# taz.de -- Kampagne nach der Berlin-Wahl: Linkenhass und Holocaustrelativierung
> Ein Journalist bringt die Linkspartei im ÖRR mit Auschwitz in Verbindung.
> Wer so spricht, macht Kampagne – und entleert den Antisemitismusbegriff.
(IMG) Bild: Auch bei den Linken engagieren sich zahlreiche Jüdinnen und Juden
Der Beitrag, der wirklich Angst gemacht hat, war der Kommentar von Jörg
Thadeusz vom RBB in den Tagesthemen. Ob die Parteispitzen von SPD und
Grünen wirklich zum nächsten Gedenken an die Befreiung von Auschwitz
erscheinen wollten, fragte er rhetorisch, „wenn sich Vertreter ihrer
Parteien in Berlin mit dieser Linkspartei verbünden“. Und dann verwendete
Thadeusz, der sich selbst als Teil der „vernünftigen Mitte“ bezeichnete,
wie nebenbei die Parole „Wehret den Anfängen“ – um vor einer Berliner
Landesregierung unter Elif Eralp zu warnen.
Für Thadeusz und andere Teile des „vernünftigen“ Bürgertums sind offenbar
die Linken die neuen Nazis. Das ist eine Zäsur. Und zwar nicht nur, weil
genau dieses Bürgertum den Nationalsozialismus einst ermöglichte, indem es
wegsah, tolerierte, mitmachte. Oder, weil im Holocaust auch Zehntausende
Kommunist:innen, Sozialist:innen, Anarchist:innen und
Sozialdemokrat:innen ermordet wurden. Sondern weil es den
Grundkonsens der Bundesrepublik angreift, mit den Lehren aus Auschwitz
verantwortungsvoll umzugehen.
Jetzt aber [1][kreidet auch Friedrich Merz den Linken den Judenhass an].
Berlin erlebe „seit einigen Monaten einen zunehmenden radikalen, offen
vorgetragenen Antisemitismus“, sagte der Bundeskanzler und nannte dies „die
schwerste Hypothek der letzten Jahre“. Er „hoffe sehr“, so Merz, dass SPD
und Grüne darauf eine „sehr klare Antwort geben, gerade hier in Berlin“.
Gemeint war ganz klar eine Absage an eine rot-grün-rote Koalition.
Doch statt nach den Gründen für diese Entgleisungen zu suchen, ist die
erste Frage, die sich deutsche Journalist:innen gerade stellen, eine
andere: Ist nicht doch etwas dran? Gibt es etwa keinen wahren Kern hinter
dem Vorwurf, die Linken seien [2][glühende Judenhasser], mit denen zu
koalieren bedeuten würde, das Erbe von Auschwitz zu missachten?
## Likud-Politiker als „Völkermörder“
Reden wir also über den Antisemitismus in der Linken. Das Beispiel, das
Jörg Thadeusz nennt, ist folgendes: Der Neuköllner Bürgermeisterkandidat
Ahmed Abed soll den israelischen Politiker Tzvika Brot, der zur
Likud-Partei Benjamin Netanjahus gehört, als „Völkermörder“ beschimpft
haben.
Abed ist palästinensischer Deutscher, die israelische Armee hat
Familienangehörige von ihm getötet, als Anwalt vertritt er auch unter
anderem die BDS-Kampage vor Gericht. Thadeusz macht aus ihm indirekt einen
Nazi, der keine Juden in Deutschland will. Man will nicht mehr erklären, wo
hier das Problem liegt.
Und nein, hier sollen keine Probleme verleugnet und nichts relativiert
werden. Aber nennen wir die Dinge doch bitte beim Namen: Es gibt kleine
Teile der Linken, die ihre Solidarität mit Palästina in einer Weise
überbetonen, sodass ihre Abgrenzung zu terroristisch und auch antisemitisch
agierenden Organisationen wie der PFLP rissig wird. Darüber sollte kritisch
diskutiert werden.
Wer aber Linke schlicht zu neuen Nazis erklärt, lässt dafür keinerlei Raum.
Stattdessen werden so die Lehren des Holocausts instrumentalisiert –
offensichtlich, [3][um ein linkes, migrantisch geprägtes Politikprojekt zu
verhindern], das auch die Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen
anstrebt.
## Entleerung des Antisemitismusbegriffs
In Kauf genommen wird dabei eine beispiellose Entleerung des
Antisemitismusbegriffs. Mehr noch: Was hier passiert, ist eine
Schuldabwehr, indem das Problem des Antisemitismus auf Linke,
Ausländer:innen oder beides zugleich ausgelagert wird.
Vor Kurzem hat Friedrich Merz die israelische Flagge als „Judenfahne“
bezeichnet. Er hat Antisemitismus in Deutschland „Ausländerfeindlichkeit“
genannt, die CDU hat in Berlin Millionengelder für die
Antisemitismusbekämpfung Parteifreunden zugeschoben.
Und wie war das noch mal mit den Flugblättern, als Jugendlicher
herumgetragen vom bayerischen Freie-Wähler-Wirtschaftsminister Hubert
Aiwanger, auf denen unter anderem von einem „Freiflug durch den Schornstein
in Auschwitz“ die Rede war?
Damals bekam Aiwanger Rückendeckung von Markus Söder (CSU). Heute will
Söder den Länderfinanzausgleich aufkündigen, wenn in Berlin Elif Eralp
Regierende Bürgermeisterin werden sollte. Vor Kurzem bezeichnete Söder es
als „absurd“, genau das zu tun, wenn in wenigen Wochen in Sachsen-Anhalt
eine faschistoide, rechtsextremistische Partei erstmals seit 1945 in
Deutschland an die Macht kommt. Dieses Land hat viel größere Probleme als
die Linkspartei.
23 Sep 2026
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(DIR) Timm Kühn
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