# taz.de -- Vorzüge des Herbstes: Mücken- und wespenfreies Sommerende
       
       > Die Kampagne gegen Elif Eralp erhitzt die Gemüter, dagegen helfen nur
       > lustige Memes. Letzte Sonnentage werden indes bei Pizza auf der Brücke
       > genossen.
       
 (IMG) Bild: Ein Tisch, ein paar wacklige Campinghocker, Wein und Pizza
       
       Woche zwei nach der Abgeordnetenhauswahl, und wer nicht weinen will, muss
       lachen. Wozu hat man schließlich eine Signal-Gruppe, in der die Screenshots
       der besten Witze von X und Threads verbreitet werden. Erst waren da die
       bürgerkriegsähnlichen Szenarien, in denen Berlin von einer sozialistischen
       Macht übernommen und die letzten Wirtschaftsliberalen es per
       Hubschrauber-Evakuierung gerade noch so aus der Stadt geschafft haben. Der
       Prenzlauer Berg wird fortan nur noch über Care-Pakete mit glutenfreiem Brot
       versorgt.
       
       Jetzt geht es, on a lighter note, um die Vergehen [1][Elif Eralps]. Die
       Bürgermeisterkandidatin soll mal bei Sanifair übers Drehkreuz gesprungen
       sein, Buntglas in den Weißglas-Container geworfen oder im Schuhladen
       fälschlicherweise behauptet haben, sie hätte bereits Imprägnierspray zu
       Hause.
       
       Der Klang des Herbstes: In meinem Hinterhof fallen seit Tagen und in
       dichter werdender Taktung die Kastanien vom Baum. Immer wenn eine auf dem
       Boden auftrifft, klingt es wie bei einem Match auf dem Tennisplatz. Plock,
       plock. Der Sommer war groß, umso größer ist jetzt der Abschiedsschmerz. Wie
       sagte R. neulich: Vor uns liegen zehn Monate Dunkelheit, und das war nur
       eine leichte Übertreibung.
       
       Als ich am Donnerstag mit A. nach der Schule auf dem Weg ins Kino bin,
       erklärt der mir mit der Weisheit eines Neunjährigen die Vorzüge des
       Herbstes, die sich in seinen Augen so zusammenfassen lassen: keine Mücken,
       keine Wespen. Außerdem könne man jetzt viel besser Filme anschauen und
       zumindest da gebe ich ihm recht. Die Neuverfilmung von [2][„Emil und die
       Detektive“] gefällt ihm dann sehr gut, was wohl hauptsächlich daran liegt,
       dass er ein paar der Drehorte wiedererkennt. Vor allem die Szene, die im
       Badeschiff spielt, wo er im Sommer mal schwimmen war, spricht ihn aufgrund
       ihres Realismus an. Die Leute an der Bar, sagt er, sprächen wirklich nur
       Englisch. Ich vermute aus irgendeinem Grund, dieses Problem wird sich mit
       dem bald einziehenden Sozialismus von selbst erledigen.
       
       ## Pizza auf der Brücke
       
       Dann die Nachricht, dass J. am Samstagabend auf der Schöneberger
       Langenscheidtbrücke seinen mobilen, holzbefeuerten Pizzaofen anheizen wird.
       Das habe er schon den ganzen Sommer lang machen wollen, jetzt sei
       wahrscheinlich die letzte Chance. Wir treffen uns also inmitten der für den
       Autoverkehr gesperrten Brücke. Ein Tisch, ein paar wacklige Campinghocker,
       Wein, Pastis und Restsonne. Die Kinder funktionieren das Brennholz zu
       Bauklötzen um, der Ofen spuckt im Viertelstundentakt Pizzen aus. Links und
       rechts fahren Leute auf Fahrrädern vorbei, schauen, einer sagt: „Wer kann,
       der kann.“ Genauso ist es.
       
       G. erzählt, dass sein jüngerer Sohn, er ist gerade eingeschult worden und
       stapelt zu seinen Füßen Bauklötze, ihn jetzt nicht mehr mit „Papa“
       anspricht, sondern nur noch „Yo, ey, Bro“ sagt. Gewachsen auf Beton, was
       soll man machen? Als es dunkel ist, kommen ein paar Teenies zu Besuch. A.
       erzählte neulich angesichts der kosmetischen Vorlieben ihrer 14-jährigen
       Zwillinge: „Die finden uns peinlich. Wir sie aber auch.“
       
       Die zu Besuch gekommenen Mädchen, Handtaschen in die Achseln geklemmt,
       erklären uns ahnungslosen Erwachsenen mit bemerkenswerter Geduld die
       Beschaffenheit und Funktionsweise ihrer Klebewimpern. Nein, es handele sich
       nicht um Echthaar, sondern um Plastik. Ja, man könne damit schlafen gehen.
       Nein, teuer sei es nicht, wenn man sie im Drogeriemarkt kaufe und selbst
       anklebe. Als alle Pizzateige alle sind und der Wein ausgetrunken, fahren
       wir nach Hause.
       
       Am nächsten Tag postet J. in der Signal-Gruppe ein Bild von der
       Langenscheidtbrücke am Nachmittag. Jemand ist unserem Beispiel gefolgt und
       veranstaltet mitten auf der Fahrbahn ein Picknick.
       
       5 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Linke-Spitzenkandidatin-in-Berlin/!6211544
 (DIR) [2] /50-Todestag-von-Erich-Kaestner/!6023774
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anne Waak
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ausgehen und Rumstehen
 (DIR) Erich Kästner
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Ausgehen und Rumstehen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Langsamer Wahlsonntag: Die Sehnsucht, dabei sein zu können
       
       Nach dem Wählen helfen Pancakes, Wespen und Klettern gegen die Wehmut. Und
       am Ende findet man vielleicht doch so etwas wie Gemeinschaft.
       
 (DIR) Tango-Bravo-Konzert in Berlin: Hier schwitzen alle
       
       Am Kottbusser Tor in Berlin verliert man schon mal den Überblick. Der
       findet sich dann beim Tanzen zu Tango Bravo im Monarchen wieder.
       
 (DIR) Von 2006 bis 2026 in wenigen Tagen: Zwanzig Chicken McNuggets zum Preis von vier
       
       Schon bevor die Berlin Art Week überhaupt beginnt, schubst sie von hinten.
       Ein Disco-Mercedes wird zur Zeitmaschine, es wird zugehört und geschaut.