# taz.de -- Neuer Bürgerkrieg in Äthiopien: Skrupelloser Kampf für „Frieden“ und „Überleben“
       
       > In Äthiopien herrscht wieder Krieg, Tigrays TPLF-Rebellen sind erneut in
       > den Aufstand getreten. Diesmal werden sie von Sudan und Eritrea
       > unterstützt.
       
 (IMG) Bild: Kämpfer des militärischen Arms der Tigray-Rebellengruppe TPLF patrouillieren in Tigrays Hauptstadt Mekelle
       
       Am 10. Mai fand in Port Sudan ein denkwürdiges Treffen statt. In der
       Hafenstadt am Roten Meer, wo Sudans Militärregierung seit Beginn des
       sudanesischen Bürgerkrieges im Jahr 2023 amtiert, trafen sich äthiopische
       Regierungsgegner mit Regierungsvertretern aus Sudan und Eritrea und
       proklamierten unter den Flaggen von Sudan, Eritrea, Äthiopien und Somalia
       ihr „Engagement für Frieden in Afrika“. Ihr gemeinsamer Gegner: Äthiopiens
       Ministerpräsident Abiy Ahmed. Ihre gemeinsame Plattform: „Ximdo“, das
       Tigrinya-Wort für brüderliche Zusammenarbeit und der Name einer Bewegung,
       die Eritrea offiziell [1][als Friedensinitiative präsentiert].
       
       „Die Völker Äthiopiens befinden sich am Tiefpunkt ihrer Geschichte“, rief
       ein äthiopischer Gastredner. Ein Vertreter Sudans nannte das Treffen, das
       dritte seiner Art und das erste öffentlich verbreitete, einen „Wendepunkt“.
       Man bewege sich von Solidarität hin zu gemeinsamem Handeln, sagte er: „Wir
       ziehen in Schlachten, die wir nicht geplant und nicht verursacht haben.“ Es
       beginne eine „neue Phase“ im Bestreben, die Region „zum dauerhaften Frieden
       zu führen“.
       
       Je nachdrücklicher Politiker am Horn von Afrika von Frieden reden, das
       lehrt die Erfahrung, desto unausweichlicher folgt Krieg. Seit wenigen Tagen
       ist in Äthiopien der Bürgerkrieg zwischen der Zentralregierung von Abiy
       Ahmed und der in der Nordprovinz Tigray herrschenden TPLF
       (Tigray-Volksbefreiungsfront), der eigentlich 2022 nach zwei Jahren Krieg
       und 600.000 Toten per Friedensabkommen beendet worden war, wieder voll
       entbrannt.
       
       Am 23. September übernahm die TPLF, eine der erfahrensten Guerillagruppen
       der Welt, die Kontrolle über alle Flughäfen von Tigray. TPLF-Kämpfer
       überquerten die Grenzen in die Nachbarregionen Afar und Amhara und stießen
       bis kurz vor [2][Lalibela] vor, ein für seine jahrtausendealten
       Felsenklöster berühmtes Weltkulturerbe im amharischen Hochland. Inzwischen
       schlagen äthiopische Truppen die Rebellen angeblich zurück. Es gibt
       widersprüchliche Berichte über Hunderte Tote. Die TPLF-Führung sprach am
       Donnerstag von einem „totalen Krieg“, am Sonntag wurde ihr TV-Sender in
       Tigrays Hauptstadt Mekelle durch Drohnenangriffe zerstört, es gibt keine
       Internetverbindung mehr.
       
       ## „Historische Verantwortung, dieses Regime zu stürzen“
       
       Nur drei Tage vor dem Aufflammen der Kämpfe hatte die TPLF mit
       Teilnehmerorganisationen des Treffens von Port Sudan die Rebellenallianz
       Ethiopian Peoples' Forces Alliance for Survival (Überlebensallianz der
       Streitkräfte der äthiopischen Völker) aus der Taufe gehoben. Zu der Allianz
       gehören neben der TPLF bewaffnete Gruppen aus den Regionen Amhara, Oromia,
       Somali, Afar und Benishangul-Gumuz.
       
       Es gehe, so [3][die Gründungserklärung], um das Überleben „aller Nationen,
       Nationalitäten und Völker“ Äthiopiens – ein Vielvölkerstaat mit 130
       Millionen Einwohnern. Äthiopiens Regierung wird als „personalisiertes,
       diktatorisches und genozidales Regime“ bezeichnet. „Wir, die
       Volksstreitkräfte“, proklamieren die Rebellen, „tragen die historische
       Verantwortung, dieses Regime zu stürzen“.
       
       Es ist eine vertraute Sprache in Äthiopien. 1975 stürzten junge
       kommunistische Amhara-Revolutionäre in Addis Abeba das jahrtausendealte
       äthiopische Kaiserreich. Ihre Militärdiktatur bewirkte eine gigantische
       Hungerkatastrophe und wurde 1991 von Aufständischen aus Tigray und Eritrea
       gestürzt. Eritrea wurde unabhängig, die Tigray-Rebellen der TPLF
       etablierten sich als herrschender Kern der gesamtäthiopischen EPRDF
       (Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker), die Äthiopien
       föderalisierte und modernisierte.
       
       Als 2018 [4][der Oromo-Politiker Abiy Ahmed zum neuen EPRDF-Chef gewählt]
       wurde, ging die Vorherrschaft Tigrays zu Ende. Im November 2020
       [5][rebellierte die TPLF] in Tigray gegen die Zentralmacht, es folgte ein
       blutiger Krieg, der erst im November 2022 mit einem Friedensschluss in
       Südafrika zu Ende ging. Hunderttausende Tigrayer wurden getötet oder
       starben an Hunger und Seuchen, weite Landstriche waren verwüstet und
       entvölkert.
       
       Aber weder konnten danach die meisten der mehreren Hunderttausend
       Kriegsvertriebenen in Tigray zurück nach Hause, noch wurden die meisten der
       mehreren Hunderttausend TPLF-Kämpfer demobilisiert. Die Westhälfte Tigrays
       blieb unter Kontrolle von Milizionären aus der Nachbarregion Amhara, die
       2023 selbst in den Aufstand traten. Die TPLF wurde offiziell aufgelöst,
       aber der friedensskeptische Mehrheitsflügel um die Ex-Rebellen blieb
       organisiert und setzte Anfang Mai 2026 in Mekelle seine eigenen
       Institutionen wieder ein – fünf Tage vor dem „Friedenstreffen“ in Sudan.
       
       Tigray ist seitdem wieder Rebellengebiet, geführt vom historischen
       TPLF-Vorsitzenden Debretsion Gebremichael, ein Veteran des
       Befreiungskrieges der 1980er Jahre. Mehrfach hat Äthiopiens Armee dieses
       Jahr Orte in Tigray mit Drohnen beschossen. [6][Äthiopiens
       Parlamentswahlen] am 1. Juni dieses Jahres konnten in Tigray nicht
       stattfinden. Nur in 486 der 547 Wahlkreise Äthiopiens konnte gewählt
       werden, 438 davon gewann die Wohlstandspartei (Prosperity Party – PP) von
       Ministerpräsident Abiy Ahmed, die dieser 2019 als Ersatz für die zerfallene
       EPRDF gegründet hatte.
       
       ## Die autoritäre Modernisierungsagenda von Abiy Ahmed
       
       Abiy Ahmed verspricht den Äthiopiern mit der PP eine leuchtende Zukunft:
       [7][Öffnung der Wirtschaft] für ausländisches Kapital, ein Ende der
       Energieknappheit dank der Vollendung des großen Renaissance-Staudamms GERD
       am Blauen Nil und damit ein Ende der Massenarmut und wiederkehrenden
       Hungersnöte. Er [8][schloss Frieden mit Eritrea] und [9][erhielt dafür 2019
       den Friedensnobelpreis]. Die Hauptstadt Addis Abeba glänzt mit
       Neubauvierteln, modernem öffentlichen Nahverkehr und der Förderung von
       E-Autos.
       
       Aber politische Freiheiten sind schmal und in den ländlichen Regionen, wo
       nach wie vor die meisten Menschen leben, bleiben alte autoritäre
       Herrschaftsmuster intakt: privater einheimischer Landbesitz bleibt
       verboten, allmächtige Sicherheitsapparate sorgen für eine engmaschige
       Kontrolle der Bevölkerung.
       
       Alle äthiopischen Regierungen halten sich historisch dadurch, dass die
       Zentralmacht in den unterschiedlichen Landesteilen lokale Alliierte
       heranzieht und durch Vergünstigungen bei der Stange hält. Formal ist
       Äthiopien eine Bundesrepublik und die einzelnen Regionen haben sogar das
       Recht auf Sezession. Aber es ist nicht vorgesehen, dass sie tatsächlich
       eigenständig handeln. Wenn wie in Tigray die lokalen Machthaber sich
       wirklich erheben, nimmt die Zentralmacht das nicht hin.
       
       2020 war die TPLF in Tigray allein, Äthiopiens Regierung konnte die
       Rebellion niederkämpfen und die Regierungen Eritreas und Sudans halfen ihr
       dabei. 2026 ist Äthiopiens Regierung allein. Die TPLF unter ihrem
       erfahrenen alten Führer Debretsion Gebremichael hat nicht nur mit der
       „Überlebensallianz“ einheimische Verbündete gesammelt. Sie wird auch von
       Sudan und Eritrea unterstützt.
       
       Deren Regierungen haben sich beide gegen Abiy Ahmed gewandt – Eritrea, weil
       der äthiopische Ministerpräsident immer wieder einen eigenen Zugang zum
       Roten Meer fordert, etwa durch Übernahme des Hafens Assab; Sudan, weil das
       äthiopische Militär Sudans aufständische Miliz RSF (Rapid Support Forces)
       unterstützt.
       
       ## Schockwellen des Sudankrieges
       
       Der [10][Krieg in Sudan] zwischen der RSF-Miliz und der Militärregierung
       hat seit April 2023 Hunderttausende Tote und zeitweise über zwölf Millionen
       Vertriebene produziert, die RSF hat [11][als Völkermord gewertete Massaker
       an Zivilisten] in der Region Darfur begangen. Über den Flughafen von Bahir
       Dar in Äthiopien beliefern die Vereinigten Arabischen Emirate die RSF mit
       Waffen, haben Experten der UNO und der USA festgestellt. Die RSF-Einnahme
       der strategisch wichtigen Grenzstadt [12][Kurmuk] dieses Jahr wurde von
       Sudans Regierung auf äthiopische Hilfe zurückgeführt. Äthiopien sei „ein
       Söldner der Emirate bei der Zerschlagung Sudans“, hieß es auf dem
       Ximdo-Treffen von Port Sudan im Mai.
       
       In Sudans Krieg spielen Äthiopier von Anfang an eine weithin verkannte
       Rolle. Zu Beginn des Tigraykrieges 2020 waren zahlreiche TPLF-Kämpfer nach
       Sudan geflohen. Aus ihnen entstand die auf mehrere Zehntausend Kämpfer
       geschätzte Gruppe Army 70. Dem Frieden mit Äthiopiens Regierung 2022
       trauten sie nicht, sie blieben im Exil und eilten 2023 Sudans Armee gegen
       die RSF zu Hilfe. Das daraus entstandene Bündnis zwischen Sudans
       Militärregierung und der tigrayischen TPLF hält bis heute, spiegelbildlich
       zum Bündnis zwischen Äthiopiens Regierung und der sudanesischen RSF – auch
       wenn beide Regierungen das alles bei jeder Gelegenheit zurückweisen.
       
       Während Sudan sich als [13][Opfer von Terror] präsentiert, sieht sich
       Äthiopien als [14][Opfer einer Verschwörung]. Sudan und seine Schutzmacht
       Ägypten lehnen den äthiopischen GERD-Staudamm am Blauen Nil ab, weil er die
       Wasserzuflüsse in ihre Länder verändert. Kurz nach der Inbetriebnahme des
       Damms im September 2025 [15][warf Äthiopiens Außenministerium erstmals
       gegenüber der UNO] Eritrea und der TPLF vor, einen „neuen Krieg“ in
       Äthiopien zu planen und dafür die Bewegung Ximdo gegründet zu habe. Ägypten
       hat derweil auf UN-Ebene gedroht, gegen weitere äthiopische
       Wasserkraftprojekte sein „Selbstverteidigungsrecht“ in Anspruch zu nehmen,
       und findet dafür Sympathien bei US-Präsident Donald Trump.
       
       Dass die TPLF jetzt von Sudan und Eritrea unterstützt wird, ist nicht
       unbedingt von Vorteil. Eritreas Armee kämpfte im Krieg von 2020–22
       [16][gegen die TPLF] und verübte dabei schwere Verbrechen. Der populäre
       regimetreue eritreische Sänger Awel Seid, der damals das Vorgehen der
       eritreischen Armee rechtfertigte, präsentiert sich jetzt als öffentliches
       Gesicht der Friedensbewegung Ximdo zur Versöhnung von Eritreas und Tigrays
       Jugend. Das alles ist mindestens erklärungsbedürftig.
       
       Äthiopiens Regierung kann nun ihren Krieg gegen die TPLF als Widerstand
       gegen fremde Mächte darstellen. Die neue Rebellenallianz muss hingegen über
       die TPLF hinaus militärisch überzeugen. Das ist keineswegs sicher. Bei den
       Wahlen am 1. Juni liefen Drohungen von Milizen in Amhara und Oromia, die
       Wahlen zu verhindern, weitgehend ins Leere.
       
       Das neugewählte Parlament soll am 5. Oktober erstmals zusammentreten. Im
       Gespräch ist eine Verfassungsänderung – Ministerpräsident Abiy Ahmed soll
       vom Parlament zum Staatspräsidenten gewählt werden und dann neue
       weitreichende Kompetenzen erhalten. Bisher ist in Äthiopien jeder Versuch
       einer vollendeten Zentralisierung des Vielvölkerstaats an bewaffnetem
       Widerstand gescheitert. Diese Kraftprobe hat jetzt wieder begonnen.
       
       28 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.eritreanext.org/ximdo
 (DIR) [2] /Das-Geheimnis-von-Lalibela/!1569169/
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 (DIR) [11] /Massaker-in-Darfur/!6163596
 (DIR) [12] /Krieg-in-Sudan/!6167358
 (DIR) [13] https://www.reuters.com/business/media-telecom/sudan-accuses-ethiopia-first-time-involvement-its-civil-war-2026-03-03/
 (DIR) [14] https://x.com/addisstandard/status/2103520255351869442
 (DIR) [15] https://x.com/DanielsonKassa1/status/1975757192188850660
 (DIR) [16] /Krieg-in-Aethiopien/!5736994
       
       ## AUTOREN
       
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