# taz.de -- Erfolge der AfD: Revolte der Hoffnungslosigkeit
       
       > Gegen den Aufstieg des Rechtspopulismus hilft nur eine linke Politik, die
       > die Hoffnung glaubhaft macht, dass eine andere Gesellschaft erreichbar
       > ist.
       
 (IMG) Bild: Die AfD hat viele WählerInnen überzeugt. Doch wie viele von ihnen kennen ihr Programm?
       
       Georg Seeßlen hat unter dem Titel „[1][AfD-Wählen als Triebabfuhr]“
       kürzlich eine Kolumne veröffentlicht, die in Teilen der Linken große
       zustimmende Verbreitung fand. Seine Kernthese: Menschen wählen die rechte
       Partei nicht für ein bestimmtes politisches Programm, sondern einzig gegen
       alles Bestehende. Der Rechtsruck ist demnach also Ausdruck einer Sehnsucht
       nach allgemeinem Kollaps der verhassten etablierten Ordnung – ohne eine
       klare Vorstellung davon, was an deren Stelle rücken soll.
       
       Dementsprechend sei dem Aufstieg der AfD auch weder durch inhaltliche
       Kritik ihres Programms noch durch Inkonsequenzen und Misserfolge ihrer
       Politik viel entgegenzusetzen, da ihrer Basis ohnehin nicht an der
       Durchsetzung bestimmter Programmpunkte gelegen sei oder auch nur daran, ob
       deren Durchsetzung mit ihren eigenen ökonomischen Interessen vereinbar ist.
       Wie der Titel sagt: AfD-Wählen als irrationale, der Argumentation nicht
       zugängliche Triebabfuhr.
       
       Wenn das für die Masse der AfD-WählerInnen zutreffen würde, müsste die
       Konsequenz daraus für Linke in völliger Resignation und Aufgabe des
       [2][politischen Kampfes gegen die AfD] bestehen. Gegen ein
       psychopathologisches Phänomen, eine Art ansteckender Massenpsychose, kann
       man mit politischen Mitteln ja nichts ausrichten. Die Annahme, dass es ein
       solches sei und es unmöglich sei, AfD-WählerInnen umzustimmen, halte ich
       aber für glücklicherweise sehr zweifelhaft.
       
       ArbeiterInnen und Arme, die die AfD wählen, die für die Zertrümmerung des
       Sozialstaates und eine Verschlimmerung der Stellung von ArbeiterInnen
       eintritt, handeln damit [3][massiv gegen ihr wohlverstandenes
       Eigeninteresse], das wird von Seeßlen richtig festgestellt. Es scheint mir
       aber wenig überzeugend, daraus abzuleiten, dass sie diese objektive
       Schädigung ihres Eigeninteresses als solche klar erkennen und akzeptieren,
       sofern andererseits nur die alte Ordnung in Trümmer fällt.
       
       ## Rassistische Scheinrationalität
       
       Vielmehr ist es doch so, dass typische AfD-SympathisantInnen eine verkehrte
       Scheinrationalität vertreten, in deren Zentrum Rassismus und
       Migrationsfeindschaft stehen: Entweder DIE (in allererster Linie
       MigrantInnen, aber auch „faule Arbeitslose“, Linke, gesellschaftliche
       Randgruppen) oder WIR (die ehrlichen, hart arbeitenden, anständigen
       Deutschen).
       
       In AfD-Kommentarspalten sieht man bei allen möglichen Themen ständig eine
       Art naiven Aufrechnens: Wenn Deutschland nicht Millionen arbeitsscheuer
       MigrantInnen durchfüttern und verwöhnen würde, ja, dann wäre Altersarmut
       für deutsche Omas kein Thema mehr und müsste niemand mehr im Alter nach
       Pfandflaschen fischen. Wenn der deutsche Staat nicht Heerscharen von
       Flüchtlingen Wohnungen hinterherwerfen würde, dann gäbe es in den
       Ballungsräumen keine Wohnungsnot für deutsche Familien mehr. Wenn nicht der
       halbe deutsche Staatshaushalt für Entwicklungshilfe am anderen Ende der
       Welt verpulvert würde, ja, dann könnten bei uns auch mal die Schlaglöcher
       gestopft und das Bahnnetz wieder nutzbar gemacht werden.
       
       Die Vorstellung, ein Ende weiterer Zuwanderung und Massenabschiebungen
       würden das Leben deutscher ArbeiterInnen und Armer schlagartig verbessern,
       ist in der AfD-Basis überaus stark. Seeßlen schreibt, [4][das
       arbeiterInnenfeindliche Wirtschaftsprogramm der AfD], das kaum vermuten
       lässt, unter einer AfD-Regierung würde, selbst wenn es in ganz Deutschland
       keinen einzigen Migranten mehr gibt, das Leben irgendwelcher ArbeiterInnen
       besser werden, sei doch offenkundig. Aber ist das denn für die AfD-Basis
       selbst so offenkundig?
       
       Die AfD spricht ziemlich ungern von sich aus über ihr wirtschafts- und
       sozialpolitisches Programm statt über selbstgewählte Kulturkampfthemen, und
       wie viele AfD-WählerInnen haben ihr Wirtschaftsprogramm tatsächlich gelesen
       und verstanden? Der fiktive AfD-Wähler Onkel Ernst will, dass es DENEN
       schlecht ergeht – aber wohl kaum um den Preis, dass sein eigener
       Lebensstandard sinkt.
       
       ## Hoffnung als Gegengift
       
       Ein anderer Punkt, wo AfD-WählerInnen klare politische Vorstellungen haben,
       ist die Außenpolitik: Die AfD gewinnt gerade in Ostdeutschland sehr viel
       Attraktivität daraus, dass sie als eine Friedenspartei wahrgenommen wird,
       die eine isolationistische Außenpolitik verspricht.
       
       Die Entlarvung der realen Politik der AfD, die massive Hochrüstung und
       tendenziell auch weiterhin Bindung an die Nato vorsieht, könnte diese
       Attraktivität erheblich erschüttern. Wie in den USA die [5][MAGA-Bewegung
       auch gerade in allen Fugen kracht], weil Trump spätestens mit seinem absurd
       erscheinenden Irankrieg die isolationistischen Erwartungen seiner Basis vor
       den Kopf stößt. Offensichtlich haben auch vom Rechtspopulismus Eingefangene
       konkrete politische Wünsche, die enttäuscht und argumentativ angegangen
       werden können.
       
       Der Aufstieg des Rechtspopulismus ist eine Art Revolte der
       Hoffnungslosigkeit: Wer überhaupt keine Hoffnung auf eine grundlegend
       andere und bessere Welt mehr hat, der will durch Niedertreten der unter ihm
       Stehenden in diesem als alternativlos empfundenen sozialdarwinistischen
       Dschungel wenigstens seine eigene Stellung behaupten. Das mächtigste
       Gegengift dagegen ist eine linke Politik, die die Hoffnung glaubhaft macht,
       dass eine völlig andere Ordnung der Gesellschaft erreichbar ist, in dem
       durch solidarischen Kampf aller ArbeiterInnen und Armen ihrer aller Leben
       durch gemeinsame Anstrengung besser wird.
       
       Wenn man Onkel Ernst ins Grübeln bringen will, dann muss man
       Überzeugungsarbeit dafür leisten, dass diese ganz andere solidarische
       Gesellschaftsordnung tatsächlich erkämpfbar und kein Tagtraum ist – dahin
       gelangt man aber nicht, wenn man Onkel Ernsts Ressentiments für ewig,
       statisch und ohnehin nicht überwindbar hält.
       
       27 Sep 2026
       
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