# taz.de -- Stünde die Welt einmal still: Die Verletzungsgefahr scheint hoch
       
       > Wenn der Hebelgriff und die reitenden Männer vor allem zur Pointe taugen:
       > Lebe ich selbst zu sehr für die Geschichten, die ich anderen erzähle?
       
 (IMG) Bild: Halt mich innig, in Solidarität, nur einen Moment, bevor die Welt weiterwirbelt
       
       Darf ich dir was zeigen, was wir zum Aufwärmen gemacht haben?“ S. seufzt,
       legt sich hin auf die weiche Matte vor der Boulderwand und wartet darauf,
       dass ich mich auf sie draufsetze. Ich war am Montag bei meiner ersten
       Brazilian-Jiu-Jitsu-Stunde – Bodenrangeln für Erwachsene –, daher ihre
       Sorge, dass sie gleich einen meiner ungelenken Versuche eines Hebelgriffs
       überstehen müsste. Bereits am Mittwoch musste ein gemeinsamer Freund von
       uns dran glauben.
       
       „Nee, steh auf! Ich wollte dir zeigen, wie wir über den Boden gerobbt
       sind“, sage ich und bewege mich wie ein Shrimp über die Matte. Mir scheint
       die Verletzungsgefahr sehr hoch, ich weiß nicht, ob ich da nochmal hinmag“,
       gestehe ich ihr beim Aufstehen an diesem Freitagabend. „Ja, ich hab auch
       eher das Gefühl, dass du es für den Plot machst. Um davon zu erzählen“,
       sagt sie und stellt sich an die nächste Route.
       
       Ich bleibe kurz stehen. Sind Dinge nur passiert, wenn wir auch von ihnen
       erzählen? Lebe ich selbst zu sehr für die Geschichten, die ich anderen
       erzähle? Um sie mit lustigen Anekdoten zu unterhalten? Wie eine Hofnärrin?
       
       Ich denke an Donnerstagabend zurück. Ich saß mit einem Freund im Deutschen
       Theater, [1][wo Jan Friedrich gerade Dorothee Elmigers „Die Holländerinnen“
       inszeniert.] Ein unterhaltsames Stück mit tollem Bühnenbild („was die ganze
       Holzverkleidung wohl gekostet hat“, fragt F. begeistert). Auf der Bühne
       geht es um zwei junge Holländerinnen, die eines Tages im
       mittelamerikanischen Regenwald verschwinden, und eine Theatergruppe, die
       ihnen nachrecherchiert. Doch vielmehr stehen die lustigen bis schaurigen
       Anekdoten, von denen die Theatergruppenmitglieder auf ihrer Reise
       berichten, im Vordergrund. Sie erzählen mitreißend von gebärenden Ziegen,
       fettigen Händen oder reitenden Männern.
       
       ## Welche Geschichten werden gehört?
       
       Und geben doch am Ende immer mehr über sich selbst preis als am Anfang
       intendiert. Unterbrochen wird niemand, alle bekommen ihren Raum, und ich
       frage mich nun, welchen Geschichten hören wir zu und welchen nicht?
       
       Am Samstag laufe ich mit dickem Mantel durch den Regen Kreuzbergs. Dutzende
       bunte Regenschirme schieben sich an den Menschen auf dem Rio-Reiseenr-Platz
       vorbei. Sie wollen zuhören. Menschen zuhören, die in den vergangenen Tagen
       viel durchgemacht haben, die an Sicherheit verloren haben, deren Stimmen eh
       oft viel zu selten zugehört wird. Am 18. Oktober führte die Berliner
       Polizei eine Razzia im queeren Zentrum Casa Kuà durch, während eines
       Treffens für trans Frauen. Mehr als 2.500 Menschen stehen dicht gedrängt um
       die kleine Bühne, halten Schilder hoch und sich in den Armen, hören den
       Redner*innen zu, lachen, klatschen und weinen.
       
       „Hands off Trans lives“ und „Protect the Dolls“ schreiben sie auf braune
       Pappkartons und tragen sie voller Stolz durch den Kiez.
       
       Ich schiebe mich zwei Stunden später kalt und nass zurück durch die
       Samstagsbummelnden zum Kottbusser Tor. Sie sitzen im Second-Hand-Laden und
       Café, warum gehen nicht alle zur Demo, wenn sie gerade in der Nähe sind,
       machen ihre Läden kurz zu, trinken den Kaffee ein wenig später, denke ich
       ein wenig naiv.
       
       Früher als Kind war ich der festen Überzeugung, dass die Welt stillsteht,
       wenn WM ist und Deutschland spielt. Alle sitzen dann zu Hause vor dem
       Fernseher. Niemand ist auf der Straße unterwegs. Klar war mir auch schon
       damals, die polnischen Spiele haben damals nur meine Babcia, ihr rot-weißes
       Geschirrhandtuch und ich gesehen. Aber wenn Deutschland spielt, dachte ich,
       hat das Priorität. Warum diese kindliche Fantasie nicht mal umsetzen? Die
       Gemeinschaft macht eine Pause für den Zusammenhalt, für Solidarität, lässt
       alles liegen und schaut und hört zu. Ich wünschte mir, dass es gerade auch
       jetzt in Kreuzberg so wäre.
       
       26 Oct 2026
       
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