# taz.de -- Regierungsbildung in Berlin: Der Senat der neuen Gesichter
> Nicht nur im Berliner Abgeordnetenhaus sitzen viele Neulinge. Auch im
> neuen Senat könnte bald frischer Wind wehen. Ein kleiner Ausblick.
(IMG) Bild: Wer hier am Senatstisch neben Elif Eralp sitzen könnte, ist offen
Sie wird vermutlich nicht auf die Regierungsbank zurückkehren. Bettina
Jarasch, Spitzenkandidatin der Grünen bei der Abgeordnetenhauswahl 2021 und
anschließend Verkehrs- und Umweltsenatorin, wurde beim kleinen Parteitag
vergangenen Samstag [1][lautlos aus dem Weg geräumt].
Weil eine vierköpfige Kommission darüber beraten soll, wer von den Grünen
im möglichen rot-grün-roten Senat sitzen soll, ist der übliche
Automatismus, der den Spitzenkandidaten einen Platz am Senatstisch sichert,
bei den Grünen wohl vom Tisch.
Nicht nur Bettina Jarasch wird also nicht Senatorin. Auch ihr
Co-Spitzenkandidat Werner Graf, Anwärter der Grünen auf das Amt des
Regierenden Bürgermeisters, könnte im Falle, dass es zu einer
rot-grün-roten Koalition kommt, leer ausgehen.
Bis zum Endes des Jahres soll ein möglicher Koalitionsvertrag stehen.
Diesen ambitionierten Zeitplan hat Linken-Wahlsiegerin Elif Eralp
ausgegeben. Voraussetzung dafür ist, dass ihre Partei auf dem Parteitag am
31. Oktober grünes Licht für Koalitionsverhandlungen gibt.
Wer im Senat aus Linkspartei, Grünen und SPD, der dann im Januar stehen
könnte, welchen Posten übernimmt, ist natürlich noch offen. Klar ist aber
schon jetzt, dass es viele neue Gesichter geben wird. Nicht nur bei den
Grünen.
## Wer macht für die SPD das Innenressort?
In der SPD wollen das manche allerdings noch nicht so ganz wahrhaben. „Ja,
aber natürlich“, hatte Innensenatorin Iris Spranger vor Beginn der
Sondierungen auf die Frage geantwortet, ob sie sich einen Verbleib im Amt
vorstellen könne.
Am Montag hatte sich Spranger zudem gegen einen Beschluss der Jungen Union
gestellt. Die hatte auf ihrem Deutschlandtag gefordert, im Falle einer
rot-grün-roten Regierungsbildung die Landesregierung von Informationen des
Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamts auszuschließen.
„Wer ernsthaft fordert, unserer Hauptstadt sicherheitsrelevante
Informationen vorzuenthalten, gefährdet die Arbeit unserer
Sicherheitsbehörden für die Menschen in Berlin und den Schutz der Landes-
und Bundesliegenschaften“, erklärte die SPD-Politikerin daraufhin. Eine
weitere Bewerbungsrede für den Verbleib im Amt.
Bei Spranger könnte es gut möglich sein, dass die SPD auch deshalb auf
Kontinuität setzt, um dem Bund möglichst wenig Reibungsfläche zu bieten.
Außerdem wäre die Personalie Spranger ein Signal an die Linkspartei, dass
innere Sicherheit für die SPD nicht verhandelbar ist. Voraussetzung dafür
ist allerdings, dass die die SPD erfolgreich um das Innenressort kämpft.
Ein möglicher Konkurrent für Spranger wäre dann aber auch der ehemalige
SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh. Der hatte vor zehn Jahren den Griff
nach dem Innenressort abgelehnt, weil er nicht wollte, dass seine Kinder
unter Polizeischutz zur Schule gehen. Nun sind zehn Jahre vergangen – und
ein Senatsposten wäre das ideale Comeback für einen, der sich noch immer
gerne in der ersten Reihe sieht.
## Giffey eckt in der Partei an
Weniger aussichtsreich dürften die Dinge für Franziska Giffey liegen. Zwar
kann sich auch die Wirtschaftssenatorin vorstellen, weiter im Amt zu
bleiben. Dem entgegen steht allerdings ihr wiederholtes Eintreten gegen
Rot-Grün-Rot.
Zuletzt hatte sich Giffey gegen die Vergesellschaftung privater
Wohnungskonzerne ausgesprochen, obwohl die Sondierungen dafür einen
Kompromiss gefunden haben. Außerdem befürwortet sie nach wie vor den
Weiterbau der Autobahn 100. Gegen den hatte sich aber die Berliner SPD bei
einem Landesparteitag 2022 ausgesprochen. So steht es nun auch im
Sondierungspapier. Damit ist Giffey wohl raus.
Interessant ist, wer in der SPD inzwischen hinter den Kulissen mitmischt.
Mit Rona Tietje, am 20. September ins Abgeordnetenhaus gewählt, war eine in
Führungs- und Verwaltungsfragen erfahrene Politikerin im Sondierungsteam,
die im künftigen Senat für den pragmatischen Flügel der SPD stehen könnten.
Bereits vor zehn Jahren wurde sie Stadträtin im Bezirk Pankow, wo sie bis
zur Neubesetzung des Bezirksamts noch amtiert.
## Stadtentwicklung geht wohl an die Linke
Auch in der Linkspartei hält das Sondierungsteam eine interessante
Personalie bereit. Neben Elif Eralp, ihrem Co-Fraktionschef Tobias Schulze
und den beiden Landesvorsitzenden Kerstin Wolter und Maximilian Schirmer
verhandelt auch Wenke Christoph für die Linkspartei.
Christoph wurde 2020 Staatssekretätin der damals von Sebastian Scheel
geführten Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, und wechselte 2021 –
ebenfalls als Staatssekretätin – in die Sozialverwaltung unter Katja
Kipping. Sollte sich die Linke für das von ihr mit großer
Wahrscheinlichkeit beanspruchte Stadtentwicklungsressort für Erfahrung
entscheiden, wäre Christoph die passende Kandidatin. Der noch junge
wohnungspolitische Sprecher Niklas Schenker könnte in diesem Falle
Staatssekretär werden.
Interessant wird sein, ob die Linke neben der Stadtentwicklung auch nach
dem Justizressort greifen wird. Das hätte für die Partei den Vorteil, dass
das Vergesellschaftungsgesetz dann im eigenen Haus geschrieben werden
könnte. Auch Finanzen soll die Linke dem Vernahmen nach für sich
beanspruchen. Der scheidende Finanzpolitiker Steffen Zillich wäre da ein
Kandidat.
## Wer macht Kultur?
Noch offen ist nach Informationen der taz, ob Grüne und SPD gleich viele
Senatorenposten bekommen oder die Grünen einen mehr als die
Sozialdemokraten. Bei 4 Posten für die Linken, 4 für die Grünen und 2 für
die SPD könnte die Kultur an die Grünen gehen. Für den Rat für die Künste
sagt Sprecherin Sabine Kroner, man wünsche sich eine kompetente und
durchsetzungsfähige Person.
Der noch amtierende kulturpolitische Sprecher und ehemalige Finanzsenator
Daniel Wesener wäre so jemand. Allerdings war Wesener nicht mehr fürs
Abgeordnetenhaus angetreten. „Nach zwei Wahlperioden im Abgeordnetenhaus
ist Zeit für etwas Neues“, lautete seine Begründung.
Aber vielleicht ist ja das Neue auch der Posten des Kultursenators. Darüber
hinaus wird den Grünen nachgesagt, das Wirtschaftsressort übernehmen zu
wollen. Infrage käme da die ehemalige Bezirksbürgermeisterin von Mitte,
Stefanie Remlinger, die der Realo-Fraktion angehört.
Das letzte Wort aber hat die Findungskommission. Um deren Aufgabe sind die
vier Mitglieder, darunter die ehemalige Spitzenkandidatin Renate Künast
nicht zu beneiden. Denn am besten gehört dem neuen Senat jemand an, der für
die Grünen bei der nächsten Wahl auf die Plakate kommt. So ein Berliner
Habeck – wie es sich nicht wenige in der Partei wünschen.
22 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Berliner-Gruene/!6222909
## AUTOREN
(DIR) Uwe Rada
(DIR) Stefan Alberti
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Rot-Grün-Rot in Berlin
(DIR) Die Linke in Berlin
(DIR) Grüne Berlin
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Debatte um Wahlrecht in Berlin: Warum redet die CDU von Umvolkung?
Der Vorschlag, das Wahlrecht auszuweiten, macht eine rechtsextreme
Verschwörungstheorie bei CDU und SPD beliebt. Mit Argumenten ist dem schwer
beizukommen.
(DIR) Wahlverlierer CDU Berlin: SPD und Grüne wollen sich mit Konservativen treffen
Während in Berlin Linke, Grüne und SPD über eine Koalition verhandeln
wollen, meldet sich plötzlich die CDU und will reden. Was hat es damit auf
sich?
(DIR) Berliner Grüne: Auf der Suche nach einer grünen Elif Eralp
Die Grünen beschließen nicht nur Koalitionsgespräche. Sie legen auch quasi
fest, dass ihr Spitzenduo Graf und Jarasch nicht in den Senat rücken soll.
(DIR) Einigung auf Vergesellschaftung: Drei Sieger für Berlin
Was Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt vorhaben, macht Hoffnung: auf
eine sozialere Stadt und einen Politikwechsel, der über Berlin
hinausstrahlt.
(DIR) Rot-Grün-Rot in Berlin: Aufbruch oder Absturz?
Berlin könnte zeigen, dass der Rechtsruck nicht unausweichlich ist. Doch
dafür muss das mögliche Linksbündnis erst die eigenen Konflikte überwinden.