# taz.de -- Panik vor der Linkspartei: Drei Jahrzehnte roter Schrecken
> Nach der Wahl in Berlin üben Konservative Druck auf Grüne und SPD aus,
> keine Koalition mit der Linken einzugehen. Die Angst vor einer
> Linksregierung ist nicht neu.
(IMG) Bild: Plakat der Rote-Socken-Kampagne der CDU von 1994
Am Tag nach der [1][Berlinwahl] meldete sich der Kanzler zu Wort. Jüdisches
Leben sei in Deutschland nicht mehr sicher. Nicht nur, aber vor allem
Berlin, erlebe man „seit einigen Monaten einen zunehmenden radikalen, offen
vorgetragenen Antisemitismus“, sagte Friedrich Merz. Und, in
offensichtlicher Anlehnung an die Linkspartei in Berlin, erklärte er
weiter: Dass dies von Teilen der Gesellschaft unwidersprochen bleibe,
verstöre ihn zutiefst. Dann warnte Merz SPD und Grüne: Er „hoffe sehr“,
dass diese eine „sehr klare Antwort geben, gerade hier in Berlin“. Man kann
das nur als Aufforderung lesen, einer Koalition mit der Linken eine Absage
zu erteilen.
Seit die Linken in Berlin mit fast 26 Prozent die Wahl gewonnen haben,
reißt eine Kampagne gegen eine neue linksgeführte Regierung nicht ab. Das
nötige Futter lieferte dieser die Wahlparty des Neuköllner Bezirksverbands
der Linken. Dort tauchte mit Issa Remmo nicht nur eine mutmaßliche
Persönlichkeit aus der organisierten Kriminalität der Stadt auf, sondern
auch der Palästina-Aktivist Ibrahim Ibrahim, der der PFLP zugerechnet wird,
der Volksfront zur Befreiung Palästinas, die als Terrororganisation gilt.
Und bereits vor wenigen Wochen hatte sich der Bezirksverband mit
Antisemitismusvorwürfen auseinandersetzen müssen, weil ein Rapper auf einer
Wahlkampfveranstaltung unter anderem positiv die Intifada besungen hatte.
Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte an, bei einer
Linken-geführten Berliner Landesregierung den Länderfinanzausgleich
aufzukündigen. Sigmar Gabriel (SPD) erklärte, die Linken hätten „bei
Antisemiten und Islamisten nach Wählern gefischt“, weshalb die SPD „den
Hasspredigern nicht die Türen ins Rathaus öffnen“ dürfe. Und FDP-Chef
Wolfang Kubicki setzte eine links-geführte Landesregierung mit einer
Koalition aus CDU und AfD gleich. Die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas forderte,
[2][Elif Eralp] müsse sich „eindeutig davon distanzieren“ und Konsequenzen
ziehen. Die Linke erklärte, Remmo direkt rausgeschickt zu haben, als er
erkannt worden sei. Auch von Ibrahim distanzierte sie sich.
Die Vehemenz der aktuellen Debatte erinnert an ein altes Muster. Wann immer
die Linke in Berlin vor einer Regierungsbeteiligung steht, wird aus der
möglichen Koalitionsfrage eine Grundsatzdebatte über ihre
Regierungsfähigkeit gesponnen. Doch die Geschichte der vergangenen drei
Jahrzehnte zeigt, dass sich die dramatischen Warnungen vor der Linken
selten bewahrheiten – aber durchaus Erfolg haben können.
Das berühmteste Beispiel für eine solche Panik vor der Linken ist die
Rote-Socken-Kampagne der CDU vor der Bundestagswahl im Oktober 1994: „Auf
in die Zukunft, aber nicht auf roten Socken“, ließ die CDU damals auf
Plakate drucken. Die Botschaft: Wenn die SPD die Wahl gewinnt, drohe eine
Duldung einer rot-grünen Minderheitsregierung durch die SED-Nachfolgepartei
oder gleich ein rot-grün-rotes Bündnis.
Hintergrund war, dass die Bundesregierung von Helmut Kohl (CDU) um ihre
Wiederwahl fürchtete, schließlich lag in den Umfragen die SPD zu
Jahresbeginn vor der CDU. Als sich die SPD dann in Sachsen-Anhalt im Sommer
in einer Minderheitsregierung von der PDS tolerieren ließ – das dann bis
2002 funktionierende „Magdeburger Modell“ –, trat die CDU ihre Kampagne
los. Mit Erfolg: Die SPD verlor die Wahl, die Rote-Socken-Kampagne galt
dafür als mitentscheidend.
## Die kommunistische Diktatur blieb stets aus
Auch als in Berlin im Sommer 2001 die schwarz-rote Koalition nach dem
Bankenskandal platzte und erstmals auf Berliner Landesebene eine
Tolerierung eines rot-grünen Senats diskutiert wurde, lief die CDU Sturm.
Von einem „Tabubruch“ sprach damals etwa die Konrad-Adenauer-Stiftung – und
warf SPD und Grünen die Abkehr von einem „antitotalitären Konsens zwischen
den großen Volksparteien“ vor, „der eine Regierungsbeteiligung von rechts-
und linksextremistischen Parteien ausschloss“.
Zum rot-roten Senat unter Klaus Wowereit als Regierungschef kam es 2002
dann doch – wenn auch nur gegen die heftigen Proteste in Teilen der SPD.
„Geschichtsbewusste Sozialdemokraten haben gegen jegliches Paktieren mit
den Nachfolgern der SED ihre Stimme zu erheben“, sagte etwa damals der
frühere Polizeipräsident Klaus Hübner und trat aus. Wirtschaftssenator
wurde der Linke Gregor Gysi, später der vorherige langjährige
Linken-Fraktionschef Harald Wolf. Und der wurde dann selbst von
Wirtschaftsverbänden wie der IHK und der Handwerkskammer als pragmatischer,
bedächtiger und unideologischer Gesprächspartner gelobt.
Rot-Rot regierte bis 2011. 2016 gab es erneut einen Aufschrei, als wieder
eine Regierungsbeteiligung der Linken in Aussicht stand, nun als Teil einer
rot-rot-grünen Koalition. Diesmaliger Anlass: Der linke Stadtsoziologe
Andrej Holm sollte Staatssekretär werden. Doch kaum hatte die Linke die
Personalie benannt, brach ein wochenlanger Sturm der medialen Erregung los.
Holm hatte Recherchen zufolge bei seiner Einstellung als wissenschaftlicher
Mitarbeiter an der Humboldt-Universität (HU) eine Stasi-Mitgliedschaft
verneint. Tatsächlich hatte er als 18-Jähriger fünf Monate eine Ausbildung
bei der Stasi absolviert. Am Ende trat Holm zurück. Mieterinitiativen
gingen davon aus, die Drastik der Debatte hätte auch mit Holms linken
Vorstellungen von Stadtpolitik zu tun. Bereits 2007 war er unter
Terrorverdacht verhaftet worden, nachdem er in seinen Schriften Begriffe
wie „Gentrifizierung“ verwendet hatte – der Vorwurf wurde letztlich
fallengelassen.
## Mamdani lässt grüßen
Doch was sich jetzt an Aufregung gegenüber der Linkspartei entlädt, geht
über die alte Angst vor der „Mauerschützenpartei“ hinaus. Neu hinzugekommen
ist eine Debatte über Antisemitismus und Palästinasolidarität, bei der –
mal offener, mal versteckter – der Linken auch eine Nähe zum Islamismus
vorgeworfen wird. Ein Chatverlauf zwischen dem Bundestagsabgeordneten
[3][Ferat Koçak] und dem Sohn des Berliner Clanchefs Issa Remmo, der am
Montag bekannt wurde, liefert dabei das Exempel, das scheinbar alle
Vorurteile zu bestätigen scheint (siehe Text unten).
Fast schon mustergültig erinnert die Aufregung dabei an die rechte Hetze
gegen das große New Yorker Vorbild der Berliner Wahlkampagne von Elif
Eralp: Zohran Mamdani. Rechte Kommentatoren warfen diesem monatelang vor,
wahlweise Kommunist oder Dschihadist zu sein. Mitarbeiter*innen seines
Kontrahenten Andrew Cuomo verbreiteten manipulierte Videos, in denen
Mamdanis Bart künstlich verlängert und sein Hautton verdunkelt wurde. Und
nun, nach der Wahl von Elif Eralp in Berlin, erklärte etwa Thorsten
Alsleben vom Institut Neue Soziale Marktwirtschaft, die „jungen Berliner
Frauen“ hätten „das Kalifat gewählt“.
Ob die aktuelle Debatte tatsächlich das Potenzial hat, eine Berliner
Regierung unter einer linken Bürgermeisterin Elif Eralp zu verhindern, ist
offen. Die Linke hat zunächst regulär für kommende Woche zu
Sondierungsgesprächen eingeladen. Auf Landesebene bleiben bisher auch die
Grünen auf ihrer Linie, nach der eine rot-grün-rote Koalition nicht von
Stimmen aus der Neuköllner Linken abhängig sein dürfe. Das wäre rechnerisch
kein Problem, schließlich hätte die Koalition eine Mehrheit von satten 15
Sitzen im Abgeordnetenhaus.
Mitarbeit: Stefan Alberti
22 Sep 2026
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