# taz.de -- Musterung bei der Bundeswehr: Auch auf den Po geschaut
> Ein Kieler Schülerkomitee kritisiert, dass nun auch zur Musterung muss,
> wer kein Interesse am Wehrdienst hat. Es komme zu intimen
> Leibesvisitationen.
(IMG) Bild: Nicht nur nicht allein: Als durchaus übergriffig wird die Musterung bei der Bundeswehr von jungen Männern wahrgenommen
Die Bundeswehr kommt jungen Männern nun auch unfreiwillig nahe. So
berichtet das Schulstreikkomitee Kiel, das zusammen mit einem bundesweiten
Netzwerk für Freitag erneut zum Protest gegen drohende Wehrpflicht aufruft,
dass in Kiel und Flensburg seit diesem Juli 18-jährige Männer Ladungen zu
Musterungen erhielten, aus denen nicht ersichtlich war, dass diese noch
freiwillig sind. Bei einer solchen Musterung im „Karrierecenter Kiel“ soll
es bei einem Schüler zu stundenlangen Befragungen und einer
einschüchternden Leibesvisitation gekommen sein.
Das [1][Schulstreikkomitee] hatte Ende August direkt vor diesem
[2][Musterungszentrum] eine Aktion veranstaltet und mit den dort
vorgeladenen Altersgenossen gesprochen. „Alle haben uns gesagt, dass sie
von einer Verpflichtung zur Musterung ausgingen“, berichtet Komiteesprecher
Golo Kirsch. „Einer berichtete uns von stundenlangen Befragungen, etwa, ob
er bereit sei zu kämpfen und Lust auf Auslandseinsätze hätte.“ Auch hätte
er Intelligenztests, Reaktionstests und Sportbelastungstests machen müssen.
Und bei der Leibesvisitation seien die Hoden angefasst und ein Finger in
den Po gesteckt worden.
„Ladung zur Teilnahme am Assessment und Musterung“ steht auf dem Brief der
Bundeswehr an einen 18-Jährigen, mit der Aufforderung, sich früh um 7 Uhr
in jenem Zentrum einzufinden. Das verwundert, denn seit Inkrafttreten des
„Wehrdienst-Modernisierungsgesetz“ müssen zwar alle 18-jährigen Männer
[3][einen Fragebogen] ausfüllen, ob sie Interesse am Wehrdienst haben. Doch
die [4][im Gesetz] ebenfalls festgelegte [5][Pflicht zur Musterung] sollte
erst ab Juli 2027 gelten. Vor wenigen Tagen räumte aber nun das
[6][Bundesverteidigungsministerium] ein, dass in der Tat schon seit diesem
Juli fast 1.000 18-jährige Männer gemustert wurden, die beim Fragebogen
kein Interesse an einer „Verwendung bei der Bundeswehr“ bekundeten.
Über die berüchtigte Hodenuntersuchung wurde schon viel berichtet. Sie
steht [7][in der Kritik], weil sie als [8][schamverletzend] gilt. Die
Bundeswehr hält jedoch daran fest und bietet nur eine komplizierte
Alternative. Zuständig für die Musterung ist das Bundesamt für Personal der
Bundeswehr in Köln. Von der taz nach dem Sinn gefragt, erklärt ein
Sprecher, es ginge darum auszuschließen, dass für bestimmte Tätigkeiten
nicht geeignete Menschen diese „im Rahmen des Dienstes ausführen und
dadurch geschädigt werden“.
## „Strenge rechtliche und ethische Vorgaben“
Gefragt, was denn junge Männer tun können, die diesen Griff nicht über sich
ergehen lassen möchten, antwortet er, es werde „davon Abstand genommen,
wenn Bewerbende diese ablehnen“. In diesem Fall werde gegebenenfalls eine
Zusatzuntersuchung bei einem frei gewählten Facharzt veranlasst, die der
Bewerbende selbst organisieren und vorlegen müsse.
Gefragt, ob das Einführen eines Fingers in den Po zur Musterung gehöre,
erklärt das Bundesamt, diese gehöre üblicherweise nicht zur Untersuchung.
Aber: „Sollte abgeleitet von einer Anamnese oder aufgrund eines
Sichtbefunds Anlass für eine Tastuntersuchung der Analregion vorliegen,
wird der/die Untersuchende darauf hingewiesen“, so der Sprecher. Der
medizinische Bedarf könnte sich im Einzelfall ergeben, etwa wenn
Hämorrhoiden festgestellt werden. „Eine Untersuchung wird dann nur in
Absprache und mit Erlaubnis durchgeführt“, versichert der Sprecher.
Doch eine Rückfrage des Komitees bei jenem Schüler ergab, dass es bei ihm
keinen Vorbefund gab. Der Untersucher hätte allerdings auch nicht den
ganzen Finger in den Po gesteckt, sondern diesen gespreizt und
reingeschaut. „Ich habe denen das erlaubt, sonst hätte ich das auch wieder
unterschreiben müssen“, schreibt der Schüler. Die Untersuchung sei auch
eine Art Vorsorge gewesen, die machten das nach seinem Eindruck „bei
jedem“.
„Ich finde diese Untersuchung in diesem Zwangskontext übergriffig und frage
mich, welchen Nutzen sie hat“, sagt Golo Kirsch. Die Schüler stört auch,
dass die verpflichtende Musterung schon jetzt gilt und nicht erst wie
angekündigt ab Juli 2027. „Wir wurden verarscht“, sagt Schüler Shmuel
Schatz [9][aus Berlin]. Wenn über 1.000 Jugendliche ohne Interesse zur
Musterung geladen würden, heiße das, dass man „kurz vor der Wehrpflicht“
stehe.
Schüler in rund 80 Städten wollen nun am 25. September, parallel zum
Nato-Manöver „Red Storm Charlie“ in Hamburg, in den Streik treten. Zuletzt
gab es so einen Schulstreik im Mai, bei dem sich in Kiel rund 700 und in
Hamburg rund 1.000 beteiligten.
Der Sprecher der Bundeswehr sagt übrigens, dazu gefragt, was sie zu dem
Vorhalt sagen, die Leibesvisitation sei einschüchternd, man tue nur das
medizinisch Notwendige. „Alle Untersuchungen unterliegen strengen
rechtlichen und ethischen Vorgaben, die die Würde und die Rechte des
Einzelnen wahren.“ Und diese hätten auch „keinen symbolischen Charakter“.
Indes weist Raphael Schulmeister-Dick vom Netzwerk „Musterung ohne
Demütigung“ darauf hin, dass es für Betroffene keine Sanktionen gebe,
sollten sie wehrmedizinische Untersuchung zu verweigern. Dies gehe aus der
[10][entsprechenden Dienstanweisung] hervor. Dort ist unter „Nr. 7010“
festgehalten, dass im Fall, dass ein Wehrpflichtiger die Untersuchung
verweigert, die Begutachtung aufgrund des Augenscheins und der vorliegenden
Akten durchgeführt wird. „Die Verweigerung der medizinischen Untersuchung
gilt auch [11][nicht laut Wehrdienstgesetz als Ordnungswidrigkeit]“, sagt
der in dieser Frage engagierte Berufsschullehrer. Es könne also kein junger
Mann gezwungen werden, sich nackt untersuchen zu lassen. „Das ist nur nicht
so bekannt.“
Transparenzhinweis: Der Artikel wurde nach Erscheinen im letzten Absatz um
die Einschätzung von Raphael Schulmeister-Dick ergänzt.
24 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://schulstreikgegenwehrpflicht.com/
(DIR) [2] /Standorte-fuer-Musterungszentren-stehen/!6177591
(DIR) [3] /18-Jaehrige-beantworten-Briefe-nicht/!6177053
(DIR) [4] /Bundestagsbeschluss-zum-Wehrdienst/!6135624
(DIR) [5] /Wehrpflicht/!6129462
(DIR) [6] https://www.bmvg.de/de/presse/bundeswehr-weiter-auf-gesetzlich-festgelegtem-aufwuchspfad-6156012
(DIR) [7] /Wehrpflicht-im-Bundestag/!6135565
(DIR) [8] https://www.morgenpost.de/politik/article410566628/musterung-eierkontrollgriff-bundeswehr-kritik.html
(DIR) [9] /Schulstreiks-gegen-Wehrpflicht/!6159240
(DIR) [10] https://fragdenstaat.de/dokumente/245820-a1-831-0-4000-v4-1/
(DIR) [11] https://www.gesetze-im-internet.de/wehrpflg/__45.html
## AUTOREN
(DIR) Kaija Kutter
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