# taz.de -- Schwuler Lehrer über Outing: „Als ob eine Bombe platzt“
       
       > Jörg Begler unterrichtet an einer Berliner Grundschule – offen als
       > homosexuell geoutet. Er weiß, dass dieser Schritt auch heute nicht
       > selbstverständlich ist.
       
 (IMG) Bild: Hatte als Jugendlicher selbst keine schwulen Vorbilder: Grundschullehrer Jörg Begler hat sich geoutet
       
       taz: Herr Begler, Sie sind seit acht Jahren Lehrer an einer Berliner
       Grundschule. Wann haben Sie sich dort als schwul geoutet? 
       
       Jörg Begler: Das muss in der ersten oder zweiten Woche gewesen sein. Ich
       war noch in der Referendariatszeit, frisch aus dem Studium gekommen.
       
       taz: Mit einem Alter von 37 sind Sie relativ spät ins Lehramt eingestiegen.
       Zuvor waren Sie bei der Bundesfinanzverwaltung in Koblenz tätig. 
       
       Begler: Um Lehramt studieren zu können, habe ich auf dem Abendgymnasium
       zunächst mein Abitur nachgemacht. In dieser Zeit ist der Entschluss
       gereift, dass ich in meinem nächsten Beruf offen schwul geoutet leben und
       arbeiten möchte. Mein persönliches Coming-out hatte ich ja schon als
       Jugendlicher. Die Entscheidung, wann ich mich an der Grundschule oute, hat
       mir dann ein Schüler abgenommen.
       
       taz: Was ist passiert? 
       
       Begler: Das war in einer Pause, ich hatte auf dem Flur Aufsicht. Ein
       Sechstklässler sprach mich an. „Bist du eigentlich schwul?“ Für mich kam
       das ziemlich überraschend. Ich hatte noch mit niemandem darüber gesprochen,
       wie so eine Situation am besten abläuft. Wir haben uns dann eine Weile
       unterhalten. Ich habe ihn gefragt, was er von dem Begriff weiß und was er
       für ihn bedeutet.
       
       taz: Sie haben nicht sofort ja gesagt? 
       
       Begler: Ich kannte den Schüler überhaupt nicht. Wir haben dann ein weiteres
       Mal darüber gesprochen, als ich Aufsicht hatte. Das Thema ließ ihn nicht
       los. Irgendwann habe ich dann zu ihm gesagt: Jetzt kennen wir uns ein
       bisschen. Du hast recht, ich bin schwul. Seine Reaktion war: Das erzählst
       du jetzt einfach nur so. Dabei habe ich es dann in dieser Situation
       belassen.
       
       taz: Aber damit war der Damm gebrochen? 
       
       Begler: Ich vermute, das hat sich in bestimmten Gruppen herumgesprochen:
       Wir haben einen schwulen Lehrer an unserer Schule. Ich hatte zunächst noch
       keine eigene Klasse. Es waren eher Jungs, fünfte, sechste Klasse, die mir
       in Vertretungssituationen die Frage stellten. Manchmal ganz frontal. Ich
       glaube, es war auch ein bisschen eine Mutprobe. Wenn die Frage kam, oft in
       einer Pause, wurde es im Klassenraum plötzlich mucksmäuschenstill. Aber es
       gab auch durchaus heftige Konfrontationen. Auf dem Schulhof etwa oder im
       Vorbeigehen auf dem Flur sind schon respektlose Bemerkungen gefallen.
       
       taz: Wie gehen Sie damit um? 
       
       Begler: Ich versuche, Gesprächssituationen zu schaffen, in denen ich mich
       den Fragen der Kinder stelle. Ich bespreche das immer mit meinen
       Kolleginnen und Kollegen. Wir haben an unserer Schule auch eine Diversity
       AG, wo ich zu den Kontaktpersonen für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt
       und Diversity gehöre. Wir machen uns sehr viele Gedanken dazu.
       
       taz: Die Grundschule befindet sich in der Berliner Innenstadt. Was für
       einen familiären Hintergrund haben die Kinder? 
       
       Begler: Ich arbeite in einem verhältnismäßig aufgeklärten Kiez, zu dem auch
       Regenbogenfamilien gehören. Aber es gibt auch Familien, die aus Milieus
       stammen, in denen Homosexualität ein Tabu ist, wo nicht darüber gesprochen
       werden darf und das auch keine berechtigte Existenzform ist. Wir erleben
       die ganze Bandbreite der Bevölkerung an unserer Schule. Wir haben
       palästinensische Kinder mit Angehörigen im Gazastreifen, Kinder aus
       jüdischen Familien, russische Kinder und ukrainische Kinder. Alle
       Streitpunkte der Welt werden mit den Kindern in die Schule getragen.
       
       taz: Wenn Sie eine neue Klasse übernehmen, wie stellen Sie sich den Kindern
       da vor? 
       
       Begler: So wie es viele meiner Kolleginnen und Kollegen auch tun. Die sagen
       zum Beispiel, ich bin verheiratet, habe zwei Kinder, meine Frau ist Ärztin,
       oder auch ich bin Single und lebe in dem und dem Bezirk. Wenn ich dann aber
       sage, dass ich mit einem Mann zusammen bin, ist das manchmal so, als ob
       eine Bombe platzt: Das geht doch gar nicht, zwei Männer, das ist eklig.
       
       taz: Was für Reaktionen erleben Sie auf Elternabenden? 
       
       Begler: Das ist sehr unterschiedlich. Bei vielen aufgeklärten Eltern
       erfahre ich vor allem Wohlwollen und Zustimmung. Familien aus einem eher
       konservativen Milieu stehen Schwulsein kritisch oder ablehnend gegenüber.
       Vor einigen Jahren war das besonders spürbar.
       
       taz: Bitte erzählen Sie. 
       
       Begler: Ich hatte eine Klasse neu übernommen, in der die Elternschaft zum
       Teil noch mal traditionell konservativer und religiös bestimmter in den
       Familien war. Von einer Mutter habe ich nach dem Elternabend erfahren, das
       einige nicht wollten, dass ihre Kinder von einem schwulen Lehrer
       unterrichtet werden. Eine Familie hat dann die Schule verlassen. Offiziell
       wurde das mit einem Schulformwechsel begründet.
       
       taz: Sie sind in der [1][GEW Arbeitsgruppe schwule Lehrer] aktiv. Die
       Mehrzahl queerer Lehrkräfte in Deutschland outet sich nicht vor ihrer
       Schülerschaft. Verstehen Sie die Beweggründe? 
       
       Begler: Sicherlich! Das ist ein sehr persönlicher Akt. Keiner weiß, wie so
       ein Outing verläuft, wie die Menschen im Umfeld reagieren. Je nachdem wird
       man dadurch ein Stückchen vulnerabler, verletzlicher. Und man liefert
       möglicherweise einen Angriffspunkt. Wir stehen voll in der Öffentlichkeit,
       müssen unsere Arbeit vor allen rechtfertigen: vor der Dienstleitung, der
       Kollegen- und Elternschaft und nicht zuletzt vor den Kindern und
       Jugendlichen. Wir vertreten ja auch den Staat, das Land Berlin und das
       Grundgesetz, unsere Verfassung. Möglicherweise haben manche queere
       Lehrkräfte auch Angst, dass das ihre Autorität schwächen könnte.
       
       taz: Man könnte auch den Standpunkt einnehmen: Meine sexuelle Identität
       geht niemanden etwas an. 
       
       Begler: Das Argument höre ich oft, selbst von heterosexuellen Kolleginnen
       und Kollegen. Sie würden doch auch nicht erzählen, dass sie heterosexuell
       sind. Das ist absurd. Wenn ein heterosexueller Kollege einen Ehering trägt
       oder seine Ehefrau mit zum Schulfest bringt, sagt das auch etwas über seine
       sexuelle Identität aus. Das gilt selbstverständlich auch für mich.
       
       taz: Um was genau geht es Ihnen mit Ihrem Outing? 
       
       Begler: Schon während des Studiums hatte ich auf dem Schirm, dass es
       Probleme in der Gesellschaft und auch an Schulen gibt, mit
       Queerfeindlichkeit und Homophobie. Das spitzt sich ja gerade immer mehr zu.
       Als Grundschullehrer habe ich eine wichtige Rolle, ich bin ab der ersten
       Klasse zugegen, wenn die Kinder erstmals mit der staatlichen Institution
       Schule in Kontakt treten. Es gibt ja die Schulpflicht. Es ist grundlegend
       für eine demokratische Gesellschaft, dass wir uns gegenseitig akzeptieren
       und Respekt füreinander haben. Ich finde es super wichtig, dass Kinder das
       früh erleben und lernen. Und ich habe die Chance und eine Verantwortung,
       ihnen das beizubringen. Dazu gehört, ihnen Ängste zu nehmen.
       
       taz: Sie sind sozusagen ein lebendes Beispiel? 
       
       Begler: Schulkinder finden es immer interessanter, wenn sie
       lebenspraktische Beispiele bekommen. Wenn wir Arbeitsblätter ausfüllen oder
       im Buch lesen ist das eine Form von lernen. Aber wenn wir in eine
       Gartenarbeitsschule gehen oder eine Polizistin oder einen Fotografen
       einladen oder einen Antiquar oder eine Opernsängerin, ist das immer viel
       spannender. Die Kinder haben dann wirklich viele Fragen, und genauso ist
       das mit mir. Ich bin der Experte, der als Schwuler in die Schule kommt,
       bloß bin ich da gleichzeitig zu Hause (lacht).
       
       taz: Wollen Sie für die Kinder auch ein Vorbild sein? 
       
       Begler: Ich will niemanden überzeugen, ein Verbündeter der LGBTQ+ Bewegung
       zu werden. Aber es kann sein und statistisch ist es auch so, dass in jeder
       Klasse durchaus ein Kind homosexuell, bi oder trans ist. Natürlich möchte
       ich für diese Kinder ein Vorbild sein, dass sie nicht alleine sind. Aber
       ich wachse noch in meine Rolle rein.
       
       taz: Wie war das bei Ihnen selbst, hatten Sie in Ihrer Jugend auch schwule
       Vorbilder? 
       
       Begler: Leider nein. 
       
       taz: Sie wurden 1980 in Rheinland-Pfalz geboren und sind in einem kleinen
       Dorf in der Eifel aufgewachsen. 
       
       Begler: Wir hatten Fernsehen zu Hause, Internet gab es ja noch nicht. Das
       Wort schwul oder lesbisch existierte in meiner Familie und Schule nicht.
       Nur einmal, das weiß ich noch, habe ich den Begriff im Ort von erwachsenen
       Männern gehört. Das war spürbar lächerlich und negativ gemeint. In der 9.
       oder 10. Klasse haben sich meine Klassenkameraden und -kameradinnen einmal
       gefragt, ob ich schwul bin.
       
       taz: Sie selbst hatten sich das bis dahin nie gefragt? 
       
       Begler: Ich fand gleichaltrige Jungs interessanter als Mädchen, aber ich
       konnte das nicht einordnen. Wir redeten unter uns Kindern immer nur über
       heterosexuelle Partnerschaften. Es gab kein schwules oder lesbisches
       Pärchen in meiner Peergroup. Und deshalb war das wie ein verbotenes Gefühl,
       das es nicht geben durfte.
       
       taz: Wann hat sich das geändert? 
       
       Begler: Als ich im WDR zum ersten Mal die Übertragung eines CSD aus Köln
       gesehen habe. Da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es
       eine vollkommen entspannte Bewegung von Schwulen und Lesben gibt. Da war
       ich 18.
       
       taz: Das klingt, als hätten Sie eine Kindheit hinterm Walde verbracht. 
       
       Begler: Ich glaube, das gibt es heute noch. Auch das Internet ändert nichts
       daran, dass es Jugendliche gibt, die ohne Bezug zu sich und positive
       Vorbilder aufwachsen, die ihnen helfen, ihre Identität zu klären.
       
       taz: Wie ging es bei Ihnen dann weiter? 
       
       Begler: Im Herbst oder Winter desselben Jahres habe ich mein Schwulsein
       meiner Tanzpartnerin aus dem Tanzverein eröffnet. Damit war sie die Erste.
       Ich glaube, es war für sie auch schmerzhaft, sie hatte wohl gehofft, dass
       wir irgendwann als Paar zusammenkommen. Aber sie hat unglaublich empathisch
       und unterstützend reagiert.
       
       taz: Und Ihre Eltern? 
       
       Begler: Nach der 10. Klasse hatte ich die Schule verlassen, eine Ausbildung
       bei der Bundesfinanzverwaltung begonnen und Zivildienst gemacht. So kam es,
       dass ich in Koblenz, Münster und Köln gelebt habe. Plötzlich gab es
       Treffpunkte und Cafés, wo junge Schwule zusammen kamen – Jugendgruppen,
       junge Erwachsene, die sich vernetzten, Projekte planten und Reisen machten.
       Dadurch wuchs mein Selbstwertgefühl und auch der Mut, mich zu outen.
       Gegenüber meinen Eltern fiel mir das nicht leicht, sie hatten damit dann
       auch ziemlich zu kämpfen. Es hat ungefähr ein Jahr gedauert, bis wir wieder
       normal miteinander reden konnten. Inzwischen können wir aber sehr offen
       sprechen.
       
       taz: Bei der Finanzbehörde sind Sie nicht geblieben. Was hat den Ausschlag
       gegeben, Lehrer zu werden? 
       
       Begler: Während des Zivildienstes hatte ich unter anderem in einem
       schwul-lesbischen Aufklärungsprojekt an Kölner Schulen gearbeitet. Danach
       wieder in einem Verwaltungsbüro zu sitzen, war ziemlich langweilig. Ich
       wollte weiter mit Menschen arbeiten, mich gesellschaftspolitisch betätigen.
       Ein Praktikum an einer Schule hat mich überzeugt, dass Lehrer ein sehr
       lohnenswerter, herausfordernder Beruf ist.
       
       taz: Aber warum in einer Grundschule?
       
       Begler: Ich finde, es müssten viel mehr Männer in die Grundschulen gehen –
       nicht unbedingt mehr schwule Männer, aber auch schwule Männer. Nach wie vor
       wird der Unterricht dort zu 80, 90 Prozent von Frauen bestritten. Die
       Kinder lernen, abgesehen von ihren Vätern, bis zur Oberschule kaum
       männliche Bezugspersonen kennen.
       
       taz: Am 25. Juli 2026 ist ein mutmaßlich islamistischer Attentäter mit
       einem Kleinbus [2][am Rand des Christopher Street Day in Berlin in eine
       Menschengruppe gefahren]. Eine Frau wurde getötet, viele Menschenschwer
       verletzt. Schon in der Grundschule soll der 21-jährige Tatverdächtige
       erhebliche Verhaltensauffälligkeiten gezeigt haben. Was ging Ihnen bei
       dieser Nachricht durch den Kopf? 
       
       Begler: Das war ein Schockmoment. Einer meiner Gedanken war, gibt es Kinder
       mit einem ähnlichen Hintergrund möglicherweise in meinem Schulalltag? Und:
       Inwieweit bringe ich mich eigentlich als geoutete Lehrkraft selbst in
       Gefahr, Ziel von Hasskriminalität zu werden?
       
       taz: Darüber hatten Sie vorher nicht nachgedacht? 
       
       Begler: Doch schon, aber eher abstrakt. Ich höre ja von geouteten Lehrern
       anderer Schulen, dass sie von Eltern und Schülern auch angefeindet werden.
       Ein Kollege einer Oberschule wurde am Rand eines Schulgeländes von einem
       Elternteil geschlagen. Aber dann habe ich den Gedanken verhandelt.
       
       taz: Mit welchem Ergebnis? 
       
       Begler: Wenn ich nicht will, dass Kinder und Jugendliche eine
       Homofeindschaft aufbauen, muss ich noch intensiver dagegen arbeiten. Für
       mich und für die Gesellschaft, weil ich immer noch daran glaube, dass wir
       die Dinge klären können, bevor Hass entsteht. Genauso bin ich in das neue
       Schuljahr eingestiegen.
       
       taz: Sie haben wieder eine Schuleingangsklasse. Wie ist Ihr Outing am
       ersten Elternabend verlaufen? 
       
       Begler: Ich war etwas aufgeregt. Was ich gesehen habe, war ein
       wohlwollendes positives Schmunzeln der Eltern, und auch ein kollektives
       Verständnis.
       
       taz: Sie sind immer noch aufgeregt? 
       
       Begler: Es ist immer ein kleiner Stoß, der durch meinen Magen geht. Mit
       jeder Person, die neu die Schule betritt, hast du ein neues Coming-out. Ich
       werde routinierter, trotzdem kostet es Überwindung. Aber das nehme ich in
       Kauf.
       
       5 Oct 2026
       
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