# taz.de -- Konzertkundgebung gegen die Wehrpflicht: „Für dieses Deutschland kämpfen? Nein, danke!“
> Vor dem Brandenburger Tor protestieren Tausende Jugendliche gegen die
> Militarisierung. Mit Pogo und Sprechchören richteten sie sich an die
> Regierung.
(IMG) Bild: Das junge Publikum solidarisierte sich auch mit den Schüler:innenprotesten in Frankreich
Vielleicht ist der Punk ja doch noch nicht tot: Auf dem Boden vor dem
Brandenburger Tor hockt eine Gruppe Jugendlicher, sie tragen Lederkutten
mit Antifa-Symbolen, kämmen und sprühen sich die bunten Iros zurecht.
Ein paar Meter daneben, [1][auf der Bühne der „Unzwingbar“-Kundgebung gegen
die Wehrpflicht], heizt die Rapgruppe „Guterzogene Asis“ den Pogo an: „Wir
haben in der letzten Zeit immer wieder gehört, wir seien Abschaum, aber
wenn ich höre, wer das sagt, dann bin ich gerne Abschaum!“, ruft einer der
Musiker. Allgemeines Gejohle. Wieder und immer wieder stimmt die Menge
[2][„Merz leck Eier!“-Sprechchöre] an.
Bis zu 20.000 Menschen sollen laut den Veranstalter:innen zur
Konzertkundgebung gegen die Wehrpflicht gekommen sein. Ob die Angaben
realistisch sind, lässt sich wegen der großen Zeitspanne der Kundgebung
schwer sagen. Die Polizei sprach am Samstagmorgen nur von 3.000
Teilnehmer:innen. Einige Tausend mehr dürften es gewesen sein: Am Abend war
der Platz des 18. März rappelvoll, die Kundgebung streckte sich bis auf die
Straße des 17. Juni. Es ist gut möglich, dass dies der bisher größte
Einzelprotest gegen die Wehrpflicht war.
Das Publikum war divers. Altlinke tummelten sich neben queeren
Jugendlichen, das Fahnenmeer sozialistischer Jugendgruppen wurde auch mit
Anarcho-Symbolik unterbrochen. Selbst am Abend wurde die Menge
studentischer und partyaffiner zu keinem Zeitpunkt unpolitisch: Zwischen
jedem Konzert und jedem Redebeitrag ertönten antifaschistische Sprechchöre,
die taz hat mit niemandem gesprochen, der:die nur für die hochkarätigen
Konzerte, etwa von KIZ, vor Ort war.
## Pöbeln gehörte zum guten Ton
Zum guten Ton des Protestes gehörten dabei Pöbeleien gegenüber
Politiker:innen, die die Aufrüstung vorantreiben und eine Wiedereinführung
der Wehrpflicht fordern. Die Richtung gab schon der Satiriker Martin
Sonneborn am frühen Nachmittag vor. In einer Bundeswehr-Jacke über dem
obligatorischen Anzug und mit einem Sternburg-Dosenbier in der Hand sprach
dieser unter begeisterten Jubelrufen von „Friedrich-Fotzenfritz-Merz“ und
witzelte: „Merz leck Eier? Er kann auch an der Ostfront sterben gehen“.
Hintergrund sind die wiederkehrenden Verhaftungen von
Schulstreik-Aktivist:innen wegen genau dieser von der Polizei als
beleidigend eingestuften Aussagen auf Streikkundgebungen in den letzten
Monaten, zuletzt in Berlin auch wegen der Bezeichnung „Hundesohn“.
## „Kann gut sein, dass der Hundesohn euch hören kann“
Als das Berliner Schulstreikkomitee mit einem großen Banner „Generation
Widerstand statt Drohnenfutter“ auf die Bühne drängte, wurde genau das
thematisiert. „Es kann gut sein, dass der Kollege da drüben im Kanzleramt,
der Hundesohn, euch hören kann!“, ruft eine Rednerin. Verhaftet wurde am
Freitag niemand.
Doch es blieb nicht nur bei Provokationen. Inhaltlich kritisierte etwa ein
Redner der Verdi-Jugend gleich zu Beginn die massive Kürzungspolitik, die
„ein Ausmaß wie die Agenda 2010“ habe. Die Merz-Regierung erleichtere
Kettenbefristungen, niemand in seinem Alter glaube noch an eine sichere
Rente, sagt der junge Redner. „Und jetzt sollen wir in den Schützengräben
der Zukunft unseren Tod finden? Nicht mit uns!“ Es sei die Aufgabe der
Gewerkschaften, beim Kampf gegen die Kürzungen nicht über die Aufrüstung zu
schweigen. Unter Applaus solidarisierte er sich mit den
[3][Schüler:innenprotesten in Frankreich,] was im Laufe des Abends
immer wieder Thema wurde.
## „Nicht immer nur: Ich, ich, ich“
Am Rande der Kundgebung schimpft ein:e Jugendliche:r im Rock und mit
einer Eisenkette um den Hals: „Ich komm’ jeden Tag nach der Berufsschule
nach Hause und geh’ nur noch schlafen, damit ich irgendwie klarkomme, und
am nächsten Tag geht alles von vorne los.“ Das Ausbildungsgehalt zur
Erzieher:in reiche vorne und hinten nicht. Und überhaupt: „Deutschland
exportiert Waffen überall hin, Rheinmetall profitiert am Krieg.“ Wäre
Deutschland eine „offene Gesellschaft mit Rückgrat“, ohne Rechtsruck und
Sozialkürzungen, wäre es aber vielleicht was anderes. Aber für dieses
Deutschland kämpfen? „Nein, danke.“
Eine ähnliche Meinung äußerte eine junge Frau im Gothic-Look ein paar Meter
weiter. „Ich bin in der Jugendhilfe aufgewachsen. Ich weiß, wie Kürzungen
das reale Leben von Menschen angreifen“, sagt sie. Vor allem für ihre
jüngeren Geschwister wolle sie keinen Krieg, oder dass sie fliehen müssen.
„Ich will ein sicheres Land, wo der gesellschaftliche Zusammenhalt und mein
Recht auf eine Zukunft geachtet wird, wo Klimaschutz was zählt. Und es
nicht immer nur um Ich, ich, ich und Geld geht“, sagt sie.
Was die Bedrohung durch Putins Russland angeht, so glaubten auf der
Kundgebung nur wenige an eine tatsächliche Kriegsgefahr. In Redebeiträgen
wurde Russland als Aggressor in der Ukraine benannt und kritisiert. Doch
das rechtfertige nicht die gegenwärtige „Aufrüstungshysterie“, sagte eine
Rednerin der Greenpeace-Jugend. Sie stellte eine Studie vor, laut der „die
Nato Russland militärisch schon jetzt deutlich überlegen ist, auch ohne die
USA“. Europa sei bereits verteidigungsfähig und die Wehrpflicht „einfach
nicht nötig“, führte sie fort. Doch weil Merz die „größte konventionelle
Armee Europas“ wolle, nehme er die verheerenden Sozialkürzungen in Kauf,
die zum Erstarken der extremen Rechten führten.
## Achtung: Linksradikale!
Ein israelischer Kriegsdienstverweigerer warnte vor den langfristigen
gesellschaftlichen Folgen der Militarisierung. „Ich komme als Bote aus
einem militaristischen Land, um euch zu sagen: Das ist eine Sucht“, sagte
er auf Englisch unter großem Applaus. „Irgendwann ist jeder so schuldig,
dass es kein Zurück, sondern nur noch ein Vorwärts gibt“,
Politiker:innen würden dann „nach Kriegen für ihre Armeen suchen, in
die sie investiert haben“. Als er von einem Genozid in Gaza sprach, hallte
es „Viva, viva Palästina“ über den Platz.
Als nach über fünf Stunden Kundgebung mit KIZ der Hauptact die Bühne
betrat, war damit bereits alles gesagt. Musiker Maxim blieb nur noch,
ironisch vor den Linksradikalen zu warnen, die es auf der Demo geben solle.
„Nur weil die Reichen einen Krieg vorbereiten, der nicht in eurem Interesse
ist, nur weil sie euch zwingen wollen, zu sterben und zu töten, ist das
noch lange kein Grund, kritisch gegenüber diesem Staat zu werden“, sagte
er.
Am Samstag sollen die Proteste weitergehen: Der eher traditionell
ausgerichtete Teil der Friedensbewegung plant ab 13 Uhr Demonstrationen in
Stuttgart sowie weitere in Berlin.
3 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Timm Kühn
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