# taz.de -- Repression in Äthiopien: Eine unabhängige Stimme aus Addis Abeba
> Die bekannteste äthiopische Zeitung „Addis Standard“ wird zunehmend zum
> Objekt staatlicher Repressalien. Zuletzt wurde Chefredakteur Yonas Kedir
> entführt.
(IMG) Bild: Informationsfreiheit unter Druck: Männer lesen 2016 in einem Café in Addis Abeba Zeitungen
Äthiopien ist für Journalisten ein schwieriges Pflaster. In dem autoritär
regierten Vielvölkerstaat mit 140 Millionen Einwohnern sind Transparenz und
Informationsfreiheit weitgehend unbekannt. Unabhängige Berichterstattung
außerhalb der Hauptstadt ist kaum möglich – vor allem seit dem Krieg
zwischen der Zentralregierung und der rebellischen Nordregion Tigray von
2020 bis 2022, der bis heute schwelt und zu dem sich weitere Konflikte
gesellen. Auf dem globalen Index [1][der Pressefreiheit von Reporter ohne
Grenzen (RSF)] liegt Äthiopien auf 148 von 180 Plätzen, zwischen Usbekistan
und Kasachstan, aber immerhin vor Ägypten, Sudan und Schlusslicht Eritrea.
Das liegt auch an mutigen Journalisten in der Hauptstadt Addis Abeba, die
von dem als Modernisierer angetretenen jungen Ministerpräsidenten Abiy
Ahmed bisher halbwegs geduldet wurden. Am bekanntesten ist der [2][Addis
Standard]. Gegründet 2011 von der Journalistin [3][Tsedale Lemma],
publiziert das als gedruckte Monatszeitschrift entstandene Medium
inzwischen täglich online, sowohl auf Englisch – mit globaler Leserschaft –
als auch auf Äthiopiens Amtssprache Amharisch und der meistverbreiteten
Sprache Oromo.
Neben Nachrichten und Analysen gibt es aktuell eine Artikelserie des
Soziologen Tesfatsion Dominiko über „Äthiopiens unvollendeten Kampf um
Demokratie“, dessen [4][zweite Folge] über die Parlamentswahlen vom Juli,
bei denen Abiy Ahmeds Regierungspartei fast alle Sitze gewann, eine düstere
Bilanz zieht, typisch vorsichtig formuliert: „Wir sind eine sehr alte
Zivilisation mit einem eigenen demokratischen Erbe, das wir seit einem
Jahrhundert unter einer Erzählung des Zentralismus vergraben.“
## Redaktionsräume besetzt
Das Blatt ist Schikanen gewohnt. Zu Beginn des Tigraykrieges wurde der
Produktionschef verhaftet. 2021 wurde der Addis Standard schon einmal unter
dem Vorwurf der Verbreitung „terroristischer“ Inhalte geschlossen. Am 24.
Februar 2026 [5][entzog Äthiopiens Medienbehörde EMA der Publikation die
Onlinelizenz]. Dagegen reichte ihr Verlag Jakenn Publishing Klage ein, eine
Entscheidung steht noch aus. Im April wurde ein hochrangiger Redakteur zwei
Wochen lang inhaftiert.
Den vorläufigen Höhepunkt erreichte dieser Konflikt Anfang August. Am Abend
des 1. August, wie der Verlag sowie das Committee to Protect Journalists
(CPJ) [6][mitteilen], wurde Chefredakteur Yonas Kedir von Bewaffneten aus
seinem Haus geholt, mit verbundenen Augen weggefahren und an einem
unbekannten Ort in einem Keller von maskierten Männern verhört und des
Landesverrats bezichtigt. Ein Militärfahrzeug brachte ihn am nächsten Tag
nach Hause zurück, wo seine elektronischen Geräte konfisziert wurden.
Gleichzeitig besetzten Sicherheitskräfte die Standard-Redaktionsräume und
nahmen zahlreiche Geräte mit, bevor am 3. August ein Räumungsbescheid
innerhalb von 72 Stunden erging.
Der Verlag machte die Vorgänge nach zwei Tagen öffentlich; was jetzt genau
die Lage ist, ist nicht bekannt. Jakenn hat [7][eine eigene Webseite]
eingerichtet, um die Vielzahl an juristischen Vorgängen zu dokumentieren.
Aber immerhin: Der Addis Standard erscheint noch – auf den ersten Blick
furchtlos wie eh und je.
12 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://rsf.org/en/index
(DIR) [2] https://addisstandard.com/
(DIR) [3] /Tsedale-Lemma-ueber-den-Aethiopienkrieg/!5728677
(DIR) [4] https://addisstandard.com/ethiopias-unfinished-democratic-struggle-from-divided-opposition-to-managed-exclusion-and-missed-victories/
(DIR) [5] https://addisstandard.com/ethiopian-media-authority-revokes-addis-standards-online-media-registration-editor-in-chief-disputes-claims/
(DIR) [6] https://cpj.org/2026/08/ethiopian-security-detain-addis-standard-editor-raid-newsroom-seize-equipment/
(DIR) [7] https://jakennlegalaffair.addisstandard.com/court-cases.php
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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