# taz.de -- Neuer Krieg am Horn von Afrika: Äthiopien wirft Eritrea Einmarsch in Tigray vor
       
       > Eritreische Truppen sollen die Grenze überquert haben, um Rebellen in
       > Tigray zu unterstützen. Äthiopische Truppen sind dort selbst auf dem
       > Vormarsch.
       
 (IMG) Bild: Der Krieg weitet sich aus: ausgebrannter Munitionslaster in der Region Tigray
       
       Der vor knapp drei Wochen ausgebrochene [1][neue Bürgerkrieg in Äthiopien]
       weitet sich zu einem internationalen Konflikt aus. Eritrea, dessen
       Regierung die äthiopischen Rebellen politisch unterstützt, schickte
       vergangene Woche seine Armee über die Grenze, um die aufständische
       Tigray-Volksbefreiungsfront (TPLF) in der nordäthiopischen Region Tigray
       auch militärisch zu unterstützen.
       
       Die Aktion sollte verhindern, dass Äthiopiens Armee Tigray komplett
       erobert. Die nordäthiopische Region hatte sich 2025 erneut vom äthiopischen
       Zentralstaat losgesagt – regiert wird sie von der ehemaligen
       Guerillabewegung TPLF, die 2020 bis 2022 schon einmal einen blutigen Krieg
       gegen Äthiopiens Regierung geführt hatte. Am 20. September gründete die
       TPLF zusammen mit Verbündeten in anderen Landesteilen eine Rebellenallianz,
       die am 23. September Angriffe startete. Schon nach wenigen Tagen aber
       wendete sich das Blatt, [2][die TPLF zog sich kampflos aus Tigrays
       Hauptstadt Mekelle zurück] und hinterließ diese den vorrückenden
       äthiopischen Streitkräften.
       
       Gemeinsam mit loyalen Tigray-Milizionären hat Äthiopiens Armee seitdem
       weitere Orte in Tigray besetzt, während sich die Tigray-Rebellen nach
       Norden an die Grenze zu Eritrea zurückzogen. Nach äthiopischen Berichten
       floh die TPLF-Führung sogar komplett nach Eritrea.
       
       Wie in allen Phasen dieses Krieges gibt es zahlreiche widersprüchliche
       Informationen. Unabhängigen Analysen zufolge überquerten 5.000 bis 8.000
       eritreische Soldaten vergangene Woche – der genaue Zeitpunkt ist umstritten
       – die Grenze nach Tigray, sie bewegten sich mit gepanzerten Fahrzeugen nach
       Süden Richtung Mekelle und [3][erreichten die Stadt Adigrat], bevor sie von
       äthiopischen Drohnenangriffen gestoppt wurden und sich zurückzogen. Seit
       Samstag [4][stehen äthiopische Soldaten in Adigrat]. Ob sie auch die
       historische Klosterstadt Axum weiter westlich erreicht haben, blieb am
       Sonntag unklar.
       
       ## Gegenseitige Schuldzuweisungen
       
       Äthiopien und Eritrea überziehen sich gegenseitig mit öffentlichen
       Schuldzuweisungen. Die äthiopische Regierung sprach am Freitag in einem
       Brief an die Vereinten Nationen von einer „flagranten Aggression“, gegen
       die man das „inhärente Recht auf Selbstverteidigung“ ausübe, und verlangte
       am Samstag eine Verurteilung Eritreas durch den UN-Sicherheitsrat.
       
       Eritreas Regierung verlangte ihrerseits eine Verurteilung Äthiopiens. Am
       Samstag sprach sie in ihrer [5][Antwort an die UNO] von einer
       „Kriegserklärung“ Äthiopiens, das „sein lang geplantes Projekt einer
       Invasion Eritreas“ in die Tat umsetzen wolle. Gemeint ist damit die
       Unterstellung, Äthiopien wolle sich den eritreischen Hafen Assab am Roten
       Meer einverleiben, um einen eigenen Meereszugang zu erhalten.
       
       Äthiopien verlor seinen Meereszugang, als Eritrea 1993 unabhängig wurde.
       Gemeinsam mit den Tigray-Rebellen der TPLF hatten eritreische
       Befreiungskämpfer zuvor Äthiopiens Regierung gestürzt. Äthiopiens neue
       TPLF-geführte Regierung und der neue Staat Eritrea entzweiten sich aber
       schnell und führten 1998 bis 2000 einen blutigen Krieg um ihre nicht
       eindeutig festgelegte Grenze in den Bergen von Tigray gegeneinander, der
       mit einer eritreischen Niederlage und einem nur teilweise umgesetzten
       UN-vermittelten Friedensabkommen endete.
       
       Als 2018 in Äthiopien Ministerpräsident Abiy Ahmed an die Macht kam,
       schloss er Frieden mit Eritrea, und beide Regierungen bekämpften 2020 bis
       2022 gemeinsam einen Aufstand der TPLF in Tigray. Nun aber haben TPLF und
       Eritrea wieder zusammengefunden – wobei die Verbrechen, die eritreische
       Soldaten im Krieg von 2020 bis 2022 gegen die tigrayische Zivilbevölkerung
       verübten, bei den Menschen noch sehr präsent sind. Es mehren sich Berichte,
       dass viele Tigrayer jetzt die TPLF ablehnen, weil sie gemeinsam mit dem
       verhassten Eritrea operiert, und nun anders als im letzten Krieg den
       Vormarsch von Äthiopiens Armee begrüßen.
       
       Zugleich aber wächst die Sorge vor direkten Kämpfen zwischen Äthiopien und
       Eritrea. Dass beide Regierungen sich an die UNO wenden, werten manche
       allerdings als positives Signal. „Indem Äthiopien erst die UNO aufruft, den
       Rückzug eritreischer Truppen aus äthiopischem Gebiet sicherzustellen, zeigt
       es, dass es vorerst Zurückhaltung walten statt einen vollen Krieg starten
       will“, [6][schreibt der Analyst René Lefort]. UN-Generalsekretär António
       Guterres hatte zuvor [7][in einer Erklärung] „tiefe Sorge“ über die Lage in
       der Region geäußert.
       
       11 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neuer-Buergerkrieg-in-Aethiopien/!6217009
 (DIR) [2] /Konflikt-am-Horn-von-Afrika/!6218653
 (DIR) [3] https://www.reuters.com/world/africa/ethiopian-forces-regain-control-border-city-after-reported-eritrean-incursion-2026-10-10/?taid=6aca3de97195f10001afce09&utm_campaign=trueAnthem%3A+Trending+Content&utm_medium=trueAnthem&utm_source=twitter
 (DIR) [4] https://x.com/breaking_bre/status/2108836151943450797
 (DIR) [5] https://x.com/hawelti/status/2108900389647253807
 (DIR) [6] https://x.com/rene_renelefort/status/2108472948671623346
 (DIR) [7] https://x.com/UN_Spokesperson/status/2108696319837585473
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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