# taz.de -- Glaziologe Hajo Eiken über Alaska: „Indigene haben ein tieferes Verständnis von Meereis“
       
       > Hajo Eicken ist neuer Direktor des Bremerhavener
       > Alfred-Wegener-Instituts. In Alaska hat er gelernt, indigenes Wissen auch
       > wissenschaftlich ernst zu nehmen.
       
 (IMG) Bild: Von den Wäldern Alaskas nach Bremerhaven: der Meereisforscher Hajo Eicken
       
       taz: Herr Eicken, Sie haben die letzten 28 Jahre in [1][Alaskas
       Borealwald], also der Taiga dort, gewohnt. Das klingt nach Einöde, fernab
       der Zivilisation. 
       
       Hajo Eicken: Ganz so war es nicht. Aber generell ist Fairbanks, wo meine
       Frau und ich gewohnt haben, schon sehr dünn besiedelt. Der Ort hat zwar
       rund 100.000 Einwohner, aber die verteilen sich über eine Fläche von der
       Größe Schleswig-Holsteins. Wenn Sie da in die Hügel gehen außerhalb der
       Stadt, wo wir auf rund zwei Hektar Land gewohnt haben, sind Sie sofort
       mitten in der Natur. Da gibt es Luchse, die durch den Wald laufen, Elche …
       da ist man mitten im Borealwald.
       
       taz: Sie haben einmal erwähnt, man könne dort sein eigenes Holz hacken. Das
       klingt nach einem sehr einfachen Leben. 
       
       Eicken: Ja – und das war das Spannende an Alaska: dass wir unser Haus auf
       der Hauptwohnebene mit Holz aus dem eigenen Wald geheizt haben, in einem
       Katalysatorofen. Aber wir hatten auch eine moderne Fußbodenheizung. Das
       Tolle war diese Mischung aus quasi ursprünglichem Wohnen und den
       Annehmlichkeiten der Zivilisation. Aber weil die Häuser so verstreut
       liegen, ist die Natur immer mittenmang, sodass man das Gefühl hat, man
       wohnt im Wald. Wenn Sie da aus dem Fenster geguckt haben, haben Sie nur
       Bäume gesehen. Und bei klarer Sicht konnten wir von unserem Haus aus den
       [2][Denali] sehen, den höchsten Berg Nordamerikas.
       
       taz: Wie würden Sie das Licht dort beschreiben? 
       
       Eicken: Besonders im Winter ist die Luft äußerst klar und das Licht sehr
       speziell, denn aufgrund des niedrigen Sonnenstands haben Sie immer dieses
       schöne Abendlichtgefühl. Auch mittags, denn die Sonne kommt im Winter
       höchstens eine Handbreit über den Horizont. Die muss durch jede Menge
       Atmosphäre durchscheinen, und das gibt dem Ganzen eine ganz besondere
       Qualität.
       
       taz: Warum sind Sie 1998 überhaupt nach Alaska gegangen? 
       
       Eicken: Bei meiner damaligen Meereisforschung am [3][Bremerhavener
       Alfred-Wegener-Institut], auch auf dem Forschungsschiff „Polarstern“, hatte
       ich immer nur kurz Gelegenheit, einzelne Eisregionen zu untersuchen und
       Proben zu nehmen. Auch im Labor konnte ich nur im kleinen Maßstab arbeiten.
       Um den Austausch zwischen Meereis und der Atmosphäre zu verstehen, muss man
       aber eine große Fläche das ganze Jahr hindurch beobachten. Außerdem war ich
       immer daran interessiert, mit indigenen Menschen vor Ort zu arbeiten, die
       ein weit tieferes Verständnis vom Meereis haben, als ich je erreichen kann.
       
       taz: Wie haben Sie Alaska damals vorgefunden? 
       
       Eicken: Sehr plastisch lässt sich das anhand des Meereises darstellen, das
       sich jedes Jahr in Küstennähe bildet. 1999 stellten wir im Herbst noch ganz
       selbstverständlich unsere Messgeräte auf das Eis. In der ersten
       Novemberwoche war das Eis einen halben Meter dick, und die Geräte standen
       bis Mitte Juni des Folgejahrs dort.
       
       taz: Was hat sich geändert? 
       
       Eicken: Heute bildet sich das Eis teilweise erst im Dezember und ist erst
       im Januar dick und stabil genug, um Menschen und Geräte zu tragen. Und
       schon Ende Mai fängt es an wieder aufzubrechen.
       
       taz: Eine rasante Veränderung. 
       
       Hajo Eicken: Ja. Die Erwärmung der Arktis ist um ein Vielfaches höher als
       die [4][durchschnittliche globale Erwärmung]. Das zeigt sich besonders am
       starken Rückgang des Meereises vor der Küste und der Erwärmung des Ozeans.
       Außerdem beeinflusst der Klimawandel marine Ökosysteme, was von der
       Verschiebung von Fischbeständen bis zu Meeressäugetieren am oberen Ende der
       Nahrungskette reicht. Außerdem beschleunigt die Erwärmung die
       Küstenerosion.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Eicken: In Alaska ist ein Großteil der Küste durch den Permafrost
       stabilisiert. Durch das wärmere Wasser und den Rückgang des Meereises
       gelangt mehr Wärme an die Küsten, deren Untergrund schneller auftaut. In
       der Folge sinkt die Küste ab.
       
       taz: Wie viel Land geht verloren? 
       
       Eicken: In einigen Bereichen zehn Meter pro Jahr. Knapp 50 Orte werden von
       der Regierung zurzeit als höchst bedroht eingestuft. Denn auch im Inneren
       des Landes bedroht das Auftauen des Permafrosts die Infrastruktur. Da etwa
       die Hälfte der Ortschaften zumindest teilweise auf Permafrost stehen,
       gefährdet das Absacken Straßen, Schulen und andere öffentliche Gebäude.
       Auch Waldbrände – die es schon immer gab – sind häufiger und intensiver
       geworden. Das führt etwa in Fairbanks, wo meine Frau und ich gewohnt haben,
       dazu, dass die Luftqualität im Sommer weit schlechter geworden ist.
       
       taz: Es brennt im kalten Alaska? 
       
       Eicken: Ja, denn im Landesinneren herrscht kontinentales Klima: Die Winter
       sind trocken und sehr kalt – auch jetzt noch bis minus 45 Grad Celsius. Die
       Sommer erreichen bis zu 30 Grad und sind extrem trocken: Fairbanks hat
       einen Jahresniederschlag von knapp 30 Zentimetern. Das ist knapp ein
       Drittel des Bremerhavener Niederschlags. Das hat in Alaska also fast
       Wüstenqualität. Daher kann die Vegetation stark austrocknen, sodass durch
       menschliches Verhalten oder Blitzeinschlag große Waldbrände entstehen.
       
       taz: Wer leidet am meisten unter der Eisschmelze? 
       
       Eicken: Besonders stark sind Indigene betroffen, denn viele ihrer Orte
       liegen küsten- oder flussnah. Das ist eine Folge der Kolonisierung Alaskas,
       denn in den 1950er Jahren hatte der Staat die Idee: „Wir wollen nicht, dass
       die Indigenen, die stets zwischen Sommer- und Winterquartier wechseln, ein
       nomadisches Leben führen. Ihre Kinder müssen in die Schule, müssen
       westliche Werte übergestülpt bekommen.“ Dann wurde entschieden, an
       verschiedenen Orten Schulen und Verwaltungsinfrastruktur zu errichten. Also
       hat man im Sommer irgendwo an Küsten oder Flüssen Baumaterial angeliefert,
       abgeladen und vor Ort gebaut, ohne die Indigenen zu fragen. Von sich aus
       hätten indigene Gemeinschaften niemals so nah an potenziellen
       Überschwemmungsgebieten gebaut.
       
       taz: Wie fing Ihre eigene Zusammenarbeit mit den Indigenen an? 
       
       Eicken: Der erste Ort, an dem ich gearbeitet habe, war Utqiaġvik, Alaskas
       nördlichste Gemeinde, [5][die bis 2016 Barrow hieß]. Dort bestand schon
       länger eine Partnerschaft zwischen indigenen ExpertInnen und Forschenden.
       Mit ihnen gemeinsam habe ich Langfristmessungen auf dem Eis begonnen. 2000
       fand dann erstmals ein Treffen westlicher Glaziologen mit Iñupiat-Experten
       für Meereis statt, das Barrow Symposium on Sea Ice. Das hat auch mir
       persönlich großen Auftrieb gegeben.
       
       taz: Was war das Spannende an diesen Begegnungen? 
       
       Eicken: Zu erfahren, wie die Leute vor Ort über Meereisstabilität denken.
       Dass sie einerseits an ähnlichen Prozessen interessiert sind wie wir
       Forschende, die Perspektiven sich aber unterscheiden: Während für uns das
       Klimasystem im Fokus steht, ist das Meereis für die Leute vor Ort als
       Plattform wichtig, für Jagd, Transport und Mobilität generell. Spannend war
       auch zu sehen: Wo gibt es Überschneidungen im Wissen, wie sehen indigene
       Experten diese komplexen Prozesse mit ihrem sehr feinkörnigen Verständnis?
       
       taz: Gab es grundlegende Unterschiede? 
       
       Eicken: Ja. Als Glaziologe greift man immer wenige Größen heraus und
       fokussiert Einzelprozesse. Beim Meereis interessiert mich: Wie
       wasserdurchlässig wird es bei Druckveränderung? Indigene sehen das in einem
       viel größeren Rahmen. Sie wissen genau, welche Tiere das Meereis wann für
       welchen Teil ihres Lebenszyklus nutzen und in welchem Maße das Eis die
       Küste vor Erosion schützt. Wobei auch indigene ExpertInnen, wie wir
       Forschende, ihr Wissen ständig überprüfen und aktualisieren. Nur – in der
       Wissenschaft machen wir das für Meereis seit vielleicht 150 Jahren. Die
       Indigenen tun es seit Jahrtausenden. Da baut sich ein enormer Wissensschatz
       auf.
       
       taz: Taten sich auch Widersprüche auf? 
       
       Eicken: Auf den ersten Blick ja. Westliche Forschung geht davon aus, dass
       Meereis vor allem durch Wind, Druckveränderungen und die
       Meeresspiegelneigung beeinflusst wird. Die Strömungen in der Arktis gelten
       als nicht relevant, weil die Gezeiten nicht so ausgeprägt sind. Im
       indigenen Verständnis der Meereisstabilität spielen Strömungen dagegen die
       wichtigste Rolle.
       
       taz: Wie haben Sie das gelöst? 
       
       Eicken: Anfangs habe auch ich aus westlich-akademischer Sicht gesagt: Das
       kann nicht sein, das ist ein Sonderfall. Andererseits hatte ich inzwischen
       die Erfahrung gemacht, dass indigenes Verständnis vom Meereis noch tiefer
       reicht, als ich vermutet hatte. Ich kam dann zu dem Schluss, dass wir mit
       unseren glaziologischen oder physikalischen Methoden noch genauer schauen
       müssen, was da wirklich vor sich geht. Wichtig zu erwähnen ist außerdem,
       dass indigenes Wissen mit Wertvorstellungen und einem wesentlich
       ganzheitlicheren Verständnis der Umwelt verbunden ist als bei uns. Es gibt
       klare Vorgaben, was man darf und was nicht, wenn man sich in einem
       bestimmten Meereisbereich aufhält.
       
       taz: Sie sagten einmal, Sie seien 1998 „naiv“ nach Alaska gegangen.
       Inwiefern? 
       
       Eicken: Die University of Alaska wurde 1917 vom Staat gegründet, um
       Ressourcenausbeutung akademisch zu unterstützen. Indigenes Wissen wurde
       lange abgetan. Als ich dort anfing, habe ich mich nur als Forscher gesehen.
       Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass ich als Angestellter dieser
       Universität auch deren koloniale Geschichte repräsentiere. Denn auch wenn
       ich das persönlich anders sehe: Wenn man bei so einer Institution anfängt,
       muss man sich fragen: Wie trage ich durch meine Arbeit zur
       Ressourcenausbeutung bei? Da war das Internationale Polarjahr 2007/2008 für
       mich eine wichtige Weichenstellung: Bald darauf haben wir ein größeres
       Projekt gestartet, bei dem wir uns mit den erheblichen Umweltrisiken der
       Förderung von Öl, Gas und Seltenen Erden – meist auf indigenem Gelände –
       befasst haben, unter Einbeziehung indigenen Wissens.
       
       taz: Und welche Rolle hat die Alaska University of Fairbanks im 20.
       Jahrhundert gespielt? 
       
       Eicken: Teilweise eine ungute, und zwar im Kontext der „[6][Operation
       Chariot]“, bei der die USA zivile Anwendungen für Nuklearexplosionen
       suchten. Zwischen 1958 und 1962 wurden in Alaska Wasserstoffbomben gezündet
       und Kernexplosionen ausgelöst. Dabei wurden auf indigenem Gebiet Menschen
       ohne ihr Wissen radioaktiver Strahlung ausgesetzt, weil man testen wollte,
       wie sich Radionuklide in der Landschaft ausbreiten. Die Versuche stoppten
       erst 1962 nach Protesten von NGOs sowie der Bevölkerung vor Ort. Die
       Universität hat damals Fördergelder angenommen, um diesen Effekt näher zu
       untersuchen.
       
       taz: Wie geht die Universität heute mit Indigenen um? 
       
       Eicken: In den letzten zehn Jahren gab es große Fortschritte. Die
       Rohstoffnutzung wird wesentlich kritischer hinterfragt, die Zahl indigener
       Studierender und ProfessorInnen steigt. Indigenes Wissen und indigene
       Perspektiven werden in die Forschung einbezogen.
       
       taz: Hat die Universität das aufgearbeitet und um Entschuldigung gebeten? 
       
       Eicken: Es gab einige Symposien zu dem Thema. Eine Bitte um Entschuldigung,
       soweit ich weiß, nicht.
       
       taz: Haben Sie selbst auch auf indigenem Land geforscht? 
       
       Eicken: Ja. In Alaska leben 229 Native Tribes. Sie sind US-BürgerInnen,
       genießen aber eine gewisse Souveränität. Wenn wir auf Land forschen wollen,
       das Indigenen gehört oder von ihnen verwaltet wird, müssen wir erst die
       Stammesverwaltungen um Erlaubnis bitten. Am besten ist es, vorab zu
       schauen: In welchen Regionen haben die Stämme Interesse an Forschung vor
       Ort bekundet? Und wo gibt es eine Übereinstimmung zwischen dem, was uns
       Forschende interessiert, und den Informationen, die die Indigenen brauchen?
       
       taz: Welche waren das? 
       
       Eicken: Vor allem die Stabilität des Meereises. Also haben wir gemeinsam
       mit Entscheidungsträgern und Planenden überlegt: Wie können wir die
       Vorhersage von Eisqualitäten verbessern, die lokal oder regional relevant
       sind? Die vor Ort Betroffenen haben mit definiert, wie das jeweilige
       Forschungsprojekt aussieht – zum Beispiel der National Weather Service und
       die Eskimo Walrus Commission. Die Yupik etwa sind für ihre traditionelle,
       nachhaltige Jagd auf möglichst genaue Eisvorhersagen angewiesen.
       
       taz: Was konnten Sie den Indigenen anbieten? 
       
       Eicken: Wir haben den Tribes bei der Erstellung von Klimaanpassungsplänen
       geholfen, indem wir ihnen regionale Umweltdaten übermittelt haben. Und in
       einem Projekt mit dem Alaska Native Tribal Health Consortium ging es darum,
       wie wir besser vorhersagen können, wie viele gesundheitsschädliche Partikel
       bei Waldbränden freigesetzt werden. Eine weitere Fragestellung war: Können
       wir durch zielgenauere Waldbrandvorhersagen dazu beitragen, dass an
       gefährdeten Orten prophylaktisch Unterholz abgebrannt wird, um Schneisen zu
       schlagen?
       
       taz: Und warum gehen Sie nach all diesen spannenden Erfahrungen zurück nach
       Bremerhaven? 
       
       Eicken: Das habe ich mich auch gefragt. Aber wissen Sie, ich bin Forscher,
       und als Glaziologe interessiert mich einfach: Wie können wir das Erdsystem,
       das zum Teil von Eis geprägt ist, besser verstehen? Und wie ist das mit
       gesamtgesellschaftlichen Interessen verknüpft? Als ich in Alaska anfing,
       war das International Arctic Research Center ein vor allem
       naturwissenschaftlich ausgerichtetes Institut. Mein Ziel war, gemeinsam mit
       dem Kollegium zu schauen: Wie weit können wir Sozial- und
       Wirtschaftswissenschaften sowie indigene Wissensformen einbringen, um zu
       einer ganzheitlichen Polarforschung zu kommen und die NutzerInnen besser
       einzubinden?
       
       taz: Wie könnte das am Alfred-Wegener-Institut aussehen? 
       
       Eicken: Hier im Nordseeraum findet zum Beispiel gerade die
       Deicherhöhungsplanung statt. Bislang rechnet man über die nächsten 50 bis
       70 Jahre mit 1 Meter Meeresspiegelanstieg. Aber es gibt Anzeichen, dass es
       bis zu 2 Meter sein könnten. Und das nicht in 200 bis 500 Jahren, sondern
       in weniger als 100 Jahren. Da ist es wichtig, die DeichplanerInnen schon
       früh zu fragen: Welche Daten braucht ihr von uns, um diese Unsicherheiten
       einzuplanen?
       
       17 Oct 2026
       
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