# taz.de -- Mülleimer wuchten: „Ich hoffe, dass ich bis zur Rente bleibe“
> Ann-Kathrin Grüttner arbeitet bei der Straßenreinigung Bremen-Nord, doch
> aus der Stadt ist sie weggezogen: Sie lebt mit ihren Pferden auf dem
> Land.
(IMG) Bild: Ann-Kathrin Grüttner bei der Arbeit
taz: Wie sind Sie zur Straßenreinigung gekommen, Frau Grüttner?
Ann-Kathrin Grüttner: Ursprünglich habe ich beim Umweltbetrieb nebenan als
Gärtnerin gearbeitet, aber hatte immer nur Jahresverträge. Irgendwann, mit
Mitte zwanzig, will man ja mal einen festen Vertrag. Hier bei der
Straßenreinigung gab es eine Ausschreibung, und dann habe ich einfach die
Tür gewechselt. Beim Winterdienst war ich sowie schon bei der
Straßenreinigung dabei, und mein neuer Einsatzleiter war dort schon mein
Einsatzleiter gewesen.
Der Einsatzleiter, Dieter Bauch, ruft aus dem Nebenzimmer: Sie war uns
schon immer positiv aufgefallen, und als wir Mitarbeiter gesucht haben,
haben wir gefragt, ob sie nicht wechseln will. Die Straßenreinigung legt
Wert darauf, sofort unbefristete Verträge zu machen, es ist eine andere
Betriebspolitik, dass man erst gar nicht so mit diesen Jahresverträgen
anfängt.
taz: Sind Frauen die Ausnahme unter den Mitarbeitenden?
Grüttner: Wir sind hier etwa 25 Leute plus. Und ich bin die einzige Frau.
taz: Warum sind es so wenige?
Grüttner: Vielleicht haben sie Angst? Keine Ahnung, ich weiß es nicht.
Der Einsatzleiter aus dem Nebenzimmer: Ich komme ja von der Berliner
Stadtreinigung. Da sind Frauen Potenzial, es bewerben sich viel mehr als
hier. Hier scheuen sich die Frauen noch, auf die Straße zu gehen.
taz: Ist das auch eine Frage von Imagekampagnen? Die sind ja bei den
Stadtreinigungen insgesamt flotter geworden.
Grüttner: Es ist halt kein typischer Frauenberuf. Und es ist körperlich
anstrengend. Ein netter Kollege hat letztens ausgewogen, dass die Säcke,
die man ins Fahrzeug heben muss, 10 bis 15 Kilo wiegen.
Der Einsatzleiter: Es ist ein Vorurteil, dass Frauen weniger Kraft haben.
Ann-Kathrin ist gleichwertig wie ein Mann.
taz: Was haben Sie denn als Teenager gedacht, was Sie mal werden würden?
Grüttner: Ich habe zwei Ausbildungen gemacht. Zuerst als
gestaltungstechnische Assistentin. Aber da habe ich ganz schnell gemerkt,
dass am PC zu sitzen nichts für mich. Dann habe ich mich wirklich überall
handwerklich beworben, auch als Maler, Lackierer, und habe tatsächlich das
Erstbeste angenommen als Gärtner.
taz: War das anfangs für Sie gewöhnungsbedürftig, nach dem Gartenbau nun
mit Müll umzugehen?
Grüttner: Ich habe das ja auch im Gartenamt drei Mal pro Woche gemacht. Man
muss sich vielleicht zu Beginn dran gewöhnen, es stinkt halt. Aber man
gewöhnt sich an alles.
taz: Wie entscheidet man eigentlich, wann genügend Müll gesammelt ist und
die Straße ausreichend sauber ist?
Grüttner: Jeder hat seinen unterschiedlichen Standard. Wann ist die Straße
sauber? Wenn da kein Müll, also richtiger Müll liegt.
taz: Sind Sie selbst ordentlich?
Grüttner: Ich bin eher ein schlampiger Mensch.
taz: Hat die Arbeit dann ein bisschen etwas Pädagogisches für Sie, weil Sie
sich manchmal zusammenreißen müssen?
Grüttner: Bei den Mülleimern weiß ich, was passiert, wenn ich sie nicht
leeren würde. In der Handkolonne bin ich meist nur Mitfahrer. Wenn mein
Vorarbeiter sagt, mach das, dann mache ich es auch. Aber ich könnte kein
Vorarbeiter sein.
taz: Finden Sie es gut, dass man Sie schon von fern an Ihrer Dienstkleidung
erkennt?
Grütter: Nein. Schöner wäre es weniger auffällig. Aber so wird man
vielleicht nicht plattgefahren. Oder man kann einen unterm Auto rausziehen,
weil man sieht, wo man liegt.
taz: Was mögen Sie an Ihrer Arbeit?
Grüttner: Die Freiheit: Ich bin die meiste Zeit alleine und kann alleine
planen, wo ich hinwill und wozu ich gerade Lust zu habe, wie ich meinen
Tage, meine Arbeit und meine Touren einteile. Und dass es insgesamt ein
gutes Team ist.
taz: Fühlen Sie sich dafür zuständig, dass es in Bremen-Nord schön ist?
Grüttner: Gestern war ich hier und dachte mir: Kommt, Leute, ihr wohnt doch
hier. Wollt ihr es nicht schön haben? Aber Bremen-Nord ist ein bisschen
anders als Niedersachsen, wo ich wohne.
taz: Sagen Sie den Leuten, die etwas auf die Straße werfen, auch mal: „Hier
ist der Mülleimer“?
Grüttner: Nein, da bin ich nicht der Mensch für.
taz: Freuen sich die Leute, wenn Sie mit Ihrem Wagen vorbeikommen?
Grüttner: Letzte Woche gab es tatsächlich welche, die sich bedankt haben.
Aber das ist eher die Seltenheit. Heute morgen haben sich Leute beschwert,
dass sie noch schliefen und warum Krach gemacht würde. Das ignoriere ich
dann. Wir arbeiten nun mal.
taz: Wie früh sind Sie denn unterwegs?
Grüttner: Um 6 Uhr fahren wir hier am Hof los.
taz: Wenn Sie aus Niedersachsen kommen, wann stehen Sie dann auf?
Grüttner: Um halb vier.
taz: Sind Sie Frühaufsteherin?
Grüttner: Jein. Ja.
Der Einsatzleiter aus dem Nebenzimmer: Im Winterdienst sind wir noch
früher.
Grüttner: Genau. Im Winterdienst werden wir um 4 Uhr angerufen. Da bin ich
im Straßenräumdienst. Dann fahre ich Trecker. Viele Leute sagen, das macht
keinen Spaß. Aber es gibt nichts Schöneres, als morgens, wenn da noch
keiner durchgelaufen ist, den Schnee durch die Gegend zu schmeißen. Also
mit dem Trecker. Handkolonne ist nicht so meins.
taz: Was ich immer wieder faszinierend finde, ist die Gelassenheit der
Fahrer:innen von Müllautos, wenn es sich hinter ihnen staut. Ist das
etwas, was man sich antrainieren muss?
Grüttner: Irgendwann hat man es raus. Wenn die Leute meinen, da Stress
machen zu müssen, dann werde ich einfach noch langsamer. Wenn es lange
dauert, brauche ich fünf Minuten – so viel Zeit hat jeder Mensch, der auf
der Straße unterwegs ist.
taz: Das klingt so, als hätte die Arbeit Sie auch verändert.
Grüttner: Ich glaube, das ist das Erwachsenwerden.
taz: Würden Sie sagen, dass die Stadtreinigung gerade als Frau ein guter
Ort dafür ist? Im Sinne von „Ich weiche jetzt nicht zurück, ich fege hier
weiter“?
Grüttner: Das ist nicht immer einfach. Da ist es ganz cool, wenn ein
Kollege dabei ist. Ich hatte einmal die Situation, dass ich vor unserem Lkw
lief und Gullys reinigte. Es war ein ganz komischer Mensch in meiner Nähe,
aber ich hatte Augenkontakt zu meinem Kollegen und dachte: Er wird
hoffentlich gleich rauskommen und mir helfen. Das hat er dann hinterher
auch gesagt: Wäre der Mensch noch einen Schritt näher gekommen, dann wäre
er ausgestiegen. Ich will mich da nicht mit Leuten anlegen.
taz: Wie reagieren Leute, wenn Sie erzählen, dass Sie bei der
Stadtreinigung arbeiten?
Grüttner: Manche fragen natürlich. Warum machst du das? Aber ich hoffe,
dass ich bis zur Rente bleibe. Ich bekomme immer pünktlich mein Geld, ich
kann pünktlich anfangen und habe pünktlich Feierabend.
taz: Und Ihre Eltern, was sagen die?
Grüttner: Mein Vater lebt nicht mehr. Meine Mutter ist auch im öffentlichen
Dienst, in der Reinigung. Denen war immer wichtig, dass ich einen Job habe,
wo ich glücklich bin. Und das bin ich hier inzwischen. Und ich konnte mir
den Traum vom Haus erfüllen.
taz: Was für ein Haus ist das?
Grüttner: Ein kleiner Resthof, den ich zusammen mit meinen Eltern gekauft
habe. Jetzt lebe ich dort mit meiner Mutter. Auf unserer Ecke stehen
vielleicht 10, 15 Häuser, und im Dorf leben 300 Einwohner. Aber eigentlich
komme ich aus Bremen.
taz: Warum sind Sie weggegangen?
Grüttner: Ich habe sieben Pferde, und irgendwann ist es ein Kostenfaktor,
die fremd einzustellen. Inzwischen haben wir auch Hunde, Katzen, Hühner,
Wachteln und Schildkröten.
taz: Dann legen Sie zu Hause nicht die Beine hoch.
Grüttner: Irgendwann mal zwischendurch. Aber selten.
taz: Hat Ihre Familie Ihnen das Handwerkliche gezeigt?
Grüttner: Mein Opa. Und ich habe tatsächlich mit zehn meinen ersten
Akkuschrauber geschenkt gekriegt, das ist für ein Mädchen nicht unbedingt
typisch.
taz: Wer hilft Ihnen bei der Arbeit auf dem Hof?
Grüttner: Meine Mutter kümmert sich mit. Alleine würde ich es nicht
schaffen. Seit mein Vater getötet wurde, fehlt natürlich eine Person. Aber
man lernt, damit umzugehen.
taz: Ich hoffe, die Frage ist nicht übergriffig, aber weil Sie es so offen
formuliert haben: Ihr Vater wurde getötet?
Grüttner: Er wurde von einem betrunkenen und unter Drogen stehenden
Autofahrer übersehen. Das prägt. Wir hatten ein halbes Jahr vorher den Hof
zusammen gekauft. Danach standen hier bei der Arbeit alle hinter mir, das
war eine große Unterstützung.
taz: Wie sah die praktisch aus?
Grüttner: Ich war erst einmal krankgeschrieben. Aber auch in der Zeit
danach, wenn ich gesagt habe, das geht gerade nicht, war das kein Problem.
Am Tag, als ich zur Polizei ging, um über den Stand der Ermittlungen zum
tödlichen Unfall meines Vaters informiert zu werden, wurde ich von meinen
beiden Vorgesetzten abgeholt.
taz: Sie wirken wie jemand, der offen über diesen Verlust spricht.
Grüttner: Das habe ich gelernt. Ich werde noch einige Jahre damit leben.
Wenn man es immer wieder verdrängt, wird es einen kaputt machen.
27 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Friederike Gräff
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