# taz.de -- Ökonomin über Faschismus und Wirtschaft: „Wir müssen den Nährboden der Frustration angehen“
> Eine antifaschistische Wirtschaftspolitik sollte den Reichen ihr
> Überlegenheitsgefühl nehmen, sagt Isabella Weber. Die Voraussetzung: ein
> bezahlbares Leben für alle.
(IMG) Bild: „Werde reich oder werde abgeschoben“: Faschismus beruht auch auf der Hierarchie zwischen Starken und Schwachen
taz: Frau Weber, Sie fordern eine antifaschistische Wirtschaftspolitik. Wo
ist denn Wirtschaftspolitik gerade faschistisch?
Isabella Weber: Die Wirtschaftspolitik ist neoliberal, nicht faschistisch.
Aber Neoliberalismus und Faschismus haben eine gemeinsame Grundlage: den
Sozialdarwinismus. Im Neoliberalismus leitet sich der Wert eines Menschen
daraus ab, wie er oder sie sich am Markt behaupten kann: Bist du reich,
dann giltst du als toll und fähig. Bist du arm, hast du wohl am Markt
versagt. Dass manche Armut leiden, so das Kalkül, müssen wir hinnehmen.
Denn wenn wir in den Wettbewerb eingreifen, dann zerstören wir die
Marktordnung und damit die Gesellschaft.
taz: Was hat das mit dem [1][Faschismus] zu tun?
Weber: Der Faschismus beruht auch auf der Hierarchie zwischen den Starken
und den Schwachen. Aber hier sind die Starken stark, weil sie zur
herrschenden „Rasse“ gehören, zu einer übergeordneten Gruppe. Und die
Schwachen sollen sich unterordnen. Besonders in Krisen, in denen die
Existenzgrundlagen der Menschen bedroht sind, gibt es eine Gegenbewegung
dazu, sich dem Markt unterordnen zu müssen. Und diese Gegenbewegung kann
eine faschistische Ausprägung annehmen über rassistische oder völkische
Prinzipien, über die Glorifizierung von Kampf und Macht.
taz: Der [2][Neoliberalismus] behauptet, die Reichen hätten ihr Schicksal
genauso verdient wie die Armen. Wählen deswegen mehr Menschen rechtsextrem?
Weber: Natürlich haben Rassismus und völkisches Gedankengut tiefe
historische und kulturelle Wurzeln. Man kann das nicht reduzieren auf: „Der
Preis von Brot geht hoch, dann werden alle Faschisten.“ Aber durch
existenzielle Krisen entsteht wirtschaftliche Unsicherheit. Das muss nicht
heißen, dass die Leute schon verarmt sind. Es reicht ein Gefühl der
Perspektivlosigkeit: dass die eigene Existenz bedroht ist, dass man Schocks
ausgeliefert ist, die man nicht kontrollieren können. Das führt zu Angst
und Frustration. Und diese ermöglichen es falschen Propheten zu sagen: Das
Problem ist, dass die rassistische Hierarchie nicht mehr ist, wie sie sein
sollte.
taz: Warum soll das attraktiv sein?
Weber: Diese falschen Propheten behaupten, wir müssten eine mythische
Vergangenheit wiederherstellen, wo alles gut war. Wo weiße Deutsche ihren
rechtmäßigen Platz an der Spitze der Hierarchie hatten. Das geht einher mit
einer Verherrlichung von Gewalt. Gewalt demonstriert auf die brutalste Art
und Weise die Handlungsfähigkeit, die in einer Krisensituation
abhandengekommen ist. Ab Tag eins Menschen abzuschieben, ist ein brutaler
Akt, der zeigt: Wir können handeln.
taz: Und das wirkt anziehend?
Weber: Wenn ich jeden Tag zur Arbeit gehe, meinen Job mache und mir dann
Sorgen machen muss, mir meine Gasrechnung oder meine Miete nicht mehr
leisten zu können, aus meiner Nachbarschaft verdrängt zu werden, dann macht
das was mit meinem Selbstwertgefühl. Und die Antwort der Faschisten darauf
ist: Wir werten andere ab und dich auf.
taz: Dieses Versprechen machen Rechtsextreme seit Langem. Aber erst seit 10
oder 15 Jahren erstarken sie in [3][Deutschland] – sowie in den USA.
Weber: Es gab in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Kipppunkte. Beim
Aufstieg der Rechtsextremen in Deutschland war der erste Kipppunkt die
Schocktherapie nach der Wiedervereinigung.
taz: Schocktherapie?
Weber: Die Idee, eine Marktwirtschaft über Nacht zu errichten, indem man
Unternehmen privatisiert und Preise, Währungskurse sowie Außenhandel
liberalisiert. So sollte die Marktwirtschaft quasi wie aus dem Nichts
entstehen.
taz: Das hat in Ostdeutschland nicht so gut geklappt: Die Wirtschaft brach
zusammen, bis 1996 waren 40 Prozent der Ostdeutschen zwischenzeitlich
arbeitslos.
Weber: In ganz Osteuropa sank die Lebenserwartung, ebenso die
Alphabetisierungsrate. Das war der erste große Schock. In Osteuropa begann
der Aufstieg rechtsextremer Parteien früher als in Westeuropa. Das hat mit
dieser Schockerfahrung zu tun und mit den Krisen, die daraus entstehen.
taz: Und der zweite Kipppunkt?
Weber: Das war die globale Finanzkrise. In den USA wurden die Banken
gerettet, nicht die Haushalte, die verschuldet waren. Viele Menschen
verloren ihre Arbeit. In Europa folgten Eurokrise und Sparkurs. Der dritte
Kipppunkt war die Pandemie, die Energiekrise nach dem russischen Angriff
auf die Ukraine und die Inflation als Folge von beidem, die mit
Rekordgewinnen einherging.
taz: Aber während der 1990er in Osteuropa und während der Finanzkrise sind
viele Menschen arbeitslos geworden, während der Inflation nicht.
Weber: Während der Inflation war die Erfahrung: Obwohl ich arbeiten gehe,
kann ich mir die Dinge nicht mehr locker leisten, auf die ich angewiesen
bin. Gleichzeitig gab es einen Ungleichheitsschock. Durch Übergewinne haben
die Reichsten der Reichen und große Unternehmen massiv profitiert. Das ist
ein anderer Faktor für den Aufstieg des Faschismus: Die extreme
wirtschaftliche Machtkonzentration führt dazu, dass die Ultrareichen sich
selbst als überlegene Wesen betrachten. Das sehen wir ganz konkret an
Leuten wie Elon Musk oder Peter Thiel…
taz: … die [4][Donald Trump] unterstützen?
Weber: Genau. Weil es eine Verbindung gibt zwischen dem Gefühl der
Überlegenheit und der hierarchischen Logik des Faschismus. Und wenn es
diese Art von Machtkonzentration gibt, müssen nicht viele Mächtige
Faschisten werden, damit es zu einem politischen Umschwung kommt.
taz: Was hat die antifaschistische Wirtschaftspolitik dem entgegenzusetzen?
Weber: Einen Sockel und einen Deckel. Demokratische Regierungen müssen
dafür sorgen, dass Wohnen, Lebensmittel, Energie, Mobilität, Pflege und
Gesundheit bezahlbar sind. Das sind Grundbedürfnisse, die uns als Menschen
vereinen. Jeder Mensch braucht ein Dach über dem Kopf. Jeder Mensch braucht
ausreichende und gesunde Ernährung. Jeder Mensch muss sich fortbewegen
können. In dem Interesse, dass diese Bereitstellung funktioniert, ist eine
große Mehrheit der Menschen vereint.
taz: Sie wollen also, dass der Staat die materiellen Grundbedürfnisse der
Menschen garantiert.
Weber: Der erste Satz des Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist
unantastbar.“ Aber oft wird der zweite Satz von Artikel 1 vergessen: „Sie
zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Dem
ersten Gebot unserer Verfassung wirtschaftspolitisch nachzukommen – das ist
der Sockel.
taz: Und der Deckel?
Weber: Wir erleben eine Reichtums- und damit Machtkonzentration, die die
Demokratie untergräbt. Deshalb müssen wir extremen Formen von
Machtkonzentration vorbeugen. Und da gibt es eine Verbindung zwischen
Sockel und Deckel. Wenn wir in den essenziellen Bereichen Preisexplosionen
verhindern, dann verhindern wir auch eine Form von extremen Gewinnen. Vor
der Inflation erhielten Kapitalbesitzer in den USA von einem Dollar
Wertschöpfung 14 Cent Profit. Nach der Inflation im Jahr 2023 waren es
circa 21 Cent. Das ist der größte Anstieg seit Aufzeichnungsbeginn 1947.
taz: Und dem wollen Sie nur damit beikommen, dem Privatsektor von
staatlicher Seite Konkurrenz zu machen?
Weber: Nein, wir müssen Ultrareiche auch höher besteuern, Großerben höher
besteuern, multinationale Konzerne effektiv besteuern. Und der dritte
Bereich ist das Wettbewerbsrecht. Im Deutschland der 1930er Jahre haben
Kartelle sehr schnell den Schulterschluss mit den Nationalsozialisten
gesucht. Der Sockel soll den Nährboden der Frustration angehen und der
Deckel die extreme Machtkonzentration.
taz: Sie schlagen konkret zum Beispiel Pufferlager vor, also staatliche
Bestände essenzieller Güter. Warum ist das antifaschistisch?
Weber: Auf Schocks in essenziellen Bereichen wie Lebensmittel und Energie
ist die neoliberale Antwort: Der Markt muss es richten. Die Preise
explodieren.
taz: Und Sie wollen mit den Pufferlagern den Markt abschaffen?
Weber: Nein, der Markt ist ein nützliches Instrument, und steigende Preise
können ja eine real existierende Knappheit anzeigen. Aber bei einem
Ernteausfall explodiert der Preis, ohne dass das Angebot von Getreide bis
zur nächsten Ernte steigt. Deswegen braucht es in diesen volatilen Märkten
öffentliche Reserven, die Preis, Angebot und Nachfrage stabilisieren
können. Wenn das Angebot zu klein ist, kann der Staat aus den Beständen
verkaufen und dadurch den Preis, aber auch die Profite senken. Dadurch
sichern wir die Nahrungsmittelversorgung und beschränken die
Machtkonzentration der Konzerne. Wenn das Angebot zu groß ist und die
Preise niedrig sind, kann der Staat Getreide einkaufen und so die Preise
auch für die Landwirte auf ein erträgliches Niveau steigern.
taz: Und wenn der Staat Grundbedürfnisse garantiert und Machtkonzentration
bekämpft – dann verliert die AfD wieder?
Weber: In Mecklenburg-Vorpommern hat die SPD einen erfolgreichen
[5][Manuela-Schwesig-Wahlkampf] geführt. Aber Schwesig hat immer wieder
gesagt: Ich, eine demokratische Politikerin, kann etwas tun gegen die Krise
der Bezahlbarkeit, für eure Mieten und euren Lohn. In Berlin hat die
Linkspartei mit einer ganz klaren Fokussierung auf die Frage bezahlbaren
Wohnens das beste Ergebnis ihrer Geschichte hingelegt. Mamdani in New York
ist das am besten bekannte Beispiel für eine Politik der Bezahlbarkeit.
Seine Mitarbeiter haben mir gesagt, dass meine Arbeit sie inspiriert hat.
Das war sehr bewegend.
taz: Sie haben also das Geheimrezept gefunden?
Weber: Natürlich geht es am Ende mehr als nur um den konkreten Preis von
Strom oder den genauen Preis von Mieten. Es gibt keine Geheimrezepte. Aber
mit jedem essenziellen Gut, bei dem der Staat die Krise der
Existenzgrundlagen adressiert, demonstriert er eine Alternative zu einem
unerträglichen Status quo und zeigt den Menschen, dass nicht nur die
Faschisten einen Ausweg aus der Krise weisen.
10 Oct 2026
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## AUTOREN
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