# taz.de -- Kunst der Woche: Die Welt ist krank
       
       > Im Projektraum Orbit verwandelt Romain Löser kranke Digitalität in
       > analoge Technik mit widerständigem Humor. Den findet man auch bei der
       > Malerin Tanía H. Cruz bei Kraupa-Tuskany Zeidler.
       
 (IMG) Bild: Die Nase läuft im erkrankten digitalen Antlitz. Romain Löser im Orbit
       
       Dass die wirklich großen Großformate, die im [1][Projektraum Orbit auf der
       Lützowstraße] im Souterrain hängen, keine digitalen Riesendrucke sind,
       versteht man eigentlich erst so richtig beim ganz genauen Hinsehen. Meist
       sind es Farbverläufe, die sich hier über die riesigen Papierbögen
       erstrecken, die Hintergründe so gleichmäßig koloriert, sie erinnern an
       Desktopoberflächen, Bildschirmschoner, die Regenbogenfarben der
       Apple-Warte-Rädchen und das „Liquid Glass Design“ der Tech-Firma.
       
       Romain Löser hat sie dort aufgehängt, teils knapp über den Türen, damit die
       Sichtachsen in dem großen Souterrain stimmen. Tritt man näher heran, sind
       es nur die vereinzelt sichtbaren Pigmente, die verraten, dass es sich hier
       um große Aquarelle handelt: So ebenmäßig ist der Verlauf, so makellos glatt
       das Papier. Um sie herzustellen, wählt Löser das Material genau aus, weicht
       Bögen und Pigment teils über Tage ein, trägt mehrschichtig in breiten
       Strichen die Töne auf, bis das Papier fast durchgefärbt erscheint.
       
       Das Collagierte, Geschichtete eint Lösers Werke, die Kuratorin Domenika
       Jerkic in die Schau „Conspiracy Management“ aufgenommen hat. Die Illusion
       des Digitalen ist gewollt, doch die schöne shiny Welt ist krank.
       Ausgeschnittene Fotos von schwarzen Löchern, die Löser auf öffentlichen
       LED-Bildschirmen in der Stadt gefunden hat, starren wie hohle Augen aus den
       glatten Flächen, doch es sind keine Glitches, keine Anzeigefehler, die hier
       fotografiert wurden, sondern sterbende Lichtzellen in der Hardware: stirbt
       eine, so stirbt auch ihr Umfeld. Nur eine der dicken Metaphern, die sich in
       den Arbeiten finden lassen.
       
       Es geht in ihnen nicht nur um den Zusammenhang der unterschiedlichen Medien
       inklusive ihrer Illusionen und Versprechen, sondern auch gleich noch um
       Transformationen, KI, Gesellschaft, das Heilige und das Profane. Und wenn
       die Gesichter noch ausgeschnittene, vergrößerte Abbilder von Wassertropfen
       auf Retina-Bildschirmen erhalten, die wie dicke Rotznasen aus der
       anthropomorphen Anmutung mit Namen wie „Dystopie Végétative“ (Vegetative
       Dystopie) oder „Angine Cérébrale“ (Gehirnangina) quillen, auch um jede
       Menge Humor.
       
       Dieser durchzieht auch Tanía H. Cruz’ „Pixie Theatre“ [2][bei
       Kraupa-Tuskany Zeidler]. Doch ist bei Löser das Werk wie aus einem Guss,
       entzieht sich die Malerei der erst 28-jährigen New Yorkerin einem klaren
       Stil. Zwischen altmeisterlichem Licht, fotorealistischer Figuration und
       Wilhelm-Buschigen, illustrativen Strichen setzt sie hier Gefühl und
       Assoziation über geschlossene Narration – und zeigt ganz nebenbei was für
       eine handwerklich ausgebildete Malerin sie ist. Hier springt der Blick über
       die unterschiedlichen Werke und kann sich am Ende doch nicht ganz zwischen
       Unbehagen und der erleichterten Entladung im Witz entscheiden.
       
       Am Ende bleibt er bei einem großen Querformat im hinteren Raum hängen. „The
       usual way“ (Die übliche Art) heißt es und zeigt neugierig verzweifelten
       „Pixies“ beim Porträtsitzen und Malen. Ob man sich hier selbst malt oder in
       vielen Formen erscheint, ist dabei nicht wichtig. Die Bildwürdigkeit im
       Format, der Metawitz und die malerische Qualität bis in die letzte
       Hintergrundecke hingegen schon.
       
       27 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://orbit-international.eu/
 (DIR) [2] https://www.k-t-z.com/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hilka Dirks
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Berliner Galerien
 (DIR) Kunsträume Berlin
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Malerei
 (DIR) Zeitgenössische Malerei
 (DIR) Kunst
 (DIR) taz Plan
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kunst der Woche: Der Fluss von Ding, Mensch und Schakal
       
       Nika Kutateladze löst in der Galerie Molitor menschliche Gesichter auf,
       Stephanie Comilang begibt sich bei ChertLüdde auf die Suche nach Perlen.
       
 (DIR) Kunst der Woche: Die Mieten waren klein, die Lust am Experiment total
       
       In der Ausstellung Next Door im Hamburger Bahnhof und in The Appearance of
       Value in der Galerie Hafen geht es um Natur, Technik und den Wert der
       Kunst.
       
 (DIR) Die Kunst der Woche: Brust raus!
       
       Feministische Kunst: Die Levy Galerie gibt einen Überblick auf das Werk
       Renate Bertlmanns. Tanya Leighton präsentiert surreale Bildwelten von Luisa
       Rabbia.