# taz.de -- Gedenkveranstaltung in Halle: Tillschneider muss draußen bleiben
> Beim Gedenken an den Anschlag in Halle vor sieben Jahren wollte auch der
> gewählte AfD-Landtagsvizepräsident teilnehmen. Die Veranstalter wehren
> sich.
(IMG) Bild: Gedenken in Halle, u. a. mit Sven Schulze (CDU, rechts)
Es wäre in den vergangenen Jahren keine besondere Erwähnung wert gewesen,
dass Spitzenpolitiker aus Sachsen-Anhalt [1][zur mahnenden Erinnerung an
den Anschlag vom 9. Oktober 2019] vor der Synagoge in Halle erscheinen. Am
Versöhnungstag Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, hatte ein
rechtsexremer Attentäter zunächst vergeblich versucht, in der Synagoge ein
Blutbad anzurichten. Doch die Tür hielt stand, er tötete dafür aus Frust
zwei andere Menschen. Wenn am Freitag also der noch amtierende
Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) und sein Amtsvorgänger Reiner Haseloff
am kurzen, meist schweigenden Gedenken zur Mittagszeit teilnahmen, durfte
dies als selbstverständlich gelten.
Dem ging allerdings ein nur durch die neuen Machtverhältnisse nach der
Landtagswahl mit einer dominierenden AfD möglicher Eklat voraus. Der erst
[2][am Dienstag zum Landtagsvizepräsidenten gewählte] Hans-Thomas
Tillschneider (AfD) versuchte ebenfalls, sich unter die Trauernden zu
mischen. Doch eine Gruppe von etwa 12 Mitgliedern der Jüdischen
Studierendenunion Deutschlands verwehrte ihm mit untergehakten Armen den
Zutritt.
„Wir lassen unser Gedenken nicht von Nazis kapern“, wurde wiederholt
gerufen. Die Gruppe verweist auf „Überlebende, die ihretwegen jetzt auf der
Straße sind“. „Sie haben wohl überhaupt kein Gewissen?“, rief der
siebzigjährige Andreas Splett Tillschneider zu, Augenzeuge und Überlebender
des Mordes an Kevin am unweit gelegenen Kiez-Döner.
Etwa zehn Minuten lang diskutierte Tillschneider, um doch noch in den Hof
der Synagoge eingelassen zu werden. Er sprach vom Täter als einem
„verwirrten Mann“ und verlangte von den Studierenden, dass sie den
Volkswillen und damit sein Amt respektieren sollten. Etwa zehn Minuten vor
der Mittagszeit des damaligen Anschlags gab er auf und [3][zog sich
unbeachtet zurück].
## Nur kurz
Getragene Violinmusik ertönte im Hof, ernst schwiegen die etwa 60 Gäste.
Nur kurz sprach Max Privorozki als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde
Halle. Er stellte klar, dass der Täter ein Menschenhasser und kein geistig
Verstörter war. Die politische Auseinandersetzung um das ihn beherrschende
rassistische und menschenverachtende Gedankengut sei wichtig, sagte
Privorozki. Heute aber solle das persönliche Gedenken und die Trauer im
Vordergrund stehen.
Nach einer Schweigeminute warfen die Gäste symbolische Steine in den
Steinkreis um das Denkmal für das Attentat. Es zeigt die schützende Tür des
Gotteshauses, von der Astgabel eines Baumes getragen.
Zweiter Gedenkort ist der zur Begegnungs- und Bildungsstätte umgebaute
ehemalige Kiezdöner als einer der beiden Mordorte. „Demokratie verteidigen
– wer uns in Gefahr bringt, hat hier nichts zu suchen“, warnt ein
fenstergroßes Plakat und spielt damit auf den AfD-Besucher aus dem Landtag
an. Das Tekiez erhält nur vom Bund eine Förderung.
„Antisemitismus und Rassismus sind feste ideologische Bestandteile der AfD.
Dieselbe Ideologie hatte der Attentäter vertreten“, erklärt Rachel Spicker
von der Soligruppe 9. Oktober. „Tillschneider versucht, sich über sein Amt
Zutritt zu verschaffen, das ändert nichts an seinen menschenverachtenden
Positionen.“ Rachel konstatiert aber auch ein nachlassendes Interesse an
einem mahnenden Gedenken.
Augenzeuge Andreas Splett, bis heute traumatisiert, kann die zunehmende
Gleichgültigkeit, Ignoranz und Verführbarkeit seiner Mitbürger nicht
fassen, die die geistigen Brandstifter wählen. „Der Alarm war schon vor der
Landtagswahl da“, sagt Ismet Tekin, der den Anschlag vor dem Kiezdöner
überlebte. Wie berechtigt er war, sei nunmehr erwiesen.
Auch Grüne und Linke betonten in eigenen Pressemitteilungen, dass Gedenken
„nicht von der AfD instrumentalisiert werden“ darf.
9 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Michael Bartsch
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