# taz.de -- Demokratie in der Krise: Pistorius ist jetzt Antifa
       
       > Seit Dienstag hält erstmals ein AfD-Politiker in Deutschland ein hohes
       > Staatsamt, vermutlich dank der CDU. Verzweifeln könnte man deshalb – muss
       > man aber nicht!
       
 (IMG) Bild: Nein, das ist nicht Armin Laschet, sondern der Bundesverteidigungsminister Boris Postorius auf dem Berliner Bebelplatz am 06.10.2026
       
       Auf dem Weg in die Redaktion fahre ich mit dem Fahrrad durch
       Berlin-Neukölln. [1][Das Kalifat habe ich noch nicht gesehen], auch die
       Diktatur des Proletariats ist mir nicht begegnet, vielleicht nimmt sie die
       U-Bahn. Dafür sind die traurigen Gestalten, die nach Geld und Essen
       betteln, immer noch da und immer noch traurig. Wie enteignete
       Immobilienbesitzer sehen sie nicht aus.
       
       Die einzige Vollverschleierung, die Berlin gerade wieder aufgezwungen wird,
       ist dieser fundamentalistische graue Himmel, der von Oktober bis März über
       der Stadt liegt, und einen jedes Jahr zweifeln lässt, warum man hier wohnt.
       
       Vermutlich sind meine Erwartungen zu groß geworden. Und noch kann sie auch
       scheitern, die linke Regierung in Berlin, an der Basis der Linkspartei
       zetern sie schon. Grüne, Linke und SPD haben gute Beschlüsse zum Schutz
       jüdischen Lebens getroffen und nehmen jetzt Sondierungen auf. Das Geheule
       von Springer und ex-linken Ex-Politikern war erfolglos.
       
       Es ist unwahrscheinlich, dass eine mögliche linke Landesregierung die Sonne
       bald wieder scheinen lässt. Aber etwas Hoffnung schadet nicht, zumal in
       einer Woche, in der man schon am Dienstag verzweifeln konnte. [2][An diesem
       Tag wurde erstmals ein AfD-Politiker in ein hohes Staatsamt gewählt,
       vermutlich mit Stimmen der CDU.]
       
       ## Wenn Pistorius die National- als Antifa-Hymne singt
       
       Aber es gibt eben auch Grund zur Hoffnung, nicht nur in der Berliner
       Landespolitik. Und diese Hoffnung ist, ganz dialektisch, eng verwoben mit
       der Verzweiflung. Denn der Tabubruch von Magdeburg könnte ungeahnte Folgen
       haben. Die CDU-Fraktion könnte sich spalten, einige Abgeordnete Ulrich
       Siegmund zum Ministerpräsidenten wählen. Womöglich fällt dann der
       Bundeskanzler, oder er kaschiert seinen Machtverlust und nimmt den
       Beschluss der Unvereinbarkeit mit der AfD zurück.
       
       Das wäre dann ein neuer Grund zu verzweifeln, einerseits. Andererseits: Je
       mehr die CDU strauchelt, desto näher rückt eine dritte politische
       Alternative zum schwarz-roten Weiter-so und zur schwarz-blauen Hölle. Je
       lauter die CDU über die Linke keift, je heftiger sie an dem rüttelt, was
       von der Brandmauer übrig ist, desto näher bringt das die anderen
       demokratischen Parteien.
       
       [3][Diese Woche gab es dazu im Schatten von Magdeburg eine spannende
       Veranstaltung:] die Linke Ines Schwerdtner, der Grüne Andreas Audretsch und
       der Sozialdemokrat Tim Klüssendorf saßen zusammen auf einer Bühne,
       gemeinsam mit der Ökonomin Isabella Weber. Sie waren sich einig, dass es
       „antifaschistische Wirtschaftspolitik“ brauche.
       
       Natürlich gibt es große Hindernisse für eine linke Regierung auf
       Bundesebene, vor allem die unterlassene Hilfeleistung der Linken für die
       Ukraine. Noch weiß die Partei selbst nicht, ob sie überhaupt im Bund
       regieren will. Aber die rot-grün-rote Veranstaltung regte die Fantasie an,
       und die ist dringend nötig: Es braucht neue demokratische Mehrheiten.
       
       Auch der Auftritt von Boris Pistorius auf der Getränkekiste war ein Moment
       für Zuversicht. Endlich steht da ein Sozialdemokrat, der verstanden hat,
       was Phase ist. Pistorius hat den Zusammenhang von Verzweiflung und Hoffnung
       erkannt. Der Tabubruch von Magdeburg sei kein Anlass für Traurigkeit oder
       Betroffenheit, sagte er, sondern für „Wut“. Und dann singt er die National-
       als Antifa-Hymne.
       
       Pistorius ist ein aufrechter Antifaschist, aber sicherlich kein Freund von
       Rot-Grün-Rot. Es geht in diesen Tagen aber auch nicht allein um mögliche
       neue Mehrheiten, sondern darum, dass Magdeburg für Klarheit sorgt. Letzthin
       konnte man den Eindruck bekommen, dass sich die SPD mit dem eigenen Tod
       abgefunden hat. Jetzt aber kämpft sie. Es ist noch Leben in der
       Sozialdemokratie, auch das macht Hoffnung in dieser Woche.
       
       10 Oct 2026
       
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