# taz.de -- Wider den Rechtspopulismus: Linke in Zeiten der Monster
> Erfolge und Niederlagen der Progressiven folgen keinem einfachen Muster.
> Ein paar Erfolgsrezepte sind aber erkennbar.
Dass der Zeitgeist nicht gerade ein Genosse ist, der mit roten Fahnen durch
die Welt zieht, ist heute keine besonders originelle Erkenntnis. Die
klassischen, progressiven Parteien torkeln durch die Gegenwart und haben
noch kein richtiges Rezept gegen die neuen Faschisten, die rechte
Gefühlspolitik und Affektbewirtschaftung, gegen das tägliche Anspornen zu
Groll, Ressentiment, Hader und Negativismus gefunden. In Deutschland liegt
die SPD bei 14 Prozent und damit sogar knapp hinter den Grünen.
In ehemaligen roten Herzkammern wie Nordrhein-Westfalen ist sie nur mehr
ein Schatten ihrer selbst, in Berlin erlebte sie gerade ein Debakel. In
Österreich sieht es nicht viel besser aus. Frankreich ebenso. Das globale
Bild ist eher noch unerfreulicher. Es reicht, allein die vergangenen Wochen
zu betrachten. In Österreich hat [1][SPÖ-Chef Andreas Babler] gerade seinen
Abgang angekündigt. Vor drei Jahren wirkte Babler, ein dezidiert linker,
geerdeter Kleinstadtbürgermeister, noch wie eine Hoffnungsfigur.
Ein selbstbewusster Mann der Basis, mit so einem authentischen
„Einer-von-uns“-Appeal, der auch noch in schönen Bildern den Traum der
kleinen Weltverbesserung formulieren kann, sollte eine Trendumkehr
bewirken. Nun, daraus wurde nicht so viel. Strahlkraft über den Kreis der
Überzeugten konnte er dann doch nicht gewinnen. Eine letztlich zerstrittene
Partei hinderte ihn daran und eine widerwärtige Kampagne von Häme,
Böswilligkeit, Herabsetzung und Schmähung. Allerdings fehlte es ihm auch
ein wenig an Geschick.
Immerhin führte er die Partei in eine Dreierkoalition aus Konservativen,
Sozialdemokraten und Neos, die unter widrigen Umständen ganz ordentliche
Arbeit leistet. Der Abgang Bablers markiert nicht, wie das häufig der Fall
ist, einen Pendelschwung der Partei. Der neue Hoffnungsträger ist Markus
Marterbauer, Finanzminister, ein überzeugter Progressiver und Verfechter
der Reichensteuer. Überraschenderweise wurde er zum populärsten
Regierungspolitiker des Landes, weil er eine ruhige, solide Art hat,
sachkundig ist, vernünftige Sätze sagt und die Personifizierung von
Solidität und Integrität ist.
## In der Mitte ist nichts zu holen
Während das Konzept: „Ehrlicher Bürgermeister geht in die Hauptstadt und
redet in der Sprache der normalen Leute mal Klartext“ bei Babler niemals so
richtig zog, geht es in Großbritannien bisher ganz gut auf. [2][Andy
Burnham] nützte das desaströse Scheitern von Keir Starmer, übernahm die
Labour Party und das Amt des Ministerpräsidenten. In den Umfragen lag die
stolze Arbeiterpartei zu diesem Zeitpunkt weit abgeschlagen hinter den
Rechtsradikalen der Reform-Partei, hinter Konservativen und sogar
kurzfristig hinter den Grünen.
Seither hat sie mehr als zehn Prozentpunkte gut gemacht und ist wieder klar
stärkste Partei in den Umfragen. Burnham macht sich selbst zur Stimme der
Unzufriedenheit über die beklagenswerten Verhältnisse. Er spricht all das
an, was den Wählern in einer Zeit von Angst, Pessimismus und Endzeitgefühl
die Stimmung vermiest – die hohen Lebenskosten, die Herabsetzung der
arbeitenden Klassen. Er hat Elan und er verkörpert Erneuerung, wobei sich
auch das zugegeben, schnell abnützen kann.
Derweil unterlag auf der anderen Seite des Globus Lula da Silva, legendärer
Anführer der Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores) in der ersten
Runde der [3][brasilianischen Präsidentschaftswahl] überraschend deutlich
Flávio Bolsonaro, Sohn des obersten Rechtsextremisten. Jetzt muss Lula als
Außenseiter in die Stichwahl. Im allgemeinen Aufschwung der extremen
Rechten ist es offenbar nicht gelungen, überzeugend darzulegen, warum ein
81-jähriger, der schon sieben Mal kandidierte und drei Amtszeiten hinter
sich hat, ein Zukunftsversprechen für eine vierte Amtszeit sein sollte.
Ganz überraschend ist das dann auch wieder nicht.
Schlussendlich hat in New York allen Erwartungen zuwider [4][Zohran
Mamdani] zunächst den Vorwahlkampf in der Demokratischen Partei gewonnen.
Er ist zur Kristallisationsfigur einer vielgesichtigen Basisbewegung
geworden, der Sieg bei der Bürgermeisterwahl war praktisch Formsache. In
Berlin gelang [5][Elif Eralp] ein ähnliches Kunststück, sie führte die
Linke mit erheblichem Abstand zur CDU auf Platz eins – über den Abstand zur
glücklosen Hauptstadt-SPD wollen wir gar nicht erst reden.
## Migrationsgeschichte einmal von Vorteil
Progressive grüne Kandidatinnen und Kandidaten erobern Hannover, Göttingen
und andere Städte. Fast durchweg sind es gewinnende Spitzenfrauen und
-männer mit Migrationsgeschichte. Migrationsgeschichte scheint überhaupt zu
einem Plus für Mitte-links-Politiker*innen geworden zu sein, wohl aus
verschiedenen Gründen. Das Leben zwischen und in unterschiedlichen Milieus,
die tägliche Übung darin, in heterogenen Vokabularien zu sprechen und sich
auf unterschiedliche Charaktertypen dabei einstellen zu müssen, ist
womöglich ein ganz hervorragendes Training dafür, in zunehmend zerfaserten
Gesellschaften eine große Allianz unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen zu
zimmern.
In Städten wie Graz und Salzburg feiert die Kommunistische Partei
mittlerweile immer neue Sensationserfolge. Freilich: Es sind städtische
Phänomene, die sich auf nationale Wahlen nicht so leicht übertragen lassen.
Kurzum, es ist verworren. Mal gewinnt links, mal verliert links. Oft hängt
es an kontingenten Umständen – salopp gesagt: an Zufällen. Eine visionäre
Linksstrategie funktioniert logischerweise aus der Opposition leichter als
aus der Regierungsroutine heraus. Mal liegt es am Geschick.
Immer an Personen, die als Zugpferd funktionieren, also als
Kristallisationsfiguren für Projektionen, Sehnsüchte und Hoffnungen. Aber
Personen alleine helfen auch nicht, wenn ihnen die Parteien wie ein Klotz
am Bein hängen. Manchmal ist der Erfolg sogar ein Fluch, wenn Parteien
schnell wachsen und Tausende passionierte Aktivisten gewinnen, die alle
unterschiedliche Spezialinteressen und ihr Herzensanliegen haben, das ihnen
als das wichtigste Thema der Welt erscheint.
Dann kann man eine erfolgreiche Partei haben, in der aber der Pragmatismus,
ohne den man nicht regieren kann, verpönt ist – und die sogar weniger
entschiedene, potenzielle Anhänger abschreckt, weil sie mit dem Geist des
Sektierertums in ihren Basisorganisationen zu kämpfen hat.
## Eine Stimme für Endzeitgefühle
Es ist verworren und doch gibt es ein paar klare Muster: Progressive
Parteien müssen eher nach links als „in die Mitte“ oder gar nach rechts
rücken, wenn sie Erfolg haben wollen. Sie gewinnen dann, wenn sie soziale
Gerechtigkeit, die Leistbarkeit des Lebens, die Leistbarkeit des Wohnens
ins Zentrum rücken, die Klimakatastrophe, überhaupt die Endzeitgefühle, die
fast in allen Bevölkerungsteilen grassieren, und wenn sie diesen Ängsten
und auch der Wut eine Stimme geben.
Rücken sie dagegen nach rechts, stärken sie ihrerseits rechte Narrative.
Davon profitieren, kaum verwunderlich, nur die Rechten. Parteien, die das
tun, frustrieren zudem die eigene Anhängerschaft, was diese demobilisiert.
Auch das Rücken „in die Mitte“ ist häufig nur eine Chiffre für Konzeptionen
maßvoller Balanciertheit, was besonders bei Menschen über sechzig beliebt
ist.
Gabriela Greilinger, Forscherin an der University of Georgia, hat unlängst
auf den gern übersehenen Sachverhalt hingewiesen, dass dieses Pathos der
„Mitte“ oft „auf Menschen mittleren Alters oder Ältere abzielt“, dann aber
„junge Leute komplett vergisst“. Heißt in der Praxis: Man rückt zum Opa,
und gibt die Jugend verloren. In aller Regel ist ein wesentlicher Faktor
für Erfolg, dass man Schwung ausstrahlt, Vitalität, und verdeutlicht: Wir
machen die Fenster auf und lassen frische Luft herein.
Es ist in der Forschung sehr klar dokumentiert: Linksparteien gewinnen,
wenn sie eine markant progressive Botschaft haben, und sie verlieren, wenn
sie sich an einen rechten Zeitgeist anpassen. Noch ist freilich nicht
einmal ansatzweise richtig klar, in welch signifikant neuer, fast
welthistorischen Ära wir leben: Das allgemeine Empfinden unserer Zeit ist
das eines Verfalls, einer Bedrohungslage, von sinkendem Wohlstand und
wachsender Kriegsgefahr, von Konkurrenz um knappe Ressourcen, von
steigenden Preisen, stagnierenden oder schrumpfenden Realeinkommen,
Ökokatastrophen, kurzum, jenes Zeitgefühl, das gerade eben [6][Naomi Klein
und Astra Taylor] in ihrem Bestseller „Endzeit-Faschismus“ beschreiben.
Die klassischen Konzeptionen der Nachkriegs-Sozialdemokratie mit stabilem
Wirtschaftswachstum, gepaart mit ein wenig gerechterer Verteilung,
funktionieren in der „[7][Zeit der Monster]“, die Şeyda Kurt in ihrem
Debütroman beschreibt, kaum noch. In dieser neuen Welt können wir nur einen
Widerstand organisieren, der ein Dagegen, aber zugleich ein Dafür ist,
nämlich Netze des Gemeinsamen knüpft, des Füreinander-daseins, letztendlich
sogar dafür, das gemeinsame Überleben zu sichern.
In dieser Welt, in der wir heute leben, müssen wir eine Gegenmacht aufbauen
und wir müssen das gegenüber den Komplizen von Autoritären und Plünderern
mit Entschiedenheit tun und gegenüber allen anderen mit der allergrößten
Zärtlichkeit.
20 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Robert Misik
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