       Deutlich schlechter sieht es hingegen im sächsischen Erzgebirgskreis aus:
       In der Kreisstadt Aue-Bad Schlema (Einwohner: 18.900) lag im ersten
       Wahlgang mit 29 Prozent Stefan Hartung von der rechtsextremen Kleinpartei
       Freie Sachsen vorne. In Sachsen hat die ohnehin schon radikale AfD
       mittlerweile fast flächendeckend Konkurrenz von noch weiter rechts. Hartung
       gewann hier vor CDU (23,6 Prozent), Freien Wählern (22,5 Prozent), AfD
       (18,5 Prozent) und Linken (6,4 Prozent).
       
       Bei den Freien Sachsen bestimmen langjährige Neonazi-Kader die Ausrichtung.
       Sie hetzen seit der Coronapandemie im Reichsbürgersprech und per
       Telegram-Kanal gegen Geflüchtete, Linke und „das System“. Dabei bringen sie
       immer wieder auch in kleineren Orten rechtsextreme Demos auf die Straßen,
       teils auch gemeinsam mit AfD-Leuten.
       
       Einige der führenden Köpfe sind alte NPD-Kader – wie auch der umtriebige
       Spitzenkandidat Hartung in Aue-Bad Schlema. Der war der NPD-Kreisrat, den
       die [9][taz schon 2019 anhand aller bekannten Fakten als
       „Erzgebirgs-Obernazi“ einordnete]. Der Verfassungsschutz nennt die Freien
       Sachsen eine „organisierte Gruppierung von Neonationalsozialisten“. Hartung
       ist Vize-Chef der Freien Sachsen und wird nun als Erstplatzierter im
       zweiten Wahlgang am 7. Juni erneut antreten.
       
       Nach seinem Wahlsieg wirkte er trotz allem eher schlecht gelaunt, bestritt
       in einem Telegram-Post, ein Rechtsextremist zu sein, sprach aber im
       nächsten Satz wie jeder x-beliebige Rechtsradikale von
       „Kampagnenjournalisten der regierungsnahen Presse“ gegenüber seinem
       „gesunden, heimatverbundenen Wertekompass“.
       
       Im sächsischen Kommunalwahlrecht gibt es eine Besonderheit, die seine
       Chancen noch vergrößert: Im zweiten Wahlgang treten nicht automatisch die
       beiden stärksten Kandidat:innen erneut gegeneinander an. Stattdessen
       dürfen alle Kandidat:innen noch einmal antreten und derjenige mit den
       größten Stimmenanteilen gewinnt – auch wenn er keine absolute Mehrheit
       erreicht.
       
       ## Drahtseilakt zweiter Wahlgang in Sachsen
       
       Somit dürfte es im zweiten Wahlgang maßgeblich davon abhängen, ob das
       demokratische Lager sich auf einen Kandidaten einigt und etwa ein
       unterlegener Kandidat zurückzieht. Die zweitplatzierte CDU Aue-Bad Schlema
       demonstrierte bereits kurz nach der Wahl, dass sie von Absprachen etwa mit
       den drittplatzierten Freien Wählern [10][offenbar wenig hält]. Auf Facebook
       gratulierte der lokale CDU-Verband seinem Kandidaten Marcus Hoffmann zu
       seinen 23,6 Prozent und sprach umgehend davon, dass die CDU in den zweiten
       Wahlgang am 7. Juni einziehe.
       
       Immerhin gab sich der Drittplatzierte Danny Weber von den Freien Wählern
       weniger breitbeinig: „Das Ergebnis der heutigen Wahl ist kein gutes Signal
       für Aue-Bad Schlema und die ganze Region“, schrieben die Freien Wähler auf
       Facebook. In den kommenden Tagen wolle Weber sich Gedanken machen mit Blick
       auf den zweiten Wahlgang.
       
       Einem zweitplatzierte Kandidaten in beim zweiten Wahlgang den Vortritt zu
       lassen und die Stimmen des demokratischen Lagers so zu bündeln, das ist in
       Sachsen schon einmal schiefgegangen: [11][Im sächsischen Pirna konnten sich
       CDU und Freie Wähler] 2023 nicht darauf einigen, wer im zweiten Wahlgang
       zurückzieht – am Ende traten beide an und der für die AfD angetretene Tim
       Lochner gewann, weil Freie Wähler und CDU sich gegenseitig die Stimmen
       wegnahmen. Ein ähnliches Szenario könnte nun auch im Erzgebirgskreis
       drohen.
       
       ## Rechtsextreme Normalisierung
       
       In Aue-Bad Schlema haben die Freien Sachsen auch von der Normalisierung
       durch die übrigen Kräfte profitiert: Vor einem Jahr hatten CDU und sogar
       ausgerechnet die Linken einen [12][Antrag der Rechtsextremen im Stadtrat
       aufgegriffen] mit dem Titel „Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit und
       Bewältigung der Migrationssituation“, nachdem es im Ort zu Straftaten von
       Geflüchteten gekommen war. Dem von der Stadtverwaltung leicht abgewandelten
       Antrag stimmten schließlich von AfD über CDU und Linke alle zu – bis auf
       eine SPD-Stadträtin, die sich enthielt. Ausgrenzung sieht jedenfalls anders
       aus.
       
       Klar ist aber auch: Würde Hartung gewählt werden, hätte er im Stadtrat
       theoretisch eine Mehrheit gegen sich, wenn die Demokrat:innen zusammen
       hielten. Die Freien Sachsen stellen 3 von 23 Mitgliedern. Die AfD weitere
       5. Die übrigen Parteien, also Freie Wähler, CDU, SPD und Linke, hätten eine
       Mehrheit gegen die Rechtsextremen.
       
       Beim zivilgesellschaftliche Verein Kulturbüro Sachsen war man am Montag
       angesichts der Anteile von AfD und Freien Sachsen zerknirscht: „Insgesamt
       haben damit 47,5 Prozent der Wählenden ihre Stimme einer extrem rechten
       Partei gegeben.“ Die Initiative verwies auch auf den radikalen Wahlkampf
       von Hartung, der am 1. Mai mit extrem rechten Parolen und Reichsflaggen
       durchaus martialisch und gemeinsam mit extrem rechten Gruppen und der in
       Die Heimat umbenannten NPD aufgetreten war.
       
       „Die vorläufigen Ergebnisse können als Zeichen rechter Hegemonie gelesen
       werden, die in Teilen Sachsens mittlerweile vorherrscht“ – die ersten
       Reaktionen seien Kopfschütteln, Fassungslosigkeit, Entsetzen, Angst und
       Ohnmacht – „jetzt kommt es drauf an, dass die demokratischen Kräfte
       zusammenhalten“, so das Kulturbüro Sachsen – denn immerhin hätte auch die
       Mehrheit der Wählenden, 52,5 Prozent, für demokratische Kandidaten
       gestimmt.
       
       ## Niederlage in Görlitz
       
       Indes gab es am Sonntag aus Ost-Sachsen auch Nachrichten, die dem gewohnten
       Bild bei Kommunalwahlen entsprachen: Im direkt an der polnischen Grenze
       gelegenen Görlitz unterlag der AfD-Kandidat Sebastian Wippel, [13][der
       mitunter von „Passdeutschen“ spricht], gegenüber dem CDU-Kandidaten
       Octavian Ursu. Der Christdemokrat und Amtsinhaber mit rumänischer
       Migrationsgeschichte gilt als guter Lokalpolitiker und holte schon im
       ersten Wahlgang fast die absolute Mehrheit von 49,1 Prozent.
       
       Wippel, Polizist und aktueller Landtagskandidat, holte allerdings auch 44,3
       Prozent. Bei der Bundestagswahl liegt die AfD hier vorn: Görlitz ist der
       Wahlkreis des AfD-Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla, der hier seit 2017
       dreimal in Folge das Direktmandat holte. Für ein Bürgermeisteramt wird es
       jedoch aller Wahrscheinlichkeit erneut nicht reichen. Am 31. Mai sind die
       Wahlberechtigten der 44.500-Einwohner-Stadt erneut zur Wahl aufgerufen.
       
       Zwei Sonderfälle waren wiederum Döbeln und Dippoldiswalde. Im sächsischen
       Döbeln ist die AfD nicht angetreten und fährt eine [14][Umarmungsstrategie
       gegenüber dem CDU-Amtsinhaber], der gewann. Ebenso wenig trat die AfD in
       Dippoldiswalde an und unterstützte offenbar die amtierende Bürgermeisterin.
       Auch hier gewann die [15][Amtsinhaberin] (CDU). Das wiederum ist Beleg
       dafür, dass in einigen Regionen Deutschland von einer Brandmauer keine Rede
       mehr sein kann – trotz der Radikalisierung der AfD in den vergangenen
       Jahren.
       
       Der Rechtsextremismus-Experte David Begrich vom Magdeburger Verein
       Miteinander sagte der taz, man müsse sich bei der Analyse die
       Voraussetzungen vor Ort genau anschauen: „Es macht keinen Sinn, eine
       generalisierende Messlatte anzulegen – es bleiben Vor-Ort-Wahlen: Es gibt
       keinen automatischen Durchmarsch für die AfD, aber sie kann gewinnen, wo
       sie authentische Kandidaten aufstellt und die Konstellation günstig ist.“
       Er glaube aber noch nicht daran, dass die AfD nun die „Nuss Kommunalwahl“
       geknackt habe, das müsse aber auch nicht so bleiben: „Umso stärker kommt es
       in den Kommunen darauf an, die Sichtbarkeit von demokratischen Mitbewerbern
       zu erhöhen.“
       
       11 May 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [5] https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500778/freiheit-die-partei/
 (DIR) [6] https://www.afd.de/wp-content/uploads/2025/12/Unvereinbarkeitsliste-Mitgliedschaft-AfD.pdf
 (DIR) [7] /Niederlagenserie-der-AfD-im-Osten/!6173862
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 (DIR) [12] https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/aue-bad-schlema-in-sachsen-linke-und-cdu-stimmen-fuer-migrationsvorschlag-von-rechtsextremen-a-71638784-f7a5-420e-8c5b-c0f117b146d9
 (DIR) [13] https://www.youtube.com/watch?v=UG84H6G5vUY
 (DIR) [14] https://www.freiepresse.de/mittelsachsen/mittweida/afd-stadtratsfraktion-doebeln-empfiehlt-sven-liebhauser-zur-ob-wahl-artikel14241506
 (DIR) [15] https://www.freiepresse.de/mittelsachsen/mittweida/afd-stadtratsfraktion-doebeln-empfiehlt-sven-liebhauser-zur-ob-wahl-artikel14241506
       
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 (DIR) Niederlagenserie der AfD im Osten: Verloren, verloren, verloren, verloren, verloren …
       
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