# taz.de -- Rechtsruck in Brasilien: Flávio Bolsonaro liegt knapp vor Lula
> Brasiliens Linksregierung erleidet eine schwere Schlappe, der rechte
> Flávio Bolsonaro triumphiert. Nun entscheidet die Stichwahl, wer
> Präsident wird.
(IMG) Bild: Liegt vorne: Flávio Bolsonaro
Als Flávio Bolsonaro am Sonntag in Rio de Janeiro zum Wahllokal ging,
erntete er Buh-Rufe. Anwesende Wähler beschimpften den
Präsidentschaftskandidaten als „Faschisten“ und skandierten provozierend
den Namen des Präsidenten: „Lula, Lula“. Für diesen schien es gut
auszusehen: Laut den ersten [1][Auszählungen der Wahlen] im Ausland lag er
in 27 Ländern an erster Stelle, während Bolsonaro nur in neun gewann.
Doch der erste Eindruck täuschte. Die Bewohner von Rio de Janeiro wählten
schließlich gleich zwei Parteifreunde des ausgebuhten [2][Flávio Bolsonaro]
in den Senat, und auch in der Abgeordnetenkammer wurde seine
rechtspopulistische Partido Liberal (PL) stärker. Mit 47,05 Prozent der
Stimmen schnitt Bolsonaro Junior deutlich besser ab, als die letzten
Umfragen vorausgesagt hatten. Besser sogar als sein eigener Vater, der im
Jahr 2022 nur 43 Prozent erzielt hatte. „Das ist das Ende der Ära PT“,
verkündete der Senator nach der Wahl selbstbewusst mit Blick auf Lulas
Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores – PT) und betonte erneut, er sei
nur an einer einzigen Amtszeit als Präsident interessiert.
Tatsächlich ist das Wahlergebnis vom Sonntag niederschmetternd für die
Arbeiterpartei. [3][Präsident Lula] lag mit 45,14 Prozent der Stimmen ganze
zwei Prozentpunkte hinter seinem Herausforderer, ein schwieriges Ergebnis,
um in die Stichwahl am 25. Oktober zu gehen. „Man bekommt im Leben nicht
immer alles, was man will“, kommentierte er das Ergebnis trocken. „Ich
gestehe, ich war sicher, im ersten Wahlgang zu gewinnen – aber das habe ich
schon öfter bei Wahlen gedacht.“ Zuletzt siegte Lula 2022 in der Stichwahl
mit weniger als zwei Prozent Vorsprung.
## Politikmüdigkeit nach Korruptionsskandalen
[4][Rund 127 Millionen Brasilianer haben am Sonntag gewählt], mit 21
Prozent sind auffallend viele der Wahlberechtigten zu Hause geblieben.
Weitere mehr als vier Prozent wählten ungültig oder enthielten sich,
Zeichen der Politikmüdigkeit in einem Land, das seit Monaten von
Korruptionsskandalen erschüttert wird. Anders als von manchen Medien
befürchtet, gab es keine Ausschreitungen. Auch exzessive Polizeikontrollen
auf den Straßen, mit denen die Rechte 2022 versucht hatte, vor allem
ländliche Wähler vom Urnengang abzuhalten, blieben aus.
Insgesamt zeichnet sich ein deutlicher Rechtsruck ab. 19 der insgesamt 54
neu gewählten SenatorInnen sind Angehörige der Partido Liberal, die sich
damit auf insgesamt 28 Sitze verbessert und zur stärksten Kraft im Senat
wird. Seit sich 2021 Jair und dessen ältester Sohn Flavio Bolsonaro der
konservativen PL anschlossen, gilt sie als „Bolsonaro-Partei“. 2022 traten
auch Jairs Ehefrau Michelle und 2024 der zweitälteste Sohn Carlos bei.
Michelle Bolsonaro, die zunächst selbst als Präsidentschaftskandidatin im
Gespräch war, wurde ebenso in den Senat gewählt wie Carlos Bolsonaro. Mit
49 von 81 Sitzen hält die Rechte 2027 künftig fast zwei Drittel des Senats
und kann damit allein für eine absolute Mehrheit sorgen.
## Keine Stimmzuwächse für die Arbeiterpartei
Die Arbeiterpartei PT hingegen konnte zu ihren bisherigen neun Sitzen
keinen weiteren hinzugewinnen. Die ehemalige Gouverneurin von Rio de
Janeiro, Benedita da Silva (PT), schaffte es nicht, und auch die ehemalige
Umweltministerin Marina Silva (Rede Sustentabilidade), die selbst dreimal
für das Präsidentenamt kandidiert hatte, blieb draußen. 20 von 27
Gouverneuren wurden im ersten Wahlgang gewählt, darunter der konservative
Tarcísio de Freitas in São Paulo. Fünf der gewählten Gouverneure gehören
der PL an, die damit auch in den Bundesstaaten die stärkste Kraft wird. Die
Arbeiterpartei PT konnte sich in drei Staaten behaupten und geht in zwei
weiteren in die Stichwahl. In der Abgeordnetenkammer liegt die PL mit 99
Vertretern ebenfalls vor der PT mit 67.
Flávio Bolsonaro holte die meisten Stimmen im konservativen Süden des
Landes und im Südwesten, wo die Agrarlobby zu Hause ist. Lula punktete vor
allem im Norden und Nordosten, wo die meisten Sozialhilfeempfänger leben.
In den Nordosthauptstädten konnte Flávio trotzdem gegenüber seinem Vater
bis zu fünf Prozentpunkte zulegen. Offenbar konnten die Nachrichten über
Orgien, Verbindungen zum organisierten Verbrechen und zum inhaftierten
Skandal-Banker Daniel Vorcaro dem Kandidaten nicht nachhaltig schaden.
Trotz des Wahlerfolgs des politischen Gegners zeigte sich Präsident Lula
zuversichtlich; „Morgen beginnen wir einen neuen Wahlkampf“, erklärte er:
„Die Stichwahl wird ein echtes Bild Brasiliens abbilden.“
5 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christine Wollowski
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