# taz.de -- Parlamentswahlen in Äthiopien: Eine bessere Zukunft zu versprechen, ist nicht schwer
> Äthiopiens regierende Wohlstandspartei von Ministerpräsident Abiy Ahmed
> steht als Wahlsieger fest. Offen ist nur, wo alles nicht gewählt werden
> kann.
(IMG) Bild: Alles soll besser werden: Wahlkundgebung der regierenden Prosperity Party (PP) in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba, 26. Mai
Wenn die 130 Millionen Menschen in Äthiopien an diesem Montag ein neues
Parlament wählen, ist die Frage nicht, wer gewinnt. Die regierende
„Prosperity Party“ (PP) von Ministerpräsident Abiy Ahmed gewann bereits bei
den [1][letzten Wahlen 2021] 96 Prozent der Sitze und sitzt heute noch
fester im Sattel, trotz zahlreicher lokaler bewaffneter Konflikte.
Wie viele der [2][laut Wahlkommission] rund 52.000 Wahllokale angesichts
der Unsicherheit in vielen Landesteilen tatsächlich geöffnet und frei
zugänglich sein werden, dürfte das interessanteste Wahlergebnis sein. Oder,
wie es das staatliche „Institute of Foreign Affairs“ in einer [3][am
Wochenende veröffentlichten Wahlanalyse] ausführt: „Die Bedeutung der Wahl
liegt nicht bloß darin, wer gewinnt, sondern im Ereignis selbst“. Die Wahl
sei nicht als „Urteil“ zu verstehen, sondern als „Beleg für einen laufenden
demokratischen Weg“. Es gehe um „Kontinuität, Vorhersehbarkeit und
institutionelle Legitimität“.
Legitimität ist zentral für Abiy Ahmed. Er kam 2018 als junger 41-jähriger
Reformer an die Macht, brach verkrustete Strukturen auf, wurde 2019 mit dem
Friedensnobelpreis geehrt und verspielte dieses positive Image sofort
wieder, indem er sich 2020 in einen fürchterlichen Krieg in der
äthiopischen Nordregion Tigray stürzte.
Tigrays einstige bewaffnete Befreiungsbewegung TPLF
(Tigray-Volksbefreiungsfront) war seit ihrem Sturz der kommunistischen
Militärdiktatur in Äthiopien 1991 Kern der Regierungsallianz EPRDF
(Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker) gewesen, aus
deren Reihen auch Abiy Ahmed hervorging. Der wollte nicht mehr von den
Tigray-Generälen abhängig sein. Er löste die EPRDF auf und ersetzte sie
durch die PP als eigenes Machtvehikel. Die TPLF boykottierte diese
Umwandlung und blieb in Tigray mit ihrer eigenen Armee an der Macht, was
2020 zum Krieg führte.
## In Tigray wird wieder nicht gewählt
Nach [4][zwei verheerenden Kriegsjahren] und 600.000 Toten schloss die TPLF
Frieden mit Äthiopiens Regierung. Ihr junger Chefunterhändler Getachew Reda
wurde neuer Chef der Regionalregierung von Tigray. Doch als der
Friedensprozess stockte, vor allem mangels Demobilisierung von
Bürgerkriegskämpfern, entzog die TPLF unter ihrem historischen Führer
Debretsion Gebremichael der Regionalregierung ihre Anerkennung. Getachew
musste fliehen und Abiy Ahmed ersetzte ihn mit Tigrays Armeechef Tedesse
Werede als Regionalregierungschef.
2025 wurde die TPLF sogar vom äthiopischen Staat offiziell aufgelöst. Sie
hat ihrerseits den Frieden mit Äthiopiens Regierung offiziell aufgekündigt.
Am 5. Mai besetzte sie den Regionalregierungssitz in Tigrays Hauptstadt
Mekelle und übernahm faktisch wieder die Macht. Nun ist Tigray wieder im
Aufstand. Äthiopiens Regierung verdächtigt Ägypten und Sudan und sogar
Eritrea, den Aufstand zu unterstützen. Sie [5][wird ihrerseits
beschuldigt], der aufständischen Miliz RSF (Rapid Support Forces) in Sudan
militärische Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.
Der Wahltag markiert eine klare Niederlage für Äthiopiens Regierung, denn
gewählt wird in Tigray nicht – die Region zählt 38 der 547 Wahlkreise
Äthiopiens. Das war schon 2021 der Fall, Tigray ist in Äthiopiens Parlament
nicht vertreten. Jetzt bleibt es wieder außen vor. Und nicht nur dort
fühlen sich lokale Kräfte marginalisiert. Abiy Ahmed zentralisiert die
Staatsgewalt in einem Ausmaß, das landesweit lokale Größen vor den Kopf
stößt.
In Tigrays Nachbarregion Amhara (138 Wahlkreise), historisches Kernland des
äthiopischen Kaiserreiches, [6][sind lokale Fano-Milizen im Aufstand] gegen
die Regierung, mit der sie im Tigraykrieg noch zusammengearbeitet hatten.
Die zentraläthiopische Region Oromia (179 Wahlkreise), inmitten derer die
Hauptstadt Addis Abeba liegt und wo zahlreiche umstrittene
entwicklungspolitische Großprojekte liegen, ist umkämpft zwischen der
Regierungsarmee und der Rebellengruppe OLA (Oromo-Befreiungsarmee).
All diese Gruppen haben erst die Wählerregistrierung boykottiert und rufen
jetzt zur Verhinderung der Wahlen auf, indem sie jeden Straßenverkehr
untersagen. Die Wahlkommission hat in acht Wahlkreisen in Amhara die
Abstimmung ausgesetzt.
## Eine „leuchtende Zukunft“ für Äthiopien
Die Regierung setzt dem entgegen, sie löse Äthiopiens reale Probleme. Eine
„leuchtende Zukunft“ [7][malt Außenstaatsminister Berhanu Tsegaye] in einer
Analyse der Wahlen und unterstreicht, dass Äthiopien sich vom „ethnischen
Befreiungsdiskurs einer vergangenen Epoche“ lösen müsse. Der Bau von
Afrikas größtem Staudamm, dem GERD (Grand Ethiopian Renaissance Dam) am
Blauen Nil, gilt als erster Erfolgsbeleg, [8][weitere sollen folgen]. Die
Wohlstandspartei präsentiert sich als Modernisierungskraft mit
Wohlfühlprogramm für alle.
Doch für viele Kritiker ist das Staatswesen weiterhin autoritär, politische
Konflikte werden weiter als Gewaltkonflikte ausgetragen. Trotz hoher
Wachstumsraten leben 40 Prozent der Bevölkerung in absoluter Armut, der
Irankrieg hat Treibstoff und damit auch Lebensmittel in den Städten massiv
verteuert.
Bei freien Wahlen könnte so etwas Thema sein. Aber diese Wahl ist
vorentschieden. Äthiopiens größtes Oppositionsparteienbündnis hat sich
bereits zurückgezogen, nachdem Gerichte die Kandidatenlisten mehrerer
Parteien annulliert hatten. Von rund 30.000 der 52.000 Wahllokale haben die
Behörden [9][laut der äthiopischen Zeitung The Reporter ] nicht
bekanntgegeben, wo sie sich überhaupt befinden. In diese Wahlen, sagt der
Oppositionelle Jawar Mohammed, geht Äthiopien „inmitten von ungelösten
bewaffneten Konflikten, einem schrumpfenden Raum für Politik, dem
Verschwinden von Medienfreiheit und Fragen über die Inklusivität des
Wahlprozesses“.
1 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Vor-der-Parlamentswahl-in-Aethiopien/!5777290
(DIR) [2] https://nebe.org.et/
(DIR) [3] https://www.ifa.gov.et/2026/05/30/h-e-pm-abiys-doctrine-how-ethiopia-built-facts-its-rivals-could-not-undo/
(DIR) [4] /UN-Menschenrechtsbericht-zu-Aethiopien/!5958218
(DIR) [5] /Beschuss-des-Flughafens-Khartum/!6176445
(DIR) [6] /Neuer-Krieg-in-Aethiopien/!5949369
(DIR) [7] https://hornreview.org/2026/05/31/ethiopias-election-in-context-moving-past-simplistic-narratives/
(DIR) [8] /Neue-Boerse-in-Addis-Abeba/!6179621
(DIR) [9] https://www.thereporterethiopia.com/50930/
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
## TAGS
(DIR) Äthiopien
(DIR) Tigray
(DIR) Abiy Ahmed
(DIR) Finanzmarkt
(DIR) 7. Oktober 2023
(DIR) Krieg
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