# taz.de -- Nato-Übung in Hamburg: Kriegsspiel bleibt ungestört
> Die Bundeswehr übt mit Drohnen und Sturmgewehren vor
> Pressevertreter*innen. Fast alle Störmanöver antimilitaristischer
> Aktivist*innen scheitern.
(IMG) Bild: Inszenierte Demo zu Übungszwecken: Die Rolle der „Demonstranten“ übernahmen Reservisten der Bundeswehr
Auf drei, zwei, eins springen rund 20 vermummte Menschen auf die Straße.
Sie zünden Pyros, haken sich unter, brüllen „Zu-rück, zu-rück“ und halten
Transpis mit der Aufschrift „Stop“ in die Höhe. Die Kolonne aus gepanzerten
Bundeswehrfahrzeugen, aus denen Soldaten mit Sturmgewehren schauen, und
Polizeiautos, die in der Nacht von Donnerstag auf Freitag durch den Süden
von Hamburg fährt, hält an.
Was auf den ersten Blick wie eine etwas inhaltsleere, aber gut getimte
Blockadeaktion aussieht, ist nur gespielt. Die „Demonstranten“, wie die
Bundeswehr sie nennt, sind großteils Männer über 50 mit sehr kurz
geschnittenen Haaren, verkleidete Reservisten. Sie nehmen an der
[1][Nato-Übung „Red Storm Charlie“] teil, die vom 24. bis 26. September in
Hamburg stattfindet – zum dritten Mal in Folge. In dieser Nacht wird die
gespielte Blockade die einzige Störung der Übung bleiben. Der Versuch
antimilitaristischer Aktivist*innen, die Kolonne zu stören, ist an der
Polizei gescheitert.
Weitgehend wie geplant spulte dagegen die Bundeswehr den ersten Tag ihres
„Red Storm“-Szenarios ab, bei dem sie die Verlegung von Soldat*innen,
Waffen und Fahrzeugen an die sogenannte „Ostflanke“ der Nato übt. Das ist
Teil des „Operationsplans Deutschland“, der regelt, wie Deutschland im
„Nato-Bündnisfall“ zur logistischen Drehscheibe wird – „eine Reaktion auf
die sich verschärfende sicherheitspolitische Lage in Europa“, wie es das
Territoriale Führungskommando der Bundeswehr nennt.
Ein paar Stunden vor der unechten Blockade steht Jürgen Bredtmann,
Oberleutnant vom Landeskommando Hamburg, auf einer Fähre auf der Elbe. Er
leitet die Pressearbeit und begleitet an diesem Donnerstagabend rund 30
Journalist*innen (5 davon Frauen), die über die Nato-Übung berichten.
„Red Storm Charlie“ ist die größte Bundeswehrübung in einer Großstadt, im
Vergleich zur Übung „Red Storm Bravo“ im vergangenen Jahr sind noch mehr
Soldat*innen beteiligt und das Medieninteresse ist groß. Die Übung heiße
so, „damit wir alle drüber reden“, sagt Bredtmann. Assoziationen zur Roten
Armee seien nicht intendiert, der Name solle mehr an einen Sahara- oder
Sonnensturm erinnern und eine Krise oder Interruption illustrieren.
Bredtmann besorgt der Presse Bilder und Ansprechpartner, wie den namenlosen
Soldaten vom letzten Wagen der Kolonne, der am späten Abend im Hafengebiet
losfährt und kaum mehr sagen darf als seine Aufgabe: „Falls ein Fahrzeug
ausfällt, es instand setzen, damit das Fahrzeug weiterfahren kann.“
## Bundeswehr wartet auf Protest – vergeblich
Zu den Bildern, die Bredtmann der Presse serviert, gehören eine Drohne, die
eine andere Drohne abschießt, kreisende Hubschrauber mit offener Tür,
Soldaten, die im Sonnenuntergang auf einer Fähre über die Elbe fahren,
Soldaten mit Sturmgewehren, die den Kai auf und ab laufen wie auf einem
Laufsteg und diese zwei Feldjäger auf den geilen Motorrädern.
Es sei ein „Spagat zwischen guten Bildern und dass es eine Übung ist“, sagt
Bredtmann. Dass es eine Übung sei und keine Show, dass nichts nur für die
Journalist*innen aufgeführt werde, betont er mehrfach.
Darauf, von Aktivist*innen gestört zu werden, sei man vorbereitet, sagt
Bredtmann. Ob man sich über eine echte Blockadeaktion zu Übungszwecken
sogar freuen würde? „Also dann kämen wir so ein bisschen aus dem Zeitplan
raus. Aber das macht ja nichts. Ob wir dann irgendwie um zwei erst da sind
oder um drei oder vier, ist eigentlich egal.“
Gegen Protest habe er, sagt Bredtmann lässig, natürlich nichts einzuwenden,
solange er friedlich bleibe. Er hält die Bundeswehr, sagt er, aber für den
falschen Adressaten. Der liege weiter im Osten. „Aber da dürfen Sie halt
nicht demonstrieren. Und ich finde das toll, dass wir hier demonstrieren
dürfen, dass man gegen Kriege sein darf.“
Das bundesweite Bündnis Rheinmetall Entwaffnen hatte zu Aktionstagen
[2][gegen die Nato-Übung nach Hamburg eingeladen]. „Wir glauben nicht an
den gerechten Krieg, den man uns zu verkaufen versucht“, sagte der Sprecher
Luca Hirsch am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Alten Elbpark, wo
die Aktivist*innen mit einem Zirkuszelt und Pavillons eine
„Störmanöverzentrale“ errichtet haben. Ziel der Nato-Übung sei es, die
Bevölkerung an Kriegsszenarien zu gewöhnen. Das wolle man nicht zulassen.
„Hamburg lässt sich nicht mobilmachen und gehört auch nicht der Nato,
sondern den Menschen, die hier wohnen“, sagte Hirsch.
Alle Anläufe, den Militärkonvoi zu blockieren, scheiterten jedoch. Ein Bus
mit Demonstrant*innen wurde auf dem Weg in den Hafen von der Polizei
gestoppt und festgehalten. Auch andere Gruppen erreichten den Blockadepunkt
nicht oder brachen die Aktion wegen mangelnder Erfolgsaussicht ab.
Lediglich eine Gruppe von rund 70 Klimaaktivist*innen von Ende
Gelände erreichte am Freitag früh einen Blockadepunkt im Hafen und besetzte
dort über mehrere Stunden die Gleise. „Aufrüstung und Krieg heizen die
Klimakrise weiter an“, kritisierte die Sprecherin Tomke Jansen.
Klimagerechtigkeit und Antimilitarismus seien zwei Seiten desselben
Kampfes. Der Güterverkehr stand laut einer Sprecherin der Hafenbehörde
Harbour Port Authority über mehrere Stunden still. Am Nachmittag räumte die
Polizei die Blockade. Nach Angaben der Aktivist*innen kam es dabei auch
zu Schmerzgriffen und Gewalt.
Die Polizei zieht ein positives Fazit aus dem Verlauf der Nato-Übung, es
sei zu keinen sicherheitsrelevanten Störungen gekommen, sagte ein Sprecher.
Die Aktivist*innen von Rheinmetall Entwaffnen hatten bei ihren
Aktionstagen auch auf die Hamburger linke Szene gesetzt und ein dezentrales
Aktionskonzept vorgegeben – sodass linke Gruppen eigenständig und
unabgesprochen Aktionen initiieren können, die in der Gesamtschau einen
vielfältigen Protest ergeben. Aber außer ein paar Anti-Nato-Graffitis kam
da nichts.
Die Gründe dafür könnten – neben der extrem hohen Polizeipräsenz – unter
anderem darin liegen, dass die antimilitaristische Strömung innerhalb der
linken Bewegung einen schwierigen Stand hat. Einige Linke befürworten
Waffenlieferungen an die Ukraine oder wollen sich Protesten gegen die Nato
nicht anschließen. Auch der Nahostkonflikt wirkt sich weiter auf die
ohnehin in Teilen zersplitterte Szene aus. So ist etwa auch die
[3][autoritär marxistisch-leninistische Gruppe Young Struggle] Teil des
Bündnisses Rheinmetall Entwaffnen, obgleich sie in Hamburg keine tragende
Rolle bei den Protesten einnahm. Young Struggle wird aufgrund
antisemitischer Äußerungen oft aus linken Zusammenhängen ausgeschlossen,
kann aber in der antimilitaristischen Szene gut andocken.
Ein Erfolg war hingegen der [4][Schulstreik] gegen die Wehrpflicht, der im
Rahmen einer bundesweiten Koordinierung am Freitagmorgen in Hamburg und
mehr als 100 weiteren Städten stattfand. Über 1.500 Schüler*innen
protestierten am Hamburger Hauptbahnhof gegen den drohenden Einzug zur
Bundeswehr. Am Freitagnachmittag demonstrierten rund 400 Menschen gegen
Rheinmetall und für offene Grenzen. Am Samstag schlossen sich
Antikriegs-Demos und Sozialproteste in der Innenstadt zusammen: Rund 10.000
Menschen protestierten im Rahmen bundesweiter Proteste, zu denen die
Gewerkschaften und das Bündnis „unkürzbar“ aufgerufen hatte, gegen
Aufrüstung und den Sozialabbau der Merz-Koalition.
25 Sep 2026
## LINKS
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(DIR) [4] /Musterung-bei-der-Bundeswehr/!6216059
## AUTOREN
(DIR) Amira Klute
(DIR) Katharina Schipkowski
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