# taz.de -- Antifaschistische Wirtschaftpolitik: Dunkelrot-Rot-Grün sucht nach Alternativen
> Die Ökonomin Isabella M. Weber präsentiert in Berlin ihr aktuelles Buch
> „Antifaschistische Wirtschaftspolitik“ – zusammen mit SPD, Linken und
> Grünen.
(IMG) Bild: Die Ökonomin Isabella M. Weber
Ach, wenn Koalitionsverhandlungen so einfach wären. Als sich die
Vorsitzende der Linkspartei, Ines Schwerdtner, der grüne Finanzpolitiker
Andreas Audretsch und SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf am Montagabend in
Berlin trafen und über Wirtschaftspolitik und öffentliche Daseinsfürsorge
sprachen, waren sie sich überraschend einig.
Selbst beim heiklen Thema Enteignungen bekannte Klüssendorf, dass die SPD
ja schon in den 70er und 80er Jahren über die Vergesellschaftung von Grund
und Boden diskutiert habe und er da gar keine Berührungsängste habe. „Ich
sehe das sogar als notwendig an und für die Zukunft der SPD als wesentliche
Diskussion“, sagte Klüssendorf. Aber aktuell eben nicht.
Die Frage, was aus dem Volksentscheid zur Vergesellschaftung der
Wohnungsbestände großer Immobilienkonzerne werden soll, ist eine der
heikelsten Fragen in den [1][anstehenden Gesprächen zwischen den drei
Parteien], die in der Hauptstadt vielleicht in eine dunkelrot-rot-grüne
Koalition münden könnten. Die Linkspartei besteht auf Enteignung, aber
Teile der SPD sind dagegen und die Bundespartei hat sogar [2][im Verbund
mit der Union ein Gesetz gegen Enteignungen angekündigt].
Doch sowohl Schwerdtner als auch Audretsch verzichteten am Montag darauf,
Klüssendorf deswegen in die Mangel zu nehmen. Vielleicht lag es daran, dass
drei Bundespolitiker miteinander sprachen, ganz sicher lag es auch an der
vierten Person auf dem Podium, dem eigentlichen Star des Abends: der
Ökonomin Isabella M. Weber. Weber stellte in der Berliner Urania ihr
[3][aktuelles Buch „Antifaschistische Wirtschaftspolitik“] vor.
Die Ökonomin Weber, die in den USA lehrt und forscht, genießt nicht nur in
linken Kreisen hohes Ansehen. Sie beriet unter anderem die Ampelregierung
und gilt als die [4][Erfinderin des Gaspreisdeckels], den die Regierung
inklusive der FDP nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022
installierte, um die Menschen von den sprunghaft gestiegenen Gaspreisen zu
entlasten.
## Akute Bezahlbarkeitskrise
Weber hatte zuvor schon für strategische Preiskontrollen geworben, um
existenzielle Güter bezahlbar zu halten. In ihrem aktuellen Buch geht sie
noch einen Schritt weiter. Sie wirbt dafür, existenzielle Bereiche des
Lebens der Marktlogik und dem Profitstreben zu entziehen und sie unter
öffentliche – aber nicht staatliche – Kontrolle zu stellen: neben Wohnraum
auch Nahrung, Mobilität, Gesundheitsversorgung und Energie. Nur so,
argumentiert sie, könne die Politik in der aktuellen „akuten
Bezahlbarkeitskrise“ wieder Handlungsfähigkeit demonstrieren und einen
Ausweg aus der „apokalyptischen Haltung“ der Rechten weisen.
Der Aufstieg der Rechten, so analysiert sie, sei begünstigt worden durch
eine neoliberale und harsche Austeritätspolitik, die zu massiver
Verunsicherung geführt habe. Der Neoliberalismus – also die alternativlose
Unterordnung unter den Markt und damit unter Profitinteressen – sei in
seinem Anspruch gescheitert, autoritäre Kräfte einzudämmen.
Allein der Titel des Buches „Antifaschistische Wirtschaftspolitik“ trifft
offenbar einen Nerv, der große Saal in der Berliner Urania war fast bis auf
den letzten Platz besetzt. Für die Buchpräsentation hatten sich die drei
parteinahen Stiftungen zusammengetan, die Rosa-Luxemburg-Stiftung (Linke),
die Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD) und die Heinrich-Böll-Stiftung – auch
das ein sehr ungewöhnlicher Vorgang.
Audretsch, Schwerdtner und Klüssendorf teilten allesamt die zentralen
Thesen Webers. Sie könne das „hilflose Moralisieren“ nach Wahlsiegen der
Rechten nicht mehr hören, sagte Schwerdtner, die den Begriff
antifaschistische Wirtschaftspolitik schon vor Erscheinen des Buches
aufgegriffen hatte und ihn in seiner Einfachheit „genial“ findet. „Um die
Demokratie zu kämpfen, bedeutet eine andere Wirtschaftspolitik, die die
Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellt.“
## Gaspreisdeckel als Ausnahme
Audretsch betonte, dass die Erzählung vom Kontrollverlust derzeit eine
rechte sei und es keine demokratische Gegenerzählung gebe. Insofern sei der
Gaspreisdeckel eine Ausnahme gewesen, sagt der Grünen-Politiker, der
zusammen mit Weber ebenfalls Mitglied der Gaspreiskommission war. Nach
endlos langen Diskussionen habe man sich damals entschieden, die Preise zu
deckeln, und gezeigt: „Wir sind in der Lage, Veränderung zu organisieren.“
In dieser Zeit seien die Zustimmungswerte zur AfD nicht gestiegen.
Klüssendorf konstatiert ebenfalls eine streckenweise Ohnmacht gegenüber
Marktinteressen, die als quasi naturgesetzlich gelten würden, und findet es
„krass, dass die Profitinteressen einzelner manchmal vernünftiger zu
verfolgen sind als die demokratische Kontrolle von gewählten Menschen in
Regierungen“. Er plädiert dafür, sich Märkte durch „knallharte“
Ordnungspolitik zurückzuholen, etwa durch einen Mietendeckel. Man hätte
gern gewusst, wie ein Gesetz gegen Enteignungen in diese Analyse passt,
aber diese Nachfrage wurde leider nicht gestellt.
Weber selbst ist beim Thema Enteignungen entschieden: Es sei eine der
Lektionen der antifaschistischen Wirtschaftspolitik, „dass
Vergesellschaftung möglich sein muss“. Denn Eigentum müsse dem öffentlichen
Interesse dienen, diesem Grundsatz folge auch Artikel 15 des Grundgesetzes,
der Enteignungen für zulässig erklärt. Angewandt wurde er freilich noch
nie. Dem Argument, das sei zu teuer, stellte Weber [5][eine aktuelle Studie
des Instituts für Makroökonomie] entgegen, dem sie eng verbunden ist.
Demnach ließen sich die in Rede stehenden 220.000 Wohnungen für 13,5
Milliarden Euro Entschädigung überführen.
Weder Klüssendorf und schon gar nicht Schwerdtner und Audretsch
widersprachen. Schwerdtner machte Vergesellschaftung erneut zur Bedingung
einer dunkelrot-grün-roten Regierung in Berlin. Audretsch warnte jedoch:
„Das geht nicht schnell und wird dauern.“ Er rechne mit jahrelangen
Rechtsstreiten bis vor das Bundesverfassungsgericht.
Andere Themen wie die Außenpolitik und die Antisemitismusvorwürfe gegen
einzelne Mitglieder der Linken wurden auf dem Podium bewusst ausgeklammert.
Dann wäre die harmonische Stimmung sicher gekippt. Man spürte dennoch: Da
kann was gehen.
7 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Regierungsbildung-in-Berlin/!6218587
(DIR) [2] /Koalition-zum-Wohnen/!6192955
(DIR) [3] https://www.suhrkamp.de/buch/isabella-m-weber-antifaschistische-wirtschaftspolitik-t-9783518047460
(DIR) [4] /Gaspreisdeckel-der-Ampel/!5880440
(DIR) [5] https://www.imk-boeckler.de/de/pressemitteilungen-15992-vergesellschaftung-von-wohnbestaenden-79118.htm
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
## TAGS
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(DIR) Enteignung
(DIR) Wirtschaft
(DIR) GNS
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