# taz.de -- Winnetou-Darsteller über „Indianer“: „Für mich ist es einfach ein Kindheitstraum“
       
       > Alexander Klaws spielt den Winnetou bei den Karl-May-Spielen in Bad
       > Segeberg. Ein Gespräch über komplexe Debatten – und einen sehr
       > anstrengenden Beruf.
       
 (IMG) Bild: Plötzlich der eigene Kindheitsheld: Alexander Klaws als Winnetou bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg
       
       taz: Herr Klaws, wir sitzen hier im Kalkbergstadion in Bad Segeberg, in 90
       Minuten startet eine Vorstellung von „Im Tal des Todes“. Gleich
       verschwinden Sie hinter den Kulissen. Was passiert dort? 
       
       Alexander Klaws: Ich mache mich mobil, damit ich mich nachher gut bewegen
       kann. Meine Routine ist ein Fitness Workout, bevor ich 20 Minuten in der
       Maske sitze und nichts tun darf, weil ich zurechtgemacht werde.
       
       taz: Wie sieht das Workout aus? 
       
       Klaws: Immer 60 Liegestütz in drei 20er-Sets. Außerdem habe ich ein
       Theraband, damit wird der Körper wach gemacht. Wenn man Reitsport betreibt,
       und das machen wir hier, dann braucht man immer einen Ausgleich. Weil die
       Muskulatur extremst unter Spannung steht und sonst verkrampft.
       
       taz: Wie kommen Sie damit klar, dass der Bühnenuntergrund aus Sand besteht? 
       
       Klaws: Was wir hier machen, ist Hochleistungssport. Man unterschätzt immer,
       was es bedeutet, zwei Stunden im Sand zu kämpfen und zu laufen, zumal bei
       den weiten Wegen [1][hier in der Arena]. Sprinten Sie mal im Sandkasten hin
       und her – das, was man dabei spürt, haben wir hier in jeder Szene. Wer hier
       spielt, muss fit sein, egal in welcher Rolle und egal in welchem Alter.
       
       taz: Wie läuft die Verwandlung in der Maske ab? 
       
       Klaws: Mittlerweile ganz schnell. Am Anfang dauerte das noch eine halbe
       Stunde, jetzt sind wir bei 20 Minuten. Das ist für mich eine total wichtige
       Zeit, in jeder Rolle, auch bei „Tarzan“ oder „Jekyll & Hyde“. Weil ich
       währenddessen in den Spiegel gucke und meine Verwandlung mitverfolge. In
       dem Moment, in dem ich die Perücke aufgesetzt bekomme, ist nur noch ein
       bisschen was von Alex Klaws da und 100 Prozent Winnetou. Das ist ein Ritual
       für mich. Deswegen wird in der Maske auch immer die Tür zugemacht. Draußen
       wuselt schon alles, alle kämpfen, alle springen, alle sind aufgeregt und
       ich komme noch einmal kurz zur Ruhe, um mich im Körper auszudehnen als der,
       den ich spiele.
       
       taz: Wie ist die Figur Winnetou in ihr Leben getreten? 
       
       Klaws: Die hat mich natürlich schon in meiner Kindheit sehr beschäftigt.
       Winnetou ist eines der ersten Idole, an die ich mich erinnern kann. Wenn
       die Filme im Fernsehen liefen, dann waren das Festtage für uns. Winnetou
       und Old Shatterhand sind Rollen gewesen, die wir nachgespielt haben. Wir
       sind mit unseren Spielzeugknarren in den Wald gegangen und haben Räuber und
       Gendarm oder eben Winnetou und Old Shatterhand gespielt.
       
       taz: Haben Sie auch die Bücher gelesen? 
       
       Klaws: Ich bin keine Leseratte gewesen. Mich haben die Filme immer sehr
       vereinnahmt wegen der Ausstrahlung, die Pierre Brice Winnetou verliehen
       hat. Man hat immer gewusst: Am Ende siegt das Gute, die Frage ist nur, wie
       und mit welcher Message.
       
       taz: Wie sah ihre Entscheidung beim Kinderkarneval aus – Cowboy oder
       Indianer? 
       
       Klaws: Beides. Ich hatte eine Old-Shatterhand-Phase – Lex Barker finde ich
       als Old Shatterhand genauso erhaben wie Pierre Brice als Winnetou. Es hing
       dann auch oft von der Laune meines Nachbarn ab: Er wollte öfter Old
       Shatterhand sein und dann wurde ich öfter zu Winnetou.
       
       taz: Was ist für Sie der Kern der Figur Winnetou? 
       
       Klaws: Er löst Konfrontationen nicht mit Gewalt, sondern schaut, wie er der
       Gegenseite etwas Wertvolles mitgeben kann. Er versucht seinen Gegnern auf
       gute Art und Weise klarzumachen, dass sie vielleicht doch noch die Seite
       wechseln sollten. Er versucht, das Gute aus seinem Gegner herauszukitzeln,
       egal wie verhärtet die Fronten sind. Er öffnet ihnen die Augen und sagt:
       „Hey, ist es nicht vielleicht sinnvoller, wenn wir uns zusammentun und
       versuchen, diese Welt ein Stück weit besser zu machen.“
       
       taz: Was hat das mit Ihnen als Kind gemacht? 
       
       Klaws: Das hat mich total geprägt in meiner Kindheit und Jugend. Zum
       Beispiel auf dem Fußballplatz in der Bezirksliga, wenn ich provoziert
       wurde: der innere Winnetou war immer mit dabei.
       
       taz: Auf dem Fußballplatz? Inwiefern? 
       
       Klaws: Dass man sagt: Ich haue nicht zurück, sondern kuck mal, in welcher
       Situation befindet sich mein Gegenspieler gerade. Vielleicht hat er gerade
       einen schlechten Tag. Vielleicht hat er eine Sechs bekommen in Mathe.
       Vielleicht hat er Frust, den er jetzt loswerden muss. Dann habe ich
       gefragt: „Hey, wie geht’s dir heute? Kann ich irgendwas tun, dass du deinen
       Groll loswirst?“ Wir haben uns nach jedem Spiel in die Augen geschaut und
       die Hand gegeben, auch wenn man sich vorher gekloppt hat. Das war Winnetou
       für mich. Das hat er mir mit auf den Weg gegeben.
       
       taz: Gibt es etwas, das Sie bei Ihrer aktuellen Beschäftigung von Winnetou
       gelernt haben? 
       
       Klaws: Als Mensch steht man jeden Tag vor Entscheidungen, und die Frage
       ist, für was entscheidet man sich. Wo reite ich mit? Ziehe ich die Waffe
       oder lasse ich sie stecken? Winnetou ist für mich ein Sinnbild für jemand,
       der gute Entscheidungen trifft, wer man sein kann und wer man sein möchte.
       Wir haben über 7.500 Menschen pro Vorstellung, wenn wir ausverkauft sind.
       Die werden zum Nachdenken angeregt. Wir merken, dass das die Essenz ist,
       was die Leute hier bewegt, weil jeder Mensch Themen hat, die er mit sich
       rumschleppt
       
       taz: Wie lautet Ihr Lieblingssatz von Winnetou? 
       
       Klaws: „Schauen wir nicht auf die Farbe der Haut, sondern auf die Farbe des
       Herzens.“ Dieser Satz beinhaltet sehr viel von dem, worum es bei den
       Aufführungen in Bad Segeberg geht. Da sind wir [2][beim Thema Rassismus].
       
       taz: Die AfD hat 2022 in Bautzen mit dem Slogan „Winnetou hätte AfD
       gewählt“ für sich geworben. Was sagen Sie: Würde Winnetou AfD wählen? 
       
       Klaws: Ich bin sicher, dass er nicht die AfD wählen würde, er würde sie
       aber auch nicht verbieten. Ich glaube, dass sich viele der AfD-Wähler nicht
       über den Inhalt der Partei bewusst sind. Die AfD wird oft nicht deshalb
       gewählt, weil sie so tolle Politik betreiben würde, sondern weil die
       anderen Parteien sich oftmals nicht einig sind und sich gegenseitig
       behindern, gute Politik zu machen. Und dadurch wird die AfD gestärkt. Ich
       würde niemals die AfD wählen, ich habe da eine ganz klare Meinung. Aber ich
       finde, wenn man Lösungen finden will, muss man alle hören und sich mit
       allen beschäftigen und auch in den Dialog gehen und nicht einfach jemanden
       ignorieren. Sonst gerät man nur tiefer in den Sumpf.
       
       taz: 2022 gab es eine große Debatte über Karl May. Kurz zusammengefasst
       ging es um die Frage, wie wir heute umgehen sollten mit den faktenfreien
       Klischees, dem Kolonialismus und der kulturellen Aneignung in Karl Mays
       Werk. Was ist Ihre Perspektive? 
       
       Klaws: [3][Die Debatte] findet heute keinen Anklang mehr, sie scheint mir
       mehr oder weniger beendet. Wir haben uns sehr damit beschäftigt und sind
       aktiv auf Menschen zugegangen, die meinten, dass Karl May nicht mehr
       zeitgemäß sei. Ob das zeitgemäß ist oder nicht, erfahren wir hier jeden
       Tag: Über 445.000 Zuschauer pro Saison sprechen da für sich.
       
       taz: Sind sie persönlich in Diskussionen verwickelt gewesen? 
       
       Klaws: Wo ich aktiv auf Leute zugegangen bin, war die Debatte immer schnell
       beendet: Von denjenigen, die die Festspiele verbieten wollten oder uns
       Redfacing vorgeworfen haben, kam dann nichts mehr. Weil schnell bemerkt
       wurde, dass das hier einfach nicht geschieht. Wir erzählen hier fiktive
       Geschichten. Es ist Kunst, was wir hier machen.
       
       taz: Das Argument der Fiktion hat in der Debatte viele Kritiker*innen
       nicht überzeugt. 
       
       Klaws: Das ist ja das Schöne: Jeder darf anderer Meinung sein. Auch wenn
       man die Meinung des anderen nicht vertritt, kann man sich die trotzdem
       anhören. Die hat auch eine Berechtigung und letzten Endes kann man trotzdem
       Tür an Tür friedlich miteinander leben. Das ist das, was wir alle wieder
       lernen müssen. Mein Appell ist: Leute, hört einander zu und bleibt offen.
       Wir bleiben es auch. Wir sagen nicht: „Das, was wir hier machen, ist das
       einzig Richtige“, sondern wir bleiben immer im Gespräch mit den Leuten, die
       sagen: „Damit bin ich nicht fein.“
       
       taz: Man merkt, das Thema beschäftig Sie. 
       
       Klaws: Es ist ein emotionales Thema. Aneignung ist ja schon negativ
       behaftet. Dabei ist es ja eigentlich ein positiver Begriff, weil wenn man
       sich etwas aneignet, ist es eine Weiterentwicklung. Wenn man sich etwas
       aneignet, heißt da ja nicht, dass man sagt: „Ich habe es erfunden“, sondern
       man lernt etwas dazu. Man ist offen für eine andere Kultur. Es ist Quatsch,
       das abzulehnen.
       
       taz: Wie geht es ihnen damit, als weißer Schauspieler eine indigene Person
       zu spielen? 
       
       Klaws: Für mich ist es einfach ein Kindheitstraum, den ich ausleben darf,
       wenn ich den Winnetou spiele. Wenn ich einen anderen kulturellen
       Hintergrund habe, heißt das nicht, dass ich als Schauspieler nicht erzählen
       darf auf dieser Bühne. Es gibt auch Leute, die Jesus Christ Superstar
       spielen und muslimisch sind. Das macht es doch gerade spannend.
       
       taz: Haben sie auch eine Resonanz bekommen von indigenen Personen? 
       
       Ja, klar.
       
       taz: Welche? 
       
       Klaws: Dass es toll ist, was wir hier machen und dass wir uns nicht von den
       ganzen Störgeräuschen – das wurde wortwörtlich so gesagt – ablenken lassen
       sollen davon, diese Geschichten zu erzählen. Das sind ja Karl-May-Romane.
       Und wir behaupten nicht, dass wir hier Fakten vortragen.
       
       taz: Kam das von Leuten, die hier zuschauten? 
       
       Klaws: Das kam zum Beispiel von Robert Alan Packard, der Schauspieler ist,
       zum Stamm der Yankton Sioux gehört und in Deutschland lebt. Den kränkt es,
       dass Leute, die eigentlich gar nichts damit zu tun haben,
       Indianer-Klischees kritisieren. Und es macht ihn wütend, dass Leute
       urteilen, obwohl sie das Stück überhaupt nicht gesehen haben.
       
       taz: Die Saison der Karl-May-Spiele ist fast zu Ende. Lassen Sie uns nach
       vorn schauen: Sie waren schon Tarzan, Jesus und Winnetou. Was kann jetzt
       noch kommen? 
       
       Klaws: Ich glaube, irgendwann wird es mal Zeit für eine Pause. Um sich
       wieder zu ordnen. Um zu gucken: Wer bin ich, Alexander Klaws. Im nächsten
       Jahr wird es aber erstmal wieder musikalischer. Auch der Winnetou liegt mir
       unfassbar am Herzen. Und ich habe jetzt nach der Saison noch fünf
       „Tarzan“-Shows zusammen mit meinem Sohnemann, worüber ich alleine schon ein
       Buch schreiben könnte. Und ich hoffe, dass ich noch das ein oder andere
       Jahr hier reiten darf, um meine Geschichte nicht nur weiter-, sondern
       irgendwann auch zu Ende erzählen zu dürfen.
       
       5 Sep 2026
       
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