# taz.de -- Brasilien vor der Stichwahl: Vorwärts in die Korruption
       
       > Lula da Silva geht mit Nachteil in die Stichwahl zur nächsten
       > Präsidentschaft. Seine Arbeiterpartei hat vieles vernachlässigt, das
       > nutzt den Rechten.
       
 (IMG) Bild: Ein Herz für Korrupte: Flavio Bolsonaro
       
       Auch wenn er jeden Tag ins Fitnessstudio geht, sich beim Joggen und
       Hantelnstemmen filmen lässt, es lässt sich nicht leugnen: Der Mann, der
       Brasilien für weitere vier Jahre regieren will, ist über 80. Am Ende seiner
       angestrebten vierten Amtszeit wäre er 85. Der Präsident im Rentenalter
       zehrt von seiner Vergangenheit. Lula ist der erste und einzige Präsident,
       der aus der Arbeiterklasse stammt, der Einzige, der nach der letzten
       Militärdiktatur an der Bewegung für die Demokratie teilgenommen hat. So
       eine Biografie lässt sich bei keinem weiteren Politiker finden. Also tritt
       Lula noch einmal an. Nach seinen vierzig Jahren in der Politik ist nämlich
       immer noch kein Nachfolger in Sicht.
       
       Favorit des amtierenden Staatschefs wäre der ehemalige Bürgermeister,
       Bildungsminister und Präsidentschaftskandidat Fernando Haddad. Doch der
       63-jährige Haddad verlor schon 2018 gegen Jair Bolsonaro und erneut 2026
       gegen den rechten Gouverneur von São Paulo, Tarcísio de Freitas. Er gilt
       vielen als zu intellektuell. Haddad habe großes Potenzial, brauche aber
       „noch ein wenig mehr“, urteilt der Präsident. Da er die vier Jahre seiner
       aktuellen Amtszeit nicht genutzt hat, um seine Nachfolge zu regeln, ist
       Lula nach 2022 auch 2026 wieder der Einzige, der eine Chance haben könnte,
       den Bolsonaro-Clan zu besiegen.
       
       Bolsonaros Sohn Flávio geht als Favorit in die jetzige Stichwahl. Zu Beginn
       des Jahres sahen sogar Parteigenossen den Senator als eine blasse,
       womöglich zu blasse Persönlichkeit. Doch der Sohn profitierte deutlich mehr
       als erwartet von der Strahlkraft des Vaters, der zurzeit im Hausarrest
       seine 27-jährige Haftstrafe absitzt. Er erzielte zwei Prozentpunkte mehr
       als der Präsident.
       
       Die Partido dos Trabalhadores (PT), die Arbeiterpartei, hat dagegen im
       ersten Wahlgang fast überall schlechter abgeschnitten als noch vor vier
       Jahren. Allerdings hatte sie auch deutlich weniger Kandidaten aufgestellt
       als vor 4, 8 oder sogar 30 Jahren. Dabei sank die Anzahl der Kandidaten im
       Alter von 21 und 44 Jahren, wogegen die der über 60-Jährigen stieg. Die
       [1][PT ist zu einer Art Rentnerclub] avanciert. Dazu passt, dass die Partei
       im digitalen Marketing denkbar schlecht aufgestellt ist und erst jetzt vor
       der Stichwahl hektisch versucht, auszugleichen, was sie in den vergangenen
       vier Jahren versäumt hat.
       
       Der Wahlkampf basiert auf Lulas Erfolgsgeschichte und den vergangenen
       Errungenschaften, er ist mehr rückwärtsgerichtet als zukunftsorientiert.
       Auch die messbaren Erfolge der vergangenen Amtszeit zeugen nicht von
       Zukunftsvisionen, sondern sind vor allem Maßnahmen, um desaströse
       Entwicklungen unter dem Vorgänger Jair Bolsonaro zu revidieren: Lulas
       Regierung ist es gelungen, die Regenwaldabholzung wieder herunterzufahren,
       Brasilien aus der Welthungerkarte zu entfernen, Umwelt- und
       Bildungsinstitutionen sowie das Gesundheitssystem besser auszustatten. Das
       ist positiv, doch die damit verbundenen Kosten belasten die Staatskasse,
       die Staatsverschuldung steigt.
       
       Zudem hat der konservative Kongress die Regierung vielfach ausgebremst. Die
       Agrarreform stagniert, die Ausweisung indigener Gebiete schleppt sich hin.
       Dass die Schlange bei der Bearbeitung der Rentenanträge jetzt dreimal so
       lang ist, merken die meisten Brasilianer in der eigenen Familie. Auch bei
       gestiegenem Einkommen sind die noch mehr gestiegenen Lebenshaltungskosten
       schmerzhaft spürbar. Da kommt es nicht gut an, wenn Lulas Gattin Janja ohne
       eigenes Mandat auf der politischen Bühne aktiv ist, eigene Termine mit
       eigenen Reisekosten organisiert. Millionen verschwendeter Staatsgelder,
       schimpfte nicht nur die Opposition. Inzwischen hat das Wahlgericht ein
       entsprechendes Verfahren als unbegründet eingestellt. Fakt ist: Am Ende der
       dritten Amtszeit beurteilen rund die Hälfte der Brasilianer die Regierung
       als schlecht. Beinahe ebenso viele glauben, die Korruption habe in diesen
       Jahren zugenommen.
       
       ## Justizskandal am Obersten Gerichtshof
       
       Besonders aufgewühlt hat die Gesellschaft der jüngste Justizskandal am
       Obersten Gerichtshof. Gegen mindestens fünf der zehn Richter bestehen
       Verdachtsmomente im Zusammenhang mit dem Masterbank-Skandal. Mehrere haben
       an von Banker Daniel Vorcaro finanzierten Justizevents und Partys
       teilgenommen oder sind in dessen Privatjets geflogen. Auch Alexandre de
       Morães, der damals Bolsonaro Senior wegen des Putschversuchs von 2023
       verurteilt hatte, steht unter Korruptionsverdacht. Morães hatte bis dahin
       als eiserner Verteidiger der Demokratie in weiten Bevölkerungskreisen
       nahezu Heldenstatus erlangt. Das Machtgezerre am Obersten Gerichtshof, bei
       dem in den Wochen vor der Wahl mehrere Richter gegenseitig Entscheidungen
       widerrufen hatten, setzt sich vor der Stichwahl fort.
       
       Flávio Bolsonaro schafft es in diesem Szenario, sich als Alternative, sogar
       als Gegner des korrupten Systems zu positionieren. Obwohl er vom Renten-
       bis zum Masterbank-Skandal in alle jüngsten Korruptionsskandale verwickelt
       ist. Doch „Korruption wird generell eher der aktuellen Regierung
       angelastet“, erklärt die Politikwissenschaftlerin Ana Carolina Evangelista.
       Über all den Querelen, Skandalen und gegenseitigen Beschuldigungen sind die
       Brasilianer politikmüde geworden, jeder fünfte Berechtigte ist gar nicht
       zur Wahl gegangen. [2][Da stellt der 45-jährige Jurist Bolsonaro eine
       einfache Lösung in Aussicht:] Er verspricht Wandel, eine starke Hand gegen
       Kriminalität, einen schlankeren Staat. Seine Nähe zu paramilitärischen
       Gruppierungen macht aus ihm in den Augen mancher Wähler einen Garanten für
       mehr öffentliche Sicherheit.
       
       Unternehmer begrüßen sein angekündigtes Privatisierungsprogramm, seine
       Verteidigung [3][christlicher Werte wie der Schutz ungeborenen Lebens in
       Form eines Abtreibungsverbots] kommt bei Konservativen an. Für die
       überzeugten Fans von Bolsonaro senior zählt allerdings vor allem das
       zentrale Wahlversprechen: Der Junior will seinen Vater umgehend begnadigen
       lassen – notfalls mit Gewalt.
       
       15 Oct 2026
       
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