# taz.de -- Langsamer Wahlsonntag: Die Sehnsucht, dabei sein zu können
       
       > Nach dem Wählen helfen Pancakes, Wespen und Klettern gegen die Wehmut.
       > Und am Ende findet man vielleicht doch so etwas wie Gemeinschaft.
       
 (IMG) Bild: Klettern gegen die Wehmut am Wahltag
       
       Jetzt hab ich doch aus Versehen links gewählt, tippe ich im Gehen. M.
       schickt mir einen lachenden Emoji zurück. Ausversehen stimmt auch nur so
       halb. Eigentlich sollte meine Zweitstimme an links gehen, die erste an den
       Grünen-Abgeordneten in Moabit; Taylan Kurt hat sein Büro in meiner Nähe und
       ist sehr präsent auf Instagram. Er ist bürgernah, hier aufgewachsen und
       setzt sich dementsprechend für den Bezirk ein, das finde ich gut. Aber dann
       bin ich in der Kabine doch zu verwirrt von den Listen. Das Kreuz für links
       sitzt nun überall. Und auch wie beim letzten Mal muss ich den langen
       Stimmzettel aufgrund meiner österreichischen Staatsbürgerschaft beim
       Abgeben eh zerreißen.
       
       Trotzdem versuche ich es immer wieder. Zu groß ist die Sehnsucht danach,
       mit dabei zu sein, mehr als nur im Bezirk wählen zu dürfen. Na ja. Ich habe
       mich jedenfalls schick gemacht für dieses doch geringe Zutun zur
       Demokratie. Habe Schuhe an, die nach Erstkommunion aussehen, aber drücken.
       Draußen scheinen alle, denen ich begegne, dasselbe Ziel zu haben oder es
       gerade zu verlassen. Viele sind zu zweit oder zu dritt unterwegs und ich
       werde etwas wehmütig. Das hätten wir sein können.
       
       Gegen den Sonntagsblues lade ich mich auf Pancakes ein und denke an dich,
       weil wir hier im Arema ebendiese gegessen haben. Ich teile meine Portion
       mit der letzten Wespe des Jahres. Um mich rauschen die Blätter der Bäume
       bereits herbstlich. Es ist ein anderes Rauschen als im Frühling oder im
       Sommer. Eines, das trocken ist und nach Abschied klingt.
       
       Diese Stimmung, mild und ein bisschen wehmütig, erinnert mich an die Bilder
       aus „Gentle Monster“, den ich vor einigen Tagen mit dem anderen M. und P.
       im Delphi Lux sah. Darin geht es um Pädokriminalität und sexuellen
       Missbrauch durch Männer. Hartes Thema, aber Regisseurin Marie Kreutzer
       beantwortet dies mit einer Erzählung aus Frauenperspektive und sanften
       Bildern aus einem Dorfidyll. Das Haus, in dem die betroffene Familie wohnt,
       mit ihrem schlauchartigen Garten in der Peripherie Münchens, so eines hätte
       ich auch gern. Ohne den Plot, versteht sich. Ich denke daran, wie weit weg
       ich von so etwas bin, wie weit weg von irgendeiner Planung, die nach
       Erwachsenenleben schreit.
       
       ## Bewegung hilft bei schweren Herzen
       
       Statt mich in diesem Gefühl zu suhlen, suche ich Bewegung. Mit L. und einem
       Freund von ihm treffe ich mich in der Halle des Deutschen Alpenvereins, um
       heute noch hoch hinaus zu kommen. Es riecht nach Magnesium, nach Schweiß
       und dem Gummiboden, der Turnhallen-Vibes gibt. L. erklärt seinem Kumpel die
       Basics, und ich merke, dass man nie auslernt.
       
       Pünktlich um 18 Uhr scharen sich einige Kletterwütige für eine Pause
       zusammen. Gespannt gucken wir die Hochrechnungen auf einem Smartphone und
       knabbern nebenher gesalzene Cashews. Die Freude bei mir ist groß, bei L.
       eher weniger. Seine Wahlpartei hat die 5-Prozent-Hürde nicht geschafft. Er
       ist enttäuscht. Wir unterhalten uns noch ein bisschen über das Für und
       Wider der Berliner Parteien, und L. überrascht mich mit einem Satz, den ich
       aus meiner Bubble nicht gewohnt bin: „Die Linke sehe ich nicht gern im
       Roten Rathaus.“ Die Enteignungs-Chose sei nicht seine. Kurz bin ich still,
       dann nehme ich es sportlich. „Und trotz unserer unterschiedlichen Ansichten
       sind wir hier und klettern zusammen. Das ist doch schön“, sage ich, und wir
       geben uns einen Fistbump, wie man das halt hier so macht.
       
       Die Wand fragt nicht danach, wer wo sein Kreuz gemacht hat. Wer sichert,
       sichert, und wer sich sichern lässt, vertraut. Vielleicht ist das die Art
       von Dabeisein, die ich heute gesucht habe: keine, die man ankreuzt und in
       eine Urne wirft, sondern eine, bei der man aufeinander achtgibt.
       
       22 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophia Zessnik
       
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