# taz.de -- Einigung auf Vergesellschaftung: Drei Sieger für Berlin
> Was Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt vorhaben, macht Hoffnung: auf
> eine sozialere Stadt und einen Politikwechsel, der über Berlin
> hinausstrahlt.
(IMG) Bild: Mehr gemeinsam, mehr Berlin: Elif Eralp, Werner Graf und Steffen Krach präsentieren die Ergebnisse der Sondierung
Man hätte es kaum mehr für möglich gehalten, was Elif Eralp (Linke), Werner
Graf (Grüne) und Steffen Krach (SPD) da am späten Samstagabend in einem
kleinen, wenig repräsentativen Raum im Haus der Statistik am Berliner
Alexanderplatz verkündeten: Die Spitzen der drei Landesparteien haben ihre
[1][Sondierungsgespräche erfolgreich zu Ende gebracht] und streben nun
Koalitionsverhandlungen für eine neue Berliner Landesregierung an.
In den Statements der drei Verhandlungsführer:innen war keine
Jubelstimmung auszumachen, kein Triumphgebaren angesichts dessen, dass man
dem enormen Druck einer rechten Kampagne, aber auch aus den Bundesparteien
von Grünen und SPD standgehalten hat. Stattdessen wurde das Ergebnis, das
vor allem angesichts der Einigung auf die Vergesellschaftung ein
historisches ist, betont nüchtern verkündet. Raus aus der Aufregung und
Konzentration auf die Inhalte blieb als gemeinsame Botschaft zurück.
Noch zwei Tage vorher war zu befürchten gewesen, dass ein [2][Video der
Neuköllner Linken-Abgeordneten Vanessa Emde] den Gesprächen endgültig den
Todesstoß versetzen könnte. Emde kritisierte darin das von ihr
unterschriebene Bekenntnis der Linksfraktion gegen Antisemitismus und
wiederholte ihre Position, dass Staaten, also Israel, kein Existenzrecht
hätten. Doch die [3][Linken-Spitze reagierte schnell und scharf] und schuf
damit jenes Vertrauen, das es Grünen und SPD ermöglichte, die Füße
stillzuhalten.
Durchgesetzt hatte sich dann wohl doch die Erkenntnis: Eine stabile
Mehrheit von 14 Sitzen für Rot-Grün-Rot und die Chance auf ein
bundespolitisches Leuchtturm-Projekt gegen den drohenden Faschismus kann
und darf nicht an einer Einzelperson scheitern.
## Mehr als ein Abwehrkampf
Das, was Linke, SPD und Grüne da auf 25 Seiten in ihrem Sondierungspapier
mit dem Titel „Mehr Gemeinsam. Mehr Berlin.“ vorgelegt haben, ist sehr viel
mehr als das Ergebnis eines Abwehrkampfes. Auch angesichts der Turbulenzen
in den Sondierungen ist es ein Erfolg, dass sich nun alle drei Parteien mit
ihren Kernanliegen wiederfinden können. Zum anderen kündigt sich damit ein
Politikwechsel an, der über die Berliner Landespolitik hinausstrahlt.
Die Einigung, Mitte 2028 ein Gesetz zu verabschieden, das die Bestände der
Immobilienkonzerne mit einem Eigentum von mehr als 10.000 Wohnungen in der
Stadt vergesellschaftet, ist überragend. Dass der Kompromiss – der
erfolgreiche Volksentscheid vor fünf Jahren forderte die Vergesellschaftung
ab 3.000 Wohnungen – gelungen ist, ist ein Durchbruch, nicht nur für die
Linkspartei, sondern für eine linke Politik, die einen Unterschied macht.
Mutig ist das vor allem für die SPD, zumindest ihren Parteichef Steffen
Krach, der sich bis dahin stets dagegen ausgesprochen hatte.
Krach selbst sprach souverän von einem „absolut vertretbaren Kompromiss“,
und das auch, weil seine Partei ihrerseits Erfolge zu verbuchen hat. Dazu
gehören ein ambitioniertes Neubauprogramm für 100.000 bezahlbare Wohnungen
und ebenso viele Neubaugenehmigungen bis 2031 und die Festlegung, dass die
landeseigenen Wohnungsunternehmen, anders als von der Linken gewollt,
zukünftig weiter ihre Einnahmen durch Mieterhöhungen steigern dürfen –
gedeckelt auf zwei Prozent jährlich. Hinzu kommt ein
wirtschaftsfreundliches Programm für Industrie und Start-ups, die
Absicherung der Personalstärke der Polizei und das Festhalten an der
Bewerbung für die Expo 2035.
Die Linke darf sich freuen, ihr Versprechen für eine bezahlbare und
lebenswerte Stadt unterfüttern zu können: Kiezkantinen und kostenfreier
Museumssonntag, kostenlose Sperrmüllabholung, Stärkung der Tarifbindung,
die Senkung des Preises für das Sozialticket für den ÖPNV, mehr
Gemeinschaftsschulen oder die Unterstützung von Mieter:innen gegen
illegale Vermieterpraktiken. Die Liste ihrer Erfolge ist lang und hat das
Potenzial – bis auf die ganz [4][Dogmatischen] – die Mehrheit der
Parteibasis zu überzeugen.
## Kein Autobahnausbau
Nicht zuletzt haben die Grünen dafür gesorgt, dass der Weg zu einer
klimagerechten Stadt mit Fokus auf Bus, Bahn und Fahrrad ein weiterer
Schwerpunkt der Vereinbarungen ist. Dazu gehört die gemeinsame Absage an
die vom Bund forcierte weitere Verlängerung der A100. Außerdem soll der
Rand des Tempelhofer Feldes nicht bebaut werden.
Der geplante gemeinsame Einsatz für eine Vermögenssteuer und eine Reform
der Erbschaftsteuer, für die Prüfung eines AfD-Verbots und den Schutz von
Gewerbemietern sind wichtige linke Signale an den Bund. Und nicht zuletzt:
Rot-Rot-Grün will den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie
stärken. Ein Demokratiefördergesetz soll etwa dazu beitragen, Initiativen
länger als im Jahresturnus zu fördern. In Zeiten, in denen es politisch
überall dunkler wird, ist all das ein echtes Gegenangebot. Halten die drei
Parteien stand und übertragen diese Einigungen im November in einen
Koalitionsvertrag, ist diese Regierung unter Elif Eralp [5][mehr als ein
Hoffnungsschimmer].
18 Oct 2026
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