# taz.de -- Krise der Demokratie: AfD-Wählen als Triebabfuhr
> Egal, was passiert, es spielt den Rechtsextremen in die Hände. Warum?
> Weil es nicht um die Sache geht, sondern um einen Bruch, der Macht
> verleiht.
(IMG) Bild: Onkel Ernst bekommt eine Fliegenklatsche – mehr nicht
Es sieht so aus, als könne die AfD derzeit machen, was sie will, es ändert
nichts an ihren Zustimmungswerten. Man kann Nazi-Parolen wiedergeben,
[1][sich in Korruptionsfälle verwickeln], auf Parteitagen in die Wolle
kriegen, man kann Schlägertrupps anheuern, sich gegenseitig Posten
zuschieben, gegen Queerness hetzen, während man selbst in einer lesbischen
Beziehung lebt, man kann so dreist lügen, dass es jedem Kind auffallen
müsste.
Umgekehrt kann die Gegenseite machen, was sie will oder auch nicht will,
selbst über ein Verbotsverfahren nachdenken. Am Ende steht immer der Satz:
Das nutzt nur der AfD. Kommen die Rechten den Ganz-Rechten in Rhetorik und
politischer Aktion entgegen, steigen die Zustimmungswerte der AfD,
[2][formulieren die Linken Widerstand, nutzt das der AfD].
Donald Trump hat einmal behauptet, er könne auf die Straße gehen und
irgendjemanden erschießen, einfach so aus Spaß, und die Leute würden ihn
trotzdem lieben. [3][Marine Le Pen kann EU-Gelder veruntreuen und wird doch
geliebt]; Xavier Milei kann einen diplomatischen Eklat mit dem wichtigsten
Handelspartner seines Landes auslösen. Im Umfeld von Giorgia Meloni häufen
sich Korruptions- und andere Skandale. Ihre Mehrheit im Wahlvolk bleibt
bestehen.
## Die Demokratie wird nicht mehr gebraucht
Warum können sich die Rechten alles erlauben, warum können sie dem
demokratischen Staat und der liberalen Zivilgesellschaft alles, wirklich
alles zumuten? Ganz einfach, weil sie selbst die Zumutung sind. Sie können
jede Regel brechen, logisch, moralisch, juristisch, weil sie der Regelbruch
sind. Sie können lügen, weil sie die Alternative zum Realismus sind.
Deswegen kann man einem AfD-Wähler oder einer AfD-Wählerin auch noch so
schlüssig erklären, [4][dass sie gegen ihre eigenen Interessen handeln],
man muss sich nur die wirtschafts- und sozialpolitischen Programmpunkte
„ihrer“ Partei ansehen oder das, was unter antidemokratischen, rechten
Regierungen mit dem Lebensstandard der Mehrheit geschieht. Es wird nicht
ankommen.
Es mag einst demokratische Regierungen gegeben haben, die es sich zur
Aufgabe machten, die ökonomische Organisation nach den Bedürfnissen ihrer
Gesellschaft auszurichten. Eine Regierung à la Merz, Reiche & Co sieht ihre
Aufgabe darin, die Gesellschaft nach den [5][Bedürfnissen der
Wirtschaftsbosse auszurichten]. Das kann nicht gutgehen: Der
Neoliberalismus braucht die Demokratie nicht mehr.
„Der Faschismus ist kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern die
logische Weiterentwicklung des liberalen Kapitalismus im Monopolstadium“,
erkannte Max Horkheimer. Was erklärt, warum eine Fraktion der ökonomischen
[6][Elite so tatkräftig die rechtsextremen Parteien unterstützt], und was
auch erklärt, woher das Geld kommt, das sie und ihre Entourage zur
Verfügung haben.
## Wider besseres Wissen
Aber es erklärt nicht, warum Onkel Ernst mit so grimmiger Entschlossenheit
sein Kreuz bei den „gesichert Rechtsextremen“ macht, obwohl er doch
eigentlich wissen müsste, dass es ihm nach einer Machtübernahme schlechter
gehen wird, und obwohl er doch so lange die bürgerlichen Tugenden gepredigt
hat, die Ehrlichkeit, die Verlässlichkeit, den Anstand, die gepflegten
Umgangsformen, die persönliche Integrität. Nichts davon in der Partei, die
er nun als die „seine“ ansieht.
[7][Wer wird die Bettpfannen holen], wer wird die Darmspiegelung
durchführen, wer wird ihm das Grab ausheben, wenn „seine“ Partei ihre
eigene Terror-ICE zur „Remigration“ einsetzt? Wird Onkel Ernst etwa sich
selber operieren, sich selber das Grab schaufeln?
Und was wird er tun, wenn ihm die Hitze zusetzt, die es nach den Ideen
seiner Partei gar nicht gibt, weil der [8][Klimawandel nur eine „grüne
Spinnerei“ ist]? Was wird Onkel Ernst tun, wenn Nazi-Banden Jagd auf sein
nonbinäres Kind machen? Was hat er davon, wenn Theater, Kinos, Bibliotheken
oder Museen schließen oder in nationale Propaganda-Institute umgewandelt
werden, was, wenn die Universitäten, Schulen, Kitas keine Chancen für
morgen mehr eröffnen?
Das alles interessiert ihn nicht, den Onkel Ernst. Er fühlt sich beleidigt,
gekränkt, missachtet, und er will es „denen“ heimzahlen. Er will, dass
etwas kaputt gemacht wird, woran er nicht genügend Anteil bekommen hat.
Dafür haben ihm ja die AfDler die Augen geöffnet, und dafür spürt er noch
einmal so etwas wie Macht. Das Kreuz, das er irgendwo anders machen würde,
das wäre mehr oder weniger egal. Es ginge doch nur immer so weiter. Das
Kreuz bei der AfD aber, das tut „denen“ weh, das bringt sie aus der Ruhe.
Nein, er ist kein „Protestwähler“, der Onkel Ernst, er will, dass „alles in
Trümmer fällt“, wie es in einem Lied heißt, das er schon beinahe vergessen
hatte.
## Etwas hat sich befreit
Mit Onkel Ernst vernünftig reden zu wollen, [9][ist vollkommen
aussichtslos]. Jedes Argument bestätigt ihn. Er trifft keine
Wahlentscheidung mehr; vielmehr ist das Antidemokratische und Völkische
Teil seiner Person geworden. Er wählt nicht die AfD, er ist die AfD, dazu
muss er weder Mitglied noch Aktivist werden. Es ist jetzt in ihm drin, und
er empfindet Genugtuung bei jeder Pöbelei, bei jeder Hassrede, bei jedem
„Danebenbenehmen“ seiner Leute. Irgendetwas hat sich in Onkel Ernst
befreit, lange genug hat er es zurückgehalten.
Als er noch die Sozialdemokraten gewählt hat, da meinte Onkel Ernst noch,
er müsste seine Stimme „abgeben“ für die richtige Sache, für seine eigenen
Interessen. Aber davon ist nichts geblieben. Jetzt fühlt er sich durch
seine Stimme für die AfD mit anderen verbunden, mit dem Volk, zu dem er
gehört. Die [10][Hilflosigkeit, mit der die anderen auf ihre Macht
reagieren], freut ihn ungemein. Er spürt sie, die Angst der anderen. Er hat
einen Bruch vollzogen, wenn auch vorerst nur in der Wahlkabine, einen Bruch
mit diesem Staat, mit dieser Gesellschaft, mit dieser Kultur, mit dieser
Zivilisation.
Hinterher, da ist sich Onkel Ernst jetzt schon sicher, wird er von allem
nichts gewusst haben. Er wird sagen, dass man ihn nicht genug gewarnt habe,
dass die anderen schließlich auch, und überhaupt kann man ihm ja nichts
nachweisen. Onkel Ernst hat sich einfach nur ein bisschen Triebabfuhr
gegönnt. Dazu sind Wahlen doch da, oder?
4 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Filz-und-Rechtsextremismus-in-der-AfD/!6158192
(DIR) [2] /AfD-Parteitag-in-Erfurt/!6192940
(DIR) [3] /Urteil-gegen-Le-Pen/!6194349
(DIR) [4] /Analyse-zu-AfD-Wahlprogramm/!6057715
(DIR) [5] /Gestaerkte-Wirtschaftsministerin-Reiche/!6166576
(DIR) [6] /Politischer-Einfluss-der-Superreichen/!6073818
(DIR) [7] /Deutscher-Arbeitsmarkt/!6048461
(DIR) [8] /Studie-zur-extremen-Hitze/!6190981
(DIR) [9] /Umgang-mit-der-AfD/!5808572
(DIR) [10] /Strategien-gegen-die-AfD/!5947798
## AUTOREN
(DIR) Georg Seeßlen
## TAGS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Wahlen in Ostdeutschland
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Autoritarismus
(DIR) Faschismus
(DIR) Radikalisierung
(DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
(DIR) Schlagloch
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Bodo Ramelow
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahlen
(DIR) Nazis
(DIR) Christopher Street Day
(DIR) Podcast „Bundestalk“
(DIR) Schwerpunkt AfD
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Jugend auf dem Land: Viel Platz für Frust
Unter Jugendlichen in Sachsen-Anhalt steht neben den Linken auch die AfD
hoch im Kurs. Viele Sozialarbeiter:innen setzen erst mal aufs
Zuhören.
(DIR) Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Ramelow für Zusammenarbeit von Linke und CDU
Wegen fehlender Mehrheiten arbeiten Linke und CDU in Thüringen seit Jahren
zusammen. Bodo Ramelow empfiehlt das nun auch dem Nachbarland
Sachsen-Anhalt.
(DIR) AfD-Umfragehoch vor den Ostwahlen: Wirtschaft statt Moral
Die ideologisch Gefestigten können die demokratischen Parteien nicht von
der AfD zurückholen. Anders sieht es bei wirtschaftlich Frustrierten aus.
(DIR) Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Linken-Chef schließt CDU-Unterstützung nicht aus
In vier Wochen wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt. Um eine
AfD-Regierung zu verhindern, müssten CDU und Linke zusammenarbeiten.
(DIR) Urteil gegen junge Nazigruppe: Vom braunen Kinderzimmer in den Knast
Ein Gericht hat Mitglieder der „Letzten Verteidigungswelle“ zu teilweise
hohen Haftstrafen verurteilt. Die Jugendlichen planten und verübten
Anschläge auf Geflüchtete und politische Gegner.
(DIR) Wehrhafte Demokratie und AfD-Verbot: Umgang mit identifizierten Gefährdern
Niemand kommt auf die Idee, man müsse den radikalen Islamismus „politisch
stellen“ – was beim Umgang mit der AfD noch immer empfohlen wird. Wie
absurd.
(DIR) Landtagswahlen in Ostdeutschland: Wie schlägt man die AfD?
Die AfD stellt sich gern als unbesiegbar hin, dabei hat sie in diesem Jahr
fast alle Kommunalwahlen verloren. Was lässt sich daraus lernen?
(DIR) Filz und Rechtsextremismus in der AfD: Vetternwirtschaft, Korruption, Abhitlern
Im Bundestag wurde der AfD Vetternwirtschaft vorgeworfen. Alles eine
Schmutzkampagne, so die Partei – während immer mehr Fälle bekannt werden.