# taz.de -- SPD-Abgeordneter Lars Düsterhöft: Wer sich kümmert, bricht den Trend
> Als einziger Sozialdemokrat hat Lars Düsterhöft ein Direktmandat fürs
> Abgeordnetenhaus geholt. Was ist das Rezept des SPD-Manns aus
> Treptow-Köpenick?
(IMG) Bild: Steckt seine Wahlkreiszeitung „Ansprechbar“ noch selbst in die Briefkästen: Lars Düsterhöft
„Erst mal herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl“, sagt die Frau Mitte 50,
als sie das Wahlkreisbüro von Lars Düsterhöft betritt. Sie ist nicht zum
ersten Mal im Büro des SPD-Politikers in Johannisthal, [1][einem Ortsteil
von Treptow-Köpenick]. Das Thema, bei dem sie Hilfe braucht, sei noch immer
nicht gelöst, sagt sie: Mehrere Äste eines großen Baums auf einer
öffentlichen Parkanlage ragen in ihr Grundstück hinein. Düsterhöft hat
schon vor Wochen an das bezirkliche Grünflächenamt geschrieben und keine
Antwort erhalten. „Wir schreiben sie noch einmal an“, verspricht er der
Frau, die das Büro zufrieden verlässt.
Lars Düsterhöft, 44, ist berlinweit der einzige SPD-Politiker, der am 20.
September für die einstige Volkspartei ein Direktmandat im Abgeordnetenhaus
geholt hat. Gegen den Trend konnte er 26 Prozent der WählerInnen in seinem
Wahlkreis dazu bewegen, ihm die Erststimme zu geben. Bei den Zweitstimmen
im Wahlkreis hat die SPD nicht einmal halb so viele Stimmen bekommen,
Linke, AfD und CDU lagen vor ihr. Über eine Liste war Düsterhöft nicht
abgesichert, man konnte ihn nur direkt wählen.
Wie ist es möglich, dass ein Sozialdemokrat gegen den Trend so stark
gewinnt? „Der ist rührig“, antwortet die Johannisthalerin Annette V., und
zählt auf: Er habe der Bahn Druck gemacht, dass der Bahnhof Schöneweide
keine Dauerbaustelle bleibt. Er setze sich dafür ein, dass die Rampen der
ehemaligen Brücke an der Wuhlheide, die nun ins Nichts führen, endlich
abgerissen werden. Und im Moment kämpfe er darum, dass in einen
geschlossenen Aldi wieder ein Supermarkt einziehen kann.
Woher sie das alles weiß? „Ganz regelmäßig“, sagt Annette V., verteile
Düsterhöft eine Wahlkreiszeitung an alle Haushalte. Sie habe mit ihrer
Zweitstimme das BSW gewählt, sagt sie, Düsterhöft bekam ihre Erststimme.
„Damit er weiterhin für [2][Johannisthal] kämpft.“
Ansprechbar heißt die Wahlkreiszeitung, die Düsterhöft sechsmal im Jahr in
alle Briefkästen seines Wahlkreises steckt. Ja: steckt, nicht stecken
lässt. Er und seine Wahlkreismitarbeiterin schreiben die Artikel, eine
Mischung aus Informationen aus der SPD und Lokaljournalismus, den sich
viele Zeitungen nicht mehr leisten können. Sie schreiben über die
voraussichtliche Dauer von Schienenersatzverkehr im Kiez, über neue
Spielplätze und Pflanzungen von Straßenbäumen.
## Mit Dialekt und Respekt
Düsterhöft und seine Mitarbeiterin produzieren das Blatt. Und die beiden
verteilen die 12.500 Zeitungen ganz allein. „Die Ansprechbar ist Teil
meines Erfolgs im Wahlkreis“, ist sich der SPD-Mann sicher. Der andere
Teil: „Ich bin immer ansprechbar. Meine Telefonnummer steht auf allen
Wahlplakaten und Werbemitteln. Ich beantworte Mails, die bei anderen
Abgeordneten wohl im Papierkorb landen.“
Dass Düsterhöft eine einfache Sprache mit Berliner Dialekt spricht, ist da
sicher nicht von Nachteil. Auch nicht, dass er den BewohnerInnen seines
Wahlkreises mit Respekt gegenübertritt, auch wenn sich die politischen
Meinungen unterscheiden.
Es ist gegen Mittag, als die taz Düsterhöft trifft. Und die Frau mit den
Ästen auf ihrem Grundstück war bereits die dritte Person, die an diesem Tag
mit einem privaten Anliegen zu ihm kam. „Eine andere Frau merkte an, dass
eine Bushaltestelle zu weit entfernt sei von einer neu gebauten Schule. Da
schreibe ich die BVG an. Und ein Bürger hat wegen des geschlossenen
Supermarktes angefragt.“ Da sei er ja ohnehin dran. Oft bräuchten Bürger
auch Hilfe beim Ausfüllen von Formularen. Er sei da eine Mischung aus
Sozialarbeiter und Kiezbürgermeister, meint Düsterhöft.
Was man vielleicht nicht vermutet: Lars Düsterhöft hat eine typische
Parteikarriere hingelegt: Nach sechs Jahren Arbeit in der Altenpflege und
einem Studium der Politikwissenschaft arbeitete der gebürtige Berliner
zuerst im Willy-Brandt-Haus, danach als Mitarbeiter eines
Bundestagsabgeordneten. Er war Juso-Vorsitzender im Bezirk und
Bezirksverordneter, bevor er 2016 erstmals ins Abgeordnetenhaus einzog.
Heute hält er es nicht mehr so mit Parteiämtern. „Ich brauche diese
Strukturen nicht, ich habe dafür keine Zeit“, sagt er der taz. „Für mich
hat das Mandat Vorrang vor der Partei.“
## Zurück in die Altenpflege?
Das ist ungewöhnlich in einer Partei, die in den 1970ern mal eine gute
Million Mitglieder hatte und ihre innerparteilichen Strukturen seitdem kaum
abgespeckt hat. Fast jeder wichtige Genosse muss daher mehrere Parteiämter
auf Abteilungs-, Bezirks- und Landesebene bekleiden und viel Zeit in
Sitzungen verbringen. Noch heute muss man sich in der SPD mit Parteiämtern
für Plätze auf Kandidatenlisten empfehlen.
Mit seinem Erfolg im Wahlkreis kam Düsterhöft aber nicht um die vielen
Fraktionsvizeposten im Abgeordnetenhaus herum. Das Politikfeld des
ehemaligen Altenpflegers ist die Sozialpolitik. Nach einer
Politikerkarriere kann er sich vorstellen, wieder in die Altenpflege
zurückzukehren.
Nicht ans Krankenbett, aber ins Management eines gemeinnützigen
Pflegeunternehmens. Dort übt der Politiker seit acht Jahren einen kleinen
Nebenjob aus. „Diese Entscheidung habe ich getroffen, weil ich als
Politiker nie wissen kann, ob es nach den nächsten Wahlen weitergeht.
Unabhängig vom Wahlergebnis weiß ich aber, dass ich meine Familie auch nach
der nächsten Wahl gut versorgt wissen möchte“, schreibt der Familienvater
auf seiner Website.
Medien haben Düsterhöft nun schon öfter nach dem Erfolgsrezept seines
Wahlkampfes gefragt. Wer nicht gefragt hat, sei seine Partei, sagt er der
taz. Eine neue Abgeordnete gibt es da aber, die danach gar nicht zu fragen
braucht: Julia Dittmer war zehn Jahre lang Düsterhöfts
Wahlkreismitarbeiterin. „Da habe ich gelernt, wie Wahlkreisarbeit geht“,
sagt sie.
6 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Treptow-Koepenick-vor-der-Wahl/!6195647
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Johannisthal
## AUTOREN
(DIR) Marina Mai
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