# taz.de -- Neue Börse in Addis Abeba: Äthiopien will afrikanisches Finanzzentrum werden
       
       > Eine eigene Börse soll dem 130-Millionen-Einwohner-Land Wachstum bringen.
       > Noch klaffen Wunsch und Realität allerdings weit auseinander.
       
 (IMG) Bild: Die Skyline von Addis Abeba, Äthiopien: Hier soll in den kommenden Jahren gleich ein ganzes Finanzzentrum entstehen
       
       Die Glocke in der Mitte des Raums ist still, seit vielen Tagen schon. Die
       Stuhlreihen sind verwaist, die Bildschirme darüber schwarz. An den
       gläsernen Außenwänden stehen acht Zimmerpflanzen, ihre Blattspitzen färben
       sich braun. Der Handelsraum der neuen äthiopischen Börse, der Ethiopian
       Securities Exchange (ESX), liegt im 18. Stock eines Glasturms mitten im
       Bankenviertel der Hauptstadt Addis Abeba. Dieser Ort könnte ein Symbol des
       Aufbruchs sein.
       
       Im Januar 2025 stand Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed in dem
       Handelsraum, läutete die goldene Glocke und sprach von einem
       [1][„historischen Meilenstein für] [2][unsere Wirtschafts- und
       Finanzlandschaft“]. Ein florierender Kapitalmarkt als Treiber des
       Fortschritts – so lautete damals das Versprechen.
       
       Jahrzehntelang lenkte der Staat die ökonomischen Geschicke Äthiopiens. Erst
       in den vergangenen Jahren hat die Regierung um Ahmed begonnen, die
       Wirtschaft schrittweise zu öffnen. Die neue Börse gilt als Herzstück dieses
       Kurses.
       
       Ein Jahr später ist im Handelsraum jedoch kaum Betrieb. An einem sonnigen
       Montagvormittag verzeichnet die Digitalplattform der ESX zwar einige
       Geldmarktgeschäfte zwischen Banken, aber keinen einzigen Aktienhandel. Auf
       einem wandfüllenden Bildschirm am Ende des Raums, wo an anderen Börsen
       Aktienkurse ihre Zickzacklinien ziehen, leuchtet hier nur das ESX-Logo auf
       grünem Grund.
       
       Yodit Kassa arbeitet daran, dass sich das ändert. Die 37-Jährige leitet das
       operative Geschäft der ESX. Während sie durch den Handelsraum führt,
       klackern ihre weißen Pumps über die Fliesen – ansonsten herrscht Stille.
       
       ## Ambitionierte Ziele
       
       Dass bislang nur drei Banken und der staatliche Telekommunikationskonzern
       Ethio Telecom gelistet sind, sei kein Grund zur Sorge, sagt Kassa. Mehrere
       Unternehmen befänden sich im Zulassungsverfahren. Im Laufe des Jahres
       rechnet sie mit mindestens einem Dutzend verschiedener Aktien, die dann
       gehandelt werden können. In fünf Jahren, sagt Kassa, wolle die ESX „die
       größte oder zumindest die zweitgrößte Börse in ganz Afrika sein“. Noch
       bleibt die südafrikanische Börse in Johannesburg der afrikanische Primus.
       
       Kassas Ziele sind enorm ambitioniert – vor allem in einem Land wie
       Äthiopien. Rund 130 Millionen Menschen leben hier– [3][knapp 40 Prozent
       davon] [4][unter der Armutsgrenze von drei Dollar am Tag]. Wirtschaftlich
       geht es zwar seit einigen Jahren bergauf – laut Ministerpräsident Ahmed sei
       die Wirtschaft im Geschäftsjahr 2025/26 um [5][10,2 Prozent] gewachsen.
       Dennoch zählt Äthiopien weiterhin zu den ärmeren Staaten des Kontinents.
       Weil das Land nur wenige Güter exportiert, leidet es chronisch unter
       Devisenmangel. Doch ohne ausländische Währungen lassen sich etwa
       [6][Treibstoff und technische Ausrüstung] kaum importieren.
       
       Zugleich kontrolliert der Staat weiterhin zentrale Branchen wie Banken,
       Telekommunikation und Energie. Sämtliches Land gehört dem Staat; immer
       wieder kommt es zu Enteignungen und Zwangsumsiedlungen. Auch Korruption
       bleibt ein ernsthaftes Problem, Vergabeverfahren sind nicht immer
       transparent.
       
       Kapitalmärkte leben jedoch von Vertrauen. Unsicherheit [7][schrecke]
       [8][Investoren ab], sagt Dakito Alemu, Professor für Rechnungswesen und
       Finanzwirtschaft an der Addis Ababa University. „Solange wir nicht an
       unserer politischen und gesellschaftlichen Stabilität arbeiten, können wir
       nicht erwarten, dass sich der Kapitalmarkt in die richtige Richtung
       entwickelt.“
       
       ## Skepsis gegenüber marktwirtschaftlichen Mechanismen
       
       Alemu zufolge ist es in Afrika schwieriger als anderswo, funktionierende
       Börsen aufzubauen. Das liege nicht nur an politischer Instabilität, sondern
       auch an der Skepsis vieler Entscheidungsträger gegenüber
       marktwirtschaftlichen Mechanismen. „Viele afrikanische Politiker fürchten,
       die Kontrolle zu verlieren, wenn der Markt übernimmt“, sagt Alemu. Auch auf
       Unternehmensebene seien die Vorbehalte groß: Familiengeführte Firmen seien
       Transparenzpflichten oft nicht gewohnt, der Gang an die Börse sei deshalb
       ein langwieriger Prozess.
       
       In Äthiopien komme erschwerend hinzu, dass es kaum Fonds und andere
       institutionelle Investoren gebe. Eine Börse ohne Akteure sei vergleichbar
       mit einem Theater ohne Schauspieler, sagt Alemu.
       
       Andere Wirtschaftswissenschaftler warnen vor den Risiken der neuen Börse.
       Ohne eine wirksame Aufsicht drohten [9][Instabilität, Marktmanipulationen
       und ein Finanzplatz, von dem vor] [10][allem ausländische Investoren und
       lokale Eliten profitierten.]
       
       ## Neubau für Börse geplant
       
       Das voraussichtliche Baugrundstück für die Börse liegt im zentralen
       Stadtviertel Sengatera, unweit der Glastürme des Bankenviertels. Hier soll
       in den kommenden Jahren gleich ein ganzes Finanzzentrum entstehen, rund
       fünf Hektar groß, Hunderte Millionen Euro schwer, mit Bürogebäuden und
       Luxusapartments. Mit der Umsetzung hat die staatliche
       Beteiligungsgesellschaft Ethiopian Investment Holdings (EIH) [11][den
       Hamburger] [12][Projektentwickler Rockstone Real Estate beauftragt].
       
       „Sie wollten einen internationalen Partner, weil sie für dieses Projekt
       US-Dollar benötigen“, sagt Adiamseged Eyassu, Leiter des Rockstone-Büros in
       Addis Abeba. Etwa die Hälfte der Baumaterialien müsse importiert werden –
       ohne Devisen kaum möglich. Dazu bringe man als deutsches Unternehmen
       Know-how und internationale Kontakte mit.
       
       Vor Ort, abgeschirmt von blickdichten Bauzäunen, vertrocknet Gras neben
       mehreren Schutthaufen und Lastwagen. Ein einzelner Baum steht noch in der
       Mitte. Neben einer Wellblechhütte sitzen Bauarbeiter auf blauen
       Plastikstühlen und trinken Tee. Hier könnte bald eine der größten Börsen
       Afrikas stehen. Oder der Beweis, dass große Ambitionen ohne ausgereifte
       Finanzinfrastruktur nicht tragen.
       
       19 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://x.com/AbiyAhmedAli/status/1877708777639543227
 (DIR) [2] https://x.com/AbiyAhmedAli/status/1877708777639543227
 (DIR) [3] https://documents1.worldbank.org/curated/en/099559004212518954/pdf/IDU-74184097-0606-4f26-a1b5-135f87d3c88c.pdf
 (DIR) [4] https://documents1.worldbank.org/curated/en/099559004212518954/pdf/IDU-74184097-0606-4f26-a1b5-135f87d3c88c.pdf
 (DIR) [5] https://www.reuters.com/world/africa/ethiopia-economy-expand-102-2025-26-prime-minister-says-2026-02-03/
 (DIR) [6] https://de.tradingeconomics.com/ethiopia/imports-by-category
 (DIR) [7] https://www.state.gov/reports/2025-investment-climate-statements/ethiopia
 (DIR) [8] https://www.state.gov/reports/2025-investment-climate-statements/ethiopia
 (DIR) [9] https://www.iiste.org/Journals/index.php/RJFA/article/viewFile/63431/65554
 (DIR) [10] https://www.iiste.org/Journals/index.php/RJFA/article/viewFile/63431/65554
 (DIR) [11] https://www.gtai.de/de/trade/aethiopien/branchen/deutsche-immobilienfirma-will-aethiopiens-finanzdistrikt-bauen-1868400
 (DIR) [12] https://www.gtai.de/de/trade/aethiopien/branchen/deutsche-immobilienfirma-will-aethiopiens-finanzdistrikt-bauen-1868400
       
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