# taz.de -- Deutscher Urananreicherer: Schleichende Militarisierung von Urenco
> Der Betreiber von Deutschlands einziger Urananreicherungsanlage wird Teil
> der atomaren Rüstungsindustrie. Kann die Bundesregierung ein Veto
> einlegen?
(IMG) Bild: Dafür hätte die britische Regierung den „Brennstoff“ von Urenco gern: Atom-U-Boote der Vanguard-Klasse
Urenco, die Betreiberfirma von Deutschlands einziger
Urananreicherungsanlage (UAA), verliert ihren ausschließlich zivilen
Charakter und wird Teil der atomaren Rüstungsindustrie. Das Unternehmen
bestätigte auf taz-Nachfrage, „die britische Regierung hat Urenco gebeten,
am Standort Capenhurst (Großbritannien) den möglichen Wiederaufbau des
Kernbrennstoffkreislaufs zu unterstützen, um künftig Reaktorbrennstoff für
Verteidigungszwecke bereitstellen zu können“. Urenco ist ein
deutsch-niederländisch-britischer Konzern, die Urenco Deutschland GmbH hat
ihren Sitz im nordrhein-westfälischen Gronau.
Eingesetzt werden soll dieser „[1][Reaktorbrennstoff]“ offenbar in den
Reaktoren von [2][britischen U-Booten wie der Vanguard-Klasse], die jeweils
16 atomar bestückte Trident-Interkontinentalraketen tragen. Diese sichern
den Status Großbritanniens als Atommacht, die je nach Position der U-Boote
weltweit zuschlagen kann. Insgesamt kann die Sprengkraft der Raketen der
britischen U-Boot-Flotte mehr als das 1.000-Fache der Hiroshima-Bombe
betragen.
In der Stellungnahme von Urenco Deutschland heißt es deshalb fast
entschuldigend, es handele sich „um eine Vorgabe der britischen Regierung
und nicht um eine Initiative, die Urenco selbst angestoßen hat“. Offenbar
beliefern die USA die Royal Navy nicht mehr ausreichend mit
Reaktorbrennstoff. Der Urenco-Mutterkonzern gehört zu einem Drittel dem
britischen Staat. Ein weiteres Drittel hält die niederländische Regierung,
die die Nutzung der Urenco-Technologie zu militärischen Zwecken in einer
[3][Mitteilung an das Parlament] bekannt gemacht hat. Jeweils ein Sechstel
der Urenco-Anteile gehören den deutschen Energiekonzernen RWE und Eon.
Von einem [4][„Tabubruch“] sprechen dagegen Politiker:innen der
Linken, die in Deutschland als erste auf den Einstieg Urencos in die
atomare Rüstung hingewiesen haben. „Damit werden die vermeintlich zivile
Urenco, aber auch die deutschen Energiekonzerne RWE und Eon, Bestandteil
des militärisch-industriellen Komplexes“, kritisiert Hubertus Zdebel,
atompolitischer Sprecher der Linken in NRW.
## Viele offene Fragen
Zwar erklärt die Bundesregierung auf Anfrage von Mareike Hermeier,
Sprecherin für Nukleare Sicherheit der Linken im Bundestag, „eine
Verwendung von in Deutschland angereichertem Uran im
Kernbrennstoffkreislauf für Reaktorbrennstoff für Verteidigungszwecke“ sei
„vom Vereinigten Königreich nicht vorgesehen“. Ob die Urenco Technology and
Development mit Sitz in Gronau, die als Forschungsabteilung und damit als
„Gehirn“ des Urananreicherers gilt, Dienstleistungen oder Wissenstransfers
für das britische Atomprogramm liefert, beantworten aber weder die
zuständige Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Rita
Schwarzelühr-Sutter, noch Urenco selbst.
Mit Nachfragen will Hermeier jetzt in Erfahrung bringen, wie genau sich die
Bundesregierung gegenüber Großbritannien positioniert hat – schließlich
beinhalte der Vertrag von Almelo, der 1970 zur Gründung der Urenco führte,
„das Prinzip der Einstimmigkeit, also ein Veto-Recht“. Insbesondere
interessiert die Bundestagsabgeordnete, „welche Anreicherungsgrade von Uran
235“ bei dem Rüstungsprogramm für die Royal Navy vorgesehen sind – also die
Frage, ob auch Material hergestellt werden soll, dass direkt zum Bau von
Atombomben genutzt werden kann.
Unklar bleibt auch die Rolle des Zentrifugenherstellers Enrichment
Technology Company (ETC) mit Hauptsitz im britischen Capenhurst, der in
Jülich im Rheinland eine Dependance betreibt. Die Zentrifugentechnik, die
auch in der UAA im münsterländischen Gronau verwendet wird, gilt als
Schlüssel zur Urananreicherung für zivile sowie militärische Zwecke.
Eingesetzt wird sie auch in den [5][iranischen Nuklearanlagen Natans und
Fordo], die zuletzt im März von Streitkräften der USA und Israels massiv
angegriffen wurden.
## „Ende nicht absehbar“
Antiatominitiativen kritisieren Urencos Einstieg in die Rüstungsindustrie
heftig: „Die Beteiligung an atomaren Militärprojekten in Großbritannien
bindet Urenco und ETC in eine atomare Aufrüstungsspirale ein, deren Ende
nicht absehbar ist“, warnt etwa Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis
Münsterland gegen Atomanlagen. Die deutsche Regierung müsse „unbedingt ein
Veto gegen die britischen Pläne einlegen und stattdessen dem
[6][internationalen Atomwaffenverbotsvertrag] beitreten“. Dazu gehöre auch
die Stilllegung der Urananreicherungsanlage Gronau sowie der Ausstieg aus
der Uranzentrifugenherstellung in Jülich, die trotz des deutschen
Atomausstiegs über eine unbefristete Betriebsgenehmigung verfügen.
Unwissend gibt sich dagegen das für die Atomaufsicht zuständige
NRW-Wirtschaftsministerium, das von der grünen Vize-Ministerpräsidentin
Mona Neubaur geführt wird. „Der Atomaufsicht NRW ist nicht bekannt,
inwieweit die Urenco-Gruppe einschließlich der Urenco Technology and
Development (UTD) – in das Vorhaben der britischen Regierung zur
Herstellung eines Kernbrennstoffkreislaufs für Verteidigungszwecke
eingebunden ist“, heißt es auf taz-Anfrage. Überhaupt unterliege die UTD
„nicht der atomrechtlichen Aufsicht des Landes“.
Von der Sprecherin für Antiatompolitik der Grünen im
nordrhein-westfälischen Landtag, Norika Creuzmann, war keine Stellungnahme
zu erhalten. Auch die atompolitischen Sprecher der Grünen im Bundestag,
Jan-Niclas Gesenhues und Harald Ebner, reagierten nicht. Die deutschen
Energiekonzerne RWE und Eon, die sich seit einigen Jahren um ein
nachhaltiges Image bemühen, erklärten, sich zu Plänen und Entscheidungen
ihrer Minderheitsbeteiligung Urenco nicht öffentlich äußern zu wollen.
Am Urenco-Sitz Gronau im Westmünsterland dagegen wachsen die Sorgen. „Auch
hier vor Ort ist Urenco auf einem schleichenden Weg in die
Militarisierung“, warnt etwa Udo Buchholz, Vorstandsmitglied des
Bundesverbands Bürgerinitiativen Umweltschutz. „Offensichtlich kontrolliert
kein Mensch, ob die UTD nicht bereits in militärische Forschung
eingestiegen ist.“ [7][Auch die Gronauer Urananreicherungsanlage selbst sei
längst ein „brisantes militärisches Angriffsziel“,] aber völlig
unzureichend etwa gegen Drohnenangriffe geschützt, fürchtet Buchholz, der
nur rund 1.500 Meter von der UAA entfernt wohnt. Als Regierungspartei in
Nordrhein-Westfalen müssten die Grünen Position beziehen, fordert der
Umweltschützer: „Mona Neubaur muss sich für ein Veto der Bundesregierung
einsetzen.“
13 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://fissilematerials.org/blog/2026/07/united_kingdom_asks_urenc.html
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Vanguard_(U-Boot)
(DIR) [3] https://www.tweedekamer.nl/kamerstukken/brieven_regering/detail?id=2026D33424&did=202%206D33424
(DIR) [4] https://www.dielinke-nrw.de/start/aktuell/detail/news/tabubruch-nach-ja-der-bundesregierung-darf-zivile-urenco-fuer-das-britische-militaer-atombrennstoff-herstellen/
(DIR) [5] /Irans-Waffenarsenal/!6147020
(DIR) [6] https://de.wikipedia.org/wiki/Atomwaffenverbotsvertrag
(DIR) [7] /Friedensbewegung/!6168519
## AUTOREN
(DIR) Andreas Wyputta
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