# taz.de -- Abgeordnetenhauswahl in Berlin: „Ich trete an, um die CDU in die Opposition zu schicken“
> In Umfragen liegen die Grünen hinter Linkspartei, CDU und AfD.
> Spitzenkandidat Werner Graf will dennoch ins Rote Rathaus. Zur Not auch
> mit Hilfe der CDU?
(IMG) Bild: Will nicht die Umfragen gewinnen, sondern die Wahl: Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf
taz: Herr Graf, keine vier Wochen mehr bis zur Wahl und nur 16 Prozent für
die Grünen und aktuell Rang 4 in den Umfragen. Das sieht nicht so aus, als
ob wir gerade dem künftigen Regierenden Bürgermeister gegenübersitzen.
Werner Graf: Die Umfragen sind weiterhin wahnsinnig eng. Im Augenblick
fangen doch die meisten Berlinerinnen und Berliner erst an, sich über die
Wahl Gedanken zu machen.
taz: Eng? Die Linkspartei kommt auf 22 Prozent, sechs mehr als die Grünen.
Das ist auch außerhalb jeglicher Messungenauigkeiten.
Graf: Das ist eine Momentaufnahme. Was ich täglich sehe, ist, dass wir ein
sehr gutes Feedback bekommen, an den Haustüren, an den Ständen, überall, wo
wir unterwegs sind. Die Klimakrise ist realer denn je, und die Leute sehen,
dass wir Antworten darauf haben.
taz: Das bildet sich aber nicht in den Umfragen ab. Über 12.000 Hitzetote,
apokalyptische Bilder von austrocknenden Flüssen, Brände. Da müssten die
Grünen-Werte doch durch die Decke gehen.
Graf: Wir Grüne haben so viele Umfragen hoch gewonnen und dann die Wahl
verloren. Wir machen das diesmal andersrum.
taz: Man könnte auch sagen: Dieses Mal liegen die Grünen noch nicht mal bei
den Umfragen vorne. Wie soll es dann erst bei der Wahl sein?
Graf: Jetzt warten wir mal ab. Am Ende eines jeden Wahlkampfs kommt oft
nochmal richtig Dynamik rein.
taz: Worauf hoffen Sie denn noch? Sie werden ja auch damit rechnen müssen,
dass ein AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt zwei Wochen vor der Berlin-Wahl bei
der Linkspartei zusätzlich mobilisiert.
Graf: Auch das ist Spekulation. Wir Grüne sind die, die die AfD am meisten
hasst. Wer in Sachsen-Anhalt verhindern will, dass die AfD eine
Alleinregierung stellt, der muss die Grünen wählen. Wer in
Mecklenburg-Vorpommern verhindern will, dass die AfD an die Macht kommt,
der muss die Grünen wählen. Und wir in Berlin sind das Gegenteil, das
komplette Gegenteil der AfD. Wir sind die mit dem Genderstern, wir sind die
Woken, die Feminist*innen und die, die für queere Rechte kämpfen. Wer
der AfD die Rote Karte zeigen will, muss die Grünen wählen.
taz: Bei der Bundestagswahl 2025 war es aber die Linkspartei, die die
antifaschistischen Stimmen einsammelte.
Graf: Ich trete hier an, um die CDU in die Opposition zu schicken. Wir
wollen Berlin rausholen aus dieser Rückwärtspolitik, die Radwege wieder
abbaut, die beim Klimaschutz genauso streicht wie bei Kultur und
Wissenschaft. Und da sehe ich die größten Schnittmengen in einem
Linksbündnis, am besten mit mir als Regierendem Bürgermeister.
taz: Was aber noch weniger wahrscheinlich wird, wenn es wie bei der
Bundestagswahl die Linkspartei ist, die nach einem AfD-Erfolg starken
Zulauf bekommt
Graf: Mich beschäftigt im Augenblick eher, dass bereits rote Linien gezogen
werden, die ein solches Linksbündnis deutlich erschweren.
taz: Sie meinen die Ankündigung der Linkspartei: keine Koalition ohne
Enteignung. Und die Ansage von SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach, das
komplett auszuschließen.
Graf: Ja. Und das finde ich schwierig, weil Parteien sich ja nach der Wahl
hinsetzen und eine Koalition formen müssen. Wer zu viele rote Linien zieht,
macht bewusst Versprechungen an die Menschen draußen, die man am Ende nicht
einhalten kann. Irgendwer wird einknicken müssen.
taz: Oder man steht dazu und regiert nicht mit.
Graf: Das finde ich nicht richtig. Ich finde es stattdessen richtig zu
sagen, wofür ich kämpfe. Wer mich kennt, der weiß, dass man mit mir
vielleicht auch mal bis in die Nacht um zwei oder drei Uhr verhandeln muss,
weil ich hart für unsere Positionen einstehe. Aber am Ende muss man auch
einen Kompromiss finden und zusammenkommen.
taz: Wenn Sie an die Linkspartei denken, wo sehen Sie da eigentlich die
größte Hürde? Bei der roten Linie zum Thema Vergesellschaftung oder bei der
Frage, ob die Linkspartei überhaupt regieren möchte?
Graf: Ich möchte eigentlich lieber über Möglichkeiten sprechen als über
Hürden. Aber natürlich ist es für uns im Augenblick schwer greifbar, wer
die Linke wirklich ist. Ihre Fraktion im Abgeordnetenhaus wird sich sehr
erneuern. Wie viele Leute in dieser neuen Fraktion wollen regieren und wie
viele nicht? Das müssen wir uns genau ansehen.
taz: Genau ansehen wollten Sie sich auch das Verhältnis der Linkspartei zu
Antisemitismus in den eigenen Reihen. Wie ist denn Ihre aktuelle
Bestandsaufnahme? Reicht Ihnen der jetzige Umgang der Linkspartei, um ihr
den Weg ins Rote Rathaus zu ermöglichen?
Graf: Erstmal sind es ja wir, die im Roten Rathaus regieren wollen. Ich
fand den 5-Punkte-Plan zum Schutz jüdischen Lebens in Berlin von Elif Eralp
gut. Das war eine klare Positionierung der Spitzenkandidatin. Wenn ich aber
sehe, dass dem Neuköllner Linken-Kreisverband nach dem Anschlag beim CSD
das Wort Islamismus nicht über die Lippen kam, dann halte ich das für ein
Problem. Das ist aber Aufgabe der Linkspartei.
taz: Was heißt das nun konkret: Geht es vor diesem Hintergrund mit der
Linkspartei oder geht es nicht?
Graf: Natürlich ist es für uns extrem wichtig, dass wir im Kampf gegen
Antisemitismus klar sind. Und das erwarte ich auch von allen künftigen
Koalitionspartnern. Ich bin hier nach Berlin gezogen, weil das für mich die
Stadt der Freiheit ist, weil ich hier Händchen haltend mit meinem Mann über
die Straßen laufen kann. Ich möchte, dass das auch für Jüdinnen und Juden
gilt, dass sie mit einer Kippa über die Straße laufen können, ohne Angst
haben zu müssen. Das ist im Augenblick nicht mehr der Fall.
taz: Was wäre den Grünen wichtiger? Ein von Elif Eralp angeführtes
Linksbündnis? Oder eine von Ihnen als erstem grünem Regierenden
Bürgermeister geleitete Kenia-Koalition mit CDU und SPD? Sie könnten damit
ja Geschichte schreiben.
Graf: Es geht nicht um mich. Es geht nicht um meine Eitelkeit. Es geht
darum, für die Berlinerinnen und Berliner das Beste herauszuholen.
Inhaltlich sind da die Schnittmengen mit der Linkspartei und der SPD sehr
viel größer.
taz: Der Koalitionsvertrag ist das eine. Das andere ist der mit
Richtlinienkompetenz ausgestattete Posten des Regierungschefs, der Dinge
anschieben und durchsetzen kann. Würden die Grünen tatsächlich darauf
verzichten wollen?
Graf: Nochmal, es geht nicht um mich oder uns Grüne in den
Geschichtsbüchern. Es geht um das Wohl der Berliner*innen. Und wenn die
Linkspartei in Sachsen-Anhalt für einen CDU-Mann als Ministerpräsident
stimmen würde, um die AfD an der Macht zu verhindern, dann finde ich das
verantwortungsvoll. Wenn die Linke oder die SPD sich einem progressiven
Bündnis in Berlin verweigern würden, hätten wir eine sehr schwierige
Situation.
taz: Gesetzt den Fall, es kommt zu einem Linksbündnis: Was ist dann
angesichts fehlender Haushaltsmilliarden überhaupt machbar?
Graf: Wir werden uns wahrscheinlich ein Jahr erkaufen müssen.
taz: Was heißt das?
Graf: Wir müssen Kredite aufnahmen und die Einnahmen des Landes erhöhen.
Wir wollen etwa die Verpackungssteuer einführen, damit Berlin auch sauberer
wird. Auch die Grunderwerbssteuer wollen wir erhöhen, auf das Niveau von
Brandenburg.
taz: Gegen die Verpackungssteuer hat sich die Linke bei ihrem Parteitag
ausgesprochen – die wäre ihr zu unsozial. Wie sähe denn linke
Wirtschaftspolitik grundsätzlich aus? Was würden Sie zu Rechenzentren in
Marzahn sagen?
Graf: Ich bin sehr für neue Rechenzentren in der Stadt. Die brauchen wir
auch, denn neue Technologien werden ein zentraler Pfeiler sein, ob wir hier
Arbeitsplätze haben oder nicht. Das ist das eine. Das Zweite ist: Ich
möchte nicht, dass alle Daten in Amerika oder in Russland oder China sind,
ich möchte sie hier bei uns haben. Dies hat auch etwas mit Souveränität und
Unabhängigkeit zu tun.
taz: Das wäre alles mit der CDU einfacher als mit der Linkspartei.
Graf: Weiß ich nicht. Das gilt aber sicher nicht für Fragen von offener
Gesellschaft, Mietrecht, Klimaschutz, Verkehrswende und vielem mehr.
taz: Das wäre dann mindestens 4:1 für ein Linksbündnis.
Graf: Auch bei wirtschaftlichen Fragen gibt es Unterschiede zur CDU. Wir
wollen das Tempelhofer Feld nicht bebauen und dort auch keine überflüssigen
Olympia-Bauten. Was ich auf dem Vorfeld will, sind große Konzerte wie 2024
von den Ärzten. Warum spielen Adele und Taylor Swift in München und
Gelsenkirchen und nicht hier? Kunst und Kultur sind entscheidend für die
Berliner Wirtschaft. Im Gegensatz zur CDU wollen wir die Kunst stärken und
nicht streichen.
taz: Das klingt an manchen Stellen so, als ob einem Linksbündnis nur
SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach mit seiner Ablehnung von Enteignung
entgegensteht. Halten Sie es für möglich, dass sich die SPD nach der Wahl
von ihm verabschiedet?
Graf: Es ist nicht meine Aufgabe, mich in die Personalien anderer Parteien
einzumischen. Das würde ich mir andersrum auch verbitten.
27 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Stefan Alberti
(DIR) Uwe Rada
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