# taz.de -- Kehrtwende bei der CDU: Plötzlich keine Lust mehr auf Kürzen
> Familienministerin Prien will die Sparpläne beim Elterngeld überdenken,
> auch Merz sieht ein Gerechtigkeitsproblem. Lässt die CDU jetzt Milde
> walten?
(IMG) Bild: Karin Prien (CDU) will vielleicht doch nicht so viel sparen, wie bisher angedacht
Jetzt trotzt auch noch die brave Karin Prien. Ich hielt es schon länger für
eine Frage der Zeit, bis unter den CDU-Mitgliedern im Kabinett jemand
meint: Wenn die anderen nicht mehr sparen müssen, will ich auch nicht mehr!
Und jetzt erklärte die Familienministerin doch tatsächlich, dass sie die
Reformen, sprich Kürzungen, beim Elterngeld doch nicht so vollstrecken
wolle, wie bisher diskutiert. Zur Regionalzeitungsgruppe
[1][Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte Prien], „gerade auch nach
den Debatten und Gesprächen des Sommers“ möchte sie noch einmal „schauen,
ob die Sparmaßnahmen beim Elterngeld in diesem Umfang zielführend und
gerechtfertigt sind“. Für eine Verkürzung von 14 auf 12 Monate
Elterngeldbezug will sie sich demnach nicht mehr verkämpfen. Prien würde
gerne „schauen, was wir mit einer moderateren Reform an Einsparungen
erreichen können“.
So klingt ein freundlicher Abschied von Einsparzielen. Weniger ausgeben –
immer gern, aber so, wie es halt passt. Und damit war die Ministerin noch
nicht fertig: Auch die Kappung der Unterhaltsvorschüsse für
alleinerziehende Mütter von Teenagern ist ihr erkennbar gar nicht mehr
wichtig. Jedenfalls nicht, solange Dinge wie der Tankrabatt möglich sind:
Dieser sei teuer, ungezielt und von bestenfalls kurzer Wirkung. „Ich
verstehe es, wenn Menschen es als ungerecht empfinden, dass dafür Geld da
ist, während wir beim Unterhaltsvorschuss kürzen.“
Das ist schon die zweite nachvollziehbare Äußerung aus Unionsreihen zum
Thema Gerechtigkeit. Die erste war [2][Friedrich Merz’ Einlassung darüber],
dass das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung
„ein erhebliches Problem im Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung
auslöst“. Nach aufgeregten Rückfragen wollte das Kanzleramt dies allerdings
nicht als Ankündigung eines Systemwechsels zur Bürgerversicherung
verstanden wissen.
## Bei der Union scheint derzeit alles möglich
Es gibt zwei Deutungsmöglichkeiten: Entweder trägt Prien mit ihrer
Spar-Sabotage die allgemeine, aber zuletzt doch eingedämmte CDU-Meuterei
gegen Merz in die Bundesregierung. Diese Anmutung jedenfalls trägt das
RND-Interview. Oder Prien hat ganz im Gegenteil ihre Kehrtwende mit Merz
abgesprochen: Ab jetzt mehr Milde, die Leute brauchen ein paar Signale,
dass es nicht immer nur gegen sie geht!
Nun scheint derzeit bei der CDU ja irgendwie alles möglich; ich warte noch
darauf, dass jemand sich dort zur Anarchie bekennt. Vielleicht aber ist die
Union inzwischen doch zu dem Schluss gekommen, dass sie nach den jüngsten
Wahlergebnissen unmöglich so weitermachen kann wie bisher. Und mit der
[3][komplett überdrehten Kampagne] gegen die Linkspartei verschafft sie
sich jetzt bloß ein paar Tage Luft (und verbessert das eigene
Betriebsklima), um das Regierungsgeschäft neu auszurichten.
So könnte man auch den kleinen Pflegekompromiss verstehen, den
CDU-Gesundheitsminister Carsten Linnemann [4][am Mittwoch durchs Kabinett
schob]: Als Zeichen der neuen Milde werden Relativ-gut-Verdienende und
Kinderlose belastet, aber immerhin keine pflegenden Angehörigen bestraft.
Ich mochte ja Linnemanns Satz jüngst im „[5][Bericht aus Berlin]“: „Man
kann kürzen, man kann aber auch sagen: Wir schaffen Bilanzwahrheit.“
Gemeint war, dass er erst die Coronahilfen vom Finanzminister zurückhaben
wollte, bevor er in der Pflege weiter kürzt. Aber „Bilanzwahrheit statt
Kürzen“, damit kann man doch arbeiten. Etwa: Wir sagen uns allen die
Wahrheit, dass wir mehr Geld brauchen und dass die Vermögenden zur Bilanz
zu wenig beitragen. Wie wär’s? Im November muss die Koalition den nächsten
Haushalt verabschieden.
2 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.rnd.de/politik/milliarden-fuer-tankrabatt-kuerzungen-beim-elterngeld-wie-karin-prien-fuer-mehr-gerechtigkeit-sorgen-ATKDG42GIBDCJFQXYIZFR4BNF4.html
(DIR) [2] https://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Merz-prangert-Privilegien-fuer-Privatversicherte-an-id31331468.html
(DIR) [3] /Angriffe-gegen-Berliner-Linke/!6217312
(DIR) [4] /Regierung-bringt-Pflegereform-auf-den-Weg/!6217641
(DIR) [5] https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL2FyZC5kZS9wbGFuQVJEXzZlMWI0MTIxLTE3MTAtNGJiNS05OGYwLTg3NzM3ZGVlOWViMV9nYW56ZVNlbmR1bmc
## AUTOREN
(DIR) Ulrike Winkelmann
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