# taz.de -- Wer wird SPD-Vorsitzende?: Warten auf Manu
> SPD-Frauen beklagen den Sexismus der Union – aber auch die eigene Partei
> ist nach dem Rückzug von Bärbel Bas ein Männerclub. Kommt jetzt Manuela
> Schwesig?
(IMG) Bild: Die Hoffnung der Frauen in der SPD: Ministerpräsidentin Manuela Schwesig
Manuela Schwesig sitzt am Dienstag dieser Woche in einem Märchenschloss mit
Blick aufs Wasser. Die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet, folgt sie
stoisch der ersten Sitzung des neuen Landtags von Mecklenburg-Vorpommern,
der hier im Schweriner Schloss residiert. [1][Heute geht alles glatt]: Es
gibt keinen Eklat wie in Magdeburg, die rot-grün-rote Mehrheit steht. Läuft
bei ihr.
Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass dieser Landtag mit seinen 71
Abgeordneten auf Dauer zu klein werden könnte für Schwesig. Sollte sie
selbst dann und wann diesen Gedanken haben, kann Schwesig ihn jedenfalls
gut verstecken. Nicht einmal greift sie zu ihrem Telefon, anders als die
meisten Abgeordneten folgt sie aufmerksam der Debatte. Schwesig hat Geduld,
sie kann warten.
Wenn man in einem Schloss am Wasser sitzt – warum sollte man dann
freiwillig nach Berlin?
Ein, zwei Gründe gäbe es: Die Sozialdemokratie retten und die sogenannte
Mitte gleich mit. Das sind so die Erwartungen, die einige gerade an Manuela
Schwesig stellen. Wer in Ostdeutschland gegen die AfD bestehen und für die
SPD über 35 Prozent holen kann, der wird Größeres zugetraut. Auch in
Umfragen gibt es einen Schwesig-Hype. Seit dieser Woche ist sie nach Boris
Pistorius die zweitbeliebteste Politikerin des Landes. Und 82 Prozent der
SPD-Anhänger hätten sie gern als SPD-Vorsitzende.
## Die Union hat Schwesig als Gefahr erkannt
Hört man sich in der Partei um, wer als Nachfolgerin von Bärbel Bas infrage
käme, heißt es: Wir warten auf Manu. Bisher hat sie eine Kandidatur nicht
ausgeschlossen. Erst muss die Koalition in Schwerin stehen, dann wird sie
eine Entscheidung treffen. Anfang November dürfte es so weit sein. Dann
soll Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin aus dem Märchenschloss, der
SPD ein Wintermärchen bescheren. „Alle warten, was sie sagt“, so eine
führende SPD-Politikerin.
Auch in der Union hat man Manuela Schwesig als Gefahr ausgemacht. Mit
Friedrich Merz ist sie bereits im Kanzleramt aneinandergeraten. „Sie haben
die demokratische Mitte zerstört“, soll der Kanzler ihr vorgeworfen haben.
Das lasse sie sich nicht bieten, sagte Schwesig dazu, „weder als
Ministerpräsidentin noch als Frau“. Am vergangenen Wochenende nun warf ihr
der Chef der Jungen Union, Johannes Winkel, wegen ihrer Rolle bei der
Gaspipeline Nord Stream vor, sie habe sich „von Russland kaufen“ lassen.
„Da musste ich dazwischengehen“, sagt Carmen Wegge der taz. Wegge ist
Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Frauen in der SPD und vertritt damit
150.000 Sozialdemokratinnen. In einem Interview warf sie der Union im
Umgang mit Schwesig „Sexismus mit System“ vor. Frauen mit Macht würden
nicht politisch gestellt, sondern persönlich angegriffen. „Ihr wird die
Kompetenz abgesprochen, ihr Ton kritisiert, ihre Glaubwürdigkeit
untergraben.“
Aus dem Rücktritt von Bärbel Bas hat Wegge eine Lehre gezogen: Sie will
schneller und klarer widersprechen, wenn in der Kritik an Frauen aus ihrer
Sicht Grenzen überschritten werden. „Ich will nicht, dass die sich nun die
nächste Frau vornehmen, die sie fertig machen können.“ Wegge nimmt aber
auch ihre Genossen in die Pflicht. „Es ist auch Aufgabe der Männer, zu
widersprechen.“
Hört man sich unter führenden SPD-Frauen um, gibt es auch selbstkritische
Töne. Sarah Philipp, die Vorsitzende der SPD in NRW, sagt: „Auch
Frauensolidarität ist ein wichtiges Thema. Aber wir werden in einem System
sozialisiert, das uns beibringt: Es kann nur eine geben.“ Oft seien es
Männer, die im Hintergrund Entscheidungen dominieren. Frauen würden dann
häufig in Kampfkandidaturen gegeneinander antreten. Das müsse sich ändern.
Als Chefin des größten Landesverbands will Philipp bei der Neuaufstellung
der Partei eine wichtige Rolle spielen.
## „Der Anspruch auf Gleichstellung wird nicht erfüllt“
Und so gilt Manuela Schwesig längst nicht nur als Hoffnung für eine
glaubwürdige und erfolgreiche SPD. Sie soll auch das Frauenproblem der
Partei lösen. Nach Bas’ Rücktritt hat die SPD keine Frau mehr in der ersten
Reihe der Berliner Politik. Weshalb es wohl präziser ist, von einem
Männerproblem zu sprechen. Viele Sozialdemokratinnen empören sich über die
Männer der Union, die ihnen hinter verschlossenen Türen die Welt erklären
und auch bei öffentlicher Kritik Grenzen überschreiten. Aber viele sagen
auch: Die SPD hat selbst ein Problem mit der Gleichberechtigung.
Am selben Tag, an dem Bärbel Bas als Ministerin zurücktrat, stellte Lars
Klingbeil Alexander Schweitzer als ihren Nachfolger vor. Die Entscheidung
traf er weitgehend allein, die Parteiströmungen waren nicht eingeweiht.
Dabei hätte es Frauen für den Job gegeben, die bereits zu Arbeits- und
Sozialpolitik arbeiten: die Vizefraktionschefin Dagmar Schmidt oder die
Berliner Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe, um nur zwei zu nennen.
Nun aber werden die wichtigen SPD-Ministerien mit den großen Budgets, also
Verteidigung, Finanzen, Arbeit und Soziales, von Männern geführt. Auch die
organisatorische Macht liegt in der SPD ausschließlich bei Männern: Lars
Klingbeil als Parteichef, Matthias Miersch als Fraktionschef, Dirk Wiese
als Parlamentarischer Geschäftsführer, Tim Klüssendorf als Generalsekretär.
„Der Anspruch an Gleichstellung wird aktuell nicht ausreichend erfüllt“,
sagen mehrere führende Sozialdemokratinnen.
Alexander, Boris, Lars, Matthias, Dirk und Tim. Welche Gesellschaft soll
das abbilden?
## „Käte, hör mal weg“
„Frauen mussten in der SPD immer besonders kämpfen“, sagt die Historikerin
Heike Specht. Sie hat das Buch „Die ersten ihrer Art“ über Frauen in der
Politik geschrieben. Specht wird regelmäßig von SPD-Ortsgruppen für
Vorträge eingeladen. Was die Genossen dann weniger gern hören: Wie Frauen
immer wieder ausgebremst wurden.
Specht kann dazu viele Anekdoten erzählen: Etwa die von Elisabeth Selbert,
einer der Autorinnen des Grundgesetzes, die auch gegen innerparteilichen
Widerstand die Formulierung in Artikel 3 durchsetzte: „Männer und Frauen
sind gleichberechtigt.“ In der Partei wurde sie ausgebremst und kam in kein
höheres Amt mehr.
Oder von Willy Brandt, der am Ende jeder Kabinettssitzung gern Herrenwitze
erzählte. „Käte, hör mal weg“, habe Brandt zur ersten weiblichen
SPD-Ministerin Käte Strobel gesagt. Helmut Schmidt habe entgegnet: „Wieso,
Käte habe ich immer für einen Mann gehalten.“
Aber man muss nicht nur an graue Vorzeiten erinnern. Während der rot-grünen
Koalition Anfang der 2000er, trafen sich die Ministerinnen zum
„Hexenfrühstück“, um sich gegenseitig zu unterstützen und gegen die
Alphamänner Fischer und Schröder bestehen zu können.
Auch heute müsse sich die Partei die Frage stellen: „Schützt die SPD ihre
Frauen genug?“ Es sei einfach, jetzt gegen Männer aus der Union zu schießen
– das schließt die Reihen, sagt die Historikerin Specht. Dabei hat sich die
SPD selbst bei der eigenen Parteispitze viel Zeit gelassen. Erst im Jahr
2018 wurde Andrea Nahles die erste Parteichefin. Ihre Nachfolgerinnen
Saskia Esken und Bärbel Bas hatten es in Doppelspitzen an der Seite von
Männern schwer. Specht sieht deshalb bei Lars Klingbeil „Krokodilstränen“,
nachdem neben ihm erst Esken und nun Bas gescheitert waren.
## Die Frau hinter Pistorius' Auftritt auf der Getränkekiste
Und auch der letzte große Auftritt der SPD erzählt etwas über die Rolle der
Frauen: Als [2][Boris Pistorius] sich vor wenigen Wochen auf dem Bebelplatz
auf eine Getränkekiste stellte, empört über den Erfolg der AfD im Landtag
von Magdeburg, ging sein Auftritt viral. Doch es war eine Frau, die in der
Fraktionssitzung die Idee hatte, in der historischen Stunde ein Zeichen zu
setzen: Maja Wallstein, Abgeordnete aus Brandenburg. Als die Redeliste
schon geschlossen war, habe sie gefragt, „ob wir alle genug empört seien,
um all unsere Termine abzusagen und raus auf die Straße zu gehen“. So
erzählt sie es der taz. Die Bilder von Pistorius auf dem Bebelplatz kennen
jetzt alle. Den Namen der Frau, die den Anstoß gab, nicht.
Die SPD, die in ihrer Geschichte so für Frauenrechte gestritten hat, ist
heute keine Vorkämpferin mehr. Die erste Kanzlerin war eine
Christdemokratin. „Wenn’s ernst wurde, hat bei der SPD immer ein Mann den
Vorzug bekommen“, so Specht. Das hat Folgen: Junge Frauen wählen heute vor
allem Linke und Grüne. Nicht nur, aber auch aus Gründen der Repräsentation.
Eine führende SPD-Frau sagt: „Linke und Grüne haben gerade in der äußeren
Wahrnehmung oft das bessere Angebot für junge Frauen. Mit Ricarda Lang und
Heidi Reichinnek können sich viele identifizieren. Damit dürfen wir uns
nicht zufriedengeben.“
Auch deshalb warten so viele in der SPD auf ein Zeichen von Manuela
Schwesig. Die Sprecherin der SPD-Frauen Carmen Wegge sagt, dass die SPD von
Schwesigs Erfolg viel lernen könne: „Sie hat als Frau im Wahlkampf
besonders auf Themen gesetzt, die Frauen ansprechen.“ [3][Schwesig] warb
für sich als „Frau gegen Blau“, setzte auf Themen wie Kita, Familie und
Bezahlbarkeit.
Schwesigs Entscheidung dürfte auch davon abhängen, ob sie als Vorsitzende
Teil einer Doppelspitze wäre – und mit wem. Lars Klingbeils Rückhalt in der
Partei ist gering, ob er noch einmal antritt, hat er noch nicht verkündet.
„Ich hoffe, dass Manu es allein macht“, sagt eine führende
Sozialdemokratin. Wenn sie als Ministerpräsidentin in Schwerin den
Parteivorsitz übernähme, wäre sie sonst immer im Nachteil gegenüber einem
Mann in Berlin. Dann würden die Männer die Dinge in der Hauptstadt wieder
unter sich ausmachen.
Möglich wäre auch, dass Schwesig auf den Parteivorsitz verzichtet und
lieber Kanzlerkandidatin werden will. So müsste sie nicht zwei Jahre lang
die Kompromisse der Koalition verteidigen. Schwesig wäre dann die erste
Kanzlerkandidatin in der Geschichte der SPD. „Es wird Zeit“, sagt eine
führende Sozialdemokratin.
24 Oct 2026
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