# taz.de -- Rot-Grün-Rot in Berlin: Aufbruch oder Absturz?
       
       > Berlin könnte zeigen, dass der Rechtsruck nicht unausweichlich ist. Doch
       > dafür muss das mögliche Linksbündnis erst die eigenen Konflikte
       > überwinden.
       
 (IMG) Bild: Elif Eralp könnte für die Linke ins Rote Rathaus einziehen, doch das Bündnis mit SPD und Grünen steht auf wackligen Beinen
       
       Man darf das Gezeter und Gezerre bei den Sondierungsgesprächen in Berlin
       auch mal positiv sehen: keine Politik hinter verschlossenen Türen, sondern
       eine Operation am offenen Herzen. Selten kann man politischen
       Aushandlungsprozessen derart in Echtzeit zuschauen. Unklar ist nur, ob die
       Operation erfolgreich sein wird, ob tatsächlich eine Koalition aus
       Linkspartei, Grünen und SPD zustande kommt und mit Elif Eralp erstmals eine
       Linke und Frau mit Migrationsgeschichte ins Rote Rathaus einzieht oder ob
       der Patient, das von den Wählerinnen und Wählern gewünschte Linksbündnis,
       am Ende tot sein wird.
       
       Denn man kann das, was derzeit in Berlin verhandelt wird, auch mit
       Fassungslosigkeit verfolgen. Statt Vertrauen aufzubauen, ist den handelnden
       Akteuren, allen voran dem SPD-Wahlverlierer Steffen Krach, das Misstrauen
       gegenüber der Linken buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Und der grüne
       Spitzenmann Werner Graf konnte seinem Anspruch, als ruhende Mitte
       Zuversicht auszustrahlen und die Streithähne bei Laune zu halten, bislang
       nicht gerecht werden. Das Spitzenpersonal der Linkspartei wiederum, dessen
       Euphorie nach dem Wahlsieg angesichts der unappetitlichen Bilder von
       Clanmitgliedern und Terrorsympathisanten auf der Neuköllner Wahlparty
       schnell verpuffte, hat Mühe, die Fliehkräfte in den eigenen Reihen
       einzufangen.
       
       Das migrantische Berlin und das Nichtwählermilieu mit dem Versprechen auf
       Bezahlbarkeit des Alltags an die Wahlurnen gebracht zu haben, ist ihr
       Erfolg. Der aber verpflichtet die Partei auch, klare Kante gegenüber jenen
       zu zeigen, die auf dieser Erfolgswelle mitreiten und Hass und Hetze
       verbreiten wollen.
       
       Vieles an den [1][Schockwellen, die die Sondierungen aus Berlin derzeit in
       die Republik senden], hat das Land schon einmal erlebt. Es ist die
       Gewaltdebatte bei den Grünen, die regelmäßig aufkam, sobald eine
       Regierungsbeteiligung möglich wurde. Inzwischen sind die Grünen erwachsen.
       Vielen sind sie zu erwachsen, wie die jungen Wählerinnen und Wähler zeigen,
       die in Berlin mit fast 50 Prozent für die Linkspartei gestimmt haben. Aber
       auch sie müssen sich die Frage stellen, was am Ende zählt. Ein Stinkefinger
       Richtung Netanjahu und es den Etablierten mal so richtig zeigen? Oder eine
       radikale Reformpolitik, die allerdings auch Kompromisse erfordert? Recht
       behalten oder [2][das Mietrecht ändern], das ist hier die Frage.
       
       ## Aufbruchssignal aus Berlin
       
       Vieles spricht dafür, dass die Linke die Wahl mit dem Thema Bezahlbarkeit
       und nicht wegen ihrer palästinasolidarischen Haltung gewonnen hat. Umso
       wichtiger ist es nun, dass es bei den Sondierungen einen überzeugenden
       Einstieg in diese Bezahlbarkeit gibt. [3][Wer, wenn nicht ein Linksbündnis,
       kann beim Thema Mieten den Schalter umlegen?] Dass die SPD nun ihr
       Mietenkataster preist und für Law and Order auch auf dem Mietmarkt
       eintritt, zeigt, wie sich der Diskurs nach links verschoben hat. Das ist
       ein Erfolg der Linken.
       
       Diesen Einstieg in die Bezahlbarkeit braucht die Linke auch, um ihre
       Mitglieder mitzunehmen auf die lange Reise zu einem Linksbündnis. Mehr als
       verdoppelt hat sich die Mitgliederzahl der Partei im vergangenen Jahr.
       Verdoppelt hat sich damit auch das Risiko der Unberechenbarkeit – und am
       Ende sogar der Unregierbarkeit. „Berliner Verhältnisse“, werden dann jene
       sagen, die es schon immer gewusst haben.
       
       Tritt man einen Schritt zurück, sind aus Berlin gerade zwei Signale zu
       vernehmen: Angesichts einer rasant wachsenden Polarisierung, der Stärkung
       des rechten Rands und einer Erosion der politischen Mitte könnte ein
       Berliner Linksbündnis ein Aufbruchssignal sein. Berlin bezahlbar machen als
       Überschrift für eine Politik, die konkretes politisches Handeln wieder an
       die Lebenswirklichkeit der Mehrheit der Menschen koppelt. Genauso gut
       könnten ein scheiterndes Linksbündnis und anschließende Neuwahlen die
       Erosion befördern.
       
       All das lastet auf den Schultern derer, die gerade in Berlin sondieren.
       Dass sich so viele Bundespolitiker einmischen, zeigt: Selten stand die
       Bildung einer Landesregierung unter solcher Beobachtung wie in diesen
       Tagen. Vielleicht auch, weil hier etwas entstehen kann, das die These
       widerlegt, ein Rechtsruck in diesem Land sei unvermeidlich. Geben die
       Parteitage von Grünen und Linken grünes Licht, sollen im November die
       Koalitionsverhandlungen beginnen. Berlin ist in diesen Wochen ein
       aufregender politischer Ort. Ausgang des Experiments: offen.
       
       17 Oct 2026
       
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