# taz.de -- Regierungsbildung in Berlin: Vorgespräche als Pokerrunde
       
       > Auch beim zweiten Treffen konnten sich in Berlin Linke, Grüne und SPD
       > nicht auf Sondierungsgespräche einigen. Die SPD hängt die Latte offenbar
       > sehr hoch.
       
 (IMG) Bild: Die Parteivorsitzenden Bettina König (SPD), Kerstin Wolter (Die Linke) und Nina Stahr (Grüne) am Haus der Statistik
       
       Zumindest gab es nach dem zweiten Gespräch eine gemeinsame Erklärung, auch
       wenn diese reichlich dünn ausfiel. „Wir haben uns heute auf einen weiteren
       gemeinsamen Weg verständigt“, meldeten Linkspartei, Grüne und SPD am
       Samstag um 14 Uhr in gleichlautenden Pressemitteilungen. „In der kommenden
       Woche werden wir die aktuellen Gespräche zu einem Ergebnis führen.“
       
       In einer dritten Vorsondierung wollen sich die drei möglichen
       Koalitionspartner also endlich über einen gemeinsamen Umgang mit
       Antisemitismus und organisierter Kriminalität einigen. Dieses Gespräch soll
       am kommenden Mittwoch stattfinden. Erst danach können die eigentlichen
       Sondierungen beginnen. Alleine die Vorsondierungen hätten sich dann über
       den Zeitraum von einer Woche hingezogen.
       
       Anlass für die Vorgespräche sind die Vorfälle auf der Wahlparty der
       Neuköllner Linken: der Besuch von Issa Remmo, Oberhaupt einer Familie mit
       reichlich krimineller Energie, sowie von Ibrahim Ibrahim, der die
       Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) bewirbt und
       den getöteten Hamas-Chef Jahia Sinwar einen „Märtyrerhelden“ nannte. Der
       Neuköllner Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak hatte zu beiden schon vor der
       Party Kontakt, [1][weshalb er inzwischen seinen Sitz im Innenausschuss des
       Bundestags abgegeben hat].
       
       ## Evers lauert im Hintergrund
       
       Schon nach dem ersten ergebnislosen Treffen am Donnerstag im Haus der
       Statistik hatte sich CDU-Fraktionschef und Spitzenkandidat Stefan Evers zu
       Wort gemeldet. „Dass sich die drei Parteien überhaupt erst mal darüber
       verständigen müssen, wie ihre Haltung zum Umgang mit Antisemitismus und
       organisierter Kriminalität ausehen soll, ist an sich schon ein Statement“,
       [2][hatte Evers dem RBB gesagt].
       
       Bringt sich da einer in Stellung für den Fall, dass ein Linksbündnis
       bereits vor den Sondierungen scheitert? Ganz von der Hand zu weisen wäre
       das nicht, auch wenn die Mehrheit eines schwarz-grün-roten Bündnisses nach
       der [3][Auszählungspanne in Spandau] und dem Wegfall mehrerer
       Ausgleichsmandate von drei auf zwei geschrumpft ist. Ein Linksbündnis hätte
       immer noch 14 Stimmen Mehrheit im Abgeordnetenhaus.
       
       Derjenige, der Evers am ehesten ins Rote Rathaus bringen könnte, ist der
       SPD-Spitzenkandidat und neuerdings auch Co-Fraktionsvorsitzende Steffen
       Krach. Und der scheint die Latte hauptsächlich beim ersten
       Vorsondierungsgespräch mit der Linken hoch gehängt zu haben.
       
       ## Krach bringt hohe Hürden ins Spiel
       
       Zwar hat sich keiner der insgesamt 14 Verhandlerinnen und Verhandler
       bislang öffentlich geäußert. Nach Informationen der taz soll Krach aber die
       Möglichkeit ins Spiel gebracht haben, alle Abgeordneten einer
       Sicherheitsüberprüfung durch den Berliner Verfassungsschutz zu unterziehen.
       Die Linke will dagegen den Verfassungsschutz in seiner bisherigen Form
       auflösen. [4][So steht es im Wahlprogamm der Partei].
       
       Ein wenig gleichen die Gespräche derzeit einem Pokerspiel, bei dem sich
       keiner in die Karten schauen lassen will. Bereits vor Aufnahme der
       Vorsondierungen hatte Krach gefordert, dass die Linkspartei in ihrer
       Haltung gegen Antisemitismus den Worten auch Taten folgen lassen müsse.
       Ähnlich hatte sich der grüne Spitzenkandidat Werner Graf geäußert. Er
       sprach von einem [5][Mechanismus, mit dem antisemitische Strömungen in die
       Schranken verwiesen werden sollen].
       
       In der Linkspartei selbst war zuletzt davon die Rede gewesen, dass eine
       Mandatsträgervereinbarung, die die Mitglieder dazu verpflichtet, sich an
       Parteibeschlüsse zu halten, auch Teil der neuen Fraktionssatzung werden
       könne. Die Beschlüsse wären damit für alle 47 Mitglieder der Fraktion
       bindend – dazu gehören ein Eintreten gegen Antisemitismus und ein
       Kooperationsverbot mit Menschen und Organisationen, die der Hamas
       nahestehen. Diese Vereinbarung könnte nach Informationen der taz auf der
       nächsten Fraktionssitzung am Dienstag unterzeichnet werden.
       
       ## Spricht die SPD mit einer Stimme?
       
       Dass die dritte Runde der Vorgespräche erst am Mittwoch stattfindet, hat
       auch mit dem Gesprächsbedarf zu tun, den es nicht nur bei der Linkspartei
       gibt. So muss die SPD auf ihrer Fraktionssitzung am Dienstag klären, ob die
       Wahlen zum Fraktionsvorstand wiederholt werden.
       
       Am Donnerstag hatte die bis dahin 22-köpfige SPD-Fraktion Steffen Krach und
       die Neuköllnerin Derya Çağlar zu ihrer neuen Doppelspitze gewählt. Nach dem
       Wegfall der Überhangsmandate ist es ein Abgeordneter weniger. Die Grünen
       stehen vor einem ähnlichen Problem.
       
       Das Auftreten der SPD in den Verhandlungen wird nicht nur in der Linken
       kritisch gesehen. Auch in der eigenen Partei gibt es Stimmen, die fragen,
       welche Alternativen es zu einem Linksbündnis gebe. Die mögliche Tolerierung
       eines Senats aus Linkspartei und Grünen durch die SPD, die Krach immer
       wieder andeutet, sei wenig realistisch, heißt es. Bei Neuwahlen drohe der
       SPD womöglich ein einstelliges Ergebnis.
       
       ## Symbolisch aufgeladener Termin
       
       Bei ihrem dritten Treffen stehen Linke, Grüne und SPD unter großem
       Erfolgsdruck. Zumal sie für diese Zusammenkunft einen hochsymbolischen
       Termin gewählt haben. Er findet statt am dritten Jahrestag des Massakers
       der islamistischen Hamas in Israel. Ohne Einigung und ohne eine
       überzeugende Erklärung zum Thema Antisemitismus wäre ein Linksbündnis wohl
       schon vor dem Beginn der eigentlichen Sondierungen gescheitert.
       
       Aber auch bei einer Einigung gibt es noch keinen Automatismus, der zu einer
       Senatskoalition der drei Parteien führt. Nicht nur beim Thema
       Vergesellschaftung müssen Linke, Grüne und SPD eine Einigung finden: Hier
       hatten SPD und Linke rote Linien gegen und für eine Vergesellschaftung
       großer privater Wohnungsbestände gezogen.
       
       Auch das Thema innere Sicherheit und die angespannte Haushaltslage Berlins
       stellen die Verhandlerinnen und Verhandler vor große Herausforderungen. Und
       dann ist da noch die Basis. Sowohl Grüne als auch Linke wollen das Ergebnis
       eines Koalitionsvertrags von ihren Mitgliedern bestätigen lassen.
       
       4 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kocak-und-der-Antifaschismus/!6218527
 (DIR) [2] https://www.inforadio.de/rubriken/interviews/2026/10/02/stefan-evers-cdu-interview-sondierungen.html
 (DIR) [3] /Wahlen-zum-Berliner-Abgeordnetenhaus/!6218495
 (DIR) [4] https://dielinke.berlin/fileadmin/download/2026/Wahlprogramm_AGH_2026_Die_Linke_Berlin.pdf
 (DIR) [5] /Der-Tag-nach-der-Wahl/!6215112
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Rada
       
       ## TAGS
       
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